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Der Mythos der "italiani brava gente" - Der Antisemitismus im faschistischen Italien

Zur Vergleichbarkeit von deutschem und italienischem Antifaschismus

Hausarbeit 2007 27 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der italienische Antisemitismus in der historiographischen Diskussion

3. Antisemitismus im faschistischen Italien
3.1 Entwicklungen und Phasen
3.1.1 Vorfaschistischer Antisemitismus
3.1.2 Faschistischer Antisemitismus
3.2 Die Gründe für die Entstehung der Rassengesetze und der Einfluss 11 Deutschlands
3.3 Die Rolle Mussolinis
3.4 Das Verhalten der italienische Bevölkerung

4. Faschismus und Antisemitismus - die italienische Ausprägung im Lichte eines deutschen Phänomens

5. Schlussbetrachtung

Bibliographie

1. Einleitung

Im Jahr 1938 verabschiedete das faschistische Italien die so genannten Rassengesetze, die nicht nur eine arische italienische Rasse definierten, sondern auch alle Juden bewusst von der Zugehörigkeit dieser Rasse ausgrenzten.1 Das italienische Rassengesetz, das oftmals als Kopie der Nürnberger Rassengesetze des nationalsozialistischen Deutschlands bezeichnet wird, war die Grundlage zur systematischen Ausgrenzung der italienischen Juden aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Andererseits wird in der historiographischen Diskussion häufig die These vertreten, dass gerade der Antisemitismus und die Rassenpolitik die zentralen Unterschiede zwi- schen deutschem und italienischem Faschismus darstellen. Italien steht mit einer Über- lebenden-Quote von 85% der Juden gemeinsam mit Dänemark an der Spitze der damals besetzten Länder Europas.2 Weiterhin existiert vielerorts das Bild des „braven Italie- ners“ und in der Geschichtswissenschaft war die Verfolgung der Juden in Italien lange Zeit ein wenig beachtetes Thema.

Doch wie kam es zu dieser Darstellung und lässt sich diese verifizieren? Wie groß war der Einfluss Deutschlands? Welche Rolle spielte Benito Mussolini und inwiefern muss zwischen ihm und der italienischen Bevölkerung unterschieden werden? Und schließlich stellt sich noch die Frage, inwieweit Deutschland als Maßstab für eine Beurteilung des italienischen Antisemitismus gelten kann.

In der historiographischen Forschung sind diese Fragen lange Zeit vernachlässigt wor- den. Bis in die 1980er Jahre hinein wurde die These vertreten, dass die Rassengesetze und der Antisemitismus in Italien überwiegend durch den Einfluss des nationalsozialis- tischen Deutschlands entstanden seien. Durch neuere Forschungen3 jedoch ergibt sich ein differenzierteres Bild des italienischen Antisemitismus, das zu zahlreichen Kontro- versen führte.

Diese Arbeit will die oben gestellten Fragen aufgreifen und den Antisemitismus im fa- schistischen Italien vor diesem Hintergrund beleuchten. Zunächst wird der Verlauf der historiographischen Diskussion zu diesem Thema dargestellt und der heutige For- schungsstand aufgezeigt. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Antisemitismus im faschistischen Italien. Dabei wird auf die historischen Entwicklungen, politischen Ent- scheidungsprozesse und entscheidenden Personen sowie die Verhaltensweise der Bevölkerung Italiens eingegangen. Abschließend beschäftigt sich diese Arbeit mit der Frage der Vergleichbarkeit des Antisemitismus in Deutschland und Italien. Nicht beachtet werden können die Haltung der katholischen Kirche und die Rolle des Papstes in Bezug auf den italienischen Antisemitismus, da eine detaillierte Darstellung dieses Themenbereiches den Rahmen dieser Arbeit übersteigen würde.4

Grundlegend für das Verständnis des Faschismus ist das Werk von Stanley Payne: Ge- schichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung, Berlin 2001, weil diese aktuelle Gesamtdarstellung die wichtigen historischen Forschungsergebnisse zusammenfasst. Zur Darstellung des Antisemitismus in Italien existiert noch keine aktu- elle Gesamtdarstellung, welche auch neue Entwicklungen in der Forschung beinhaltet. Diese Arbeit stützt sich vor allem auf zwei Werke: Meir Michaelis’ Buch: Mussolini and the Jews, German-Italian relations and the Jewish question in Italy 1922-1945, Ox- ford 1978 beschreibt eingehend die politischen Entwicklungen, die in Italien mit dem Antisemitismus verbunden waren. Eine gelungene Analyse des Verhaltens der italieni- schen Bevölkerung gegenüber den Juden liefert Susan Zuccottis Werk: The Italians and the Holocaust. Persecution, Rescue and Survival, New York 1987.

