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Arbeitssucht in Organisationen: Geschlechtsspezifische Unterschiede

Bachelorarbeit 2007 47 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Hintergründe zum Phänomen Arbeitssucht
2.1 Arbeitssucht - Historischer Abriss, Begriff und Forschung
2.2 Arbeitssucht als Verhaltensucht
2.3 Zur geschlechtsspezifischen Wahrnehmung der Arbeitssucht
2.3.1 Forschung über Arbeitssucht unter dem Genderaspekt

3 Zielsetzung einer möglichen Untersuchung

4 Konzeption und Design einer möglichen Untersuchung

5 Methoden zur Erfassung von Arbeitssucht
5.1 Das Modell von Spence und Robbins (1992)
5.2 Erhebungsinstrumente für eine mögliche Untersuchung von Arbeitssucht in Deutschland
5.3 Die Operationalisierung der möglichen Untersuchung
5.4 Beschreibung einer möglichen Stichprobe

6 Kritische Betrachtung der vorgestellten Untersuchung

7 Zusammenfassung und Ausblick

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang

1 Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist das Phänomen der Arbeitssucht. In der Suchtforschung geht man davon aus, dass jegliches Verhalten süchtig entgleisen kann. Daher scheint eine Übertragung auf das menschliche Arbeits verhalten nicht fernzuliegen. Tatsächlich ist für manche Menschen Arbeit eine Droge mit allen Konsequenzen einer Suchtkrankheit. Und obwohl in der populärwissenschaftlichen Literatur (Fassel, 1994; Oates, 1971), in Presse, Rundfunk und Fernsehen immer häufiger über Arbeitssucht berichtet wird, ist dieses Phänomen in den traditionellen Forschungsfeldern für Sucht, wie Medizin, Psychologie und Soziologie, bisher eher vernachlässigt worden. Stefan Poppelreuter (1997) erklärt diese wissenschaftliche Lücke folgendermaßen: „Das Forschungsdefizit in diesem Bereich ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die These der möglichen Schädlichkeit des süchtigen Arbeitens [...] Grundüberzeugungen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems zu attackieren scheint, und von daher mit Vehemenz und Rigidität zurückgewiesen wird“ (S. 53). Diese ideologisch besetzte Erklärung bezieht sich auf den gesellschaftspolitischen Rahmen, in dem Arbeitssuchtforschung betrieben wird. Doch auch innerhalb der empirischen Forschung stößt man auf Probleme und Schwierigkeiten, die den lückenhaften Forschungsstand über das Phänomen erklären. Beispielsweise sind das Aufstellen einer einheitlichen Definition der Arbeitssucht und die Entwicklung eines umfassenden Messinstrumentariums bislang vernachlässigt worden (vgl. Scott, Moore & Miceli, 1997).

Aus diesen Gründen ist es wenig verwunderlich, in der Literatur oft widersprüchliche Meinungen, Beobachtungen und Schlussfolgerungen über Arbeitssucht zu finden. Einige Autoren sehen arbeitssüchtiges Verhalten als etwas positives (Korn, Pratt & Lambrou, 1987; Machlowitz, 1986), andere warnen vor ihren negativen Auswirkungen (Fassel, 1991; Killinger, 1991; Schaef & Fassel, 1988; Oates, 1971).

