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Regeln und Rituale in der Primarstufe

Examensarbeit 2006 70 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation der Arbeit
1.2 Thematik der Arbeit

2 Praktische Beispiele
2.1 Der Morgenkreis
2.2 Minuten der Stille
2.3 Die Klassenregeln

3 Rituale und Regeln - Begriffe
3.1 Der Begriff des Rituals
3.1.1 Die allgemeine Bedeutung von Ritualen
3.1.2 Etymologie und Begriffserklärung
3.1.3 Vorkommen und Formen von Ritualen
3.1.4 Ritualaspekte
3.2 Der Begriff der Regel
3.2.1 Etymologie und Begriffserklärung
3.2.2 Prinzipien
3.2.3 Regeln in der Schule
3.2.4 Regelfelder in der Grundschule
3.3 Der Unterschied zwischen Regeln und Ritualen

4 Wirkungen und Konstruktion von Regeln und Ritualen
4.1 Die Wirkungen von Regeln und Ritualen
4.1.1 Eigenschaften und Wirkungen
4.1.2 Wirkungen auf den Menschen
4.1.3 Gruppenwirkung
4.2 Die Konstruktion von Ritualen und Regeln
4.2.1 Vorbereitung
4.2.2 Durchführung
4.2.3 Aufarbeitung
4.3 Die Konstruktion von Regeln am konkreten Beispiel

5 Der pädagogische Wert von Ritualen
5.1 Ritualthemen
5.1.1 Das eigene Ich als Ritualthema
5.1.2 Die soziale Integration als Ritualthema
5.1.3 Der Aufbau eines Wertesystems als Ritualthema
5.2 Regeln und Rituale im Wandel der Familie
5.3 Der Wert von Ritualen
5.3.1 Die Ambivalenz von Ritualen
5.3.2 Der mögliche Schaden durch Rituale

6 Schluss
6.1 Resümee
6.2 Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

9 Anhang

Anmerkung:

Aufgrund des besseren Verständnisses des Textes habe ich darauf verzichtet, jeweils beide Geschlechter zu benennen, auch wenn männliche und weibliche Personen gemeint sind. Dies gilt für Berufsbezeichnungen ebenso wie für bestimmte Personengruppen.

Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ich damit niemanden aussondern oder diskriminieren möchte.

1 Einleitung

1.1 Motivation der Arbeit

Allzu oft wird der Begriff Ritual mit religiösen oder sogar okkulten Zeremonien in Zusammenhang gebracht. An Rituale in der Schule denkt auf Anhieb wahrscheinlich nur ein Lehrer. Und bei dem Begriff Regel schießen Ottonormalverbraucher sofort dutzende Verbote, die zum größten Teil restriktiv und spaßraubend sind, in den Kopf.

Um dies zu ändern, möchte ich mit meiner Arbeit dem Leser das vorliegende Thema näher bringen.

In der Pädagogik herrscht zurzeit eine Art Wiederauferstehung der Ritualpraxis, jedoch in etwas abgeschwächterer Form als noch vor Jahren, als es einfach ´in` zu sein schien, sich mit diesem Thema zu befassen. Die Wissenschaft, speziell die Soziologie und die Psychologie, ist auf dem Gebiet der Ritualforschung sehr fortgeschritten. Die Pädagogik zieht zurzeit stark nach. Dies ist vor allem an der Fülle der Literatur, ganz besonders der psychologischen, welche deutlich älter ist als die pädagogische Literatur, erkennbar.

Bereits in meinem vierwöchigen Blockpraktikum lag mein Untersuchungsschwerpunkt auf diesem Themengebiet. Es war faszinierend, zu beobachten, wie viele Rituale, verdeckte und offen praktizierte, in einer Schulklasse existieren. Aufgrund des Zeitmangels im Blockpraktikum war die Betrachtung und nähere Untersuchung des Themenbereiches eher oberflächlicher Natur.

