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Sozialisation im Grundschulalter

Hausarbeit 2006 23 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Definitionen von „Sozialisation“

2.) Allgemeine Bedingungen für eine gelingende Sozialisation
2.1.) Innere und äußere Realität
2.2.) Sozialisationsinstanzen
2.3.) Entwicklungsaufgaben und Handlungskompetenz
2.4.) Selbstbild
2.5.) Identität
2.6.) Zusammenfassung: Bedingungen für eine gelingende Sozialisation

3.) Sozialisationsbedingungen von Grundschulkindern
3.1.) Familiäre Bedingungen
3.2.) Bedingungen des Wohnumfeldes
3.3.) Umgang mit Massenmedien

4.) Die Grundschule als Sozialisationsinstanz
4.1.) Die Funktionen der Schule
4.2.) Die Schule als sozialer Erfahrungsraum
4.3.) Soziales Lernen im Unterricht
4.4.) Soziales Lernen außerhalb des Unterrichts

Literaturverzeichnis

1.) Definitionen von „Sozialisation“

Es gibt unterschiedliche Definitionen des Begriffs der Sozialisation, die sich teilweise ähneln, ergänzen, aber auch widersprechen. Albert Bandura z.B. schreibt, der Begriff Sozialisation beziehe sich „auf den Prozess, durch den Individuen jene Qualitäten entwickeln, die für ein wirksames Bestehen in der Gesellschaft, in der sie leben, wesentlich sind.“ (Bandura 1971, S. 75) Das Bertelsmann Universal Lexikon bezeichnet Sozialisation knapp als „Einführung und Einfügung in die Gesellschaft“ (Bertelsmann Universallexikon 1991, S. 840).

Etwas ausführlicher versuchen die folgenden Definitionsansätze den Begriff Sozialisation zu beschreiben:

a) Sozialisation sei ein „umfassender Begriff für Erziehung durch Einflüsse der Umwelt (also nicht nur durch Eltern, Nachbarschaft, Schule) innerhalb einer Gesellschaft. Sozialisation umfasst alle Vorgänge, durch die ein Mensch Mitglied einer Gesellschaft wird, seine Identität findet und eine handlungs- und entscheidungsfähige Persönlichkeit wird.“ (www.sociologicus.de)

Eine andere Definition kritisiert den Begriff „Erziehung“ als Synonym für Sozialisation und besagt:

b) „Sozialisation ist ein in den Sozialwissenschaften oft gebrauchter Begriff, der manchmal unzulässig verkürzt mit ,Erziehung’ übersetzt wird. Sozialisation ist

1. die Gesamtheit aller äußeren Einflüsse, die auf einen heranwachsenden Menschen einwirken […]
2. die innere Verarbeitung dieser Einflüsse durch den Heranwachsenden und damit die Herausbildung einer allgemeinen psychischen Struktur und
3. die unter diesen Umständen herausgebildeten Gefühle und Verhaltensweisen.“ (www.philolex.de)

In beiden Definitionen spielen äußere Einflüsse eine wichtige Rolle. Auch im folgenden Definitionsansatz ist die Umwelt ein wichtiger Faktor für die Sozialisation, doch statt lediglich von passivem Beeinflussen-Lassen durch diese wird hier von aktiver Interaktion mit der Umwelt gesprochen:

c) „Die Sozialisation […] bezeichnet die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen, materiellen und sozialen Umwelt. Durch sie wird ein Individuum zu einem vollwertigen Teil der Gesellschaft. Wenn die Sozialisation erfolgreich verläuft, verinnerlicht das Individuum die sozialen Normen, Werte, Repräsentationen, aber auch z.B. die sozialen Rollen einer gesellschaftlichen und kulturellen Umgebung. Der umgedrehte Prozess, in dem ein sich entfremdeter Mensch zu sich selbst findet, heißt ,Individuation’.“ (www.wikipedia.de)

Sozialisation bezeichnet also nach dieser Definition die Entwicklung der Persönlichkeit, die ja auch schon im Definitionsansatz a) erwähnt wird, wo von einer „handlungs- und entscheidungsfähige[n] Persönlichkeit“ (www.sociologicus.de) gesprochen wird. Auch in der folgenden Definition d) ist davon die Rede.