Die vorliegende Arbeit soll dazu beitragen, der Arbeitssuchtforschung in Deutschland Impulse und Anknüpfungspunkte für weitere Studien zu geben, um die Auseinandersetzung mit dieser Verhaltenssuchtform in gesundheits- und gesellschaftspolitischer Hinsicht ernsthafter voranzutreiben. Dabei werden zwei Schwerpunkte gesetzt. Ein Schwerpunkt liegt in der Erforschung potenzieller Genderdifferenzen bzw. geschlechtsspezifischer Wahrnehmung von Arbeitssucht und arbeitssüchtigem Verhalten in Deutschland. Meines Erachtens ist der Genderaspekt ein wichtiges und erkenntnisleitendes Kriterium für die Arbeitssuchtforschung, denn einerseits haben für andere Sprach- und Kulturräume bereits Erhebungen stattgefunden (Burke, 1999b; Burgess, Burke & Oberklaid, 2006; Doerfler & Kammer, 1986; Spence & Robbins, 1992), für die ein Vergleich mit deutschen Studien lohnenswert wäre, andererseits liegen im gegenwärtigen deutschen Diskurs über Wertewandel evidente Ergebnisse vor. So kommt bspw. Brake (2003) in einer Studie, die sich sehr detailliert mit den Wandlungstendenzen von Arbeit-Freizeit-Familie hinsichtlich des Individualisierungsdiskurses und Wertewandels beschäftigt, zu dem Ergebnis, dass für die meisten Jugendlichen keine Nachvollziehbarkeit mehr besteht, sich zeitweise für die eigene Kindererziehung freizusetzen. Dabei tritt der geschlechtsspezifische Effekt auf, dass die weiblichen Jugendlichen sich „sogar in stärkerem Maße auf Erwerbsarbeit als Sinnelement des eigenen Lebens beziehen als dies die männlichen Jugendlichen tun” (Brake, 2003, S. 293). An dieser Stelle können sehr gut hypothetische Folgerungen für weitere Forschungsarbeit anschließen: Tritt Arbeitssucht dann möglicherweise auch eher bei Frauen auf? Wie sieht die statistische Verteilung von Arbeitssuchtprofilen aus, wenn diese in geschlechtsspezifischer Hinsicht analysiert werden?

Daneben will die vorliegende Arbeit auch ein neuentwickeltes Erhebungsinstrumentarium, das bereits einmalig in Deutschland eingesetzt worden ist, durch Replikation validieren. Es handelt sich dabei um die „Workaholism-Scales-D” von Jungkurth (2005), welche m. E. für die defizitäre deutsche Arbeitssuchtforschung neues und innovatives empirisches „Handwerkzeug” hinsichtlich der Definition und Diagnose von Arbeitssucht sowie einer Profilbildung betroffener Individuen darstellen.

Auch sollen Urteile und Schlussfolgerungen, die Jungkurth (2005) aus ihren Ergebnissen gezogen hat, verifiziert und die Skalen eventuell einer weiteren Modifizierung unterzogen werden können. Die Autorin selbst empfiehlt in diesem Zusammenhang weitere Studien. Aus diesen Gründen rekurriert die vorliegende Arbeit auf das Erhebungsinstrumentarium von Jungkurth (2005), das im fünften Kapitel ausführlich dargestellt wird.

Das folgende Kapitel beleuchtet zunächst in kurzer Weise den theoretischen Hintergrund zum Phänomen der Arbeitssucht. Dabei wird gleichzeitig auf die Forschungssituation eingegangen, und es schließt sich ausgehend von der allgemeinen Suchtforschung eine spezifische Sichtweise der Arbeitssucht als eine Abhängigkeitsstörung an. Synonym für Abhängigkeitsstörung steht die Verhaltenssucht; als nicht-stoffgebundene Suchtform zählt die Arbeitssucht zu den Verhaltenssüchten (vgl. Gross, 1995). Aus dieser Perspektive wird auch die Operationalisierung einer Definition von Arbeitssucht möglich.

Im dritten Kapitel wird auf die Zielsetzung der vorgeschlagenen Untersuchung mit Hilfe von hypothetischen Fragestellungen eingegangen. Das anschließende vierte Kapitel erklärt in kurzgehaltener Darstellung das Design der Untersuchung bzw. deren Konzeption.

Ausführlich werden im fünften Kapitel mit seinen vier Unterkapiteln die Methoden beschrieben, mit denen eine Erhebung und Messung der Arbeitssucht möglich gemacht werden. Dabei wird explizit auf das Modell von Spence und Robbins (1992) eingegangen. Des weiteren werden vorgestellt: Das mögliche Messinstrumentarium, dazu die potenzielle Operationalisierung und anvisierte Stichprobe.