Bei intensiverer Beschäftigung mit dem Thema Rituale sind mir auch Rituale eingefallen, die meinen Schulalltag begleitet haben. Da gab es zum Beispiel die Leserunde an jedem Freitag, die Begrüßung unserer Lehrerin mit der immer gleichen Begrüßungsfloskel oder ein besonders schönes Ritual im Sportunterricht: Am Anfang der Stunde haben wir einen großen Kreis gebildet, uns an den Händen gehalten und gemeinsam gerufen: „Wir wünschen uns eine faire und schöne Sportstunde.“

Ein Ritual ist mir aber am deutlichsten in Erinnerung geblieben:

Jeden Dienstag, es waren zwei Sportstunden vorangegangen, kamen meine Mitschüler und ich völlig überdreht und lautstark in den Klassenraum, in dem unsere Musiklehrerin schon wartete. An einen ruhigen und ausgeglichenen Stundenbeginn war nicht zu denken. Wortlos schaltete Frau L. den Kassettenrekorder ein, aus dem leise und sanfte Entspannungsmusik erklang. Augenblicklich wurde es stiller. Wir legten unseren Kopf auf den Tisch, schlossen die Augen und lauschten den Klängen. Unsere Lehrerin ging durch die Klasse und strich uns sanft über den Kopf. Das ganze Ritual dauerte ca. 5 Minuten. Danach herrschte eine komplett andere Stimmung in der Klasse. Die Hektik und Aufregung nach dem Sportunterricht schien wie verflogen.

Mit der nun folgenden Arbeit möchte ich das Thema vertiefend beleuchten.

1.2 Thematik der Arbeit

Zu Beginn meiner Arbeit stelle ich Beispiele aus der Regel- und Ritualpraxis einer Schulklasse vor. Der Leser bekommt direkt einen Eindruck, was Regeln und Rituale in der Schule praktisch angewendet überhaupt sind.

Im dritten Kapitel werden Regel- und Ritualbegriff dann theoretisch beschrieben. Die Etymologie der Begriffe, sowie deren Vorkommen und Formen werden erläutert. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen werden zur Erklärung herangezogen. Die Definitionen werden dabei immer wieder in den schulischen Kontext eingebunden. An dieser Stelle wird deutlich, dass die Fülle der Literatur sich nur auf den Bereich Rituale bezieht. Zum Begriff der Regel, vor allem im Bezug auf deren schulischen Einsatz, ist kaum Literatur vorhanden. Dieser Bereich fällt im Umfang demnach deutlich geringer aus, als der Bereich der Rituale.

Am Ende des dritten Kapitels wird eine Unterscheidung zwischen Regeln und Ritualen vorgenommen, um deutlich zu machen, in welchem Verhältnis diese zueinander stehen. Das vierte Kapitel stellt die Wirkungen und die Konstruktion von Ritualen vor. Die Wirkungen, die überwiegend von der Psychologie untersucht worden sind, werden unterteilt in individuelle und gruppenspezifische Reaktionen. Diese Wirkungen, speziell die Auswirkungen auf den einzelnen Schüler und auf die gesamte Klasse, stellen den Einstieg in die Konstruktion von Ritualen dar. Die Lehrperson, die die Einführung eines neuen Rituals plant, sollte im Voraus überlegen, welche Wirkungen sie mit dem jeweiligen Ritual erzielen möchte. Die Konstruktion wird in drei Einzelschritte aufgeteilt: Vorbereitung, Durchführung und Aufarbeitung. Alle drei Phasen sind unbedingt nötig, um ein gelungenes und stimmiges Ergebnis zu erhalten.

In Kapitel fünf wird der pädagogische Wert von Ritualen erläutert. Es werden exemplarisch drei Themen näher beschrieben, die als Ritualthemen in Frage kommen könnten. Rituale sollten immer einen Grundgedanken verfolgen oder anders formuliert, sie sollten immer mit dem Ziel eingesetzt werden, eine bestimmte positive Verhaltensänderung oder –erweiterung zu erzielen. Es kann um das Werte- und Normensystem gehen, um Probleme aus der sozialen Integration, aber auch um Entwicklungsaufgaben biologischer oder kognitiver Art. In dieser Arbeit werden als Themen das eigene Ich, die soziale Integration und der Aufbau eines Wertesystems näher beschrieben.

Im Anschluss daran werden der Einsatz von Regeln und Ritualen in Bezug auf den kolossalen Wandel der Familie und ein Versuch der Bewertung von Ritualen dargestellt.

Schließlich werden die Ambivalenz und mögliche negative Auswirkungen von Ritualen beschrieben.

Um die Arbeit abzurunden werden am Schluss die wichtigsten Erkenntnisse im Resümee zusammengefasst und ein kleiner Ausblick auf den weiteren Verlauf der Ritualforschung und –anwendung gegeben.

2 Praktische Beispiele

2.1 Der Morgenkreis

Das am häufigsten erwähnte und fast in jeder Literatur zu findende Ritual ist der Morgenkreis.

