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Eigenverantwortliche Schule. Das neue niedersächsische Schulgesetz als Herausforderung für die Schulleitung

Referat (Ausarbeitung) 2006 25 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehungshintergrund des neuen Schulgesetzes
2.1 Die Diskussion über Schulqualität nach PISA
2.2 „Neues“ Paradigma: Eigenverantwortlichkeit, Qualitätsentwicklung und Evaluation
2.3 Selbstständigkeit in Erprobung: Modellversuche und Schulprojekte in Niedersachsen
2.3.1 Projekt Regionale Kompetenzzentren (ProReKo)
2.3.2 Projekt Erweiterte Eigenverantwortung in Schulen

3 Das Gesetz zur Einführung der Eigenverantwortlichen Schule
3.1 Qualitätsentwicklung
3.1.1 Lehrpläne
3.1.2 Schulprogramm
3.1.3 Erhebungen
3.1.4 Schulinspektion
3.1.5 Qualitätsmanagement
3.2 Innere Schulverfassung
3.2.1 Gesamtkonferenz
3.2.2 Teilkonferenzen
3.2.3 Schulvorstand
3.2.4 Schulleitung
3.2.5 Lehrkräfte
3.3 Budgetierung

4 Kritisches Resümee

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Mittelwerte und Streubreite der Leistungen von 15-Jährigen in den drei Kompetenzbereichen für 14 Länder der Bundesrepublik und ausgewählte OECD-Mitgliedsstaaten (mod. nach Deutsches PISA-Konsortium 2003, S. 61)

Abb. 2: Zusammensetzung des Schulvorstandes (Eigene Darstellung)

Abb. 3: Mehr Verantwortung für die Schulleitung (Eichholz & Siegler 2006)

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Schlüssel zur Größe des Schulvorstandes (nach §38b, Abs. 1 des Nds. Schulgesetzes)

1 Einleitung

“Eigenverantwortlichkeit ist die beste, sachgerechteste und nachhaltigste Antwort auf PISA - oder, um es plakativ zu sagen: Eigenverantwortliche Schulen sind bessere Schulen als staatlich überreglementierte.” (Busemann 2006, S. 10165)

„Eigenverantwortlich ist die Schule weiterhin nur in dem sehr engen Rahmen, den die anhaltende Erlassflut der Landesregierung ihr zugesteht.“ (Korter 2006, S. 10181)

Deutschlands Bildungslandschaft befindet sich in Aufruhr und im Umbau. Ein besonders schnelles Reformtempo legt dabei das im bundesinternen PISA-Vergleich bestenfalls durchschnittliche Niedersachsen vor. Seit dem Wechsel der Landesregierung im Jahre 2003 hat sich Einiges im Niedersächsischen Schulsystem verändert: die Abschaffung der Orientierungsstufe, die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre und die Einführung einer Schulinspektion nach niederländischem Vorbild sind drei Beispiele einer betriebsamen bildungspolitischen Umgestaltung. Die größtenteils zum Schuljahr 2007/2008 in Kraft tretende umfassende Novellierung des Niedersächsischen Schulgesetzes unter dem Stichwort der Eigenverantwortlichen Schule ist nach Auskunft des Kultusministers „der letzte große Baustein“ (Busemann 2006, S. 10170) dieser Schulreform.

Wie das Eingangszitat belegt, verspricht sich die Landesregierung vom neuen Schulgesetz eine dauerhafte Verbesserung der Schulqualität. Eigenverantwortliche Schulen werden als die Antwort auf eine diagnostizierte Krise der Schulqualität betrachtet. Der Einstieg in diese Arbeit erfolgt entsprechend über eine Rekonstruktion des Entstehungshintergrunds des neuen Schulgesetzes. Dabei wird den Fragen nachgegangen, worin die Notwendigkeit zu der bildungspolitischen Reformanstrengung gesehen und warum eine verstärkte Eigenverantwortung als geeignete Reaktion darauf verstanden wurde. Verdeutlicht wird in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung einschlägiger Modellprojekte und Schulversuche in Niedersachsen. In Kapitel 4 erfolgt ein differenzierter Blick auf die Änderungen, die aus der Gesetzesnovellierung hervorgehen. Daraus skizziert sich ein Bild, was unter Eigenverantwortung verstanden wird und inwiefern sich Eigenverantwortliche Schulen von bisherigen Schulen unterscheiden.