Da es sich in der vorliegenden Arbeit um einen Vorschlag für eine mögliche Untersuchung geschlechtsspezifischer Unterschiede und der Replikation eines vorhandenen Erhebungsinstruments handelt, kommt es im sechsten Kapitel zu einer kritischen Betrachtung des Untersuchungsvorschlags. Dabei werden auch Vor- und Nachteile diskutiert sowie mögliche Hindernisse für den Untersuchungsverlauf beschrieben.

Das siebte Kapitel dient abschließend der Zusammenfassung und Schlussfolgerungen.

2 Theoretische Hintergründe zum Phänomen Arbeitssucht

Das zweite Kapitel beginnt mit einem historischen Abriss der Arbeitssucht inklusive einer Begriffsbestimmung, worauf sich dann ein Überblick über Forschung und deren Stand anschließt. Ziel ist es, den Mangel an geeigneten und operationalisierbaren Definitionen der Arbeitssucht deutlich zu machen, doch trotzdem eine geeignete operationale Definition für die vorliegende Arbeit zu finden.

2.1 Arbeitssucht - Historischer Abriss, Begriff und Forschung

Den Begriff „Workaholism” (Arbeitssucht) prägte Ende der sechziger Jahre der us-amerikanische Religionspsychologe Wayne Oates (1971). Mit dieser Wortspielerei macht Oates auf die Parallelen in der Ätiologie und Symptomatologie von Alkoholismus und Arbeitssucht aufmerksam. Oates beschreibt Arbeitssucht als ein exzessives Bedürfnis nach Arbeit.

In Deutschland kam es Ende der 1970er Jahre durch den Arzt und Psychoanalytiker Gerhard Mentzel zur Eröffnung der Diskussion über das Arbeitssuchtphänomen. Mentzel veranschaulichte, „...dass das Verhalten der Arbeitssüchtigen in erstaunlichem Maße dem der Alkoholiker gleicht“ (Mentzel, 1979, S. 115).

Studien über Arbeitssucht wurden anfangs hauptsächlich in den USA, wenig später auch in Japan durchgeführt (Doerfler & Kammer, 1986; Ishiyama & Kitayama, 1994; Kanai, Wakabayashi & Fling, 1996; Machlowitz, 1986). Die Studien beleuchten aber gleichzeitig ihr unpräzises methodisches Vorgehen, denn die Resultate sind paradox: Burke (2001a) weist darauf hin, dass auf der einen Seite Arbeitssüchtige als „äußerst zufriedene und produktive Individuen“ (vgl. Killinger, 1991; Machlowitz, 1986), auf der anderen Seite als „tragische, besessene, unglückliche Individuen“ (vgl. Naughton, 1987; Oates, 1971; Porter, 1996) beschrieben werden (S. 65).

Im deutschsprachigen Raum wurde die erste wissenschaftliche Studie über Arbeitssucht von Poppelreuter (1997) durchgeführt. Poppelreuters empirische Untersuchung zielt ausdrücklich auf die Symptomatik der Arbeitssucht ab. Über Ursachen und Gründe dieser Suchtform kann in ihrem Rahmen allerdings nichts ausgesagt werden (vgl. Poppelreuter, 1996).

Weitere auf den deutschen Sprachraum bezogene wissenschaftliche Abhandlungen liefern Heide (2003), der Arbeitssucht schwerpunktmäßig aus einem soziokulturellen und historischen Zusammenhang analysiert, Grüsser und Thalemann (2006), die eine Synopsis vorhandener Literatur liefern, Meißner (2005), die Personalrisiken sowie betriebs- und personal wirtschaftliche Auswirkungen der Arbeitssucht untersucht und Jungkurth (2005), die das Konstrukt Arbeitssucht mit dem Konstrukt der sozialen Unterstützung vernetzt. Auf die Studie von Jungkurth (2005) wird später noch näher eingegangen.

