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Kreationismus vs. Darwinismus

Wie die Kontroverse um fundamentalistisch-religiöse Werte vs. wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse die amerikanische Nation spaltet

Seminararbeit 2007 24 Seiten

Amerikanistik - Kultur und Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Evolutionstheorie Darwins

3. Sozialdarwinismus

4. Kreationismus

5. Die Entwicklung der Kreationismus/Darwinismus-Debatte: Vom „Affenprozess“, „Intelligenten Designern“ und „Pastafarians“

6. Schlussbetrachtung

7. Bibliographie

1. Einleitung

Begegnet man heute Zeit z.B. in den Medien der westlichen Welt dem Begriff „Religiöser Fundamentalismus“, so weckt dies häufig Assoziationen mit tschadorverhüllten Musliminnen, radikalen Islamisten oder auch allgemein mit extrem konservativ-religiösen Wertvorstellungen. Dass es jedoch amerikanische Protestanten waren, die bereits Anfang des letzten Jahrhunderts den Begriff Fundamentalismus prägten[1], gerät darüber fast in Vergessenheit. Für sie stand eine klare Abgrenzung von „liberalen“ Protestanten, und deren laxe Interpretation des christlichen Glaubens sowie eine Rückbesinnung auf das Fundament der christlichen Tradition – einhergehend mit einer buchstabengetreuen Bibelauslegung, dem Literalismus – im Vordergrund.[2]

Protestantische Fundamentalisten organisieren sich heute in den USA u.a. in tendenziell militanten Gemeinden Evangelikaler[3] als Anhänger eines kreationistischen Gedankenguts. Sie vertreten weitgehend die Schöpfungsgeschichte gemäß der biblischen Genesis und lehnen wissenschaftliche Evolutionstheorien z.B. nach Darwin ab.

Bei der Betrachtung und Bewertung der Kontroverse Kreationismus vs. Darwinismus spielt die besondere Situation der USA im Hinblick auf ihr verfassungsgeschütztes Selbstverständnis bzgl. der Trennung zwischen Staat und Kirche bzw. Religion eine wichtige Rolle.

So erschütterte die Verabschiedung des Tennessee Evolution Statutes[4] das die Evolutionslehre verbot im Jahre 1925 die Grundfeste der amerikanischen Verfassung im Hinblick auf das Establishment Clause und provozierte infolgedessen eine Einmischung durch die American Civil Liberties Union (ACLU). Aufgabe der ACLU ist es, neu verabschiedete Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit zu prüfen.[5] Das Establishment Clause garantiert die Trennung zwischen Staat und Kirche als Konsequenz der religiös motivierten Verfolgung der Auswanderer Europas. Eine klerikale Einmischung z.B. durch die Etablierung einer Staatsreligion galt es daher in den USA unter allen Umständen zu verhindern und darüber hinaus dieses Recht verfassungsmäßig zu schützen.[6]

Folglich war das Lehrverbot der Evolutionstheorie in Tennessee mit der Begründung, es verstoße gegen die biblische Genesis, schier skandalös.

Noch ein halbes Jahrhundert später verursachte das geradezu revolutionäre Konzept Darwins gemäß seiner Publikation „The Origin of Species“ (1859) bzw. die noch eindeutigere Veröffentlichung „The Descent of Man“ (1871) in den USA einen Generationenkonflikt bzw. eine Auseinandersetzung um Werte und Ethik. Die Vorstellungen traditionell denkender, häufig biblisch-geprägter Eltern prallten auf die Ansichten ihrer heranwachsenden, wissenschaftlich aufgeklärten Nachkommen, deren reformiertes Weltbild unvereinbar war mit überholten, konservativen Einstellungen ihrer Erzeuger und als revidierbar galt.

Der Butler Act bzw. der folgende nationale Schauprozess „The Scopes Trial“ schien jedoch nicht nur in dieser Hinsicht wieder einmal die Nation zu spalten: Die überzeugten, fundamentalistischen Kreationisten aus den südlichen Regionen – dem Bible-Belt – auf der einen, Wissenschaftsexperten als Anhänger der Evolutionslehre auf der anderen, der zumeist nordstaatlichen Seite, ließen klassische Spannungen in den von Rivalitäten geprägten USA wieder aufleben.

Der Ausgang des Scopes Trial, des „Affenprozesses“, wie er auch betitelt wurde, sollte letztlich noch über 40 Jahre die Klassenzimmer der High Schools zumindest in Arkansas und Mississippi beeinflussen. De facto sollte es bis Mitte der 80er Jahre dauern, bis eine eindeutige Entscheidung durch das Oberste Gericht der USA im Fall „Edwards v. Aguillard“ bzgl. der Verfassungswidrigkeit einer schulischen Gleichstellung von Kreationismus und Evolutionslehre erreicht sein würde.

