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Der „Mitteleuropa-Gedanke“ im 19. Jahrhundert

Vorstellungen einer mitteleuropäischen Großraumwirtschaft nach Friedrich List

Seminararbeit 2003 21 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Voraussetzungen

3. Friedrich Lists Vorstellungen einer
Deutsch-mitteleuropäischen Großraumwirtschaft
3.1 Der „Ergänzungsraum“ Holland
3.2 Der „Ergänzungsraum“ Südosteuropa

4. Deutschland innerhalb der „Weltreichslehre“

5. Mögliche Gründe für das Denken Lists

6. Fazit

7. Bibliographie

1. Einleitung

Von Italien, der Wiege der Renaissance, breitete sich der Europagedanke über den gesamten Kontinent aus. An den großen Königshöfen in der frühen Neuzeit und der jüngeren Geschichte entstand ein unwiderruflicher Drang nach Wissensvermittlung, nach Gesellschafts- und Staatsfunktion. Diese Funktionalität setzte sich im 19. Jahrhundert in Form von nationalstaatlichen Bünden (Rheinbund, Norddeutscher Bund etc.) fort. Charakter dieser Vorstellung war die Verbindung von nationalem und übernationalem Gedankengut.

Das 19. Jahrhundert fokussierend ist der Mitteleuropa-Gedanke im wesentlichen auf zwei Pfeiler gestützt:

1. Die Frage, wie die Einheit des Deutschen Reiches herzustellen ist (großdeutsche oder kleindeutsche Lösung)
2. Die Überlegung, die ökonomischen Strukturen dieses neuen deutschen Staatengebildes in einer föderalen Struktur zusammenzufassen.

Daraus resultierend leitet sich der Mitteleuropa-Gedanke auf die Struktur des 19. Jahrhunderts ab: Mitteleuropa als Teil der Welt von Wille und Vorstellung wie sie sich unter anderem in den Schriften Schopenhauers manifestiert. Der Mitteleuropa-Gedanke im Sinne des 19. Jahrhunderts bedeutete, daß die Brückenfunktion zwischen Ost und West angesichts der Handelsströme und der politischen Neugestaltung der Landkarte errichtet wurde und diesbezüglich die Minimalisierung auf die wesentlichen politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Standards erfolgte.

Der Mitteleuropa-Gedanke fokussierte sich auf weitere wichtige Aspekte: Die Ausgestaltung der politischen Agenda zur Mitte des 19. Jahrhunderts, die Neuorientierung der Produktionsverhältnisse und Produktionsformen aufgrund ihrer Veränderungen nach der merkantilistischen Wirtschaftsordnung, die periodisch wiederkehrenden Gesellschafts- und Staatsstruktur (Föderation und Konföderation im 19. Jahrhundert) sowie die Neuformierung der sozialen Verhältnisse in den Ständestrukturen. Im 19. Jahrhundert fand in Deutschland der Übergang von der ständischen zur Klassengesellschaft statt. Dazu gehörte auch, die ökonomischen mit den politischen Strukturen zu verknüpfen und diese auf den gesamtgesellschaftlichen Zustand zu transferieren.

Ein bindendes Glied zwischen den ökonomischen und politischen Strukturen stellte das Buch „Das nationale System der politischen Ökonomie“ von 1841 dar. Hierin legte Friedrich List seine Ansichten fest, nach welchen er zum einen die Zusammenhänge zwischen geographischen Gegebenheiten und außenpolitischen Aktivitäten eines Landes darstellte und zum anderen die Notwendigkeit einer Neuorientierung der deutschen Wirtschaft formulierte. Als Konsequenz aus den beiden erwähnten Aspekten leitete er sein System der „kosmopolitischen Teilung der Arbeit und Kräftekonföderation“ ab.

Teil dieser Gedanken war die Errichtung einer Großraumwirtschaft unter deutscher Vorherrschaft im Zentrum Europas, die sich aus den Nachbarstaaten speisen sollte. Dies konnte entweder durch Ausbeutung (Türkei) oder durch Anschluß an den 1834 gegründeten Zollverein geschehen (Holland). In beiden Fällen jedoch mußte ein direktes Abhängigkeitsverhältnis der jeweiligen Länder an die „Mutterwirtschaft“ erfolgen.

Die hier nun vorliegende Arbeit soll sich mit der Frage beschäftigen, inwiefern Friedrich List imperialistisch dachte oder aber, wenn man den Ausführungen Renate Riemecks in ihrem Buch „Mitteleuropa. Bilanz eines Jahrhunderts“ Glauben schenken will, daß eine imperialistische Ideologie erst weit nach der Revolution von 1848/49 einsetzte. Eines darf vorweg jedoch schon gesagt werden: List war niemand, der sich in Zweideutigkeiten verfing und viel zu sehr durch rational-ökonomisches Denken bestimmt war. Viel interessanter gestaltet sich dahingehend der Vergleich der Ansichten Lists und einer möglichen Anwendung seiner Formulierungen in der realen deutschen Außenpolitik nach 1890, denn nur so lassen sich eventuelle imperialistische Strömungen an dem Denken von List festmachen.