Einheitliche empirisch-wissenschaftliche Schlussfolgerungen können aus den vorhandenen Studien über Arbeitssucht bisher nicht gezogen werden (Burke, 1999a). Der Grund dafür liegt in einem Mangel an eindeutigen Forschungskonzepten, klaren operationalen Definitionen und validen Maßstäben zu diesem psychologischen Konstrukt (Burke, 2001b; McMillan, Brady, O´Discroll & Marsh, 2002; Scott, Moore & Miceli, 1997). Umstritten ist aus diesen Gründen auch, ob es sich bei dem hypothetisch süchtigen Arbeitsverhalten tatsächlich um eine Sucht handelt. Denn trotz seiner weiten Verbreitung hat sich der Begriff Arbeitssucht bislang nicht in der offiziellen medizinisch-psychiatrischen und psychologischen Diagnostik durchsetzen können (Poppelreuter & Evers, 2000). In den internationalen Diagnosemanualen DSM-IV-TR (2003) und ICD 10 (2000) ist die Arbeitssucht - wie alle stoff un gebundenen Suchtformen - nicht als diagnostische Kategorie vertreten. Auch über die diagnostische Einordnung des Phänomens gibt es unterschiedliche Ansichten. Diskutiert werden derzeit Zusammenhänge zwischen arbeitssüchtigen Verhaltensweisen und bestimmten Indikatoren für die persönliche physische bzw. psychische Gesundheit. Bis auf wenige Ausnahmen (Korn, Pratt & Lambrou, 1987; Machlowitz, 1986) geht man davon aus, dass es sich bei arbeitssüchtigem Verhalten um selbstschädigendes Verhalten handelt. Betroffene setzen neben der eigenen Gesundheit auch ihre sozialen, insbesondere familiären Beziehungen aufs Spiel (Burke, 2000; Robinson, 1997; Schneider & Bühler, 2001).

Bezogen auf das Funktionieren einer Organisation gibt es noch keine Übereinstimmung darüber, ob arbeitssüchtiges Verhalten positive (Machlowitz, 1986; Killinger, 1991) oder negative Auswirkungen hat (Meißner, 2005; Oates, 1971; Schaef & Fassel, 1988).

Die Folgen von Arbeitsbelastungen und Überbeanspruchung für das Individuum bzw. für eine Organisation forcieren Handlungs- und Interventionsbedarf, denn die Frage, ob Arbeitssucht reduziert werden kann oder sollte, gewinnt zunehmend an Wichtigkeit (Killinger, 1991; Porter, 1996). Robinson (1996, 1997, 2000b) mahnt die negativen Auswirkungen arbeitssüchtigen Verhaltens auf die psychosozialen und familiären Dimensionen an. Meißner (2005) zeigt in ihrer Untersuchung, wie weit Unternehmen noch davon entfernt sind, die Arbeitssuchtproblematik in das Personalrisikomanagement zu implementieren und einer arbeitssuchtfördernden Unternehmenskultur entgegenzuwirken.

Im folgenden Unterkapitel wird Arbeitssucht unter dem Paradigma der Abhängigkeitsstörung, also als Verhaltens sucht betrachtet. Diese Perspektive ermöglicht das Finden einer operationalisierbaren Definition der Arbeitssucht, auf deren Basis dann ein Untersuchungsdesign gestaltet wird. Der Suchtbegriff im Allgemeinen wird zu Anfang definiert, dann folgt eine kurze Erklärung darüber, wie es zu süchtigem Verhalten kommen kann.

