Lade Inhalt...

Chat-Kommunikation - Mündlich oder Schriftlich?

Der Versuch einer Einordnung basierend auf Koch und Oesterreicher

Hausarbeit 2006 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Chat als Kommunikationsform
1.1 Das Protokoll

2. Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Chat
2.1 Medium und Konzeption
2.2 Medium
2.3 Konzeption
2.3.1 Der Grad der Öffentlichkeit
2.3.2 Der Grad der emotionalen Beteiligung
2.3.3 Der Grad der physischen Anwesenheit
2.3.4 Der Grad der Vertrautheit der Partner
2.3.5 Der Grad des Situationsbezuges
2.3.6. Der Grad der Kooperation
2.3.7 Der Grad der Spontaneität
2.3.8 Der Grad der Themenfixierung
2.3.9 Die zeitliche und räumliche Ausdehnung der Kommunikation
2.3.10 Morphosyntaktische Aspekte

Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang I: Protokoll Chat4free.de

Einleitung

Durch die immer massivere Verbreitung des Computers und vor allem auch des Internets sind in den letzten Jahren völlig neue Kommunikationsformen entstanden, bei deren Charakterisierung altbewährte Einteilungen oftmals an ihre Grenzen stoßen. In diese Kategorie fällt auch der Chat, der sich mittlerweile großer Beliebtheit erfreut.

In der vorliegenden Arbeit soll geklärt werden, inwieweit eine Einordnung des Chats zur „Mündlichkeit“ oder „Schriftlichkeit“ erfolgen kann. Auf der Basis der Unterteilung der Begriffe „mündlich“ und „schriftlich“ nach Koch und Oesterreicher, die zwischen Medium und Konzeption unterscheiden, liegt die Vermutung nahe, dass der Chat zwar medial schriftlich ist, konzeptionell jedoch der Mündlichkeit deutlich näher steht. Auf diesen Umstand mag bereits die Bezeichnung ‚Chat’ hindeuten (englisch: to chat = plaudern, schwatzen).

Nach einer kurzen Einführung in die Kommunikationsform Chat und das angefertigte Protokoll wird die von Koch und Oesterreicher (Vgl. Koch 1990) getroffene Unterscheidung in Medium und Konzeption näher betrachtet, wobei der Schwerpunkt auf den einzelnen Aspekten der Konzeption liegt. Ihre Ausprägung in der Chat-Kommunikation soll sowohl theoretisch als auch praktisch anhand von Beispielen verdeutlicht werden.

1. Der Chat als Kommunikationsform

Um einen grundlegenden Eindruck der Kommunikationsform Chat zu gewinnen, müssen zunächst einige ihrer Eigenschaften betrachtet werden. Von einem finnischen Studenten entwickelt, wurde der sogenannte IRC (Internet Relay Chat) schnell zu einem sehr beliebten Kommunikationsmedium des Internets. Aus diesem IRC entstanden mit dem Aufschwung des World Wide Web die sogenannten Web-Chats, die sich einfach im Browser bedienen lassen. Einer von diesen Web-Chats dient in Form eines kurzen Protokolls zur Veranschaulichung der im Folgenden aufgeführten Punkte. Das, was gemeinhin als Chat bezeichnet wird, besteht eigentlich aus einer Vielzahl von sogenannten Chaträumen; „einige tausend“ laut Haase, Huber, Krumeich und Rehm (Haase, Huber, Krumeich, Rehm 1997: 57), mit etwa „15.000 bis 20.000“ (Haase, Huber, Krumeich, Rehm 1997: 57) Nutzern gleichzeitig weltweit. Die Themenvielfalt ist nahezu unerschöpflich: Vom Projektgruppen- über den Experten-Chat bis hin zum Small Talk sind nahezu alle Themen vertreten. Nach der Auswahl eines Raumes und eines Pseudonyms kann jeder Interessierte an einem Chat teilnehmen.

Eine wichtige Eigenschaft der Chat-Kommunikation ist ihre Quasi-Synchronität. Quasi-Synchron, da er „im strengen Sinne nicht synchron“ (Beißwenger, Hoffmann, Storrer 2004: 151) ist: „Die Beiträge werden nicht während ihres Entstehens, sondern erst nach ihrem Entstehen angezeigt“ (Beißwenger, Hoffmann, Storrer 2004: 151). Dies ist in der vollkommen synchronen Kommunikation (zum Beispiel bei einer Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht) jedoch anders. Trotzdem ist der Chat synchronen Kommunikationsformen um einiges näher als asynchronen, wie es zum Beispiel E-Mail oder auch Newsgroups sind. Für die Fragestellung dieser Arbeit ist dir vorliegende Quasi-Synchronität vollkommen ausreichend.