Der Morgenkreis, in vielen Klassen der Montag-Morgen-Kreis, leitet durch seine immer gleich bleibende Struktur die neue Woche ein.[1]

In ihm wird zum Beispiel die Woche geplant, das letzte Wochenende noch einmal durchlebt, es werden kommende Projekte besprochen oder die Geburtstagskinder der kommenden Woche genannt. In ihm kann aber auch über negative Veränderungen in der Klasse gesprochen oder über kreative Vorschläge zum Klassenverband diskutiert werden. Für Astrid Kaiser ist der Morgenkreis demgemäß eine dialogische, offene Form des Unterrichts, während für Peterßen der Morgenkreis vielmehr eine Sammlungs- und Übergangsfunktion hat: „Hier wird eine gemeinsame Zeit der Stille und Konzentration geschaffen, die den Übergang von der Freizeit zum Schulalltag gestaltet“.[2] „Die Kinder brauchen zu Wochenbeginn die Sicherheit, dass sie gefordert und gefragt sind, Erfolge und Freiräume zum Sprechen und Arbeiten haben. Ein ritualisierter Wochenbeginn beruhigt.“[3] Der Morgenkreis hat demnach außer der Kommunikation in der Klassengemeinschaft noch andere essentielle Funktionen.

Jeder Lehrer hat mit seiner Klasse eine eigene Form des Morgenkreises. Nach und nach passt sich die Form dieses Rituals den Bedürfnissen, Vorstellungen und Wünschen der Mitwirkenden an.

Obwohl der Morgenkreis in jeder Klasse anders abläuft, möchte ich im Folgenden stellvertretend einen denkbaren Ablauf beschreiben.

Der Morgenkreis wird zu Beginn des Unterrichtstages durchgeführt. Die Schüler holen sich ein Sitzkissen und finden sich zu einem Kreis zusammen. Er findet immer an der gleichen Stelle des Raumes statt und wird von Schülern geleitet. Die Morgenkreisleitung wechselt nach jedem Mal, dabei wird darauf geachtet, dass alle Schüler irgendwann diese Funktion übernehmen.

Es gibt immer einen festen Ablaufplan, nach dem der Morgenkreis gestaltet wird. Dieser kann und sollte sich immer wieder verändern und kann folgende Punkte enthalten:

1. Wer fehlt?
2. Hat jemand Geburtstag?
3. Ggf. Geburtstagslied und Kerze
4. Klassenbuch vorlesen
5. Gibt es etwas mitzuteilen oder zu besprechen?
6. Planung des heutigen Tages
7. Wer übernimmt die Leitung des nächsten Morgenkreises?

Anhand dieses Ablaufplans leitet der "Morgenkreisleiter" die Klassenversammlung.

Zu 1.: Hier geht es darum, allen - auch fehlenden Schülern - als Teil der Gemeinschaft Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Außerdem werden Informationen z.B. zum Krankheitsverlauf eines Schülers an dieser Stelle ausgetauscht.

Zu 2. und 3.: An dieser Stelle wird der besondere Tag des Schülers oder des Lehrers gewürdigt. Ihm fällt in diesem Moment die gesamte Aufmerksamkeit der Klasse zu. Gemeinsam wird für ihn gesungen und eine Kerze angezündet. Sollte der Geburtstag am vorangegangenen Wochenende gewesen sein, so wird dieser natürlich an dieser Stelle genauso gewürdigt und gefeiert.

Zu 4.: Mitteilungen vom Lehrer oder von den Schülern, die ins Klassenbuch eingetragen wurden, werden verlesen.

Zu 5.: Sollte es wichtige Anmerkungen, Wünsche oder ähnliches von Seiten der Schüler oder des Lehrers geben, so gehören sie an diese Stelle des Morgenkreises.

Zu 6.: Mit Hilfe eines an der Tafel stehenden Stundenplanes werden die Unterrichtsstunden aufgeteilt. Das gibt jedem Kind die Möglichkeit, sich geistig auf den Tag einzustellen.

Zu 7.: Anhand der Klassenliste, auf der genau vermerkt ist, wer in dieser Periode bereits "Morgenkreisleiter" war, wird der nächste Leiter bestimmt.

Sind alle Punkte besprochen und keine wichtigen Fragen mehr unbeantwortet, kann jetzt zum Unterrichtsgeschehen übergegangen werden.

Mögliche Probleme, Wertungen oder Wirkungen werden an späterer Stelle näher beleuchtet.