2.2 Arbeitssucht als Verhaltenssucht

Sucht wird allgemein definiert als „unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Gefühls-, Erlebnis- und Bewußtseinszustand” (Gross, 1995, S. 13). Doch „[m]an wird nicht von einer Droge abhängig, sondern von dem Gefühls-, Erlebnis- oder Bewußtseinszustand, der durch das süchtige Verhalten hervorgerufen wird” (Gross, 1995, S. 13). Es ist auch möglich, einen veränderten Bewußtseinszustand durch süchtig entgleiste Verhaltensweisen zu induzieren. Wenn die Kontrolle über die süchtigen Verhaltensweisen herabgesetzt oder überhaupt nicht mehr vorhanden sind, dann lautet die Diagnose “Sucht” und das Suchtmittel wird auch dann noch missbraucht, obwohl negative Auswirkungen sichtbar sind.

Gross (1995) nennt drei Faktoren, die zu einer Suchtentstehung beitragen; dazu zählen auch die stoffungebundenen Suchtformen. Als erstes ist es der Mensch selbst mit seiner persönlichen Geschichte, seinen Problemen und Schwierigkeiten. Das bedeutet, dass der Mensch selbst den Umgang mit der Droge/ des Verhaltens bestimmt. Zweiter Faktor ist dann das Suchtmittel selbst, besonders seine Griffnähe. Die Umstände und das Suchtmittel lösen den Drang zum wiederholten Gebrauch aus. Drittens nehmen auch die Gesellschaft und ihre Akzeptanz des Mittels bzw. süchtigen Verhaltens (z.B. Normen, Gesetze, Moral, Kultur, etc.) Einfluss auf eine Suchtentstehung. Gerade der letztgenannte dritte Faktor ist im Zusammenhang mit der Entstehung von Arbeitssucht interessant, denn Arbeiten und Vielarbeiter haben in westlichen Industrienationen ein hohes Ansehen (Calvinismus, Protestantismus, Tugenden wie Leistung und Fleiß).

Durch Einbezug der Arbeitssucht als Verhaltenssucht, lassen sich diagnostische Kriterien und das klinische Erscheinungsbild einer Abhängigkeitserkrankung beschreiben (Grüsser & Rosemeier, 2004; Holden, 2001; Krischke, 2003). Darüber hinaus integriert der Begriff Verhaltenssucht zwei Konzepte, die allgemein Suchtverhalten erklären. Suchtverhalten wird einerseits durch direkt auf das Gehirn wirkende pharmakologische Substanzen andererseits durch indirekt als belohnende Verstärker wirkende Verhaltensweisen ausgelöst. Zu beachten ist dabei aber, dass bis heute keine Messergebisse vorliegen, die analoge Daten bezüglich der physischen Abhängigkeit von körpereigenen Substanzen liefern.

Der defizitäre Forschungsstand aufgrund fehlender einheitlicher Konzepte und Definitionen zur Arbeitssucht ist bereits erwähnt worden. Zudem fehlt es an psychometrischen Ansätzen für die Erforschung und Beschreibung von Eigenschaften arbeitssüchtiger Individuen. Zwei der wichtigsten, da meistgenutzten Ansätze zur Messung der Arbeitssucht sind (a) der Work Addiction Risk Test WART (Flowers & Robinson, 2002; Robinson, 1998, 2000b; Robinson & Phillips, 1995) und (b) die Workaholism-Testbatterie WorkBAT (Burke, 2001b; McMillan, O´Discroll, Marsh & Brady, 2002; Spence & Robbins, 1992). Der Work Addiction Risk Test wird anschließend sofort kurz dargestellt, während auf die WorkBAT wegen ihrer Komplexität im weiteren Verlauf dieser Arbeit näher eingegangen wird.