Die Art und Weise, wie Kommunikation im Chat stattfindet, scheint für ungeübte Leser zunächst verwirrend und ohne System. Die einzelnen Beiträge folgen rasch aufeinander und nur allzu oft sind mehrere Gesprächsstränge ineinander verschlungen und überlappen sich räumlich. Noch dazu können sich die Teilnehmer an mehrere Gesprächssequenzen beteiligen, was der Übersichtlichkeit nicht wirklich dienlich ist. Darüber hinaus werden die wenigsten Beiträge in Blockform präsentiert, vielmehr werden sie in sogenannte Chunks (Vgl. Storrer 2001), einzelne Teile, aufgeteilt. So wird vermieden, dass alle anderen Teilnehmer lange am Bildschirm sitzen und auf eine Entgegnung eines anderen warten, während dieser tippt. Durch die Aufteilung der Beiträge wird die kontinuierliche Rezeption und auch die Reaktion auf einzelne Teile ermöglicht (Vgl. Storrer 2001).

1.1 Das Protokoll

Zur Veranschaulichung der Ergebnisse dieser Arbeit dient das Protokoll einer halbstündigen Chatsitzung (19:45 bis 20:15) im Raum „Flirtroom 4“ der Seite chat4free.de. Die Auswahl des Chats erfolgte unter dem Gesichtspunkt der Repräsentativität für die durchschnittliche Ausprägung dieser Kommunikationsform. Auch wenn der Raum thematisch mit "Flirt" betitelt ist, drehen sich die Gespräche um eher allgemeinere Dinge - Beruf, alltägliches Leben, Small Talk; Themenfelder, die den Großteil der Chats beherrschen. Durch diese ‚Durchschnittlichkeit’ der Art, über den Chat zu kommunizieren, eignet sich das Protokoll gut als Grundlage für allgemeine Aussagen. Ein Querschnitt durch eine größere Anzahl von Chats - der den Umfang dieser Arbeit jedoch bei weitem übersteigen würde - würde ein ähnliches Bild ergeben.

2. Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Chat

Nach einer kurzen Einführung in die Materie des Chats und des angefertigten Protokolls wird es nun Zeit, sich der eigentlichen Fragestellung zuzuwenden - ist die Kommunikation im Chat Mündlich oder Schriftlich? Für eine Antwort muss zunächst beachtet werden, dass das, was im Allgemeinen unter den Begriffen Mündlich und Schriftlich verstanden wird, einer Unterscheidung zwischen Medium und Konzeption bedarf.

2.1 Medium und Konzeption

Für die Verortung einer Kommunikationsform muss beachtet werden, dass das, was landläufig unter 'mündlich' und 'schriftlich' verstanden wird, sich zumeist auf das Medium der Realisierung bezieht. Doch eigentlich sind diese beiden Begriffe doppeldeutig. Sie beziehen sich zum einen auf das Medium und zum anderen auf die Konzeption. In Bezug auf das Medium lässt sich eine strikte Trennung zwischen mündlich und schriftlich vornehmen; bei der Konzeption ist dies schon nicht mehr möglich. Hier befinden sich die verschiedenen Kommunikationsformen innerhalb eines Kontinuums zwischen den beiden Endpunkten.

Natürlich existieren Kommunikationsformen, die sowohl medial als auch konzeptionell mündlich oder schriftlich sind. Vertreter dieser Kategorie sind z.B. der small talk (mündlich) oder auch Anzeigen, Wörterbücher und Lexika (allesamt schriftlich). Jedoch gibt es auch Fälle, in denen mediale und konzeptionelle Realisierung sich zu widersprechen scheinen. Ob der Chat zur letzteren Kategorie gehört, soll im Folgenden geklärt werden.

2.2 Medium

Das Medium der Realisierung beschreibt die „Darstellungs- bzw. Ausführungsform der Kommunikation“ (Schmidt 2000: 125); eine Beschreibung, die eine klare Abgrenzung erlaubt: „Ein Text wird entweder gesprochen (Telefongespräche, Diskussionen etc.) oder geschrieben (Bücher, Briefe, Vorträge etc.) realisiert“ (Rittgeroth 2002).

2.3 Konzeption

Der relativ einfachen medialen Interpretation der Begriffe Mündlichkeit und Schriftlichkeit steht der konzeptionelle Aspekt gegenüber, der die Modalität beschreibt. Im Gegensatz zum medialen lässt sich dieser jedoch nicht in zwei strikte Gegensätze einteilen. Zwischen den beiden Endpunkten Mündlichkeit (auch: Nähe/informell) und Schriftlichkeit (auch: Distanz/formell) befindet sich ein Kontinuum, das Bakach als eine „breite Palette verschiedener Genren, verschiedener Konzeptionen“ (Bakach 2001: 73) beschreibt. Auf diesem Kontinuum können die verschiedenen Kommunikationsformen eingeordnet werden.