2. Der italienische Antisemitismus in der historiographischen Diskussion

Der Antisemitismus und die Judenverfolgung in Italien waren lange Zeit ein vernachlässigtes Thema in der Geschichtsschreibung. Während sich die deutsche Geschichtswissenschaft in erster Linie auf den Antisemitismus in Deutschland konzentrierte, hielten italienische Forscher diesen Themenbereich für randständig, wohl auch weil die italienische Variante als vergleichsweise harmlos erschien.5

Geprägt wurde die frühe Phase der Antisemitismusdiskussion vor allem durch den in- zwischen verstorbenen römischen Historiker Renzo De Felice, der in seiner grundle- genden Gesamtdarstellung „Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo“ die Meinung vertrat, dass der Antisemitismus in Italien keine besondere Rolle spielte. De Felice führ- te die Verfolgung der Juden und das zustande kommen der Rassengesetze 1938 primär auf das Entstehen des Bündnisses mit dem nationalsozialistischen Deutschland zurück. Den Antisemitismus sah er als einen wesentlichen Unterschied zwischen dem italieni- schen und dem deutschen Faschismus an.6. Weitere historische Auseinandersetzungen mit den italienischen Juden7 trugen genauso zu einer harmlosen Darstellung des Anti- semitismus bei wie die Berichte jüdischer Überlebender, in erster Linie Primo Levis Se questo è un uomo8.

Ihren Höhepunkt erreichte die Antisemitismusdiskussion in dem Historikerstreit von 1975, der durch ein Interview De Felices ausgelöst wurde, in dem er die These vertrat, dass der Faschismus anders als der Nationalsozialismus nicht antisemitisch gewesen sei.9 Während die Diskussion anfangs stark politisch aufgeladen war,10 kam es seit Mitte der 1980er Jahre zu einer genaueren historischen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, der Judenverfolgung und dem Holocaust in Italien.

Vor allem Michele Sarfatti, Direktor des Centro di documentazione ebraica contempo- ranea in Mailand und der Florentiner Zeithistoriker Enzo Collotti argumentieren, dass die Judenfeindlichkeit und das Rassengesetz ein wesentlicher Bestandteil des italieni- schen Faschismus gewesen seien.11 Sie kritisieren die Darstellung De Felices und wei- sen unter anderem darauf hin, dass Mussolinis Entscheidung für das Rassengesetz kei- neswegs nur auf deutschen Druck zurückzuführen sei. Weiterhin werden die rassistische Kolonialpolitik Italiens sowie die antijüdischen Kampagnen auch schon vor Verkün- dung der Rassengesetze als Beleg für die Falsifizierung der These De Felices angeführt. Aufgrund des aktuellen Forschungsstandes ist heute von einer „definitiven Falsifizie- rung der schönfärberischen These des in puncto Antisemitismus ‚unschuldigen Italien’ auszugehen.“12

Der israelische Historiker Meir Michaelis identifiziert sechs aktuelle Kontroversen der historischen Forschung in Bezug auf den Antisemitismus im faschistischen Italien:13

- die historischen Wurzeln des italienischen Faschismus
- die Haltung der katholischen Kirche und des Papstes
- die Haltung der italienischen Bevölkerung
- der Widerstand gegen den Genozid in den besetzten Gebieten von 1941-1943
- die Rolle Mussolinis und
- die Rolle der Deutschen und der Italiener bei der Durchführung der Endlösung.

3. Antisemitismus im faschistischen Italien

3.1 Entwicklungen und Phasen

Um die Ausprägung des Antisemitismus in Italien zu verstehen, muss auf seine histori- schen Entwicklungen eingegangen werden. Diese sind in zwei Phasen zu unterteilen, nämlich in die Entwicklung des Antisemitismus vor und nach der faschistischen Macht- übernahme. In der Zeit des Faschismus ist nochmals zu unterscheiden zwischen den Jahren bis und nach den Rassengesetzen 1938, das einen Wendepunkt in der Judenpoli- tik Italiens darstellt.