In den Definitionen a) und c) wird außerdem beschrieben, dass der Mensch durch die Sozialisation zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft wird. Definition c) erklärt dies damit, dass der Mensch bei erfolgreicher Sozialisation die Normen, Werte, sozialen Rollen usw. seiner Gesellschaft verinnerlicht. Auch dieser Aspekt spielt in Definition d) eine Rolle:

d) Sozialisation sei der „Begriff zur Beschreibung und Erklärung der Vergesellschaftlichung des Menschen im Sinne der Übernahme und Verinnerlichung (Internalisierung) von sozialen Wertorientierungen, Verhaltenserwartungen und sozialen Rollen einerseits und der Individuation des Menschen im Sinne der eigenverantwortlichen, kreativen und selbstverwirklichenden Entfaltung des Individuums in der Gesellschaft und gegenüber den in ihr geltenden Werten und Normen andererseits. Durch Prozesse der Sozialisation gewinnt das Individuum seine Identität als eine in der Gesellschaft handlungsfähige Persönlichkeit.“ (www.medpsych.uni-freiburg.de)

Im Gegensatz zu Definition c) besagt diese Definition, dass Individuation nicht das Gegenteil von Sozialisation sei, sondern ein Teil der Sozialisation selbst, die dem Individuum damit zur Findung seiner „Identität als eine in der Gesellschaft handlungsfähige Persönlichkeit“ (ebd.) verhilft.

Es finden sich in den Definitionen also sowohl Gemeinsamkeiten als auch widersprüchliche Aussagen, wie jene, ob man Sozialisation mit Erziehung gleichsetzen kann. Gemein haben sie z.B., dass durch Sozialisation die Entwicklung einer in ihrer Gesellschaft handlungsfähigen Persönlichkeit stattfindet. Widersprüchliche Aussagen gibt es jedoch dazu, ob zur Sozialisation auch die Individuation gehört, oder ob diese sogar das Gegenteil der Sozialisation darstellt.

Umweltgegebenheiten spielen in den Definitionen zur Sozialisation eine wichtige Rolle, jedoch wird einerseits von einer Beeinflussung durch diese Gegebenheiten, andererseits aber von einer aktiven Auseinandersetzung mit ihnen gesprochen.

Eine weitere Definition, die sich hauptsächlich auf den Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung konzentriert, gibt Hurrelmann:

e) „Sozialisation bezeichnet den Prozess der Entwicklung der Persönlichkeit in produktiver Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundmerkmalen (der ,inneren Realität’) und mit der sozialen und physikalischen Umwelt (der ,äußeren Realität’).“ (Hurrelmann 2002, S. 7)

Neben den Umweltgegebenheiten sind für Hurrelmann also auch die eigenen psychischen und physischen Gegebenheiten von Bedeutung, mit denen sich der Mensch im Verlauf seiner Sozialisation aktiv und produktiv auseinandersetzen muss.

Obwohl Hurrelmanns Definition den Aspekt des Mitglied-Werdens in der Gesellschaft nicht anspricht, werde ich sie als Definition von Sozialisation für meine Arbeit wählen, ohne jedoch die Aussagen der anderen genannten Definitionen ganz aus den Augen zu verlieren.

2.) Allgemeine Bedingungen für eine gelingende Sozialisation

2.1.) Innere und äußere Realität

Sozialisation ist laut Hurrelmann der „Prozess der Persönlichkeitsentwicklung“ (Hurrelmann 2002, S. 26) in wechselseitiger Abhängigkeit von innerer und äußerer Realität.