Die Debatte um Glaube und Wissenschaft ist eine Jahrhundert währende. Bereits im Mittelalter, im Jahre 1633, bewies das Gerichtsverfahren gegen Galileo Galileis als Folge seiner Übereinstimmung mit Kopernikus’ Rotationstheorie[7], dass Forschung mit den aufoktroyierten Vorstellungen der Kirche nicht in Einklang zu bringen war.

Warum im Amerika des 20. und 21. Jahrhunderts, in einem der fortschrittlichsten Staaten der Welt, Religion und insbesondere die strikte Ablehnung einiger bedeutender Erkenntnisse der Wissenschaft noch immer einen so großen Einfluss genießt, versucht diese Arbeit im Folgenden zu analysieren. Dies schließt nicht nur den Kreationismus ein, sondern ebenso das ab den 1990er verbreitete Konzept des Intelligent Design[8] als Nachfolge des gescheiterten Versuchs an öffentlichen Schulen Creation Science[9] zu etablieren, worauf unter 5. näher eingegangen werden soll.

Um der Position fundamentalistischer Evangelikaler gerecht zu werden, muss neben der biologischen Evolutionstheorie Darwins auch das Phänomen des Sozialdarwinismus beleuchtet werden. Der Sozialdarwinismus war bereits für den großen Populisten William Jennings Bryan während des „Affenprozesses“ seiner Ansicht nach eine der größten Gefahren für die Gesellschaft und steht somit als wichtiger Bestandteil der Problematik im Kontrast zur Verteidigung klassischer Werte wie Sitte und Moral seitens Evangelikaler.

2. Die Evolutionstheorie Darwins

Mit seiner außerordentlich progressiven Theorie über die Entstehung der Welt und die Abstammung der Menschheit schien Charles Darwin Mitte des 19. Jahrhunderts den Nerv der Zeit getroffen zu haben – nicht so den der wenig liberalen katholischen Kirche. In der Blüte des Positivismus hatte der englische Naturwissenschaftler einschneidende Erkenntnisse gewonnen und publizieren lassen, die als Evolutionslehre in die Geschichte eingehen sollten. Darwins Annahme der natürlichen Auslese (Selektion) als Hauptursache für die stammesgeschichtliche Entwicklung widersprach eindeutig der biblischen Lehre der Genesis und sorgte – kaum überraschend – zur damaligen Zeit für Zündstoff. In seinem vierten Kapitel der überarbeiteten Ausgabe „Origin of Species“ beschreibt er das so häufig vorsätzlich falsch interpretierte Phänomen des „Survival of the Fittest“:

„Chapter IV: Natural Selection; Or the Survival of the Fittest How will the struggle for existence ... act in regard to variation? Can the principle of selection, which we have seen is so potent in the hands of man, apply under nature? I think we shall see that it can act most efficiently. Let the endless number of slight variations and individual differences occurring in our domestic productions, and, in a lesser degree, in those under nature, be borne in mind; as well as the strength of the hereditary tendency. ... Can it, then, be thought improbable, seeing that variations useful to man have undoubtedly occurred, that other variations useful in some way to each being in the great and complex battle of life, should occur in the course of many successive generations? If such do occur, can we doubt (remembering that many more individuals are born than can possibly survive) that individuals having any advantage, however slight, over others, would have the best chance of surviving and of procreating their kind? On the other hand, we may feel sure that any variation in the least degree injurious would be rigidly destroyed. This preservation of favourable individual differences and variations, and the destruction of those which are injurious, I have called Natural Selection, or the Survival of the Fittest.”[10]

Seine Thesen lehnten nicht nur klar die biblische Schöpfungsgeschichte ab, sondern widersprachen gleichzeitig auch der hartnäckig verteidigten Sonderstellung des Menschen im biologischen System.

Dass wir als Geschöpfe Gottes aus winzigen Zellorganen bestehend letztlich vom Primaten abstammen sollten – beschrieben wie folgt –

„It is notorious that man is constructed on the same general type or model as other mammals. All the bones in his skeleton can be compared with corresponding bones in a monkey, bat, or seal. So it is with his muscles, nerves, blood-vessels and internal viscera. The brain, the most important of all the organs, follows the same law, as shewn by Huxley and other anatomists.”[11]

war damals zunächst besonders für Literalisten der klerikalen Kreise nicht nur eine skandalöse Behauptung, sondern für sie vor allem unhaltbar und somit schlichtweg abzulehnen.

Trotz vehementer Bemühungen Darwinscher Opponenten setzten sich seine Erkenntnisse schließlich durch und erlangten internationale Anerkennung. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind sich Forscher über die Verifikation der Thesen einig und der Triumphzug durch ein reformiertes Bildungssystem begann.

