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Beau Brummell - Historische Rezeption des Urtyps der Dandys und dessen Einfluss auf die Gesellschaft und die Mode des 19. Jahrhunderts

Hausarbeit 2005 32 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie von George Bryan Brummell
2.1. Geburt und Elternhaus
2.2. Schullaufbahn und Militärdienst
2.3. Zeit nach dem Militärdienst
2.3.1. Brummells schneller Ruhm
2.3.2. Exkurs: Der Gentleman-Begriff
2.3.3. Brummells Verhältnis zu Frauen – Love affairs
2.3.4. Gründe für die Protektion durch den Prinzen von Wales
2.4. Zeit nach der Freundschaft zum Prinzregenten
2.4.1. Leben im französischen Exil bis zum Tod
2.4.1.1. In Calais von 1816 bis 1830
2.4.1.2. Brummells letzte Lebensjahre in Caen

3. Beau Brummell und die Mode der Regency-Zeit
3.1. Mode im ausgehenden 18. Jahrhundert
3.1.1. In Frankreich
3.1.2. In England
3.2. Brummell - der Mode-Reformer
3.3. Anekdoten eines arbiter elegantiarum

4. Der Mythos des „großen Dandy“ bei Jules Amédée Barbey d’Aurevilly

5. Schlusswort

6. Bibliographie

1. Einleitung

London zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Es ist die so genannte Regency-Periode, abgeleitet von der Regentschaft George Augustus, Prince of Wales, dem späteren George IV., die von 1811 bis 1830 dauert. Zu dieser Zeit machte ein Mann besonders von sich zu reden: Beau Brummell, der schließlich als König der Dandys in die Geschichte eingehen soll. Er war der « Arbitre des élégances, prince des dandys, roi de la mode et dictateur des clubs […]. Il donnait le ton ; ses avis avaient valeur d’arrêt. »[1]

Beau Brummell ist das Urbild des Dandys. Der Begriff des Dandys kam aber erst Mitte des zweiten Jahrzehnts auf. Die gebräuchliche Bezeichnung für jemanden, der besonderes Augenmerk auf sein Äußeres und vor allem seine Garderobe richtete, war damals der Namenszusatz „Beau“[2]. Brummell war der letzte einer „großen Dynastie englischer Modekönige“[3] angefangen mit Beau Wilson über Beau Fielding zu Beau Nash[4].

Beau Brummell war ein außerordentlicher Mensch, ein Gentleman ohne Gleichen, der seine Zeit, neben der tagfüllenden Aufgabe des sich Ankleidens und Umkleidens, vor allem mit Müßiggang vertreibt. Doch im Unterschied zu den meisten Angehörigen der fashionable world[5] stammt er aus eher einfachen Verhältnissen und gehört nicht wie die meisten Beaus oder Dandys zur Aristokratie[6]. Und dennoch ist sein Einfluss auf diese geradezu immens: Sein Wort entscheidet über gesellschaftliche Anerkennung oder Ächtung, seine Gunst gilt es zu erhaschen, um soziales Ansehen zu erlangen, selbst dann, wenn man von höchst adeliger Abstammung ist. Dabei ist es äußerst schwierig einen Dandy zu beeindrucken, da sich ein Dandy vor allem durch gespielte Gleichgültigkeit und demonstrative Gefühlskälte auszeichnet[7].

Es erscheint demnach nicht erstaunlich, dass aufgrund dieser Persönlichkeit, die einem Richter über Gut und Böse gleichzusetzen ist, ganze Nachfolgegenerationen an Dandys entstanden, die nicht nur dem authentischen Beau Brummell nacheiferten, sondern vor allem durch den Mythos des Beau in seinen Bann gezogen wurden. So existieren schon im 19. Jahrhundert zahlreiche Werke über Brummell, angefangen mit seinem berühmtesten Biographen, Captain W. Jesse[8] bis Jules Amédée Barbey d’Aurevilly[9], der in seinen biographischen Ausführungen Brummell zu einem unerreichbaren Wesen stilisiert. Françoise Coblence[10] konstatiert über Brummell: « […] personnage mythique, modèle du dandysme ou plutôt référence de dandysmes diversifiés, ses attitudes, traits d’esprit, préceptes imprègnent et inspirent les romans „fashionables“ de l’époque »[11]. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit soll jedoch auf der historisch-positivistischen Biographie von Captain William Jesse liegen, die durch die, allerdings weniger umfangreiche Analyse der mythischen Rezeption des Barbey d’Aurevilly ergänzt wird.