2. Voraussetzungen

Im April 1819 konstituierte sich der "Deutsche Handels- und Gewerbsverein" auf der Frankfurter Ostermesse. Dort verabschiedeten Kaufleute und Fabrikanten eine Petition an die deutsche Bundesversammlung, in welcher der Deutsche Bund aufgefordert wurde, Binnenzölle aufzuheben und gemeinsame Außenzölle zu schaffen. Inhalt dieser Eingabe war eine erschreckende Bestandsaufnahme der deutschen Zollverhältnisse, die weit hinter den westeuropäischen Wirtschafts- und Zollsystemen lagen. Deutschland müsse von daher sämtliche Binnenzölle abschaffen und sich auf ein Differentialzollsystem einigen, durch welches die Einfuhr ausgewählter Produkte erleichtert bzw. erschwert werden konnte, d.h., daß man der ausländischen Konkurrenz flexibler begegnen oder einer Überschwemmung durch ausländische Produkte entgegen treten konnte. Die Gründung des "Deutschen Handels- und Gewerbsvereins" war gleichzeitig auch der "erste wirksame Ansatz einer organisierten wirtschaftlichen Interessensvertretung des insgesamt noch schwachen und schmalen Wirtschaftsbürgertums".[1]

Herausgeber und Verfasser dieser Bittschrift war Friedrich List (1789-1846). Er bemühte sich ab 1816 um eine Vereinigung deutscher Fabrikanten. Diese Bemühungen fanden wie erwähnt ihren vorläufigen Höhepunkt auf der Ostermesse 1819 in Frankfurt. Mit 28 Jahren war er Professor für Staatswirtschaft an der Universität von Tübingen. Er sah die Vereinigung Deutschlands als eine Grundvoraussetzung für die Industrialisierung des selbigen an. Dies könne allerdings nur realisiert werden, wenn dem aufkommenden Wirtschaftsbürgertum mehr Privilegien eingeräumt werden würden. Dies mußte zu einem Konflikt mit dem Adel führen.

Zu Beginn des Jahres 1821 verfaßte List als Mitglied der zweiten württembergischen Kammer erneut eine Petition, wo er sich für volle Pressefreiheit, kommunale Selbstverwaltung, öffentliche Gerichtsbarkeit, eine Steuerreform und bürgernahe Verwaltung einsetzte:

"Nirgends Ehre, nirgends Einkommen, nirgends Fröhlichkeit, denn allein in dem Dienstrock, - die Verwaltungsbehörden ohne Kenntnis des Handels, Gewerbes und Ackerbaus und, was noch schlimmer ist, ohne Achtung für die erwerbenden Stände, auf tote Formen und veraltete und unpassende Bureaugesetze versessen, die Nationalindustrie meist mehr hemmend als befördernd,..."[2]

List wurde daraufhin zu zehn Monaten Festungshaft wegen "Ehrenbeleidigung und Verleumdung der Regierung" verurteilt. Nach kurzzeitiger Flucht nach Frankreich wurde List inhaftiert und 1825 unter Verzicht seiner Staatsbürgerschaft nach Nordamerika ausgewiesen, wo er sich bis 1832 aufhielt und als amerikanischer Konsul nach Deutschland zurückkehrte. In den USA reiften seine Überlegungen, nach denen es einer industrialisierten Wirtschaft eines geeinten Großraumes sowie eines flächendeckenden Eisenbahnnetzes bedurfte. Dies stellten die Voraussetzungen für Lists Vorstellungen einer nationaldeutschen Ökonomie dar. Ausdruck dieser war unter anderem das Erscheinen des Bandes "Das nationale System der politischen Ökonomie" 1841. Damit legte List, unterteilend in die Kapitel Geschichte, Theorie, System und Politik , den Grundstein des imperialistischen Groß- und Weltmachtstrebens Deutschlands gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

3. Friedrich Lists Vorstellungen einer deutsch-mitteleuropäischen Großraumwirtschaft

Es fällt schwer zu verstehen, wie man am Vorabend der Revolution 1848/49 die Idee einer mitteleuropäischen Großraumwirtschaft unter deutscher Führung entwickeln konnte; zumal ja noch nicht einmal die Grundvoraussetzung, die deutsche Einheit vollzogen war, geschweige denn sich das deutsche Kapital in das unmittelbare Ausland verlagerte. Selbst Preußen, zweifelsohne die stärkste Wirtschaftskraft auf dem Gebiet des deutschen Reiches ab 1871, besaß in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur eine unbedeutende Wirtschaft, die zu großen Teilen von der Landwirtschaft getragen wurde. Der jährliche Eisenausstoß wurde nicht nur von Frankreich, England und Rußland übertroffen, sogar Österreich konnte bessere Zahlen vorweisen. Der relative Anteil an der Weltproduktion für alle deutsche Staaten (außer Österreich) lag um 1830 bei 3,5% (im Vergleich: Europa als Ganzes besaß 34,2% Anteil!). Erst mit den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts konnte man von einer Industrialisierung innerhalb Deutschlands sprechen. Zuvor war man jedoch von dieser Tatsache noch weit entfernt.[3] Zudem wurde ein Wirtschaftswachstum durch den latenten Gegensatz zwischen Landadel und Wirtschaftsbürgertum gehemmt wie das Beispiel Preußens nach den Gebietserweiterungen am Rhein bestens beweist. Es ergab sich ein unübersehbarer Konflikt zwischen dem liberalen Westen und dem agrikulturellen Osten.

[...]


[1] Vgl. Hahn, Hans-Werner: Geschichte des Deutschen Zollvereins. S.28.

2 Vgl. Gehring, Paul: Friedrich List. Jugend- und Reifejahre 1789-1825. S.416f.

[3] Zahlen nach Kennedy, Paul: Aufstieg und Fall der großen Mächte. S.237.

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638808378
ISBN (Buch)
9783638810920
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76918
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
Schlagworte
Friedrich List Mitteleuropa-Gedanke Zollunion 19. Jahrhundert Deutsches Reich Preußen

Autor

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Titel: Der „Mitteleuropa-Gedanke“ im 19. Jahrhundert