2.2 Minuten der Stille

In der Einleitung ist die praktische Umsetzung des Rituals beschrieben.

Ebenso wie der Morgenkreis sind auch die „Minuten der Stille“ eine in Klassenräumen häufig anzutreffende Ritualform.

Sie dienen der Besinnung, der Herstellung von Ruhe und Ausgeglichenheit und dem kurzen Abschalten und Verschnaufen inmitten eines turbulenten und lauten Schulalltages.

Astrid Kaiser schreibt dazu:

Schule ist voller Leben, wenn mindestens einhundert oder gar mehr Kinder gleichzeitig an einem Ort sind. Doch dies hat nicht nur seine anregenden Seiten, sondern kann auch belastend wirken. Von daher lohnt es sich, gerade wegen der prinzipiell lebendigen Atmosphäre immer wieder die Stimmung zu dämpfen und ruhige Besinnung zu ermöglichen.[4]

2.3 Die Klassenregeln

Jede Gemeinschaft, egal welcher Größenordnung, braucht gewisse Regeln, damit ein geordnetes Zusammenleben überhaupt möglich ist. Dazu Birgit Wagener:

Zum einen muß der Lehrer zur Erfüllung seines Erziehungsauftrages auf die Einhaltung von Regeln, wie Ruhe, Pünktlichkeit, Sauberkeit und Ordnung achten. Zum anderen müssen Regeln aber auch für Sicherheit und Geborgenheit sorgen, der insbesondere Kinder im ersten bis vierten Schuljahr bedürfen.[5]

Aufgrund dieser Gegebenheit stellen viele Lehrer relativ bald nach der Übernahme einer neuen Klasse gemeinsam mit dieser einige Regeln auf. Es gibt indes zwei Arten von Regeln, zum einen die gesetzlichen Vorschriften, die allgemeingültig sind und nicht extra erfasst werden müssen, wie zum Beispiel: Verbot von Diebstahl, Verbot von Erpressung und zum anderen die gemeinsam erarbeiteten Klassenregeln.[6] Diese können von Klasse zu Klasse unterschiedlich sein, je nach Beschaffenheit der Gruppe und der Atmosphäre.

Diese Regeln sollten von Zeit zu Zeit überprüft und der sich ständig verändernden Gruppe angepasst werden.

Nachfolgend sind einige Regeln aufgelistet, wie sie in einer Grundschulklasse entstanden sein könnten.

1. Ich behandle meine Mitschüler freundlich und benutze keine Schimpfwörter.

Begründung:

- Bei freundlichen Menschen fühlt man sich wohl, mit ihnen ist man gerne zusammen.
- Schimpfwörter machen andere Menschen traurig, ärgerlich und wütend.

2. Ich melde mich bevor ich etwas sage. Ich rufe nicht einfach in die Klasse.

Begründung:

- Wenn alle durcheinander reden, ist es sehr laut.
- Keiner versteht mehr, was der andere sagt.
- Alles dauert länger und es wird sehr langweilig.

3. Ich höre zu, wenn andere mit mir reden.

Begründung:

- Wenn man nicht zuhört, weiß man nicht, um was es geht und was man tun soll.

4. Wenn wir in der Klasse ein Gespräch führen, dann rede ich nicht mit meinem Nachbarn.

Begründung:

- Man bekommt nicht mit, was der Lehrer sagt.
- Man verpasst wichtige Sachen, die in der Klasse besprochen werden.

5. Wenn ich arbeite, unterhalte ich mich nur ganz leise mit meinem Nachbarn.

Begründung:

- Man darf nur leise sprechen, damit man die anderen Kinder nicht stört.
- Die anderen Kinder können sich sonst nicht konzentrieren.
- Man hört nicht, wenn der Lehrer oder ein Mitschüler etwas Wichtiges sagt.

6. Wenn ich am Computer sitze, dann esse und trinke ich nicht.

Begründung:

- Der Computer wird sonst schmutzig, klebrig und geht kaputt.
- Mit den Fettfingern beschmutzt man die Tastatur und die Maus.

7. Ich halte meine Klasse sauber und ordentlich.

Begründung:

- Wände, Teppich und Möbel werden sonst schmutzig.
- Der Klassenraum wird eine Mülldeponie.
- Es riecht unangenehm.
- Man fühlt sich dann nicht wohl in der Klasse und hat keine Lust mehr, zur Schule zu kommen.