Genau dieser ließ Evolutionsgegner Anfang des 20. Jahrhunderts erschaudern, provozierte er doch scheinbar die Abkehr der jungen Generation von religiösen Werten, Sitte und Moral – wie W. J. Bryan im folgenden propagierte:

„…if they believe [evolution], they go back to scoff at the religion of their parents. And the parents have a right to say that no teacher paid by their money shall rob their children of faith in God and send them back to their homes, skepticals, infidels, or agnostics, or atheists.”[12]

Demzufolge sah man eine zwingende Verbindung zwischen Evolutionslehre und Missachtung elterlicher Richtlinien. Man lief Gefahr, dass sich Kinder zwangsläufig gegen die eigenen Eltern wandten und wollte dies, besonders als regelmäßiger Kirchgänger, nicht tatenlos hinnehmen. Der große Populist Bryan bekräftigte das Aufbegehren der ländlichen, gottesfürchtigen Bevölkerung und sprach mit dem Aufruf nach mehr Mitbestimmung seinen Anhängern aus der Seele: „Those who pay the taxes have a right to determine what is taught; the hand that writes the pay check rules the school.“[13]

Warum Bryan ausgerechnet dieses Recht so vehement im „Affenprozess“ zu verteidigen suchte, wird noch deutlicher, wenn man – wie eingangs bereits angesprochen – in seine Beweggründe die von ihm prophezeite Gefahr des Sozialdarwinismus mit einbezieht.

[...]


[1] Vgl. K. Armstrong “The battle for God : fundamentalism in Judaism, Christianity and Islam“ / Karen Armstrong. - London : HarperCollins, 2000 p. X

[2] Ebd.

[3] Evangelikale(r)/evangelikalisch ist die Übersetzung des englischen Ausdrucks „Evangelical“ und ist nicht zu verwechseln mit der deutschen Konfession evangelisch.

[4] Im Folgenden auch Butler Act – nach seinem Initiator – genannt.

[5] Vgl. The Columbia Encyclopedia, Sixth Edition 2006 [Hrsg.], URL http://www.encyclopedia.com/doc/1E1-AmerCLU.html Stand: 12.3.07

[6] Vgl. Exploring Constitutional conflicts in: University of Missouri-Kansas City School of Law [Hrsg.], URL http://www.law.umkc.edu/faculty/projects/ftrials/conlaw/estabinto.htm, Stand: 12.3.07

See Establishment Clause in: Firstamendment Center [Hrsg.], URL http://www.firstamendmentcenter.org/rel_liberty/establishment/index.aspx, Stand: 12.3.07

[7] Die Brockhaus Enzyklopädie [Hrsg.], URL http://www.brockhaus-enzyklopaedie.de/be21_article.php#3 http://www.brockhaus-enzyklopaedie.de/be21_article.php, Stand: 12.3.07

[8] Ein die Evolutionstheorie infrage stellendes Konzept, das sich vom Kreationismus herleitet. Anhänger des ID gehen davon aus, dass Zellen und höhere Lebewesen aufgrund ihres außerordentlich hohen Komplexitätsgrades nicht im Laufe natürlicher physikalisch-chemisch-biologischer Prozesse entstanden sein und sich nicht unter den Bedingungen der natürlichen Selektion entwickelt haben können, sondern dass ihnen ein intelligenter Plan zugrunde liegt.

Aus: Meyers Lexikon [Hrsg.], URL http://lexikon.meyers.de/meyers/Intelligent_Design, Stand: 12.3.07

[9] Eine Weiterentwicklung des Creationism; durch einen “wissenschaftlichen” Bezug soll(te) dies als gleichberechtigte Lehre neben Darwinismus an öffentlichen Schulen gelehrt werden.

[10] The Origin Of Species (1872) Charles Darwin in: Secular Web - Atheism, Agnosticism, Naturalism, Skepticism [Hrsg.], URL http://www.infidels.org/library/historical/charles_darwin/origin_of_species/Chapter4.html, Stand: 12.3.07

[11] The descent of man (1871) Charles Darwin in: Secular Web - Atheism, Agnosticism, Naturalism, Skepticism [Hrsg.], URL http://www.infidels.org/library/historical/charles_darwin/descent_of_man.html. Stand 12.3.07

[12] W. J. Bryan zitiert in R. Hofstadter: „Anti-intellectualism in American life“-2. print.-New York, NY:Knopf,1963 p.127

[13] W. J. Bryan zitiert in E. Larson:“Trial and error:the American controversy over creation and evolution.”-New York [u.a.]:Oxford Univ. Pr.,1985 p. 49

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638828154
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77343
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Kreationismus Darwinismus Gesellschaft America Divided

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