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Motive und Absichten des Irenäus von Lyon für seinen Auftritt gegen die Gnosis

Seminararbeit 1995 20 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Zur Person des Irenäus von Lyon

2 Was ist "die" Gnosis?
2.1 Entstehung
2.2 Theologie der Gnosis
2.2.1 Das gnostische Gottesbild
2.2.2 Gnostische Weltentstehungsmythen
2.2.3 Der Begriff der Erlösung in der Gnosis

3 Die Auseinandersetzung des Irenäus mit der Gnosis
3.1 Gnostische Strömungen, mit denen Irenäus zu tun hatte
3.1.1 Valentinianische Gnostiker
3.1.1.1 Die valentinianische Lehre
3.1.1.2 Ptolemäus
3.1.1.3 Markos
3.1.1.4 Weitere Gnostiker
3.2 Die Gefahren für die Kirche
3.2.1 Verunsicherung der Christen
3.2.2 Die Kirchenähnlichkeit der Gnostiker:
3.3 Die Entstehung von „Adversus haereses“
3.4 Die theologische Argumentation des Irenäus
3.4.1 Wege, um die Wahrheit zu erkennen
3.4.1.1 Die Heilige Schrift
3.4.1.2 Das Traditions- und Sukzessionsprinzip

4 Schlußbemerkung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Zur Person des Irenäus von Lyon

Über den heiligen Irenäus von Lyon sind nur wenige Daten überliefert, und diese wenigen gehen fast ausnahmslos aus seinen eigenen Schriften und aus der Kirchengeschichte des Eusebius hervor. So wissen wir, daß er aus Kleinasien stammte und dort als Kind ein Schüler des Bischofs Polykarp von Smyrna war.[1] Da Polykarp im Jahr 156 starb, dürfte das Geburtsdatum des Irenäus wohl knapp vor 140 liegen.

Wann und warum er nach Gallien kam, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es dürfte jedoch damit zusammenhängen, daß die christlichen Gemeinden in Lyon ihren Ursprung in Kleinasien hatten. Durch die guten wirtschaftlichen Bedingungen in den gallischen Städten waren nämlich Kaufleute und vor allem Handwerker aus den östlichen Ländern hierher gekommen, und unter ihnen waren auch Christen, die auf diese Weise das Christentum nach Gallien brachten. Die christlichen Gemeinden bildeten eine Minderheit im Land, die weiterhin den Kontakt zur Heimat in Kleinasien pflegte und auch weiterhin griechisch sprach, obwohl die Amtssprache Latein und die Volkssprache Keltisch war. Somit hatte Irenäus also wohl durchaus einen gewissen Bezug zu den gallischen Gemeinden. Jedenfalls war er im Jahr 177 als Presbyter in Lyon, denn zu dieser Zeit wurde er beauftragt, Bischof Eleutherus von Rom einige Schreiben der gallischen Christen zu überbringen, in denen sie sich unter anderem für Toleranz gegenüber den Montanisten einsetzten und Briefe von gallischen Märtyrern übergaben.[2] Nach dem Tod von Bischof Photinus, der in der Verfolgung unter Kaiser Marc Aurel ums Leben kam, tritt er noch im Jahr 177 dessen Nachfolge als Bischof von Lyon an.

Als der römische Bischof Viktor I. (ca. 189 - 199) im Streit um den kirchlichen Osterfesttermin die Quartadezimaner, die das Osterfest nach jüdischem Brauch genau am 14. des Monats Nisan feierten, als Häretiker aus der Kirche ausschließen wollte, trat Irenäus in einem Brief an Viktor für die Quartadezimaner ein und forderte gegenseitige Achtung und Toleranz.

Aus diesen wenigen biographischen Daten wird schon ersichtlich, daß Irenäus eine herausragende Persönlichkeit in der Kirche des 2. Jahrhunderts gewesen sein mußte. Er trat als Vertreter der Gemeinden Galliens auf und hatte auch auf gesamtkirchliche Vorgänge einen gewissen Einfluß. Sein Name wird in den Schriften vieler Theologen der alten Kirche genannt.

Sein berühmtestes Werk sind die fünf Bücher Adversus haereses („Überführung und Zurückweisung der fälschlich so genannten Gnosis“). Außerdem ist von ihm die Epideixis („Erweis der apostolischen Verkündigung“) erhalten.

Über seinen Tod (um 200) gibt es keine sicheren Nachrichten. Er wurde erstmals von Hieronymus als Märtyrer bezeichnet, was aber vermutlich nicht der Wahrheit entspricht.

2 Was ist „die“ Gnosis?

2.1 Entstehung

Was im folgenden als Gnosis bezeichnet wird, meint eine in der Spätantike, etwa zeitgleich mit dem Christentum entstandene Religion, die im zweiten bzw. dritten Jahrhundert nach Christus ihre Blütezeit erlebte und dadurch auch eine Bedrohung für die Kirche darstellte. Sie breitete sich rund um das Mittelmeer aus und kam im dritten Jahrhundert bis Zentralasien. Über ihre genaue Herkunft ist nichts bekannt. Vermutlich ging die Gnosis von Bevölkerungsgruppen aus, die im öffentlichen Leben kein Mitbestimmungsrecht hatten und die deshalb ihr Heil in einem weltflüchtigen und materiefeindlichen Glauben suchten.