Im Anhang auf Seite 75 und 76 habe ich zwei Versuche einer Schule abgebildet, passende und stimmige Regeln zu finden. Vor der endgültigen Erstellung dieser Regeln lag ein langwieriger Prozess der Findung, Erprobung, des Verfassens und Einführens dieser Regelwerke.

3 Rituale und Regeln - Begriffe

3.1 Der Begriff des Rituals

3.1.1 Die allgemeine Bedeutung von Ritualen

Wenn im Unterricht Rituale angewandt werden sollen, so sollte ein Bewusstsein über die Bedeutung dieses Begriffes und seines Gegenstandes vorhanden sein. Zu diesem Zweck muss seine Etymologie bekannt sein. Darüber hinaus muss geklärt werden, wie verschiedene relevante wissenschaftliche Disziplinen diesen Begriff und den von ihm bezeichneten Sachverhalt auffassen. Auf dieser Grundlage sind die wichtigsten Gesichtspunkte erkennbar, die dann für den Einsatz von Ritualen im Unterricht herangezogen werden können.

Hier müssen zunächst die eher negativen Assoziationen berücksichtigt werden, die mit dem Begriff ‚Ritual’ verbunden werden. Wer heute das Wort ‚Ritual’ hört, der tendiert in den meisten Fällen dazu, Vorgehensweisen ohne einen wirklichen Sinn damit zu verbinden. Das Wort wird auch gebraucht, um falsche Ordnungssysteme zu bezeichnen. Man verbindet damit auch Gedanken an eine solche Disziplinierung, die nur mit Hilfe von Stereotypen arbeitet. Es werden also sehr oft Assoziationen an unreflektiert und automatisch ablaufende Verhaltensweisen geweckt. Im schlimmsten Fall denkt man bei Ritualen an Beispiele aus der Tierverhaltensforschung.

Man kann den gängigen Sprachgebrauch jedoch etwas formalisieren. In diesem Fall ist unter Ritual eine Abfolge von Handlungen zu verstehen, die (a) regelmäßig und (b) repetitiv ablaufen, d.h. sie wiederholen sich stets in ganz ähnlicher Weise. In den Sozialwissenschaften schließlich ist als Ritual eine Folge von Handlungsabläufen zu verstehen, die (a) nicht alltäglich sind, (b) eine besondere emotionale Bedeutung besitzen und (c) in starkem Maße vereinheitlicht sind. Rituale haben vor allem die Aufgabe, die Gruppenidentität und deren Gefühl der Zusammengehörigkeit einerseits zu bestätigen und andererseits zu verstärken. Der Duden gibt folgende Bedeutung an:

Das Ritual, [lat. Rituale, subst. Neutr. von: ritualis, rituell] 1.a) schriftlich fixierte Ordnung der (römisch-katholischen) Liturgie; b) Gesamtheit der festgelegten Bräuche u. Zeremonien eines religiösen Kultes; Ritus. 2. wiederholtes, immer gleich bleibendes, regelmäßiges Vorgehen nach einer festgelegten Ordnung; Zeremoniell: wenn er eine Pfeife raucht, vollzieht sich jedes Mal dasselbe Ritual.[7]

Wenn wir diese Bedeutung auf die Situation in der Schule übertragen, so stellen Rituale generell solche Handlungsabfolgen dar, die aufgrund ihrer Symbolhaftigkeit von den beteiligten Personen eindeutig verstanden werden können. Dazu Astrid Kaiser:

Ein Ritual ist eine (aufmerksam vollzogene) Sequenz von verbalen und/oder nonverbalen Äußerungen und Handlungen symbolischen Gehalts, was heißt, dass die vielschichtige Bedeutung eines Rituals nicht einfach und erschöpfend auf andere Weise wiedergegeben werden kann. Es wird in Entwurf und Ausführung bestimmt durch eine Leitidee. Es umfasst sowohl festgelegte und unveränderliche als auch variable, jeweils konkret auszugestaltende Elemente.[8]

Dessen ungeachtet findet sich auch in der Pädagogik eine negative Auffassung von Ritualen, wie sie zum Beispiel Hilbert Meyer formuliert:

Sie [die Rituale] schaffen kalkulierbare Verhaltenserwartungen für Lehrer und Schüler, sie dienen der Demonstration der Macht der Institution, aber auch der Kanalisierung der Triebpotentiale des Lehrers und der Formierung und Unterdrückung der Interessen, Phantasien und motorischen Bedürfnisse der Schüler.[9]