Mit innerer Realität sind körperliche und psychische Grundstrukturen wie die genetische Veranlagung eines Menschen, seine körperliche Konstitution, Intelligenz, psychisches Temperament oder andere Grundstrukturen der Persönlichkeit gemeint. Äußere Realität dagegen bezeichnet die sozialen und physikalischen Umweltbedingungen, in denen sich ein Mensch befindet. Zu nennen sind hier z.B. die Familiensituation, der Freundeskreis, Wohnbedingungen, die Situation an Erziehungs- und Bildungseinrichtungen sowie die Massenmedien. (Vgl. Hurrelmann 2002, S. 26f.)

Die innere und die äußere Realität müssen in jeder Phase der Entwicklung aktiv aufgenommen, angeeignet und verarbeitet werden. Hurrelmann spricht in diesem Zusammenhang von einer „Arbeit an sich selbst“ (Hurrelmann 1995, S. 158) und seinen Fähigkeiten. Die Art und Weise, wie sich ein Mensch mit seinen Anlagen und seiner Umwelt auseinander setzt, ist individuell und einmalig. Er benötigt für eine gelingende Sozialisation allerdings auf jeden Fall die Kompetenz, die innere Realität realistisch einzuschätzen und ihr Potential für das eigene Handeln und die eigene Entwicklung auszuschöpfen, um mit den inneren Anlagen umzugehen und sie an die äußeren Bedingungen anzupassen. (Vgl. Hurrelmann 2002, S. 26f.; Hurrelmann 1995, S. 158)

2.2.) Sozialisationsinstanzen

„Eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung setzt eine den individuellen Anlagen angemessene soziale und materielle Umwelt voraus.“ (Hurrelmann 2002, S. 30) Die wichtigsten Vermittler sind hierbei die Familie, der Kindergarten und die Schule, aber auch andere Sozialisationsinstanzen.

Traditionell ist die Familie die erste Sozialisationsinstanz, wobei im Verlauf der Entwicklung der industriellen Gesellschaft die Sozialisationsfunktion neben der Familie in Kindergärten, Schulen und andere Bildungseinrichtungen ausgelagert wurde. Dennoch wird weiterhin die grundlegende Struktur der Persönlichkeitsentwicklung durch Kontakte im Elternhaus geprägt. (Vgl. ebd., S. 31)

Die soziale Lebenslage der Eltern, vor allem deren Bildungsgrad, entscheiden über die Angemessenheit und Vielfalt der Entwicklungsimpulse, die auf das Kind ausgeübt werden (vgl. ebd., S. 30). Allerdings gibt es auch die These, dass Kinder heute oft nicht mehr von einem guten Bildungsgrad ihrer Eltern profitieren können, wenn die Eltern nur noch vergleichsweise wenig Kontakt zu ihren Kindern haben, da sie ihr Engagement auf (berufliche) Tätigkeiten außerhalb der Familie richten. (Vgl. Holtappels 1998, S. 55)

In diesem Falle gewinnt z.B. die Grundschule als Sozialisationsinstanz immer mehr an Bedeutung.

Hurrelmann unterteilt die Sozialisationsinstanzen in primäre, sekundäre und tertiäre Sozialisationsinstanzen (vgl. Hurrelmann 2002, S. 30-35).

Unter primären Sozialisationsinstanzen versteht er Instanzen wie Familie und Verwandtschaft, in denen ein Kind aufwächst. Hier können und müssen sich Menschen mit ihrer gesamten Persönlichkeit einbringen und gestalten die Instanzen stark mit. (Vgl. ebd., S. 31f.)

In der Kindheits- und Jugendphase kommen zu den primären die sekundären Sozialisationsinstanzen in Gestalt von Kingergärten, Schulen und anderen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen dazu. Diese Instanzen sind gesellschaftlich etabliert und haben bestimmte Aufgabenfelder der Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen. (Vgl. Hurrelmann 2002, S. 33)

Rein zeitlich, von der in ihnen verbrachten Lebenszeit gesehen, haben vor allem Schulen in den letzten 100 Jahren in Deutschland an Bedeutung für den Sozialisationsprozess gewonnen und müssen als eine „zentrale Sozialisationsinstanz“ (ebd., S. 31) betrachtet werden.

