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Ritter Blaubart - Wasserfrau Undine - Zwei erotische Mythen im Vergleich im Werk I. Bachmanns

Hausarbeit (Hauptseminar) 1997 45 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Themenstellung der Arbeit

2. Die Renaissance erotischer Mythen
2.1. Bedingungen einer Reprise von Mythen in der Literatur
2.2. Grundsätzliches zum Mythos
2.3. Die Sprache des „Mythischen“
2.4. Die „wissenschaftliche“ Wiederaufnahme des Mythos durch Freud
2.5. Das „Individuelle“ des Mythischen
2.6. Besonderheiten der „Form“ des Mythischen

3. Mythen im Werk Ingeborg Bachmanns
3.1. Bedingungen der Mythen-Reprise in „Der Fall Franza“ und „Undine geht“
3.2. Der Mythos der Wasserfrau vor der Reprise durch Ingeborg Bachmann
3.2.1. Fouqué
3.2.2. Giraudoux
3.3. Die Erzählung „Undine geht“
3.3.1. Stellung im Gesamtwerk Bachmanns
3.3.2. Form und thematische Strukturierung
3.2.3. Neuperspektivierung des erotischen Wasserfrauen-Mythos

4. Mythische Motive in „Undine geht“ und „Der Fall Franza“
4.1. Allgemeine strukturierende Konstituenten
4.2. Der Grenzfall Franza
4.2.1 Das Motiv der Grenze
4.2.2. Das Motiv des Orts
4.3. Das Wasserwesen Undine
4.3.1. Das Motiv der Grenze
4.3.2. Das Motiv des Orts

5. Zyklische Struktur und Opfertrieb

6. Die Grenzexistenz in der Sprache

7. Die Überwindung binärer Setzungen: Ein ‘weiblicher’ Blaubart

8. Schlußwort

9. Literaturverzeichnis
9.1. Primär Werke
9.1.1. Ingeborg Bachmann
9.1.2. Sonstige
9.2. Sekundär Werke
9.2.1. Zu Mythologie, Psychoanalyse, Wissenschaftrezeption
9.2.2. Kritische Werke

0. Einleitung

Bei der vergleichenden Betrachtung der erotischen Mythen von Don Juan und Ritter Blaubart im Rahmen des Hauptseminars „Don Juan/Blaubart: Zwei erotische Mythen im Vergleich“ anhand verschiedener - nicht nur - literarischer Bearbeitungen und Fortschreibungen dieser mythischen Stoffe ergab sich auch der Blick auf das Werk Ingeborg Bachmanns, welche insbesondere in dem Romanfragment „Der Fall Franza“ die Legende des „fast vergessenen blaubärtigen Erotomanen“[1] evoziert und im Sinne einer ihr eigenen Partnerschaft- bzw. Ehekonzeption ausdeutet, ohne dabei jedoch bei einer bloß motivischen oder metaphorischen Ausbeutung des Stoffes zu verharren.

1. Themenstellung der Arbeit

Neben dem Rückgriff auf Strukturen und Bilder dieses primär männlich-viril markierten Mythos zur Beschreibung der „Blaubartehe“ (F, 68)[2], in welcher sich Franza nach ihrer Heirat mit dem Arzt und Psychologen Leo Jordan tödlich oder besser todbringend gefangen sieht[3], findet sich in der mythischen Gestalt der ‘gehenden Undine’[4] der utopische Entwurf einer aus patriarchalen Machtstrukturen und dem damit einher gehenden zivilsatorischen „Dschungel“ (F, 72/73) herausgelösten Partner-Liebe am „Rande“, das heißt an der allgegenwärtigen, unaufhebbaren Grenze. Diese maniferstiert sich erstens zwischen Individuum und Gesellschaft allgemein, zweitens zwischen zwei einander zustrebender Individuen und schließlich drittens im stets wiederkehrenden, mehr oder weniger schmerzlich erlebten Konflikt des interiorisierten Zwiespalts, den das Individuum als die ihm eigene, unüberwindbare, ihn „auszeichnende“ Grenze[5] begreift.

In dieser Arbeit soll ein Vergleich der genannten Mythen des Ritters Blaubart und der Wasserfrau Undine in ihrer unterschiedlichen Verwendungsweise im Werke Ingeborg Bachmanns versucht werden, wobei die Frage nach Bedingung, Motivation und Bedeutungsrelevanz der mythischen Elemente bzw. Strukturen hinsichtlich einer solchermaßen vermittelten bachmannschen Gesamtkonzeption im Zentrum des Interesses stehen soll.