Auf eine ambivalente Stellung weist hingegen Ernst Purmann hin, demzufolge Rituale je nach dem schulischen Kontext sehr verschiedene Bedeutungen haben können.[10] Solange sie ohne Bezug auf ihren Inhalt eingesetzt werden, sind sie für die Bildung des Menschen nicht hilfreich. Anders kann das Urteil lauten, wenn Rituale eingesetzt werden, um das Miteinander und die Entwicklung von Verantwortung und Selbständigkeit zu fördern. Rituale sind also laut Elisa Diekemper und Uta Reimann-Höhn nur als Instrumente einzusetzen, nicht aber zum Selbstzweck:

In bestimmten Situationen sind Rituale äußerst hilfreich, sie müssen aber immer sensibel eingesetzt werden und im Kontext einer Ritualkultur stehen. Rituale, die aus ihrem Zusammenhang gerissen und nicht reflektiert werden, können zu einer sinnlosen Abfolge von Handlungen führen, die mehr schaden als nutzen. … Was einem Kind nutzt und es in seiner Verarbeitung von Problemen unterstützt, kann für ein anderes Kind sinnlos sein. … Dass der Spaß daran verloren geht, wenn die Kinder sich gezwungen sehen, diese Rituale mitzumachen, sollte nicht übersehen werden.[11]

Rituale können also auch sehr positiv gesehen werden. Bis zu einem gewissen Grad sind Kinder geradezu auf Rituale angewiesen. Sie können sich mit ihrer Hilfe besser in der Schule orientieren, da sie dadurch Regelmäßigkeit und somit Strukturen im Schulalltag erleben. Schon durch bestimmte Ereignisse ist „das ganze Schuljahr durch Rituale rhythmisiert: Feier der Geburtstage und Namenstage in den Klassen; Aufnahmefeier der neuen Erst- und Fünft-Klässler; Feiern durch das Kirchenjahr.“[12]

Aber nicht nur in der Form von Feiern sind Rituale bedeutsam, gibt Ameli Winkler zu bedenken. Sie können auch auf dem Niveau einfacher Handlungsformen eingesetzt werden, um den Kindern Sicherheit zu geben:

Rituale sind erfundene Wirklichkeiten. Sie schöpfen – wenn sie nicht reglementieren oder schematisieren – aus dem Nichts Verlässlichkeit, Zuversicht, Zusammengehörigkeitsgefühl und sogar Trost. Sie sind wie ein Geländer, das der (kindlichen) Seele Halt geben kann.[13]

Auch Reinhold Miller ist ähnlicher Auffassung. Man muss Rituale nicht in einem engen Sinne von feierlichen Ritualen auffassen:

Sieht man Rituale nicht so ‚streng und eng’ im Sinne der Definition von Ritualen, sondern wird der Begriff des Rituals von immer wiederkehrenden Tätigkeiten über Aktionen bis hin zu vielfältigen Methoden und Arrangements, um den Schulalltag lebendig zu gestalten, ausgelegt, so lässt sich eine Vielzahl von Unterrichtsritualen aufführen.[14]

Unter den Ritualen in der Schule können zunächst Leistungsrituale unterschieden werden.[15] Hierbei handelt es sich um sich regelmäßig wiederholende Handlungen mit dem Charakter von Auszeichnungen oder Preisverleihungen. Mit solchen Ritualen können die besonderen Leistungen von Kindern dadurch betont werden, dass sie vor der ganzen Klasse dargestellt werden, wodurch zwei Funktionen erfüllt werden: zum einen wird das Kind belohnt und zum anderen wird ein Leistungsanreiz für die anderen Kinder gegeben. Ein solches Leistungsritual kann etwa bei der Rückgabe einer Klassenarbeit stattfinden. Es kann aber auch ein gelungenes Werk an einem dafür bestimmten Platz ausgestellt werden.

Eine weitere Form von Ritualen sind Höflichkeitsrituale, die zwischen Lehrer und Schüler und auch zwischen Schülern ablaufen können. Solche Rituale können in der Form der gemeinsamen Begrüßung und Verabschiedung stattfinden, sie können aber in allen Situationen der Kommunikation und der Kooperation eingesetzt werden.