Zum Abschluss werden kritisch und aus eigener Einschätzung die Stärken und Schwächen des neuen Schulgesetzes resümiert und offen gebliebene und neu entstandene Fragen formuliert.

2 Entstehungshintergrund des neuen Schulgesetzes

Ein neues Schulgesetz kommt selten über Nacht. Vielmehr ist es das Ergebnis eines langen wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und vor allem politischen Aushandlungsprozesses. Dieses Kapitel fragt nach den Ursprüngen und Motiven der dem Gesetz zugrunde liegenden Änderungen und skizziert dabei ausgewählte Einflussfaktoren wie die öffentlichkeitswirksame Diskussion über die PISA-Ergebnisse und beispielhafte Modellvorhaben seit Ende der 90er Jahre, die den Weg für das neue Schulgesetz zur Einführung der Eigenverantwortlichen Schule geebnet haben.

2.1 Die Diskussion über Schulqualität nach PISA

Wie das Eingangszitat des Niedersächsischen Kultusministers Busemann verdeutlicht, wird das neue Schulgesetz und die damit einhergehende verstärkte Eigenverantwortlichkeit der Schulen von den Initiatoren selbst als eine angemessene und wirksame Reaktion auf die Ergebnisse der PISA-Studie gewertet. Tatsächlich schnitt Niedersachsen sowohl im internationalen wie auch im nationalen Vergleich bei der ersten Studie aus dem Jahr 2000 allenfalls mittelmäßig ab (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Mittelwerte und Streubreite der Leistungen von 15-Jährigen in den drei Kompetenzbereichen für 14 Länder der Bundesrepublik und ausgewählte OECD-Mitgliedsstaaten (mod. nach Deutsches PISA-Konsortium 2003, S. 61)

Zwar haben vor PISA bereits andere Studien wie TIMSS schlechte Ergebnisse deutscher Schüler[1] im internationalen Vergleich hervorgebracht (vgl. Frederking et al. 2005, S. 7). Die Ergebnisse der PISA-Studie jedoch „schlugen in den Blätterwald ein wie eine Bombe“ (Terhart 2002, S. 29). Aus der auf die Veröffentlichung der Ergebnisse folgenden öffentlichen Diskussionen über die Qualität des deutschen Bildungswesens erwuchs auch zunehmender Handlungsdruck auf die politischen Verantwortungsträger. Der Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart polemisiert: „Und Politiker müssen Tatkraft und Dynamik beweisen – gerade dann, wenn die Öffentlichkeit verunsichert ist“ (ebd., S. 30).[2] Welchen Einfluss die PISA-Diskussion auf die aktuelle Schulgesetzgebung hat, verdeutlicht auch Kultusminister Busemann selbst, der seinen Redebeitrag bei der Erörterung des CDU-Antrages zur verstärkten Eigenverantwortlichkeit von Schulen im Niedersächsischen Landtag mit den Worten „Bei der Diskussion um dieses Thema landet man offenbar immer wieder bei PISA!“ (vgl. 2005, S. 6471) eröffnete und eine ausführliche Presseschau mit Reaktionen auf das Abschneiden Niedersachsens folgen ließ. PISA erforderte eine bildungspolitische Reaktion, in deren Folge wie aus dem Eingangszitat ersichtlich auch das neue niedersächsische Schulgesetz gerückt wird.

2.2 „Neues“ Paradigma: Eigenverantwortlichkeit, Qualitätsentwicklung und Evaluation