Die Bedeutung einer neuerlichen Verwendung tradierter Mythen innerhalb einer Weiter-, Um- oder sogar „Anti“-Schreibung derselben muß genauso hinterfragt werden wie die Leistung der verwendeten Bilder, Formen und Strukturen, welcher sich die Autorin bedient.

Im Hinblick auf die Rezeption (2.) der - wenn auch nicht gänzlich oder ausschließlich, so doch grundlegend - über gemeine Mythen vermittelten Werke bzw. deren Inhalte schließt sich die Frage nach der Funktion des Rückgriffs auf generell bekanntes Vorwissen (3) an, das sich verantwortlich zeichnet für eine Dynamik seitens des Lesers, generiert aus der vermeintlich allgemein gültigen Signifikanz der aufgerufenen Legenden (3.2.) und der deformierten, entstellten oder gegenläufigen Re-produktion innerhalb der autorspezifischen Ausgestaltung (3.3).

Schließlich sollen die eigentlichen Parallelen und Widersprüche des männlich zentrierten Blaubart-Mythos und des weiblich geprägten Undine-Mythos in der bachmannschen Verwendung an den Texten (Der Fall Franza/Undine geht, 4.) aufgezeigt werden, die ihr vorläufiges Ende in der Überlagerung bzw. Auflösung der durch die aufgerufenen Mythen gesetzten Oppositionen nimmt (Ein Schritt nach Gomorrah, 5/6/7).

2. Die Renaissance erotischer Mythen

2.1. Bedingungen einer Reprise von Mythen in der Literatur

In den hier ausgewählten Werken Bachmanns „Der Fall Franza“ und „Undine geht“ hat der Rückgriff auf mythische Stoffe bzw. auf über Mythen vermittelte Strukturen zur Beschreibung menschlicher Beziehungen jeweils zentralen Stellenwert, wenn einerseits die Partnerschaft mit Leo Jordan aus den Augen Franzas als „Blaubartehe“ (F, 68) bezeichnet wird, und so ihre Affinitäten mit den Verhältnissen im tradierten Stoff aufgezeigt werden[6] oder eine Figur gezeichnet wird, - Undine - , die in ihrer Funktion als Projektionsfläche insbesondere männlicher Wunschvorstellungen (vor allem seit dem 18. Jahrhundert) deutlich auf ihre mythische Tradition verweist, durch die „Weiterschreibung“ oder besser „Umschreibung“ der gemeinhin bekannten Strukturen, Attribute und Verhaltensweisen der Figur jedoch eine andere, den Erwartungen mehr oder weniger entgegen laufende Funktion im Sinne der Autorin erhält.

Der Gebrauch des Mythischen, das in beiden Fällen wenn auch aus unterschiedlicher Perspektive als einprägsame Schablone für die generelle Opposition zwischen herrschenden, männlich-vernunft dominierten Strukturen repräsentiert durch den verführbaren Mann Hans und den mächtigen Arzt Leo Jordan[7] und einem ausgegrenzten, nunmehr weiblichen Bereich (Franza, Undine) fungiert, erschöpft sich dabei jedoch nicht in der dekorativen Verwendung von traditionsreichen Bildern, Schauplätzen oder Formen. Vielmehr eignet der Mythos gerade in der neuerlichen literarischen Verarbeitung als erklärte „Kehrseite der Vernunft“[8] die Rolle einer Gegenkonzeption zur dominierenden „modernen Vernunftkonzeption“[9], die anerkanntermaßen als die - nicht mehr nur - in westlich geprägten Kulturen bestimmende Konzeption gelten muß.

Im Rahmen dieser Arbeit kann auf die Problematik und die damit verbundene breite Diskussion von Bedingung und Möglichkeit des Mythos in unterschiedlichsten Kontexten und Disziplinen nicht eingegangen werden. Jedoch soll gezeigt werden, welche strukturellen, grundsätzlichen Voraussetzungen Mythen bestimmen und inwiefern derartiges kulturelles „Wissen“ implizit Prämissen für eine neuerliche literarische Verwendung liefert.

2.2. Grundsätzliches zum Mythos

Die unterschiedlichen Verwendungsmodi von Mythen durch Bachmann verweisen auf Grundsätzliches, die Mythen selbst erst Konstituierendes, wenn in „Der Fall Franza“ zum Beispiel das analytische Wissen der „Weißen“ (F, 61) repräsentiert durch den ‘Ehemann’ Jordan oder den Bruder Martin in Opposition steht zum ausgegrenzten „Wahnsinn“ (F, 42), der „Magie“ (F, 54) oder anderem nicht rational-logisch faßbarem Wissen, welches vor allem die Protagonistin inkarniert.