Im ersten Teil soll zuerst auf den Werdegang des Beau, durch die Schilderung seiner familiären Umstände, der Schulausbildung und des Militärdienstes eingegangen werden. Ferner soll auch auf die Freundschaft, die Brummell zum Prinzregenten pflegte und den dadurch resultierenden Einfluss eingegangen werden, sodann soll den letzten Lebensjahren im Exil Aufmerksamkeit geschenkt werden. Danach möchte ich mich der Darstellung seiner Impertinenz und Gleichgültigkeit nach Dandy-Manier anhand einiger Anekdoten widmen. Darauf folgend werde ich mich Brummells Einfluss auf die Mode im Zusammenhang mit einem kurzen Abriss der Mode in Frankreich und England im 18. und 19. Jahrhundert zuwenden. Im vierten Kapitel soll dann auf den oben erwähnten Brummell-Mythos des Barbey d’Aurevilly eingegangen werden, um letztlich mit einer Schlussbetrachtung zu enden.

2. Biographie von George Bryan Brummell

2.1. Geburt und Elternhaus

George Bryan Brummell wurde am 7. Juni 1778 als jüngster Sohn des Privatsekretärs William Brummell des damaligen Premierministers Lord North und als Enkel eines Dienstboten - dies ist aber bis heute nicht genau bekannt - geboren[12]. Er hatte einen älteren Bruder, William, und eine Schwester[13]. Seine Mutter Jane Brummell war eine geborene Richardson, die Tochter eines Lotteriebesitzers. Diese Heirat war nicht im Sinne der Familie Richardson, die sich für ihre jüngste Tochter einen prestigeträchtigeren Ehemann erhofft hatte[14].

In George Brummells Elternhaus in Donnington[15] verkehrten bedeutende Menschen. So waren der Politiker Charles James Fox und der Stückeschreiber Richard Sheridan oft im Hause Brummell anzutreffen. Vor allem Sheridan kann als Präger Brummells späterem Hang zum Vergnügen angesehen werden[16].

Brummells Vater brachte es zu beträchtlichem Wohlstand, erwarb Landbesitz und damit den Status eines country gentlemen[17]. Unglücklicherweise verstarb seine Frau im Jahre 1793 und am 17. März 1794, genau ein Jahr und ein Tag später folgte auch er ihr in den Tod. George Brummell war zu dieser Zeit gerade fünfzehn Jahre alt und Vollwaise. Seine Eltern hinterließen den drei Kindern die stattliche Summe von 65000 Pfund, und Georges Anteil wurde einem Treuhänder bis zu seiner Volljährigkeit anvertraut[18].

2.2. Schullaufbahn und Militärdienst

George Brummell wurde 1790 auf die Eliteschule Eton geschickt. Dort fiel er aufgrund seines Kleidungsstils, aber auch durch seine exzellenten Manieren auf, und man gab ihm den Spitznamen „Buck“ – der Begriff Dandy existierte seinerzeit noch nicht. Die Spitznamen für Stutzer waren damals „Macaronis“, „Beaux“ oder „Bucks“, so wie auch bei Brummell. Er war zudem sehr beliebt unter den „Etonians“ und wurde als cleverer, aber auch fauler Schulkamerad beschrieben[19].

Nach Eton ging er 1793 auf das Oriel-College in Oxford. Brummell bemühte sich dort um Kontakte zu Studierenden aus den besten Familien. Er war als junger Mann ein Snob, ein so genannter „tuft hunter“[20]. Die Kontaktsuche betrieb er so konsequent, dass keine Zeit mehr für das eigentliche Studium blieb: „He consumed a considerable quantity of midnight oil; but very little of it over his books […]”[21]. Schließlich verließ Brummell das Oriel-College, um zum Militär zu gehen[22].