Der Work Addiction Risk Test setzt sich aus 25 Items zusammen, welche auf einem 4-er Rating (“trifft nie zu”, “trifft manchmal zu”, “trifft oft zu”, “trifft immer zu”) beantwortbar sind. Zur Identifizierung des Arbeitssuchtprofils werden diese einzelnen Skalenwerte addiert. Robinson (2000a) bezeichnet seinen Selbsttest zwar „als klinisch brauchbar” (S. 72), aber „...eine klare Abgrenzung und Definition von Arbeitssüchtigen zu Nicht-Arbeitssüchtigen ist [...] auch hier nicht erkennbar und eine Identifikation der Arbeitssuchttypen (Anfallkranker Workaholic, Unermüdlicher Workaholic, Genießerischer Workaholic, Fürsorglicher Workaholic), die Robinson (2000a) proklamiert, bleibt auch ungeklärt” (Jungkurth, 2005, S. 37). Die vier Arbeitssuchttypen stellt der Autor zweidimensional dar, wobei einmal der Grad der „Arbeitsinitiative”, das andere mal die Qualität zum „Abschluss der Arbeit” aufgeführt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.1: Arbeitssuchttypen nach Robinson (2000a, S. 71)

Eine weitere Definition der Arbeitssucht liefern Scott, Moore und Miceli (1997) über die Identifikation dreier typischer Verhaltensweisen: Ein Workaholic arbeitet zu Zeiten, in denen keine Notwendigkeit zur Arbeit besteht; er denkt ununterbrochen an Arbeit, auch in der Freizeit; er arbeitet mehr als es sein Job bzw. seine wirtschaftliche Situation erfordern. Die Autoren identifizieren aus ihrer Definition drei Merkmale der Arbeitssucht: 1. zwanghafte Abhängigkeit, 2. Perfektionismus und 3. Leistungsorientierung.

Daneben haben Spence und Robbins (1992) vom Konstrukt Arbeitssucht eine dichotome Vorstellung. Für ihr Modell zur Erforschung der Arbeitssucht postulieren sie zwei Arbeitssuchttypen: den Workaholic und den Enthusiastic Workaholic. Im Gegensatz zum WART von Robinson (2000a) stellen die Forscherinnen für die Entwicklung ihres Messinstrumentariums der „Workaholic-Scales” eine operationale Definition der beiden Arbeitssuchttypen auf. Die operationale Definition von Spence und Robbins (1992) basiert auf drei voneinander unabhängigen Dimensionen und beschreibt einen Workaholic als hoch arbeitsinvolviert, der aber ein zwanghaftes Gefühl zu arbeiten empfindet, und wenig Spaß an seiner Arbeit hat. Ein Enthusiastic Workaholic zeigt dagegen in allen drei Dimensionen hohe Zustimmung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.2: Arbeitssuchttypen nach Spence und Robbins mit den Mittelwerttendenzen (1992)

Eine globale Definition der Arbeitssucht versuchen McMillan, O´Discroll, Marsh und Brady (2001). Sie definieren Arbeitssucht als ein Widerstreben, von der Arbeit Abstand zu gewinnen und daher überall und immer zu arbeiten oder zumindest gedanklich immer mit Arbeit beschäftigt zu sein. Die Autoren unterteilen die bisher in der Literatur aufgestellten Definitionen von Arbeitssucht in drei unterschiedliche Ansätze:

1. Der dynamische Ansatz zielt schwerpunktmäßig auf die Funktion und die Wirkung einer Verhaltensweise ab; arbeitssüchtiges Verhalten dient demnach vornehmlich dazu, sozialen Kontakten im Allgemeinen und der Verantwortung für Familie und Freunde im Besonderen aus dem Weg zu gehen, gleichzeitig aber Anerkennung von Kollegen und Vorgesetzten zu erhalten (Robinson, 2000a).
2. Der deskriptive Ansatz setzt sich mit der Struktur und individuellen Relevanz einer Verhaltensweise auseinander und bewertet diese oftmals, beispielsweise als exzessiv, vernachlässigend, zwanghaft, perfektionistisch, usw. (Oates, 1971; Robinson, 2000a; Scott, Moore & Miceli, 1997).
3. Der operationalisierte Ansatz will die exakten Komponenten oder Verhaltensweisen, die wesentlich für das Auftreten arbeitssüchtigen Verhaltens sind, genau beschreiben (Burgess, Burke & Oberklaid, 2006; Burke, 1999a, 1999b, 2001b; Jungkurth, 2005; Spence & Robbins, 1992).