Disziplinierungsrituale beziehen sich auf die Verdeutlichung der Folgen einer Missachtung von Regeln. Durch solche Rituale soll der Schüler erkennen können, dass sich sein Verhalten von dem unterscheidet, was normativ von ihm erwartet wird. Etwa kann er vor der Klasse darauf hingewiesen werden, dass er sich falsch verhalten hat. Ein solches Ritual sollte allerdings nicht zur Anprangerung dienen, sondern es sollte die Möglichkeit fördern, aus Fehlern zu lernen.

Ordnungsrituale sind für den Ablauf des Unterrichtsgeschehens wichtig und haben letztlich die Funktion, die Ordnung durch äußeren Zwang und eine äußere Unterwerfung sicherzustellen.[16]

Vorangehend wurden bereits die Festrituale angesprochen. Hier ist die Chance wichtig, mit ihrer Hilfe den schulischen Alltag zu unterbrechen und die außerschulische Wirklichkeit mit einzubeziehen. Beispiele sind zeremonielle Feiern von Geburtstagen oder die Vorbereitung auf Feste wie Weihnachten oder Ostern.

Die charakteristischen Strukturen von Ritualen können nun wie folgt zusammengefasst werden. Rituale haben (a) eine Signalwirkung, d.h. es handelt sich um Symbolhandlungen, die aufgrund dieser Wirkung von allen Beteiligten unmittelbar verstanden werden. Zu Ritualen gehört (b) die Einübung, d.h. sie müssen zunächst eingeübt und dann ständig praktiziert werden. Rituale dienen (c) zur Entlastung, indem auf sie selbstverständlich Bezug genommen werden kann, bei ihrer Durchführung muss deshalb für die Form nicht eigens Energie verwendet werden, wodurch man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann. Rituale dienen sodann (d) zur Gemeinschafts- und Konsensbildung; Rituale sind aus sich heraus schon auf Gemeinschaft bezogen, dies impliziert auch die Forderung, Rituale nicht als Selbstzwecke oder gar als Zwang einzusetzen. Dazu gehört auch die Dynamik von Ritualen, die (e) sich im kommunikativen Umgang zwischen Lehrern und Schülern stets weiterentwickeln. Eine weitere Funktion von Ritualen (f) ist die Förderung der Konzentration und der Entspannung. Ritualen wird (g) ohne genauere Überlegung gefolgt, d.h. sie haben eine eigene Kraft und benötigen deshalb keinen äußeren Zwang. Rituale beziehen sich (h) auf den ganzen Menschen, nicht nur auf seinen Verstand, sondern auch auf die Emotion, auf die Motorik und prinzipiell auf alle Sinne.

3.1.2 Etymologie und Begriffserklärung

Der Begriff ‚Ritual’ stammt etymologisch von dem lateinischen ritus ab, was zwei Bedeutungen hat: in religiösen Zusammenhängen ist ein heiliger Brauch oder eine religiöse Satzung bzw. die Feierlichkeit in einem Gottesdienst gemeint; unter weltlichen Vorzeichen ist unter ritus ein Brauch, eine Sitte oder auch die Gewohnheit zu verstehen.[17] In verschiedenen Fachwissenschaften wird dieser Begriff heute mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Im Folgenden sollen einige dieser Verwendungsweisen erläutert werden.

In den Religionswissenschaften kann darunter zunächst eine Bezeichnung für liturgische Funktionen verstanden werden und im weiteren Sinne auch die Gesamtheit der Liturgie selbst. Im katholischen Kirchenrecht ist das Ritual die „verfassungsrechtliche Bezeichnung für eine Teilgemeinschaft der katholischen Kirche mit eigener hierarchischer Spitze und Rechtsordnung.“[18] Unter der Perspektive der Religionswissenschaften kann der Ritualbegriff jedoch auch in einer allgemeineren Bedeutung verstanden werden. Dieser Begriff bezieht sich insbesondere auf den Aspekt der Handlung und unterscheidet die religiöse Handlung vom Glauben als einem inneren Vollzug und ebenso von der religiösen Symbolik. Mit Ritualen werden solche Vorstellungen demonstriert, d.h. es ist eine Handlung, die religiöse Vorstellungen sichtbar macht.[19] Man könnte das Ritual also in diesem Zusammenhang als eine Verkörperung eines sonst nur geistigen Geschehens auffassen. Auf diese Weise wird das Ritual in einen engen Zusammenhang mit dem Glauben gebracht.