Der Beau wurde im Alter von sechzehn Jahren Kornett, der jüngste Offizier und Fahnenführer bei der Kavallerie im Zehnten Hausregiment, bei den „Tenth Hussars, das vom Prinzen von Wales befehligt wurde. Die Zugehörigkeit zu den Tenth Hussars, die zwischen London und Brighton alternierten, bedeutete Umgang mit Abkömmlingen der höchsten Gesellschaftskreise, wie beispielsweise Lord Petersham, Lords R.E. Somerset, Charles Ker, Charles und Robert Manners, Bligh und Lumley. Über die Bekanntschaft des Beau mit dem Prinzen gibt es mehrere Versionen: Captain Jesse schreibt, dass Brummell nach eigener Aussage schon in Eton auf der Terrasse des Windsor Palace die Bekanntschaft des Prinzen gemacht hat[23]. Cole, ein weiterer wichtiger Biograph Brummells, behauptet, Brummell sei durch dessen Vater bei Hofe eingeführt worden und habe so den Prinzen kennen gelernt[24]. Ebenso existiert aber auch die Version, dass der Prinz, begleitet von der Marquise de Salisbury, im Green Park spazieren ging und der Neffe der Marquise, den sie dort zufällig trafen, Beau Brummell war. Daraufhin soll der Prinz sehr von diesem Jungen angetan gewesen sein und wollte ihn deshalb bald wiedersehen[25].

Brummell vernachlässigte den Wehrdienst, war jedoch bei seinen Kameraden sehr beliebt – trotz seiner Extravaganz, denn er besaß augenscheinlich Geschmack, kannte amüsante Geschichten, und zudem zeichnete er sich durch Witz, Geist, Schlagfertigkeit und feinen Humor aus. Er war jedoch nicht oft bei seinem Regiment anzutreffen, da er so oft wie möglich versuchte, den Prinzregenten zu treffen. So heißt es gar, dass er seine eigene Truppe nicht erkannte, wenn er sich denn einmal bei ihnen einfand. Er orientierte sich deshalb an einer bestimmten Person seines Regiments, einem Mann mit einer großen, blauen Nase. Wenn er dann zu einer Parade erschien, meist mit zehnminütiger Verspätung, galoppierte er die Parade so lange entlang, bis er den Mann mit der blauen Nase sah. Dort nahm auch er dann schließlich seinen Platz ein[26]. Brummell stieg im Militär schnell auf und wurde schon drei Jahre nach seinem Eintritt in den Militärdienst zum „captain“[27] ernannt[28].

1789 verließ er das Regiment schließlich. Die wirklichen Gründe hierfür sind unklar: Einerseits könnte es sein, dass er nicht nach Manchester verlegt werden wollte, weil er sonst der Nähe des Prinzen beraubt worden wäre, andererseits ist auch möglich, dass er aufgrund des beim Militär obligatorischen Haarpuders ging, weil dieses für ihn ein Stilbruch darstellte[29].

2.3. Zeit nach dem Militärdienst

Ein Jahr nach seinem Austritt, als nun Volljähriger, bekommt Brummell sein Erbe von nunmehr dreißigtausend Pfund ausbezahlt. Das Kapital hätte normalerweise, gut angelegt, einem Junggesellen ein sorgenfreies Leben verschaffen können. Brummell beschloss aber, sein Leben ausschließlich dem Vergnügen zu widmen. Er zog alsdann in eine eigene Wohnung nach Mayfair in die Chesterfield Street 4, die er geschmackvoll, aber nicht üppig einrichtete, da dies nicht seinem Stil entsprach. Nicht ganz so sehr betucht verzichtete er schließlich auf einen eigenen Wagen, hielt sich aber zwei Pferde, einen Diener und einen Koch. Er gab kleine, aber sehr feine Diners, an denen von Zeit zu Zeit auch der Thronfolger teilnahm. Es kristallisierte sich nach und nach sein Lebensziel heraus, nämlich das, ein perfekter Gentleman zu werden. Physisch hatte er hierfür die besten Grundvoraussetzungen, denn er war groß und schlank mit wohlgeformtem Kopf, hatte ein längliches Gesicht und lockiges hellbraunes Haar. Sein Gesicht wies ein auffällig lebendiges Mienenspiel auf und einen leicht spöttischen Ausdruck von Mund- und Augenpartie[30].

