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Der kognitive Konstruktivismus - Die Konstruktion des Selbst

Hausarbeit 1997 13 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Kognitivismus

2. Der kognitive Konstruktivismus

3. Der radikale Konstruktivismus

4. Fazit

5. Literatur:

1. Der Kognitivismus

Der kognitivistische Ansatz ist eine der fünf großen Strömungen, die zur Zeit in der Psychologie von Bedeutung sind. Die anderen vier sind:

- die Biopsychologie, die sich vor allem mit den körperlichen Vorgängen

beschäftigt, die bei seelischen und geistigen Prozessen auftreten;

- die Psychodynamik (Psychoanalyse), die, aufbauend auf Freud, den

Menschen als ein Wesen mit verinnerlichten Regeln (Über-Ich) und starken

Trieben (Es) definiert;

- der Behaviorismus, bei dem nur Reize und Reaktionen von Menschen

untersucht werden, ohne daß man sich mit innerpsychischen Abläufen

befaßt und

- dem Humanismus, der davon ausgeht, daß der Mensch ein von Natur aus

gutes Wesen mit dem Drang nach Selbstverwirklichung ist, der sich jedoch

durch negative Umwelteinflüsse falsch entwickeln kann.[1]

Die letzte eben aufgeführte Richtung, der Humanismus, ist zusammen mit dem Kognitivismus während der sogenannten kognitiven Wende in den 60ern aufgekommen. In dieser Zeit begann man, aus den engen Grenzen der einzelnen psychologischen Schulen auszubrechen und psychische Phänomene interdisziplinär zu untersuchen. Außerdem rückte, wie der Name kognitive Wende bereits sagt, die Informationsverarbeitung des Individuums in den Mittelpunkt. Die Neuerung des Kognitivismus besteht darin, daß nicht unterbewußte Triebe oder äußerliche Reize den Menschen determinieren, sondern daß er selbst aktiv Informationen verarbeitet und sein Verhalten steuert. "Personen bemühen sich um Einsicht und Sinngebung, sie sind weder Situationseinflüssen noch ihren Trieben blind und hilflos ausgeliefert."[2]

Einer der wichtigsten Aspekte des kognitivismuses ist der der Konstruktion, wie ich im nächsten Abschnitt erläutern werde.

2. Der kognitive Konstruktivismus

Der kognitive Konstruktivismus ist während des großen psychologischen Paradigmenwechsels, der natürlich auch in die gesellschaftlichen Veränderungen der 60er eingebettet war, populär geworden, obwohl einer seiner wichtigsten Vertreter, George A. Kelly, sich schon in den 50er Jahren mit der Konstruktbildung des menschlichen Geistes beschäftigt hat. Seine Theorien wurden jedoch damals noch nicht beachtet, wie schon alleine die Tatsache beweist, daß sein Werk "Die Psychologie der persönlichen Konstrukte", in den USA veröffentlicht 1955, erst 1986 als deutsche Übersetzung vorlag.

Was ist nun der Ansatz des kognitiven Konstruktivismus?

Der Mensch verhält sich in Bezug auf seine Umgebung genauso wie ein Wissenschaftler bei seiner Tätigkeit. So, wie verschiedene Wissenschaftler verschiedene Theorien und Hypothesen haben, mit denen sie ein Phänomen erklären wollen, so hat jeder Mensch eine Fülle von persönlichen Ansichten und Standpunkten; das Ziel der beiden ist jedoch das Gleiche: eine möglichst optimale Vorhersagemöglichkeit und Kontrolle der Lebensumstände. "Weil das Lebewesen seine Umwelt abbildet, kann es der Umwelt alternative Konstruktionen überstülpen und tatsächlich etwas tun, wenn ihm die Umwelt nicht gefällt. Für das Lebewesen ist das Universum also real, aber nicht unveränderlich; es sei denn, es wollte die Umwelt so konstruieren."[3] In diesem kurzen Zitat Kellys werden schon die Grundannahmen des Konstruktivismus genannt; der Mensch bildet die Welt um sich nicht mechanisch ab wie ein Filmapparat, sondern ordnet die Sinneseindrücke in seine Denkschemata ein; wie durch die Anwendung von Schablonen versucht er, den chaotischen Daten, die ununterbrochen auf ihn einstürmen, so Sinn zu verleihen. Diese Schablonen sind die Konstrukte, die ein Mensch im Laufe seines Lebens gebildet hat. Bewährt sich ein solches Konstrukt, wird es beibehalten; erweist es sich als ungenügend, kann es verbessert oder verändert werden, obgleich die Menschen meist dazu neigen, lieber ihre Sinneseindrücke so zu verzerren, daß sie doch noch in das bestehende Konstrukt eingebaut werden können. Bei dem Entwicklungspsychologen Piaget heißen diese kognitiven Vorgänge, ohne die das Lernen der Kinder gar nicht möglich wäre, Assimilation und Akkommodation. Bei der Assimilation wird die aufgenommene Information so interpretiert, daß sie in vorhandenen Schemata eingefügt werden kann; bei der Akkommodation werden die Schemata selbst verändert, wenn sie mit der Erfahrung oder anderen Schemata in Widerspruch stehen.[4] Die Konstrukte, derer sich die Menschen bedienen, können unterschiedliche Formen haben; manche sind explizit formuliert, manche nur als Handlungsablauf abrufbar, manche sind verbal gespeichert, andere nicht, und sie können (für einen Außenstehenden) konsistent und logisch oder aber unlogisch und untypisch für das sonstige Denken und Handeln der Person erscheinen. Die Bildung, Umformung und Verknüpfung der Konstrukte dauert ein Leben lang an, obwohl die wichtigsten und grundlegenden Schemata schon in der Kindheit gebildet werden.