Die vorliegende Arbeit rekurriert auf den dritten Ansatz, denn sein Kern bildet das Modell von Spence und Robbins (1992). Die Forscherinnen untersuchen mit ihrer Testbatterie WorkBAT u.a. geschlechtsspezifische Unterschiede innerhalb der von ihnen gefundenen Arbeitssuchtprofile. Auf eine geschlechtsspezifische Wahrnehmung der Arbeitssucht, die auch einen Schwerpunkt der hier vorgeschlagenen Untersuchung bildet, wird im folgenden Unterkapitel näher eingegangen.

2.3 Zur geschlechtsspezifischen Wahrnehmung der Arbeitssucht

In der empirischen Forschung lassen sich verschiedene Profile arbeitssüchtiger Individuen identifizieren. Nach einer Typologisierung können innerhalb der Profile weitere statistisch spezifische Differenzierungen vorgenommen werden (Burke, 1999b; Doerfler & Kammer, 1986; Spence & Robbins, 1992). Die vorliegende Arbeit zielt auf potenzielle geschlechtsspezifische Unterschiede innerhalb der Arbeitssuchttypen ab. Zwei Beobachtungsstränge sind zur Aufdeckung der Unterschiede möglich: Erstens lassen sich gesundheitsschädigende Folgen arbeitssüchtigen Verhaltens analysieren, wobei geschlechtsspezifische Unterschiede im biologischen Sinne fokussiert werden, zweitens können Unterschiede zwischen den Geschlechts rollen erforscht werden. Das Geschlecht in einem soziologischen Rollenverständnis bezeichnet man als „Gender”.

Gender ist ein wissenschaftliches Konstrukt, mit dessen Hilfe biologische Geschlechtsdifferenzen einer kulturellen Deutung zugänglich gemacht werden. „Gender bezeichnet das ‚soziale Geschlecht’. Gender beschreibt die geschlechtsspezifischen und geschlechtstypischen Verhaltens- und Rollenerwartungen im Kontext von Kultur und Gesellschaft“ (Welpe & Schmeck, 2005, S. 21). In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwieweit gesellschaftliche Dimensionen – hier die Dimension Gender – in der Wahrnehmung stoffungebundener Suchtformen berücksichtigt bzw. einbezogen werden.

Als Ergebnis ihrer Analyse verschiedener Erhebungen erhält Wolf (2003) eine Verteilung stoffungebundener Suchtformen, die sie in Bezug auf das Geschlechtsverhältnis phänomenologisch darstellt: Spiel-, Arbeits- und Sexsucht sind zu 80 bis 90% den Männern zugeordnet, während sich Liebessucht, Anorexie, Bulimie und Co-Abhängigkeit zu 80 bis 90% bei den Frauen finden lassen. Doch die Autorin verweist auf „fatale Folgen [...], wenn Handlungsweisen aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit gesellschaftlich toleriert bzw. anerkannt werden“ (Wolf, 2003, S. 90). Denn wenn bestimmte Verhaltensweisen durch Rollen erwartungen eingefordert bzw. legitimiert werden, dann gelten implizit die Verhaltensweisen als etwas Natürliches und im sozialen Kontext als etwas Selbstverständliches. Will man nun arbeitssüchtiges Verhalten unter dieser Vorausetzung beobachten, wird es schwieriger gleichzeitig dessen „pathologische Dimension offen zu legen“ (Wolf, 2003, S. 91).

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Details

Seiten
47
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638780582
ISBN (Buch)
9783638910132
DOI
10.3239/9783638780582
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77644
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
Arbeitssucht Organisationen Geschlechtsspezifische Unterschiede

Autor

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Titel: Arbeitssucht in Organisationen: Geschlechtsspezifische Unterschiede