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Katholischer Antisemitismus in Österreich am Beispiel des Pfarrers Joseph Deckert

Hausarbeit 2006 27 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Katholischer Antisemitismus in Österreich
2.1 Historischer Abriss
2.2 Ursachen des katholischen Antisemitismus

3 Joseph Deckert und seine antisemitischen Schriften
3.1 Zur Person Joseph Deckert
3.2 „Türkennot und Judenherrschaft“
3.3 „Der ewige Jude“
3.4 „Ein Ritualmord – Aktenmäßig nachgewiesen“

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

Quellen

Wissenschaftliche Fachliteratur

Monographien

Aufsätze

1 Einleitung

„Es ist kein Wunder Christen, wenn uns Christus durch Krieg, Hunger, Durst, Hagel, Reif züchtigt; wenn er uns, sein Volk, das er mit seinem kostbaren Blute erlöst hat, immer tiefer sinken lässt, da wir es dulden, dass unter uns seine Feinde herrschen. Was ist das, so frage ich, als mit Verachtung des heiligen Glaubens seinen ewigen Feinden anhängen?[1]

Simon, von dem wir erzählt haben, war geboren Freitag, den 26. November 1474 nach Christi Geburt von armen Eltern Andreas und Maria, unter der Regierung Johannes VI. Hinderbach, des Herrn von Trient.

Um dieses Verbrechens willen wurden alle Juden von Trient jung und alt, ins Gefängnis gebracht und in Ketten gelegt; sie werden nicht daraus kommen, bevor sie nicht die gebührenden Strafen gebüßt. Lebet wohl!“[2]

Dieses Zitat von Pfarrer Joseph Deckert illustriert in prägnanter Form seinen tiefen Judenhass. Darüber hinaus kann man anhand der Worte des österreichischen Pfarrers Rückschlüsse auf die Haltung der katholischen Kirche in Österreich gegenüber den Juden ziehen. Im Folgenden wird daher vor allem der Frage nachgegangen, wie sich die katholische Kirche gegenüber den Juden positioniert hat. Man könnte sogar soweit gehen und danach fragen, ob die katholische Kirche in der Habsburger Monarchie eine gezielte Judenhetze zum Zweck der eigenen Profilierung betrieben hat. Die verwendete Methodik bedarf klärender Worte. Zunächst wird ein historischer Abriss des katholischen Antisemitismus in Österreich unternommen. Hier interessiert vor allem die Zeitspanne zwischen dem ausgehenden neunzehnten und dem beginnenden zwanzigsten Jahrhundert. Neben einer Beschreibung der historischen Rahmenbedingungen des katholischen Antisemitismus in Österreich treten bekennende und einflussreiche österreichische Antisemiten wie der Wiener Bürgermeister Karl Lüger ins Zentrum des Interesses. Aus der Vielzahl der vorhandenen Forschungsliteratur stützen sich die folgenden Ausführungen vor allem auf die Arbeiten von John Weiss, Peter Pulzer und David Kertzer. Vor diesem Hintergrund werden in einem weiteren Schritt mögliche Ursachen des katholischen Antisemitismus in Österreich betrachtet. Es interessiert vor allem die Frage, wie aus einem Katholiken ein bekennender Antisemit werden konnte. Freilich kann die hier skizzierte Ursachenforschung nur in Ansätzen versuchen, die Wurzeln des katholischen Antisemitismus zu benennen. Die Arbeit von Olaf Blaschke zum Antisemitismus in der Habsburger Monarchie erwies sich in diesem Zusammenhang als besonders hilfreich.

Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich mit dem katholischen Pfarrer Joseph Deckert. Vor dem Hintergrund des katholischen Antisemitismus in Österreich rücken drei seiner antisemitischen Schriften ins Blickfeld des Interesses. Namentlich „ Türkennot und Judenherrschaft “, „ Der ewige Jude “ und „ Ein Ritualmord “ werden auf ihren antisemitischen Charakter hin untersucht. Darüber hinaus interessiert natürlich die Frage, was das Spezifische an den Schriften von Pfarrer Joseph Deckert ist. Wodurch unterscheidet sich Deckert von anderen Antisemiten seiner Zeit? Besonders die Parallelitäten und Unterschiede zu Karl Lüger werden anhand der Schriften von Deckert exemplarisch behandelt.

Aufgrund mangelnder Quellen zu Deckerts familiärem Hintergrund muss auf die Frage, warum Joseph Deckert ein Antisemit wurde, zumindest aus biographischer Sicht verzichtet werden.