2.3.1. Brummells schneller Ruhm

Sein untrüglicher Geschmack in Stil-Fragen verhalf dem Beau zu einer führenden Rolle in der eleganten Welt Londons. Er hatte Mitgliedschaften in den berühmtesten Klubs der damaligen Zeit, Brook’s und White’s, in denen neben dem Spiel auch Geschäften nachgegangen wurde. Er war auf exklusiven Bällen bei Almack’s und war sich der Freundschaft und Protektion des Prinzen von Wales und weiterer Mitglieder des Königshauses und des Hochadels sicher. Coblence schreibt hierzu « […] Brummell donnait le ton. Laissant le prince loin derrière lui, il ne tarda pas à devenir le despote de la mode »[31]. Im Alter von 21 Jahren galt er schon als arbiter elegantiarum, der darüber befand, wie man sich zu kleiden oder zu benehmen hatte. Er war so gefragt, dass keine exklusive Party ohne ihn stattfand. Seine Macht erstreckte sich von den Klubs bis zu den Landsitzen, von der Oper bis zu den Ballsälen: Die Morgenzeitungen, die über die „routs“[32] berichteten, nannten seinen Namen an erster Stelle der Gäste ohne Titel[33].

Brummell verdankte seine Karriere nicht nur ganz besonderen Glücksumständen, sondern auch der Offenheit der englischen Gesellschaft für talentierte Aufsteiger. Die Grenzen des englischen Adels zum Bürgertum blieben damals durchlässig, trotz eines ausgeprägten Standesbewusstseins[34]. Sein berühmtes Dandy-Prinzip lautete « Dans le monde, tout le temps que vous n’avez pas produit d’effet, restez : si l’effet est produit, allez-vous en »[35]. Er kam demnach auf Partys, zeigte sich kurz, um sich gezeigt zu haben, und verschwand ebenso schnell wieder, da der Effekt für ihn nur eine Frage der Zeit war[36].

[...]


[1] Coblence, Françoise: Le dandysme, obligation d’incertitude, Paris 1988, S. 37.

[2] Erbe, Günter: Dandys – Virtuosen der Lebenskunst: eine Geschichte des mondänen Lebens. Köln/Weimar/Wien 2002., S. 25.

[3] ib., S. 27.

[4] cf. ib., S. 27.

[5] ib., S. 27.

[6] cf. ib., S. 27.

[7] cf. Erbe (2002), op. cit., S. 25.

[8] Jesse, Captain William: The Life of Beau Brummell. Neuausgabe, London/New York 1893.

[9] Barbey d’Aurevilly, Jules Amédée: „Du dandysme et de George Brummell". In : Kempf, Roger (Hrsg.): Sur le dandysme. Paris 1971.

[10] Coblence (1988), op. cit.

[11] ib., S. 39.

[12] cf. Jesse (1893), op. cit., S. 12.

[13] cf. ib., S. 19.

[14] cf. ib., S. 14.

[15] Ort bei Barbey d’Aurevilly mit Domington angegeben.

[16] cf. ib., S. 18 f.

[17] Erbe (2002), op. cit., S. 27.

[18] cf. Jesse (1893), op. cit., S. 18 ff.

[19] cf. Jesse (1893), op. cit., S. 24.

[20] ib., S. 26.

[21] ib.

[22] cf. ib., S. 27.

[23] cf. ib.

[24] Cole, Hubert: Beau Brummell. London 1977, S. 34.

[25] Coblence (1988), op. cit., S. 40.

[26] Jesse (1893), op. cit., S. 29 f.

[27] Das deutsche Äquivalent wäre der Rang eines Hauptmanns.

[28] Am 1. Juni 1796.

[29] cf. ib., S. 31 ff.

[30] cf. Erbe (2002), op. cit., S. 29.

[31] Coblence (1988), op. cit., S. 40.

[32] Ein rout (französisch raout) ist ein mondänes Fest.

[33] cf. Erbe (2002), op. cit., S. 29.

[34] cf. Erbe (2002), op. cit., S. 30.

[35] Barbey d’Aurevilly (1971), op. cit., S. 127.

[36] cf. ib.

Details

Seiten
32
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638830829
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77601
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Romanische Literaturen I
Note
2,0
Schlagworte
Beau Brummell Historische Rezeption Urtyps Dandys Einfluss Gesellschaft Mode Jahrhunderts Hauptseminar Dandytum Literatur

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Titel: Beau Brummell - Historische Rezeption des Urtyps der Dandys und dessen Einfluss auf die Gesellschaft und die Mode des 19. Jahrhunderts