3.1.1 Vorfaschistischer Antisemitismus

Bis zur Vereinigung Italiens 1870 war die Rechtsstellung der Juden von Staat zu Staat unterschiedlich ausgeprägt. Grundsätzlich waren Juden verpflichtet, ein Judenzeichen zu tragen, im Ghetto zu leben, sie waren von zahlreichen Berufen ausgeschlossen und durften keinen Grundbesitz erwerben.14 Dass diese Regelungen allerdings in der Praxis oftmals unterlaufen oder teilweise gar nicht beachtet wurden, bewirkte einen sehr hete- rogenen Umgang mit Juden in den einzelnen Staaten. Während in den südlichen König- reichen Neapel und Sizilien keine Juden lebten und die Gesetze somit auch keine An- wendung fanden, wurden die Rechtsbeschränkungen der Juden besonders in der Toska- na und Venedig kaum beachtet, so dass viele Juden in diese Gebiete einwanderten.

Zu einer Aufwertung der Rechtsgleichstellung der Juden kam es im Zuge der Freiheits- bewegung und der Revolution von 1848. Durch die im „statuto albertino“15 vom 4. März 1848 garantierte Rechtsgleichheit aller Bürger wurden alle Einschränkungen für Juden aufgehoben. Bis zur Einheit Italiens 1870 nahm eine große Anzahl an Juden im Rahmen des Risorgimento an dem Kampf für eine liberale Vereinigung teil und wurde als Teil dieser Freiheitsbewegung in Italien integriert. Die Emanzipation Italiens ging somit einher mit der Emanzipation der italienischen Juden.16 Das letzte Ghetto wurde 1870 in Rom geschlossen.

In der Folgezeit wurden Juden nicht nur in das tägliche Leben integriert, sondern besetzten auch entscheidende politische Ämter in Italien: Giuseppe Ottolenghi war Kriegsminister von 1902-1903, Ernesto Nathan Bürgermeister von Rom 1907-1913, Ludovico Mortara übernahm das Justiz- und Kultusministerium von 1919-1920 und Luigi Luzzatti diente als Präsident des Ministerrats von 1910-1911.17

Insgesamt zeigt sich also eine Emanzipation und Integration der italienischen Juden, die Meir Michaelis als „uniquely successful“18 bezeichnet. Antisemitismus war auf den ers- ten Blick kaum vorhanden. Dies belegen auch zahlreiche Quellen von Zeitzeugen, wie Primo Levi oder von Chaim Weizmann, von 1949-1952 erster Staatspräsident Israels:

„Die Gleichberechtigung der Juden in Italien bestand seit Generationen. Die jüdische Gemeinschaft war klein und nahm tätigen Anteil am politischen, wirtschaftlichen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leben Italiens. Die Juden unterschieden sich in nichts von ihren Mitbürgern, nur dass sie zur Synagoge statt zur Messe gingen.“19

Dennoch gab es im vorfaschistischen Italien einen Antisemitismus, der vor allem in ka- tholischen Kreisen vorzufinden war. Die 1850 von Jesuiten gegründete Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“, auf die später auch die deutsche Hetzschrift „Der Stürmer“ zurück- griff, sowie die katholisch orientierte Satirezeitung „Il Mulo“ publizierten eine Reihe von antijüdischen Beiträgen, die den Antisemitismus in der Bevölkerung salonfähig machten.20 Antijüdische Kritik innerhalb der Bevölkerung an einer jüdisch- bolschewistischen Verschwörung oder einem jüdischen Finanzmonopol war dagegen nur selten zu hören.

Es bleibt dennoch festzustellen, dass „der Antisemitismus in Italien im Vergleich zu West- und Mitteleuropa (…) nur schwach entwickelt“21 war. Michaelis identifiziert diese schwache Form als nur politischen, nicht aber rassistischen Antisemitismus.22 Insgesamt handelte es sich um „diffuse Denkmuster, die sich nicht zur bindenden Funktion für spezifisch antisemitische Parteien und Verbände eigneten, die aber in Krisensituationen durchaus Attraktivität gewinnen konnten und in katholischen Kreisen am ehesten zu mobilisieren waren.“23

Die Erklärungen für diese relativ schwache Ausprägung des vorfaschistischen Antise- mitismus in Italien sind vielfältig und unter den Historiker durchaus kontrovers disku- tiert. Als Hauptgründe werden vor allem die geringe Anzahl24 an Juden in Italien sowie die liberalen Grundwerte Italiens und die gelungene Integration der Juden in diesen Staat genannt.

