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Der Einfluss der Informations- und Kommunikationstechnologien auf die zeitliche und räumliche Organisation der Arbeit

Hausarbeit 2007 24 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

2. Von der Industrie- zur Wissensgesellschaft: Die Entörtlichung und zeitliche Flexibilisierung der „entmaterialisierten“ Arbeit

3. Neue Arbeitsorganisationen und Arbeitsformen dank IuK-Technologien
3.1 Neue räumliche und zeitliche Arbeitsorganisationen
3.2 Neue Arbeitsformen

4. Neue Möglichkeiten der räumlichen und zeitlichen Arbeitsgestaltung sowie der alterna- tiven Erwerbsarbeit

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

“Work has broken out of the constraints of specialized locations and fixed hours” (Felstead et al., 2005: 177)

In der soziologischen Lehre gilt es als allgemein anerkannte Tatsache, dass technologische Innovationen und sozio-kulturelle Veränderungen sich wechselseitig bedingen und beeinflussen und gemeinsam den sozialstrukturellen Wandel der Gesellschaften konstituieren können (vgl. Schäfers, 2000: 330-333; Castells, 2001: 3-13; Schink, 2004: 67). Sowohl die individuelle Arbeitsätigkeit des Menschen als auch die betriebliche Organisation der Arbeit werden von derartigen technologischen Neuerungen in besonderem Masse tangiert (vgl. Geser, 2006: 3; van de Pol, 2004: 3ff.). Diese Einsicht fusst einerseits auf der Erkenntnis, dass in kapitalistischen Wirtschaftssystemen Organisationen wie gewinnorientierte Unternehmen als wesentliche Antriebskräfte von technologischen Innovationen gelten und diese betriebsintern implementieren, falls es ihren Zwecken nützt. Andererseits wird das arbeitende Individuum von solchen technologischen Innovationen deshalb direkt tangiert, weil Menschen seit der industriellen Revolution in zunehmendem Masse in kapitalistischen Unternehmen - zunächst des sekundären, danach des tertiären Sektors - tätig sind (vgl. Castells, 2001; Spinner, 2000), wodurch sie mit Technologien konfrontiert werden, die ihren Arbeitsrhythmus sowie ihren Arbeitsort entscheidend mitbestimmen. Als Haupteinflussfaktor und gewissermassen Grundlage jedes organisierten Arbeitsprozesses muss allerdings der eine Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur dominierende “Rohstoff” gewertet werden, der den ökonomischen Arbeits- sowie den gesamtgesellschaftlichen Wandlungsprozess vorantreibt. Um die gesamte Tragweite des Einflusses der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK-Technologien) auf die räumliche und zeitliche Organisation der Arbeit analysieren zu können, ist es somit unerlässlich, auch auf die sozial- und wirtschaftsstrukturelle Beschaffenheit von Gesellschaften einzugehen.1 Aus diesem Grund soll im ersten Kapitel dieser Arbeit zunächst aufgezeigt werden, wie sich die räumliche und temporale Organisation des Arbeitsprozesses vor dem Hintergrund des Übergangs vom materiellen Paradigma der Industriegesellschaft hin zur “entmaterialisierten” Informations- und Wissensgesellschaft verändert hat. Hierbei nehmen die in den 1980er Jahren entstandenen und vor allem in den 1990er Jahren diffundierten Informations- und Kommunikationstechnologien wie Internet, Intranet, E-Mail usw. einen zentralen Stellenwert ein, indem sie von Menschen und Unternehmen nicht nur für die Wissens- und Informationsproduktion genutzt werden, sondern ihnen gleichzeitig ermöglicht haben, auch in der räumlichen und zeitlichen Organisation und Distribution der Arbeit neue Wege zu beschreiten.

Nach der Erarbeitung dieses makrosoziologischen, sozialstrukturellen Fundaments, werden im zweiten Kapitel die Veränderungen auf der mesosoziologischen Stufe thematisiert. Konkret soll dargelegt werden, welche neuen Möglichkeiten der räumlichen Arbeitsverteilung und der zeitlichen Flexibilisierung der Arbeitsabläufe durch den Gebrauch von polyvalent einsetzbaren IuK-Technologien Unternehmen entstanden sind. In diesem Kapitel wird sowohl auf die veränderte Arbeitsorganisation (Netzwerkunternehmen, virtuelle Organisationen) als auch auf die neu entstandenen Arbeitsformen (Telearbeit, mobile Arbeit) eingegangen - stets vor dem Hintergrund der Faktoren Raum und Zeit.