Bevor eine Einordnung der Chat-Kommunikation erfolgen kann, muss zunächst eine nähere Beschäftigung mit den einzelnen Aspekten der konzeptionellen Mündlichkeit und Schriftlichkeit und ihrer Ausprägung im Chat erfolgen. Von Bedeutung sind hier der Grad der Öffentlichkeit, der Grad der Vertrautheit der Partner, der Grad der emotionalen Beteiligung, der Grad des Situationsbezuges, der Grad der physischen Anwesenheit, der Grad der Kooperation, der Grad der Spontanität, der Grad der Themenfixierung (Koch 1990) und die zeitliche und räumliche Ausdehnung der Kommunikation sowie morphosyntaktische Aspekte. Wenn im Folgenden von mündlicher/schriftlicher Kommunikation die Rede ist, ist immer die konzeptionell mündliche/schriftliche Kommunikation gemeint.

2.3.1 Der Grad der Öffentlichkeit

Ausschlaggebend für den Grad der Öffentlichkeit ist die „Existenz und Größe eines Publikums“ (Koch 1990: 8). Während mündliche Kommunikation sich eher durch Privatheit auszeichnet (wenige Rezipienten), ist die schriftliche Kommunikation charakterisiert durch eine hohe Anzahl an Rezipienten und erreicht somit eine hohe Öffentlichkeit. Der Chat selbst ist nicht leicht einem dieser beiden Pole zuzuordnen. Im Grunde genommen ist das Medium Internet öffentlich; jeder, „der die technischen Voraussetzungen und das Wissen über die Bedienung hat“ (Bakach 2001: 76), kann an einem Chat teilnehmen. Das Bewusstsein über diese große Öffentlichkeit zeigt sich auch in den Äußerungen der Chat-Teilnehmer:

(1) <redman> HALLO AN ALLE MÄDELs
(2) <Dennis25> Hi Leute

Anstatt einen oder mehrere Teilnehmer explizit anzusprechen - ein Anzeichen für eine eher private Kommunikation (mündlich) - wählen diejenigen, die den Chat betreten, hier eine allgemeinere Form, die sich an ein größeres Publikum wendet.

Neben der Möglichkeit, mit allen Anwesenden zu kommunizieren, können sich in den meisten Chats die Teilnehmer auch privat unterhalten. In diesem Fall befinden sich nur zwei Benutzer in einem eigenem zusätzlichen Raum. Somit ist der Chat auf den ersten Blick weder vollkommen öffentlich noch vollkommen privat. Jedoch wird die öffentliche Möglichkeit der Kommunikation weitaus häufiger genutzt als die private, was eine Einordnung des Chats in einem Bereich mit einer Tendenz zum Schriftlichen hin mit sich zieht.

2.3.2 Der Grad der emotionalen Beteiligung

Emotionale Beteiligung kann sich zum einen „auf den/die Partner (Affektivität)“ (Koch 1990: 8) und/oder auf „den Kommunikationsgegenstand (Expressivität)“ (Koch 1990: 8) richten. Generell - ohne eine Unterscheidung zwischen diesen beiden möglichen Bezugspunkten der Emotionalität zu treffen - weist konzeptionell mündliche Kommunikation eine stärkere, konzeptionell schriftliche eine eher geringe emotionale Beteiligung auf.

Die Chat-Kommunikation lässt sich relativ eindeutig der konzeptionell mündlichen Kommunikation zuordnen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

(3a) <janinchen20> annnnnnnnnnnnnnnnniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii *ausflipp und durch den raum hüpf*
(3b) <Princess of Germany> janineeeeeeeeeeeeeeeeee +mitausflipp+ :D

Die Chatterin <janinchen20> drückt große Freude aus, dass eine andere (ihr scheinbar bekannte) Teilnehmerin den Raum (erneut) betreten hat. Die Antwort der Angesprochenen fällt ähnlich emotional aus. Die Iteration der Buchstaben dient hier zur Emulation der prosodischen Merkmale eines langgezogenen Ausrufes. Auch die emotional behaftete Handlungsbeschreibung *ausflipp und durch den raum hüpf* trägt zum mündlichen Charakter bei. Darüber hinaus kann es auch durch voneinander abweichende „Meinungen über ein bestimmtes Thema“ (Bakach 2001: 81) oder Störenfriede, die „oft aufs heftigste bekämpft“ (Bakach 2001: 81) werden, zu einem hohen Grad an Emotionalität kommen.

[...]

Details

Seiten
27
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638819503
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77408
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Chat-Kommunikation Mündlich Schriftlich

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Chat-Kommunikation - Mündlich oder Schriftlich?