Der liberale Staat nach der Einheit, der einen betont säkularen Charakter hatte und alle Religionsgemeinschaften gleichberechtigt anerkannte, förderte die Integration der jüdischen Bevölkerung. Die italienischen Juden waren in das politische und gesellschaftliche Leben in Italien voll integriert und sahen sich selbst als Italiener an.25 Weder im Handel noch im Bankwesen nahmen die Juden eine bestimmende oder gar monopolistische Stellung ein und auch die Anzahl der gemischten Ehen zwischen Juden und NichtJuden war groß, so dass der englische Historiker Jonathan Steinberg zu dem Fazit kommt: „Italian Jews, in truth, did not look Jewish“26

3.1.2 Faschistischer Antisemitismus

In den ersten Jahren nach der faschistischen Machtübernahme im Oktober 1922 gab es kaum Veränderungen hinsichtlich der Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung.

emanzipation für die Kirche zum Symbol der Moderne geworden, welche auf Entchristlichung, Liberalismus und dem Nationalstaat basiere.

Stattdessen lässt sich eine überproportionale Teilnahme der Juden an der faschistischen Bewegung beobachten, die keinen stärkeren Antisemitismus aufwies als andere politische Parteien in Italien.27

Unter den Gründern des faschistischen Kampfbundes fasci di combattimento waren am 23. März 1919 fünf Juden.28 Im Oktober 1922 gehörten 590 Juden dem Partito Nazionale Fascista (PNF) an, dessen Anteil von 2,3 Prozent aller Parteimitglieder im Vergleich zu dem jüdischen Bevölkerungsanteil überproportional groß war. Zwischen Oktober 1928 und Oktober 1933 traten mit 4920 neuen jüdischen Mitglieder rund 10 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung in die faschistische Partei ein und auch wichtige Funktionen innerhalb des Staates wurden von Juden besetzt, wie zum Beispiel der Posten des Finanzministers, den von 1932-1935 Guido Jung übernahm.

Antisemitische Übergriffe fanden in den ersten Jahren des Faschismus nur punktuell statt, sind aber nicht als bewusst geplanter Teil der faschistischen Bewegung anzuse- hen.29 Dennoch entwickelte sich durch den Nationalismus als Folge des Ersten Welt- krieges sowie durch einzelne Publikationen und Propaganda ein Nährboden für den An- tisemitismus. Roberto Farinacci, Mitglied des Faschistischen Großrats sowie erklärter Antisemit, veröffentlichte ebenso antijüdische Artikel wie Mussolinis Weggefährte Pao- lo Orano in seinem Periodikum La Lupa oder die kirchliche La Civiltà Cattolica.30

Eine erste antisemitische Pressekampagne resultierte aus einem Aufsatz mit dem Titel: Religione o Nazione, der in der faschistischen Zeitschrift Il Popolo di Roma erschienen ist und weitere Artikel nach sich zog.31 Dieser Artikel, der vermutlich von Mussolini selbst stammte, richtete sich in erster Linie gegen den Zionismus und verfolgte somit einen Antisemitismus, der politisch begründet war.

Die Wende vom Glauben an eine kulturelle Überlegenheit hin zu einem auch biologisch begründeten Antisemitismus erfolgte im Zuge der deutsch-italienischen Annäherung und des Abessinienkriegs, der zu einer Stärkung des kolonialen Rassismus führte.32 Mit der Veröffentlichung des Rassengesetzes (Manifesto della razza) vom 14. Juli 1938, das die Juden als fremde, nicht anpassungsfähige Rasse definierte33, wurde das Jahr 1938 zum Wendepunkt der Juden in Italien. Wichtige antisemitische Maßnahmen waren vor allem die Errichtung der Generaldirektion für Demographie- und Rassenfragen (Direzi- one generale per la demographia e la razza), welche die faschistische Rassenpolitik koordinierte, und die Gründung der von Telesio Interlandi geleiteten Zeitschrift La dife- sa della razza.