Im dritten und letzten Kapitel werde ich mich noch kurz mit der mikrosoziologischen Ebene des Individuums befassen: Dabei soll erörtert werden, welche neuen Möglichkeiten der räumlichen und zeitlichen Arbeitsgestaltung sowie der alternativen Erwerbsarbeit durch die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien für das wissens- und informationsarbeitende Individuum entstanden sind. Alle drei Ebenen zusammengenommen ergeben somit ein Gesamtbild des Einflusses der Informations- und Kommunikationstechnologien auf die räumliche und zeitliche Organisation der Arbeit.

2. Von der Industrie- zur Wissensgesellschaft: Die Entörtlichung und zeitliche Flexibilisierung der „entmaterialisierten“ Arbeit

Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts bildeten die industrielle Güterproduktion zusammen mit der Agrarwirtschaft die wesentlichen Pfeiler der ökonomischen und sozialen Struktur der entwickelten, d.h. industrialisierten Gesellschaften (vgl. Castells, 2001: Kapitel 4; Spinner, 2000: 142; Schmiede, 1996: 107f.). Die Industrialisierung, die Mitte des 18. Jahrhunderts eingesetzt hatte, hatte eine wesentliche “Veränderung der Methoden und der Organisation der Produktion” (Mikl-Horke, 2000: 94) eingeleitet, die folgende Merkmale aufweist:

a) Verstärkter Einsatz von Maschinen und Technik, die “die menschliche Arbeit teilweise ersetzen, teilweise ihren Einsatz rationaler und produktiver machen” (ebd.).
b) Eine Tendenz zur industriellen Organisation aller Bereiche der Produktion
c) Die Auslagerung aller Produktionsfunktionen aus der Familie und dem Haushalt durch die Konzentration des Arbeitsprozesses in einem Betrieb, was die Institutionalisierung einer örtlichen sowie zeitlichen Trennung von Heim- und Produktionsarbeit zur Folge hatte.
d) Der Aufbau hierarchisch und funktional strukturierter Organisationen, “in denen mit spezialisierten Fertigkeiten und nach rational geplanter Arbeitsvorgabe gearbeitet wird” (ebd.).2

In Bezug auf die räumliche und zeitliche Organisation der Arbeit in der Industriegesellschaft ist es wichtig zu sehen, dass die Komponenten Raum und Zeit eine Einheit im Arbeitsablauf und im industriellen Produktionsprozess darstellten. Die Industriearbeit war infolge ihrer Abhängigkeit von materiellen Rohstoffen wie Kohle oder Eisenerz räumlich an den Produktions- und Arbeitsort des jeweiligen Grossunternehmens gebunden und die Arbeit konnte nur an diesem Ort verrichtet werden (vgl. Schink, 2004: 73f.).3 Aus diesem Grund konnte ganz im Gegensatz zur handwerklichen Werkstattarbeit oder zur agrarischen Arbeit des prä-industriellen Zeitalters Arbeit auch nicht nach Hause mitgenommen bzw. von zu Hause aus erledigt werden, sondern musste mit Hilfe der in der Fabrik stationierten Maschinen und Techniken zu gegebener Zeit für eine bestimmte Zeitperiode ausgeführt werden. Auf dieses wesentliche Charakteristikum des industriellen Zeitalters weisen auch Felstead et al. hin, indem sie zur örtlichen und zeitlichen Trennung der Heim- von der Produktionsarbeit folgendes festhalten:

“It is a sociological truism that industrialization created two distinct spheres of social life - home and work - that had previously been undifferentiated and interwoven. The landscape of factories and offices became an aspect of the regulation of workforces through control over space.(…) Employers and managers discovered that threats to material security, productivity and process co-ordination could be greatly attenuated by allocating individual workers to specific locations in which they were required to remain while performing their tasks.” (Felstead et al., 2005: 3)