In den Veröffentlichungen zur Einführung der Eigenverantwortlichen Schule aus dem Kultusministerium und den stenographierten Protokollen der Debatten im Landtag werden die grundlegenden Gedanken der Gesetzesinitiative deutlich. Bezugspunkt und Ziel allen Handelns ist die Verbesserung der Qualität von Schule. Ein verbindliches Leitbild für Schulqualität stellt der Orientierungsrahmen Schulqualität dar, der als Entwurf erstmals im Jahr 2001, in seiner ersten Fassung dann im Jahr 2003 veröffentlicht wurde und seit dem Juni 2006 in einer zweiten überarbeiteten Version vorliegt. Ziel ist es, dass die Einzelschule einen „kontinuierlichen Verbesserungsprozess etabliert“ (Minderop & Lohmann 2006, S. 81), der einen „umfassenden und systematischen Qualitätsentwicklungsprozess (Total Quality Management)“ (ebd.) erfordert. Dieser Qualitätsentwicklungsprozess wird dabei zum einen auf der Ebene der Einzelschule verortet, zum anderen jedoch sei für erfolgreiche Qualitätsentwicklung auch „der externe Blick“ (ebd., S. 82) nötig, der durch die externe Evaluation der Niedersächsischen Schulinspektion gesetzlich verankert wurde. Zur Verbesserung der Schulqualität ist es neben der verstärkten Ergebniskontrolle im Verständnis des Kultusministeriums darüber hinaus notwendig, „Schulen […] einen größeren Gestaltungsraum, mehr eigene Verantwortung sowie unmittelbare Zuständigkeiten für ihr Personal“ (Bräth 2006b, S. 74) zuzubilligen. Diese vergrößerten Gestaltungsspielräume bei gleichzeitiger Rechenschaftslegung seitens der Einzelschule sind unter dem Schlagwort der Eigenverantwortlichkeit bereits seit dem Jahr 2003 begrifflich im Schulgesetz verankert (vgl. ebd.) und werden mit dem Gesetz zur Einführung der Eigenverantwortlichen Schule inhaltlich konkretisiert.

Schulen übernehmen also verstärkt selbst die Verantwortung für ihr pädagogisches Programm und die Qualitätsentwicklung ihrer Arbeit, wobei sie stets staatlicher Aufsicht unterstehen und diese Arbeit intern und extern evaluiert wird. Die Frage erscheint berechtigt, inwiefern es sich hierbei tatsächlich um ein neues bildungspolitisches Paradigma handelt. Kultusminister Busemann selbst weist in seiner Regierungserklärung zur Einführung der Eigenverantwortlichen Schule darauf hin, dass „die Grundidee […] keineswegs neu“ (2006, S. 10165) sei. Peter Bräth zeichnet in einem Aufsatz die „Genesis der Eigenverantwortlichkeit“ (2006b, S. 72) nach und geht dabei in seinem Begründungszusammenhang bis auf das Schulgesetz des Jahres 1974 zurück. Sowohl Bräth als auch Busemann verweisen dabei auf den Niedersächsischen Kultusminister Remmers, der in den 1980er Jahren den Begriff der ‚erlassfreien Schule’ prägte, dies jedoch gesetzlich nicht konsequent verankern konnte. Bildungspolitisch konkret wurde die Diskussion erst Mitte der 1990er Jahre, wobei insbesondere Busemanns Amtsvorgängerin Renate Jürgens-Pieper mit der Vorstellung der ‚Selbstständigen Schule’ die Entwicklung zur verstärkten Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit vorgab, die der amtierende Kultusminister selbst als Vorarbeit würdigt, auf die „ein Stück weit aufgebaut werden“ (2006, S. 10165) konnte.

[...]


[1] Sofern nicht zu vermeiden, werden Personenbezeichnungen zur besseren Lesbarkeit in der männlichen Form geführt. Gemeint sind in allen Fällen Frauen wie Männer, Mädchen wie Jungen, Lehrerinnen wie Lehrer.

[2] Diese etwas zugespitzte Sichtweise Terharts ist meines Erachtens im Kern durchaus zutreffend, wenn man Publikationen wie den Sammelband „Nach dem PISA-Schock: Plädoyers für eine Bildungsreform“ betrachtet, der im Jahre 2002 von Bernd Fahrholz und den beiden damaligen Ministerpräsidenten Gabriel und Müller herausgegeben wurde und Lösungsvorschläge und Reformplädoyers zahlreicher hochrangiger Berufspolitiker vereint.

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638833837
ISBN (Buch)
9783638920179
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77816
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Fachbereich Kultur- und Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Eigenverantwortliche Schule Einführung Schulrecht Berücksichtigung Eigenverantwortlichen

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Titel: Eigenverantwortliche Schule. Das neue niedersächsische Schulgesetz als Herausforderung für die Schulleitung