Ein neuer Konsensus im Jahr 1938 identifizierte 58.412 Personen als Juden, 48.032 da- von waren Italiener.34 Jüdische Schüler und Lehrer wurden aus den Schulen ausge- schlossen, ausländische Juden wurden aufgefordert, Italien zu verlassen und die Heirat mit Personen der arischen italienischen Rasse wurde verboten. Ebenso war es verboten, Geschäfte, Land oder Häuser über einem bestimmten Wert zu besitzen. Die Judenfrage war somit nach 1938 in Italien zu einem zentralen innenpolitischen Thema geworden und Juden wurden systematisch aus Politik, Staat und Gesellschaft ausgeschlossen. Auch wenn anfangs noch ein Teil der Juden durch zahlreiche Ausnah- meregeln nicht von den Gesetzen betroffen war, verschärfte die faschistische Regierung durch weitere diskriminierende Maßnahmen kontinuierlich ihren antisemitischen Kurs. Besonders nach dem Kriegseintritt Italiens am 14. Juni 1940 wurden Juden abgescho- ben und in Konzentrationslager35 interniert. Durch das Dekret vom 6. Mai 1942 wurden alle italienischen Juden - Frauen wie Männer - zwischen 18 und 55 Jahren zur Zwangs- arbeit verpflichtet, auch wenn es faktisch keinen Mangel an Arbeitskräften gab.36 Zu einer wesentlichen Veränderung der jüdischen Lebensbedingungen kam es nach Er- richtung der Republik von Salò am 8. September 1943. Nach der Besetzung Nordita- liens durch die Truppen Hitlers, der sofort die Deportation der Juden in die deutschen Vernichtungslager anordnete, wurden die italienischen Juden erstmals von der physi- schen Vernichtung bedroht.

[...]


1 Hier ist in erster Linie das Gesetz zum Schutz der italienischen Rasse („Provvedimenti per la difesa della razza italiana”) vom 17. November 1938 zu nennen, das als Hauptwerk die bereits zuvor ergangenen Verordnungen zusammenfasst. Der Text ist zu finden bei: Renzo De Felice: Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo, 3. Auflage, Torino 1972, S. 564-566.

2 Susan Zuccotti: The Italians and the Holocaust. Persecution, Rescue and Survival, New York 1987, S. 272.

3 Den besten Überblick über den aktuellen Forschungsstand bieten: Thomas Schlemmer; Hans Wollner: Der italienische Faschismus und die Juden 1922 bis 1945, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 53 (2005), S. 164-201 und Detlef Schmiechen-Ackermann: Diktaturen im Vergleich, 2. Auflage, Darmstadt 2006, S. 123-124. Siehe dazu auch Kapitel 2 dieser Arbeit.

4 Zur Beziehung zwischen dem italienischen Antisemitismus und der katholischen Kirche bzw. dem Papst siehe die Darstellung von Susan Zuccotti: Under His Very Window: The Vatican and the Holocaust in I- taly, Yale 2000, welche vor allem auf Primärquellen aufbauend eine umfangreiche Analyse anbietet.

5 Schlemmer; Wollner: Der italienische Faschismus, S. 166. Zur Kritik an einer Verharmlosung des italienischen Antisemitismus in der Historiographie siehe: Juliane Wetzel: Der Mythos des „braven Italieners“. Das faschistische Italien und der Antisemitismus, in: Graml, Hermann; Königseder, Angelika; Wetzel, Juliane (Hrsg.): Vorurteil und Rassenhass. Antisemitismus in den faschistischen Bewegungen Europas, Berlin 2001, S. 49-74 und Enzo Collotti: Die Historiker und die Rassengesetze in Italien, in: Christoph Dipper; Rainer Hudemann; Jens Petersen (Hrsg.): Faschismus und Faschismen im Vergleich. Wolfgang Schieder zum 60. Geburtstag, Vierow bei Greifswald 1998, S. 59-78.

6 Wie Anmerkung 1.

7 So auch Attilo Milano: Storia degli ebrei in Italia, Torino 1963. Milano bezeichnet die Ablehnung der Rassengesetze als „quasi unanime“ (S. 398).

8 Primo Levi: Se questo è un uomo, 26. Auflage, Torino 1991.

9 Das Interview erschien 1977 auch auf Deutsch: Renzo De Felice: Der Faschismus. Ein Interview von Michael A. Ledeen, Stuttgart 1977.