Abgesehen von der größeren Eigenverantwortlichkeit, die das konstruktive Menschenbild vermittelt, hat dieser Ansatz in der auch in der Psychotherapie eine wichtige Bedeutung. Dadurch, daß sich die Menschen der Konstruktbildungsprozesse und der Inhalte der Schemata bewußt werden, können sie diese überdenken und gegebenenfalls ändern. Besonders bei psychischen Krankheiten, die auf einer unangemessene Selbstwahrnehmung beruhen, können diese Therapien große Erfolge verzeichnen.

Auch für den Forschungsbereich des Spracherwerbes bietet der Konstruktivismus neue Ansätze. Bis zur kognitiven Wende gab es keinerlei plausible Erklärungen dafür, wie ein Kind in nur wenigen Jahren eine Sprache komplett beherrschen kann; nach dem behavioristischen Paradigma wäre es für den Erwerb einer Sprache notwendig, für jedes artikulierte Wort und jeden vernünftig zusammengesetzten Satz belohnt zu werden - dadurch würde die Bildung eines völlig neuen Satzes selbstverständlich unmöglich, was diese Theorie doch eher in den Bereich des Obskuren verweist. Wie aber findet der Spracherwerb nach Meinung der kognitiven Konstruktivisten statt? Piaget und andere Mitglieder der Genfer Schule gingen davon aus, daß alle kognitive Entwicklung des Kindes in aufeinanderfolgenden und abgrenzbaren Stufen verläuft; in diesen verschiedenen Stufen bilden sich Konstrukte von immer komplexerem Aufbau. Die Sprachentwicklung ist nun nur eine besondere Anwendung der allgemeinen kognitiven Weiterentwicklung, die durch eine genetische Programmierung initiiert und von den Umweltbedingungen weitergeführt wird.[5]

Ein weiters Problem, mit dem sich die Konstruktivisten befassen, ist der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken. Manche vertreten hierbei die Auffassung, Denken ist ohne Sprache überhaupt nicht möglich; sie meinen, daß Denken mit dem inneren Gedankenstrom gleichzusetzen ist, der beständig unser Handeln in Worten kommentiert; ein Hauptvertreter dieser Richtung ist der Linguist Benjamin Lee Whorf[6]. Allerdings sind die heutigen Kognitivisten von dieser Definition des Denkens nicht mehr sehr angetan; als Denken wird heute jede Art der geistigen Informationsverarbeitung bewertet, gleich, ob sie in Worten artikuliert ist oder nicht. So gilt es als erwiesen, daß die rechte Gehirnhälfte nicht an der Sprachproduktion beteiligt ist; dennoch finden hier zahlreiche hochorganisierte kognitive Prozesse statt, ohne die eine ganzheitliche Wahrnehmung der Welt nicht möglich wäre. Dennoch muß auch beachtet werden, daß ein Mensch, der keine Vorstellung von einem Begriff hat, sich sehr schwertun wird, diesen zu Denken; ein Bewohner einer (fiktiven) friedlichen Insel, der das Wort Krieg noch nie gehört hat, wird kaum über Nutzen und Schaden von kriegerischen Auseinandersetzungen philosophieren. Je nach kulturellem Kontext und Umweltbedingungen weisen Sprachen Unterschiede dahingehend auf, welche Dinge benannt werden können und welche nicht. So haben Wüstenvölker oft Dutzende Ausdrücke für Sand, kennen aber das Wort Schnee nicht, für das wiederum die Eskimos viele differenzierende Ausdrücke gebrauchen. Man kann also sagen, daß Sprache und Denken sich gegenseitig beeinflussen, denn Sprache beeinflußt und erleichtert das Denken, besonders dann, wenn es um abstrakte Begriffe geht. Um Charles F. Hockett zu zitieren: "Die Sprachen unterscheiden sich weniger in dem, was in ihnen gesagt werden kann, sondern darin, wie leicht es sich sagen läßt."[7]

[...]


[1] Zimbardo 1992,S.5-11.

[2] Ulich 1993, S.104f.

[3] Kelly 1986, S.22.

[4] Zimbardo 1992, S.65f.

[5] Zimmer 1986, S.69f.

[6] Zimmer 1986, S.119f.

[7] in: Zimmer 1986, S.134f.

Details

Seiten
13
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638817349
ISBN (Buch)
9783638818254
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76394
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Politische Wissenschaft
Note
1
Schlagworte
Konstruktivismus Selbst Psychologie Paradigmenwechsel Politologie Soziologie Philosophie

Autor

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