Ähnliches läßt sich auch für die beispielsweise in „Undine geht“ aufgerufenen Problematik der „Sprache“[10] nachweisen, drückt sich doch in der mythischen Repräsentationsweise jenes Unvermögen der klassifizierten, normierten Sprache aus, darüber hinaus oder besser tatsächlich etwas zu „bedeuten“:

„Der Mythos [...] drückt aus, was die Sprache, le langage, auf Grund ihrer maladie nicht ausdrücken kann. Aus dieser maladie de langage und der Unübersetzbarkeit der Mythen [wird] versucht [...] Wirkungen zu gewinnen.“[11]

Neben die genannten Phänomenen der fundamental binären Struktur und der besonderen Bedeutungsebene von Mythen treten weitere Charakteristika, welcher sich auch Bachmann bedient. Diese sollen hier kurz vor dem - wenn auch eingeschränkten - Hintergrund historischer wie theoretischer Analysen im Hinblick auf die bachmannsche Schreibung erläutert werden.

In seiner historisch angelegten Recherche zu Klärung und Wandelbarkeit des semantischen Inhalts des Begriffs „Mythos“ bis in die heutige vermeintlich „entmythologisierte“ Zeit[12] verweist Betz auf Karl Jaspers, der die besondere Aussage- und Bedeutungsrelevanz von Mythen neben einer vorgeblich hinreichenden, allein sprachlichen Ausdrucksform, geregelt über Normen und Fixierungen:

„Der Mythos ist Bedeutungsträger, aber von Bedeutungen, die nur in dieser seiner Gestalt ihre Sprache haben. In mythischen Gestalten sprechen Symbole, deren Wesen es ist, nicht übersetzbar zu sein in eine andere Sprache. [...] Wie dürftig und spracharm unser Dasein, wenn mythische Sprache nicht in ihm gilt! und wie unwahr, wenn die unumgängliche mythische Denkweise mit albernen Inhalten gefüllt wird.“[13]

2.3. Die Sprache des „Mythischen“

Das notwendige Nebeneinander und Sichüberlagern des sprachlich-zeichenhaften und des symbolisch-mythischen Systems, das sich gerade in der stets neu schaffenden Literatur - und dabei besonders in poetischen Werken - findet, versucht Julia Kristeva unter Zuhilfenahme psychoanalytischer Erklärungsmuster in „La révolution du langage poétique“[14] zu verdeutlichen.

Zunächst ausgehend von Lacans versprachlichtem Subjektbegriff, der hernach aufgegeben wird zugunsten eines, sich in steter, prozeßhafter Motilität befindlichen Subjekts, beschreibt sie die Entwicklung beider Systeme als ursprünglich diachronistische. Dabei wird der für das Subjekt entscheidende Übertritt von einer vorsprachlich-semiotischen Phase in eine sprachlich-symbolische lokalisiert in einer thetischen Phase, nach welcher gesetzte Strukturen, Normen etc. bewußt eingehalten werden, Unbewußtes sich jedoch weiterhin durch merkliches oder unmerkliches Durchdringen des Thetischen manifestiert und so dem ‘fließenden Subjekt’ innerhalb starrer Gesetze, das heißt vor allem Sprachfixierungen, einen gewissen Raum der Individualität bzw. der Ausdrucksfreiheit läßt. Die ‘poetische Sprache’ oder besser der ‘poetische Text’[15], deren genauere Betrachtung sich hier im Hinblick auf Bachmann aufdrängt, bietet die Möglichkeit jener Durchbrechung sprachlich fester, hierarchisch organisierter Strukturen, die solchermaßen als Sicherung der allgemeinen, basisbildenden Ordnung fungieren. Dieser Normierung aller relevanter Lebensbereiche über das Medium Sprache verweigert sich der „Text“, welcher im Sinne Kristevas, ganz ähnlich dem zuvor als „offen“ definierten Subjekt sich in konstanter Bewegung befindet und sich den dogmatisch vorgezeichneten Strukturen verweigert. Neben zwei weiteren Typen sprachlicher Sinngebung läßt sich außer dem hier bereits erwähnten Typs des „Text“ bzw. der poetischen Sprache vor allem die Kategorie der „Metasprache“[16] unterschieden. Sie bilden insbesondere im Hinblick auf die unterschiedliche Verwendungsweise sprachlicher Strukturen in systemgerechter oder systemzerstörerischer Form eine grundlegende Opposition: Benutzt die auf Allgemeingültigkeit und Nachprüfbarkeit ausgerichtete „Metasprache“ gesetzte sprachliche Strukturen im Sinne des Systems, so verweist der „Text“ durch sein subversiv-zerstörerisches Moment bedingt im notwendigen Nexus zwischen dem sich neu generierenden „Text“ und dem fließenden Subjekt, auf stets auf die Unzulänglichkeiten und Grenzen derselben hinsichtlich der - bewußt oder unbewußt - intendierten Bedeutung der Aussage. Damit ist aber weder der „Text“, noch das vermeintlich auffindbare „schreibende“ Subjekt als autonom im Sinne eines „Schaffenden“ zu denken, denn sie unterliegen gleichermaßen der „Intertextualität“, jenem Phänomen, das eigentlich die konstante Bewegung von Zerstörung und Wiederaufbau der Bedeutung eignet, die sich in jeder sprachlichen Äußerung findet. Das latent vorhandene, nie gänzlich überwindbare oder verdrängbare „Semiotische“ des Vorsprachlichen verschafft sich immer wieder Raum innerhalb des zunächst Vermittelten, einerseits durch eine totale Negation der gesetzten, zum Beispiel syntaktischen Strukturen, andererseits durch die unverkennbare Verwerfung oder Parodie der als repressiv entlarvten Sprachstrukturen im solchermaßen „revolutionären“ Text[17].