In einem letzten Schritt werden in einer Zusammenfassung sowohl die Betrachtungen des katholischen Antisemitismus in Österreich, als auch die spezifischen Untersuchungen zu Joseph Deckert in ein Verhältnis zueinander gesetzt. Schließlich wird danach gefragt, ob Joseph Deckert als ein Stereotyp des katholischen Antisemitismus in Österreich bezeichnet werden kann oder aber eine Ausnahme bildete.

2 Katholischer Antisemitismus in Österreich

2.1 Historischer Abriss

„Der Jude soll nicht länger unser Herr sein. Christus muss wieder unser Herr werden. Das ist der einzig gültige sittliche und katholische Antisemitismus.“[3]

Die Geschichte des katholischen Antisemitismus in Österreich muss als ein vielschichtiges Phänomen betrachtet werden. Die katholische Kirche erkannte den wachsenden Judenhass als ein probates Mittel zur Mobilisierung der Massen. Schließlich kann der moderne österreichische Antisemitismus bis 1848 zurückverfolgt werden. Im Folgenden soll der katholische Antisemitismus des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts zumindest schlaglichtartig beleuchtet werden. Die Epoche zwischen 1882 – 1914 war von ständigen Krawallen und Demonstrationen verschiedener ethnischer Gruppen gekennzeichnet.

Bereits 1848 trägt der katholische Antisemitismus unter Deutschösterreichern erste Früchte. Angeführt wurde diese Bewegung von Karl Lüger, dem Chef der Christlichsozialen Partei. Lüger muss nach Kaiser Franz Joseph als der mit Abstand bedeutendste Politiker in der Habsburger Monarchie gesehen werden. Schließlich etablierte sich Lügers Partei als die stärkste antisemitische Bewegung in Europa.[4] Somit muss Lüger als ein Kristallisationspunkt einer machtvollen antisemitischen Massenbewegung in Österreich gesehen werden.[5] Im ersten Programm der Vereinigten Christen wurde ein Ausschluss von Juden aus Armee, Staatsapparat, Justiz, Einzelhandel und Medizin gefordert. Des Weiteren sollten Juden keine christlichen Schüler mehr unterrichten dürfen.

Ein aufgeklärtes Gedankengut spielte anders als in Deutschland in Österreich per se keine Rolle. Die Habsburger Monarchie war als das „Lieblingsland der Kirche “ mehr als jedes andere westliche Land vom katholischen Antisemitismus beherrscht.

In den Kreisen des österreichischen Klerus herrschte eine unnachgiebige Antipathie gegenüber dem Juden, weil er einem fremden, verfluchten Volk angehörte, den Leugnern des christlichen Erlösers, dem wahren Nachkommen des Teufels.“[6]

Bereits 1848 veröffentlichte Pater Sebastian Brunner ein Pamphlet, in dem er behauptete, Juden würden noch Ritualmorde durchführen. Brunner sah in den Juden „ Anstifter all dessen, was in der Gesellschaft schlecht und destruktiv war“.[7] Und beschuldigte sie der Entchristianisierung Österreichs.[8]

Brunner verschaffte sich nicht nur als Universitätsprediger, sondern auch als Gründer der Wiener Kirchenzeitung ein breites öffentliches Gehör. In der Wiener Kirchenzeitung, als dem offiziellen Organ des Klerus, griff Brunner ganz gezielt Juden, ihre Emanzipation und Reformen an. 1855 unterzeichnet Kaiser Franz Joseph ein Konkordat mit Pius IX. Dadurch erhält die Kirche quasi mittelalterliche Verfügungsrechte. Mit dem Sieg Preußens über Österreich 1866 wird die Habsburger Monarchie zu einer zweitrangigen Macht. Der liberale Katholizismus wird zur Ketzerei erklärt. Das wird besonders daran deutlich, dass der Papst in der Enzyklika „syllabus errorum“ von 1864 Liberalismus, Wissenschaft und Modernismus verurteilt. Demgemäß werden religiöse Toleranz, weltliche Erziehung sowie die Trennung von Kirche und Staat verdammt.[9]

Bedingt durch den Einzug des liberalen Gedankenguts in Europa kommt es zur Ratifizierung zahlreicher Gesetzesnovellen. Die katholischen Würdenträger erklärten diese Gesetze jedoch für unheilig, zerstörerisch, verwerflich und nichtig.[10] Die stark anti – jüdische Stimmung blieb jedoch nicht auf den urbanen Bereich beschränkt, sondern breitete sich auch auf die ländlichen Gebiete aus. Zahlreiche Dorfgemeinschaften riefen zum Sieg über den „jüdischen Liberalismus“ auf. Darüber hinaus beschimpfte die örtliche katholische Presse die Juden aufs Schärfste.