Der Fokus auf die industrielle Produktion von materiellen Gütern und das damit verbundene “Raum-Zeit Regime” der betrieblichen Arbeitsorganisation veränderte sich im Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- beziehungsweise Wissens- und Informationsgesellschaft.4 Diese Tertiarisierung der Wirtschaft ging graduell vonstatten und war - was die OECD-Welt betrifft - von erheblichen länderspezifischen Unterschieden geprägt, weshalb es schwierig ist, dafür einen konkreten Zeitpunkt auszumachen (vgl. Castells, 2001: 244). Fest steht aber, dass verschiedene Sozialwissenschaftler bereits im Laufe der 1960er und 1970er Jahre damit anfingen, sich mit dem Wachstum des Dienstleistungssektors zu befassen, der auf Kosten der Industrieproduktion an Stellenwert gewonnen hatte. So konstatierte Peter Drucker Ende der 1960er Jahre das Aufkommen und Wachstum der “knowledge society” bzw. “knowledge economy” (Drucker, zitiert in: Schink, 2004: 69), während Daniel Bell zur gleichen Zeit seine These vom Postindustrialismus und der postindustriellen Gesellschaft postulierte (vgl. ebd.: 70-78). Seiner Meinung nach stellten der ökonomische und gesellschaftliche Bedeutungsgewinn des Dienstleisungssektors, die berufsstrukturelle Verschiebung in Richtung höher qualifizierter Arbeitskräfte im Bereich der technischen Berufe sowie der überdimensionale Bedeutungsgewinn von theoretischem Wissen die Grundmerkmale des angebrochenen postindustriellen Zeitalters dar (vgl. Mikl- Horke, 2000: 402f.; Egloff, 1996: 82). Somit war laut Bell die Förderung von Wissenschaft, Technologie und Innovation ins Zentrum der postindustriellen Gesellschaft gerückt, d.h. “sämtliche gesellschaftliche Aktivitäten sind durch das Ansammeln von Informationen und die Umwandlung von Information in Wissen geprägt” (Schink, 2004: 75). Oder in den Worten von Bell: “the post-industrial society is an information society” (Bell, zitiert in: Schink, 2004: 76). Was in diesem Satz zum Ausdruck kommt und mittlerweile empirisch in zahlreichen Untersuchungen belegt werden konnte (vgl. Schmiede, 1996: 107-114; Castells, 2001: 231f.; Knoblauch, 2004: 366), ist die Tatsache, dass als direkte Folge dieses Wandels die Generierung, Distribution und Wiederverwendung von Informationen und Wissen zu einem

[...]


1 Meine Ausführungen beziehen sich in erster Linie auf die entwickelten, d.h. industrialisierten Länder der OECD-Welt, obschon gewisse Aspekte auch auf andere Länder, die nicht der OECD angehören, anwendbar sein sollten. In dieser Vorgehensweise folge ich der makro-strukturell arbeitenden Soziologie in der Tradition von Karl Marx, Emil Durkheim, Immanuel Wallerstein oder - um Autoren jüngeren Datums aufzuführen - von Manuel Castells, die allesamt den zentralen Stellenwert des techno-ökonomischen Paradigmas auf gesamtgesellschaftliche Prozesse akzentuieren.

2 Dieses hierarchische sowie von rationalen Überlegungen dominierte Organisationsprinzip, welches die Arbeit im Zeitalter der Industriegesellschaft bestimmt hat, wird auch Taylorismus genannt. Der Taylorismus zeichnet sich durch eine durchgängige Rationalisierung des Arbeitsprozesses aus. Hierfür wird die planende Kopf- von der ausführenden Handarbeit getrennt; die Arbeitsschritte werden aufgeteilt und horizontal sequenziert. Zudem werden die Arbeitstätigkeiten durch die Einführung vertikaler Befehls- und Überwachungsstrukturen strikte kontrolliert. Ziel des Taylorismus ist der maximale industrielle Output bei minimalem Ressourceneinsatz (vgl. Jacobs/Yudken, 2003: 30-34; Baukrowitz/Boes, 1996: 141).

3 Zwar hatte die Erfindung und Nutzung der Elektrizität bereits die zeitliche Limitierung der Arbeit innerbetrieblich ausgehebelt bzw. relativiert, indem nun rund um die Uhr industriell produziert werden konnte. Trotzdem waren aber sowohl Arbeitszeit als auch Arbeitsort immer noch an die Verfügbarkeit materieller Rohstoffe gebunden. Mit anderen Worten determinierten in der Industriegesellschaft die am Arbeitsort materiell gebundenen Ressourcen die Arbeitszeit der Industriearbeiter.

4 In der soziologischen Literatur herrscht bezüglich der Bezeichnung der postindustriellen Wirtschafts- und Gesellschaftsform einige Konfusion. Ich stimme diesbezüglich mit Marion Schink überein, die darauf hinweist, “dass die bis heute verwendeten Bezeichnungen Dienstleistungsgesellschaft, Informationsgesellschaft und Wissensgesellschaft lediglich unterschiedliche terminologische Akzentsetzungen und Präferenzen nachzeichnen, aber keine unterschiedlichen Inhalte bezeichnen” (Schink, 2004: 76. Hervorhebung im Original). Dementsprechend werden in dieser Arbeit die Begriffe komplementär verwendet und als gleichbedeutend verstanden.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638741774
ISBN (Buch)
9783638742467
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77047
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Soziologisches Institut
Note
CH: 6. BRD: 1
Schlagworte
Informations- und Kommunikationstechnologien IuK Internet Computer Arbeit Telearbeit Wissensgesellschaft Entörtlichung Netzwerk Netzwerkunternehmen Virtuell Heimarbeit

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Titel: Der Einfluss der Informations- und Kommunikationstechnologien auf die zeitliche und räumliche Organisation der Arbeit