In der Soziologie steht in erster Linie die Bedeutung des Rituals für die Gemeinschaftsbildung im Vordergrund des Interesses. Bei Goffman wurden vor allem Interaktionsrituale untersucht. Hier gelten Rituale als Mittel zur Erfüllung der Funktion, „dass Gesellschaften überall, wenn sie Gesellschaften sind, ihre Mitglieder dazu bringen müssen, selbstregulierend an sozialen Begegnungen teilzunehmen.“[20] Rituale sind schon auf der einfachsten Ebene des gesellschaftlichen Verkehrs zu finden, wie er z.B. in Begrüßungsritualen zum Ausdruck kommt. Von Lamnek wird in diesem Zusammenhang von Ritualismus als einer besonderen Form sozialer Anpassung gesprochen.[21] Es handelt sich um eine spezielle Form der Konfliktlösung in Situationen der Desorientierung, in denen es darum geht, den Konflikt zwischen gesellschaftlich vorgegebenen kulturellen Zielen und beschränkten Mitteln des Individuums zu verarbeiten. Der Ritualismus löst solche Probleme, indem das Individuum einerseits strikt an den gesellschaftlichen Normen festhält, dies jedoch so, dass es die kulturellen Ziele in ihrem Wesen aufgibt, es bleibt also die Form ohne Inhalt:

Im Alltagsleben lassen sich eine Fülle von ritualistischen Verhaltensweisen finden, so. z.B. der religiös Indifferente, der an hohen Festtagen, zur Taufe, Konfirmation, Hochzeit etc. das Gotteshaus betritt, sich auch kirchlich beerdigen lässt; alles Verhaltensweisen, die ihres ursprünglichen Sinnes entleert sind, gleichwohl aber als Etikette etc. fortbestehen; bestimmte Grußformeln in Briefen u.v.a.m.[22]

[...]


[1] vgl. Kaiser, Astrid: 1000 Rituale für die Grundschule, 2001, S. 62 f.

[2] Peterßen, Wilhelm: Kleines Methoden-Lexikon, 1999, S.209

[3] Petersen, Susanne: Rituale für kooperatives Lernen in der Grundschule, 2001, S.43

[4] Kaiser, Astrid: a.a.O., S.81

[5] Wagener, Birgit: „Das ist eben so“, in: Berse, Christa/ Richelmann, Annette: a.a.O., S. 104

[6] Vgl. Berse, Christa/ Richelmann, Annette: Ge“regel“te Sozialbeziehungen?, 1996, S.105

[7] Duden, Deutsches Universalwörterbuch, 4. Auflage, S.1317, Stichwort: Ritual

[8] Kaiser, Astrid, a.a.O, S.4

[9] Meyer, Hilbert: UnterrichtsMethoden, Praxisband, 2003, S.191.

[10] Purmann, Ernst: Rituale in der Grundschule. In: Burk, Karlheinz / Speck-Hamdan, Angelika / Wedekind, Hartmut: Kinder beteiligen – Demokratie lernen? Beiträge zur Reform der Grundschule, 2003, S.165 ff.

[11] Diekemper, Elisa/ Reimann-Höhn, Uta: Rituale geben Sicherheit, 2001, S.152 ff.

[12] Hinz, Alfred: Schulkultur ist Lebenskultur, in: von der Groeben, Annemarie: Rituale in Schule und Unterricht, 2000, S.75 ff.

[13] Winkler, Ameli: Rituale in der Grundschule, in: von der Groeben, Annemarie: Rituale in Schule und Unterricht, 2000, S. 67

[14] Miller, Reinhold: Lehrerinnen und Lehrern zugeschaut, in: Pädagogik 1/94, S.13 ff.

[15] Röbe, Edeltraud: Rituale – ein ABC sozialer Formsprache in der Schule, in: Die Grundschulzeitschrift 33/90, S.7 ff.

[16] Röbe, Edeltraud, a.a.O., S.7 ff.

[17] Vgl. Duden, Deutsches Universalwörterbuch, 4. Auflage, S.1317, Stichwort: Ritual

[18] Der neue Herder, 5.Band, 1970, S. 419

[19] Bell, Catherine: Ritual theory - Ritual practice, 1992, S.19

[20] Goffman, Erving: Interaktionsrituale, 1996, S. 52

[21] Vgl. Lamnek, Siegfried: Theorien abweichenden Verhaltens, 1996, S. 121

[22] Lamnek, Siegfried: a.a.O., S. 121

Details

Seiten
70
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638821926
Dateigröße
978 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77697
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
2
Schlagworte
Regeln Rituale Primarstufe

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Titel: Regeln und Rituale in der Primarstufe