Als tertiäre Sozialisationsinstanzen schließlich bezeichnet Hurrelmann die „formellen und informellen Organisationen in Freizeit- und Wohnwelt“ (Hurrelmann 2002, S. 33). Damit sind neben den Gleichaltrigengruppen und den Massenmedien, die eine große Rolle bei der Sozialisation spielen, auch öffentliche Institutionen wie Behörden, Betriebe, Kirchen, Krankenhäuser, Freizeiteinrichtungen etc. zu nennen, wenn Menschen einen größeren Teil ihres Lebens in ihnen verbringen. (Vgl. ebd.; Holtappels 1998; S. 55, Rossmann 2004, S. 121).

Obwohl alle diese Instanzen ursprünglich nicht die Aufgabe der Sozialisation haben, haben sie dennoch bedeutsame Konsequenzen auf die Persönlichkeitsentwicklung der Menschen, die sich in ihnen aufhalten. So haben sie zumindest einen indirekten Sozialisationseffekt. (Vgl. Hurrelmann 2002, S. 33).

Es gibt also unterschiedliche Sozialisationsinstanzen, die für eine gelingende Sozialisation in angemessener Weise auf einen Menschen wirken und seine Persönlichkeitsentwicklung fördern müssen. Die primären, sekundären und tertiären Sozialisationsinstanzen haben starke wechselseitige Einflüsse auf den Menschen. Dabei ist auch die gegenseitige Ablösung oder Überlagerung einzelner Instanzen in gewissen Lebensphasen (z.B. Wechsel vom Kindergarten zur Schule im Kindesalter oder Ablösung von den Eltern und stärkere Hinwendung zur Peergroup im Jugendalter) notwendig. (Vgl. ebd., S. 35)

2.3.) Entwicklungsaufgaben und Handlungskompetenz

Zur Entwicklung der Persönlichkeit müssen lebenslang spezifische Entwicklungsaufgaben bewältigt werden. (Vgl. Hurrelmann 2002, S. 35)

Ebenso ist Handlungskompetenz für eine gelingende Sozialisation und die Bildung der Identität wichtig. (Vgl. Hurrelmann 1995, S. 163)

[...]

Zusammenfassung

1.) Definitionen von „Sozialisation“

Es gibt unterschiedliche Definitionen des Begriffs der Sozialisation, die sich teilweise ähneln, ergänzen, aber auch widersprechen. Albert Bandura z.B. schreibt, der Begriff Sozialisation beziehe sich „auf den Prozess, durch den Individuen jene Qualitäten entwickeln, die für ein wirksames Bestehen in der Gesellschaft, in der sie leben, wesentlich sind.“ (Bandura 1971, S. 75) [...] Etwas ausführlicher versuchen die folgenden Definitionsansätze den Begriff Sozialisation zu beschreiben:

[...]

Eine weitere Definition, die sich hauptsächlich auf den Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung konzentriert, gibt Hurrelmann:
e) „Sozialisation bezeichnet den Prozess der Entwicklung der Persönlichkeit in produktiver Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundmerkmalen (der ,inneren Realität’) und mit der sozialen und physikalischen Umwelt (der ,äußeren Realität’).“ (Hurrelmann 2002, S. 7)

Neben den Umweltgegebenheiten sind für Hurrelmann also auch die eigenen psychischen und physischen Gegebenheiten von Bedeutung, mit denen sich der Mensch im Verlauf seiner Sozialisation aktiv und produktiv auseinandersetzen muss.
Obwohl Hurrelmanns Definition den Aspekt des Mitglied-Werdens in der Gesellschaft nicht anspricht, werde ich sie als Definition von Sozialisation für meine Arbeit wählen, ohne jedoch die Aussagen der anderen genannten Definitionen ganz aus den Augen zu verlieren.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638818919
ISBN (Buch)
9783638820479
DOI
10.3239/9783638818919
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Erscheinungsdatum
2007 (Juni)
Note
1,3
Schlagworte
Sozialisation Grundschulalter

Autor

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Titel: Sozialisation im Grundschulalter