10 Hier standen der konservativen Gruppe um Renzo der Felice eine eher sozialistische geprägte Gruppe von Historikern gegenüber, siehe zur Kritik an De Felice: Wolfgang Schieder: Faschismus als Vergangenheit. Der Streit der Historiker in Italien und Deutschland, in: Walter H. Pehle (Hrsg.): Der historische Ort des Nationalsozialismus, Frankfurt (Main), 1990, S. 135-154. Teilweise vehement kritisiert wird auch die Vernachlässigung deutschsprachiger Literatur sowie das methodische Vorgehen De Felices, bei dem Entscheidungsprozesse nicht in ihrem konkreten Ablauf untersucht worden bzw. ganz verschwiegen worden seien. Siehe dazu: Brunello Mantelli: Faschismus, Geschichte Italiens, Selbstverständnis der Republik. Kritische Anmerkungen zur jüngsten Debatte über die Beziehung von Geschichte und Gegenwart, in: Dipper; Hudemann; Petersen: Faschismus und Faschismen, S. 79-104 und Jens Petersen: Der Faschismus in Italien im Urteil der Historiker, in: Dipper; Hudemann; Petersen: Faschismus und Faschismen, S. 39-58.

11 Michele Sarfatti: The Jews in Mussolini’s Italy. From Equality to Persecution, Wisconsin 2006 und Collotti: Die Historiker, S. 59-78.

12 Schmiechen-Ackermann: Diktaturen, S. 123.

13 Meir Michaelis: The Holocaust in Italy. Areas of Inquiry, in: Michael Berenbaum; Abraham J. Peck (Hrsg.): The Holocaust and History. The Known, the Unknown, the Disputed and the Reexamined, Washington, D.C. 1998, S. 439-462. S. 439.

14 Volker Sellin: Judenemanzipation und Antisemitismus in Italien im 19 Jahrhundert, in: Dipper; Hudemann; Petersen: Faschismus und Faschismen, S. 107-110; Zuccotti: The Italians, S. 12-15.

15 Online zu finden unter: Http://cronologia.leonardo.it/document/doc1802.htm (vom 4. Dezember 2006).

16 Zuccotti: The Italians, S. 15; Zur Frage, inwieweit die Gleichzeitigkeit der Nationalen Integration (nazionalizzazione parallela) Auswirkungen auf den Antisemitismus hatte, siehe die Diskussion bei Sellin: Judenemanzipation, S. 115-118.

17 Wetzel: Der Mythos, S. 50; Genauere Informationen zu den Funktionen und dem Ansehen von Juden nach der Einheit bietet: Zucotti: The Italians, S. 15-22.

18 Michaelis: Mussolini, S. 3. So auch Cecil Roth, der in seinem Buch: “The History of the Jews in Italy”, Philadelphia 1946, auf Seite 474 die Situation der italienischen Juden beschreibt: „It was not only that disabilities were removed, as happened elsewhere too during these momentous, but that the Jews were ac- cepted freely, naturally and spontaneously as members of the Italian people, on a perfect footing of equal- ity with their neighbours…There was in the Italian Jew no element of the foreigner”, zitiert nach: Micha- elis: Mussolini, S. 4.

19 Chaim Weizmann: Memoiren. Das Werden des Staates Israel, Zürich 1953, S. 423.

20 Wetzel: Der Mythos, S. 51-53; Sellin: Judenemanzipation, S. 114-115. Sellin erklärt den klerikalen An- tisemitismus einerseits mit der Tradition der christlichen Judenfeindschaft. Andererseits sei die Judenemanzipation für die Kirche zum Symbol der Moderne geworden, welche auf Entchristlichung, Liberalismus und dem Nationalstaat basiere.