2.2 Theologie der Gnosis

Eine eindeutige Darlegung der gnostischen Lehre ist nicht möglich, weil es keine genau festgelegte Lehre gibt. Die Gnosis hat nämlich verschiedenste Ausprägungen entwickelt, weil sie genaugenommen keine in sich festgelegte Religion ist, sondern auf religiöse, mythische und philosophische Traditionen, die sie in ihrer Umwelt vorfindet, zurückgreift und diese für sich umdeutet. So entstand auch eine christliche Gnosis, die besonders im zweiten und dritten Jahrhundert durch diesen ihr eigenen parasitären Charakter die Kirche zu untergraben versuchte.

2.2.1 Das gnostische Gottesbild

Die Gnosis geht von einem dualistischen Gottesbild aus: Es gibt einen oberen, geistigen und guten Gott, der mit der materiellen Welt nichts zu tun hat, sondern zusammen mit anderen Lichtwesen (Äonen) im unzugänglichen Lichtreich, dem Pleroma wohnt. Die materielle Welt wurde von einem bösen, unwissenden Gott, dem Demiurgen erschaffen. Dieser Demiurg wird in der christlichen Ausprägung der Gnosis meistens mit dem Gott des Alten Testaments und der Juden gleichgesetzt, während der obere Gott dem Gott Jesu Christi und des Neuen Testaments entspricht.

2.2.2 Gnostische Weltentstehungsmythen

Über die Erschaffung der materiellen Welt gibt es bei den Gnostikern verschiedene Auffassungen. Eine Vorstellung geht davon aus, daß ein Lichtwesen aufgrund von ¥gnoia, also Unwissenheit, dem Gegenteil von Gnosis, oder durch p£qoj, also Leidenschaft, einem fehlgeleiteten Verlangen, etwas für es selbst unmögliches wollte. Dadurch stürzte dieses Wesen aus dem Pleroma ab und bewirkte so zusammen mit dem Demiurgen die Entstehung der Welt. Dabei vermischten sich Teile aus der oberen Welt mit der Materie, es wurden also Lichtfunken in die Materie eingeschlossen.

Ein anderer gnostischer Mythos geht davon aus, daß es durch einen Kampf zwischen Lichtwesen und Mächten der Finsternis zu dieser Vermischung von Licht und Materie kam.

2.2.3 Der Begriff der Erlösung in der Gnosis

Jedenfalls war die Erschaffung der Welt ein Unfall, für den jedoch der obere Gott nicht verantwortlich ist. Daraus ergibt sich, daß für den Gnostiker die materielle Welt den Inbegriff des Bösen darstellt. Der Mensch, bzw. sein Geist-Selbst, der göttliche Lichtfunke in ihm, ist in der Materie wie in einem Gefängnis eingesperrt. Die Erlösung des Menschen besteht nun in der Erkenntnis (gnîsij) seines eigenen Geist-Selbst, des göttlichen Samens, den er in sich trägt und damit auch der Erkenntnis seiner eigenen Göttlichkeit. Der Mensch erkennt nun die Gottheit, von der er ursprünglich stammt und deren Teil er durch diesen göttlichen Samen ist. Er kennt nun seinen Ursprung und auch sein Ziel, nämlich die Rückkehr ins Pleroma. Die verschiedenen gnostischen Schulen sind sich jedoch nicht darüber einig, ob tatsächlich jeder Mensch einen solchen Funken aus dem Lichtreich in sich hat, oder ob es nicht Menschen gibt, die nur aus Materie bestehen und deshalb überhaupt nicht zur Erkenntnis fähig sind. Die letztere Auffassung gab jedenfalls vielen Gnostikern eine einfache Erklärung, wenn jemand ihren Lehren widersprach.

Diese Erkenntnis wird den Menschen durch einen Boten des oberen Gottes überbracht. In der christlichen Gnosis wird Christus als ein solcher Bote gesehen. Somit besteht nach gnostischer Auffassung die Erlösungstat Christi einzig und allein darin, daß er Kunde von dem bisher unbekannten guten Gott, dem Gott der Liebe, gebracht hat.

[...]


[1] Vgl. Irenäus von Lyon: Adversus haereses lib. III, 3,4 (SChr 211, 38): „... quem et nos uidimus in prima nostra aetate“.

[2] Vgl. Eusebius: Historica ecclesiastica V, 3,4 - 4,2 (SChr 41, 26 - 28).

Details

Seiten
20
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783638828796
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77496
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,3
Schlagworte
Motive Absichten Irenäus Lyon Auftritt Gnosis

Autor

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