Kristeva weist so anhand sprachlicher und psychoanalytischer Deutungsmuster auf die textrelevante Überlagerung und Vernetzung verschiedener Bedeutungsebenen hin, die sich gerade auch Bachmann zum Thema macht, wenn sie tradierte Stoffe und deren Bedingtheiten ihrer Konzeption gemäß weiterschreibt.

2.4. Die „wissenschaftliche“ Wiederaufnahme des Mythos durch Freud

Höhler beschreibt bei der Klärung des spezifisch freudschen Mythosbegriffs die Gefahr der neuerlichen „Verwissenschaftlichung“ des fundamental anders gearteten Mythos, in dem dieses tradierte „Nicht-Wissen“[18] einer der dominant gesetzten „Wissenschaftlichkeit“ analogen, dogmatischen Systematisierung unterworfen wird, mit welcher notwendigerweise gerade jene nicht rational vermittelte ‘Wahrheit’ verlorengehen muß. Als ein mögliches Indiz für diesen Vorwurf kann beispielsweise die von Freud selbst synonym für das Unbewußte verwendete Formel des „Reichs der Unlogik“ angesehen werden, wie sie in „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“[19] vorkommt:

„Gültigkeit und Verbindlichkeit eines Mythos beruhen auf gleichgelagerten Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen dieser Gemeinschaft. Mythos, und das ist ein starkes agens der Bewahrung durch die Gruppe, wird für wahr und verbindlich gehalten, unabhängig von seiner rationalen Valenz.“[20]

Die grundsätzliche Unvereinbarkeit von positivistischer Wissenschaftlichkeit und mythischer Wahrheit läßt sich demnach als charakteristische Opposition beschreiben[21], welche der Mythos selbst strukturell eignet, was die stete Operation mit Gegensätzen wie männlich/weiblich, hell/dunkel, Gut/böse, roh/gekocht etc.[22] zeigen mag. Das emprisch-analytisch gewonnene ‘tatsächliche’ Wissen hingegen strebt eine Aufschlüsselung in der Form einer sich immer weiter verzweigenden, vom Menschen notwendigerweise immer weiter systematisch-erschließbaren Verästelung an[23]. Dabei wird gleichfalls vom Idealzustand einer solchermaßen konstruierten „Ordnung“ ausgegangen, welche sich entstehungsgeschichtlich auch für das Mythische annehmen läßt[24], jedoch in anderer Weise:

„Mythos strebt sicherlich auch eine möglichst umfassende Sicht des Erfahrbaren an und liefert infolgedessen relativ vollständige Bilder. Wissenschaft umgrenzt Felder des Erforschbaren und führt in ihrem Rahmen Einzelnachweise. [...] Bleibt der Mythos bei der Beschreibung im gültigen Bilde stehen, so zerlegt der Wissenschaftler nun das Bild in seine Kompositionsprinzipien.“[25]

Inwiefern gerade dieses Gegensatzpaar konstituierend in den Franza bzw. Undine beschreibenden Darstellungen wirkt, läßt sich sowohl im Einzelnen als auch im Hinblick auf eine bachmannsche Gesamtkonzeption zeigen.