21 Sellin: Judenemanzipation, S. 116.

22 Michaelis: Mussolini, S. 8.

23 Wetzel: Der Mythos, S. 50-51.

24 Im Jahr 1800 lebten in Italien rund 34.000 Juden gegenüber 18 Millionen Italienern. Bis zum Jahr 1900 vergrößerte sich die jüdische Bevölkerung nur auf 43.000 Personen, während sich die Gesamtbevölke- rung auf 34 Millionen fast verdoppelte. Der Historiker Volker Sellin erklärt den geringen Anteil der jüdi- schen Bevölkerung durch den niedrigen Ausgangswert, das im Vergleich zu Italien geringe natürliche Wachstum sowie die im Gegensatz zu vielen anderen Staaten in Mitteleuropa ausbleibende jüdische Zu- wanderung aus Osteuropa. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung lag bei knapp über 1,3 je Tausend und somit weit unter dem Anteil von Deutschland, der rund 1 Prozent betrug. Sellin: Judene- manzipation, S. 118-120

25 Zuccotti: The Italians, S. 16-22.

26 Jonathan Steinberg: All or Nothing. The Axis and the Holocaust 1941-1943, London 2002, S. 223. Steinberg führt aus, dass - nach dem Konsensus von 1938 - 43,7 Prozent der verheirateten Juden mit einem nicht-jüdischen Partner verheiratet waren.

27 Zuccotti: The Italians, S. 25. Zuccotti sieht die Integration der Juden in der faschistischen Bewegung als Beweis für die gelungene Integration in die italienische Gesellschaft an. Auch Michaelis spricht von einer positiven Beziehung des Faschismus zu den Juden: „After a decade of Fascist rule, Italy was still a model of tolerance as far as treatment of her Jewish minority was concerned”, Michaelis: Mussolini, S. 55.

28 Michaelis, Mussolini, S. 11. Die weiteren Zahlen zur jüdischen Beteiligung im Faschismus sind zu finden bei: De Felice: Storia degli ebrei, S. 75 und Wetzel: Der Mythos, S. 57.

29 Wetzel: Der Mythos, S. 56.

30 Michaelis: The Holocaust, S. 442. Paolo Orano veröffentlichte 1937 mit: Gli Ebrei in Italia, Roma 1937 ein weiteres Aufsehen erregendes Buch, das vermutlich von Mussolini selbst in Auftrag gegeben wurde und alle Juden zu Gegnern des Regimes erklärte. Siehe dazu: Gabriele Schneider: Mussolini in Afrika. Die faschistische Rassenpolitik in den italienischen Kolonien 1936-1941, Köln 2000, S. 67.

31 Siehe Wetzel: Der Mythos, S. 58-59. Eine weitere antisemitische Pressekampagne erfolgte 1934. Mit- telpunkt dieser Kampagnen waren meist Artikel, die in der Zeitschrift „Il Tevere“ erschienen. Die Zeit- schrift, finanziert von Mussolinis Pressestelle und der faschistischen Partei, diente als inoffizielles Sprachrohr des Duce. Während Mussolini die „Popolo d’Italia“ für offizielle Stellungnahmen nutzte, veröffentlichte er extremistische oder populistische Artikel - meist anonym - in „Il Tevere“. Siehe Mi- chaelis: Mussolini, S. 415-417.

32 Zur Bedeutung des kolonialen Rassismus und zum Forschungsstand, siehe: Schneider: Mussolini in Afrika, S. 14-19 und 107-254.

33 Im Original heißt es: „Gli ebrei non appartengono alla razza itailiana. (…) Gli ebrei rappresentano l’unica popolazione che non si è mai assimilata in Italia”, zu finden bei: De Felice: Storia degli ebrei, S. 541-542. Den besten Überblick über die antijüdischen Gesetze des Jahres 1938, die schließlich im „Provvedimenti per la difesa della razza italiana“ endeten, bietet Sarfatti: The Jews, S. 121-129.

34 So die Angaben bei Carlo Moos: Ausgrenzung, Internierung, Deportation. Antisemitismus und Gewalt im späten Faschismus (1938-1945), Zürich 2004, S. 41, der sich auf Quellen des Instituto Centrale di Sta- tistica beruft. Leicht differieren die Angaben bei Michaelis: The Holocaust, S. 443, der die Anzahl der Juden auf 55.103 beziffert. Insgesamt lag der jüdische Bevölkerungsanteil 1938 bei rund 0,1 %.

35 Die Anzahl der Konzentrationslager, die allerdings noch relativ wenig erforscht sind, wird auf etwa 50 beziffert, siehe Enzo Collotti; Lutz Klinkhammer: Zur Neubewertung des italienischen Faschismus, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 286-306, S. 287-289.

36 Schlemmer; Woller: Der italienische Faschismus, S. 186.

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638820721
ISBN (Buch)
9783638820967
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77647
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Schlagworte
Mythos Antisemitismus Italien Hauptseminar Faschismus

Autor

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