Als Repräsentant abgelegener Bergdörfer in Tirol schrieb ein katholischer Geistlicher

Wir werden den Schutz unserer Freiheit […] nie mehr einem Parlament anvertrauen, das unter den Kanonen der Judenpresse tagt.“[11]

Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise von 1873 beklagten sich auch Handwerker und Bauern über die angeblichen Machenschaften des Judentums. Zu der gleichen Zeit in den 1870 ´er Jahren trat Albert Wiesinger die Nachfolge Sebastian Brunners als Herausgeber der Wiener Kirchenzeitung an. Die österreichische Regierung wird von Wiesinger als „Judenclique“ bezeichnet. Schließlich scharrte Wiesinger eine Gruppe von Intellektuellen um sich und gab eine rassistische Literatur heraus. Darin werden die Juden als die eigentlichen Verantwortlichen für die Krise des Kapitalismus dargestellt.[12]

Generell ist festzustellen, dass der Katholizismus der ideale Nährboden und intellektuelle Grundlage für das Erstarken der Christlich Sozialen Partei unter Lüger war. Lüger bekam nicht nur die Unterstützung der breiten Bevölkerung, sondern auch der Geistlichen. Der Historiker David Kertzer verweist zu Recht darauf, dass im Geheimarchiv des Vatikans eindeutige Beweise dafür vorliegen, dass der Papst und sein Staatsekretär die antisemitische Kampagne der christlich – sozialen Partei aktiv gefördert haben.[13]

Anders als das Deutsche Reich war die Habsburger Monarchie eine handwerklich und bäuerlich geprägte Gesellschaft. In den ländlichen Gebieten herrschten geradezu mittelalterliche christliche Anschauungen. Schließlich war der Gemeindepriester die einzige Quelle für neue Ideen und hielt auf diese Weise alte Mythen über die jüdische Bevölkerung lebendig.

Daher war der christliche Antisemitismus in Österreich sehr viel stärker verbreitet, als im Deutschen Reich. Für die österreichischen Katholiken galt es als Ketzerei, die religiösen Gebote von den bürgerlichen Gesetzen zu trennen. Zudem kamen immer mehr Juden aus dem Osten nach Wien, so dass der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Wien zwischen 1860 – 1880 von zwei auf zehn Prozent anstieg.

Nur vor diesem Hintergrund lässt sich der starke Gegensatz zwischen Juden und Christen in der Habsburger Monarchie richtig einordnen. Dieser Gegensatz wird besonders in den Schriften des Bischhofs Keppler, welcher berühmt für seine katholisch sozialen Anschauungen war, deutlich. Keppler klagt in seinen Schriften das jüdische Volk an, dass es

den Christenvölkern wie ein Pfahl im Fleische sitze, ihnen das Blut aussauge, sie knechte mit Ketten der Millionen und mit den Rohrzeptern getränkter Federn die öffentlichen Brunnen der Moral durch Einwerfen ekliger und eitriger Stoffe vergifte.“[14]

[...]


[1] Die Hausarbeit folgt der neuen deutschen Rechtschreibung

[2] Deckert, Joseph, Ein Ritualmord, Aktenmäßig nachgewiesen von Pfarrer Dr. Joseph Deckert, Dresden 1893, S. 36.

[3] Karl Freiherr von Vogelsang, Mitbegründer der Christlichsozialen Partei.

[4] Vgl. Weiss, John, Der lange Weg zum Holocaust, Die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland und Österreich, Hamburg 1997, S. 219ff..

[5] Vgl. Kertzer, David, Die Päpste gegen die Juden, Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus, New York 2001, S. 250ff..

[6] May, Arthur, The Hapsburg Monarchy, 1867 – 1914, New York 1951, S. 179.

[7] Katz, Jacob, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung. Der Antisemitismus, 1700 – 1933, München 1989, S. 221.

[8] Vgl. Kertzer, David, Die Päpste gegen die Juden, Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus, New York 2001, S. 250ff..

[9] Vgl. Weiss, John, Der lange Weg zum Holocaust, Die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland und Österreich, Hamburg 1997, S. 222ff..

[10] Vgl. May, Arthur, The Hapsburg Monarchy, 1867 – 1914, New York 1951, S. 48.

[11] Vgl. Pulzer, Peter, Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 – 1914, Göttingen 2004, S. 110.

[12] Vgl. Weiss, John, Der lange Weg zum Holocaust, Die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland und Österreich, Hamburg 1997, S. 223ff..

[13] Vgl. Kertzer, David, Die Päpste gegen die Juden, Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus, New York 2001, S. 250ff..

[14] Vgl. Stern, Fritz, Kulturpessimismus als politische Gefahr, Stuttgart 1963, S. 145.

Details

Seiten
27
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638814874
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76684
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Katholischer Antisemitismus Beispiel Pfarrers Joseph Deckert

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