2.5. Das „Individuelle“ des Mythischen

Zu den beschriebenen Charakteristika tritt ein weiteres entstehungsgeschichtlich motiviertes Phänomen des Mythos hinzu, welches insbesondere im Rahmen einer poetisch-literarischen Inszenierung von subjektiv-individueller Wahrnehmung wirkt. Denn das Mythische bildet von seinem Ursprung her gerade jene - individuelle und kollektive - Sicherungsinstanz, die sich sonst aus dem menschlichen Erfahrungshorizont gerade nicht generieren läßt:

„Mythos aber [...] erscheint [...] als die Bewältigung eines kollektiv gültigen Phänomens, dem die gesamte Gemeinschaft sich unterworfen fühlt, ohne es erklären oder abschütteln zu können. Das Phänomen hat beunruhigenden und quälenden Charakter; es bedarf der Begründung oder einer andersartigen Bewältigung, um zur Ruhe gebracht zu werden. Der mythische Bericht klart nun das Unerklärliche auf - das sich rational nicht begründen und nicht herleiten, ebensowenig aber ausmerzen läßt -, indem er es als Verhängtes, als Schickung definiert und die allgemeine Unterordnung unter dieses Unbegreifliche als die verordnete Haltung sanktioniert.“[26]

Die Notwenigkeit eines so gearteten Umgangs mit den auftretenden, nicht erklärbaren Phänomenen, die den Menschen in seinem begrenzten Verstehen jedoch empfindlich treffen und einschränken, ergibt sich aus der mehr oder weniger zyklisch erneut auftretenden Wiederholung des einmal Erfahrenen. Dieses kann nunmehr mit Hilfe einer Verortung im entsprechenden Mythos als weniger bedrohlich für die individuelle oder kollektive Existenz erscheinen.

Die Erfahrung dieser Wiederholung wird jedoch auch bestimmend für die ‘Existenzform’ des Mythos in seiner engen Bindung an das menschliche Erleben ‘an sich’: Er sieht sich in neuerlichen Wiederaufnahmen künstlerisch überformt, um Bedeutungsebenen erweitert oder auf ein bloßes Bild reduziert in seiner Funktion jedoch unverändert; nämlich das zur „Erscheinung“ bringen des „zeitlos als wiederholt Mögliche, das in verschiedenen Verkleidungen immer erneut Aktualisierbare“[27]

Die letztlich nicht starr fixierbare, unter welchen Prämissen auch immer aufgerufene mythische „Schablone“ eröffnet die Möglichkeit individuelle Erfahrungen präsent werden zu lassen und kritisch bzw. selbstreflexiv im Lichte einer Generalisierung nachzuerleben. Hierhin wird nun aber auch die Leistungsfähigkeit des Mythischen in poetischen Diskursen erkennbar, die diesen Modus der „rückholenden Aufrufung“ bemühen und die Möglichkeit eines „retour en arrière“[28] suggerieren:

„Après tout ce que nous avons dit sur l’espoir de renouvler le Monde en répétant la cosmogonie, il ne pas difficile de comprendre le fondement de ces pratiques [techniques traditionnelles du „retour en arrière“]: le retour individuel à l’origine est conçu comme une possibilité de renouvler et de regénérer l’existence de celui qui l’entreprend.“[29]

Dieser „retour en arrière“ über das Medium des Mythos kann bezüglich seiner Motivation äußerst heterogen auftreten, da ein bewußtes Intendieren nicht generell vorausgesetzt werden kann.

[...]


[1] WERTHEIMER, J.: Die Ehe als Fleischwolf. Zur Renaissance der „Blaubart“ - Legende. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 292. 14,/15.12.1996.

[2] Die Textangaben der bachmannschen Werke „Undine geht“ (U) und „Der Fall Franza“ (F) erscheinen fortlaufend unter der jeweiligen Bezeichnung (U) bzw. (F). Sie folgen den Ausgaben: BACHMANN, I.: Undine geht. In: Sämtliche Erzählungen. München, 1996. S. 253-263. BACHMANN, I.: Der Fall Franza. München, 1996. 5. Auflage.

[3] Vergl. auch die Erzählungen „Das Gebell“ bzw. „Ein Schritt nach Gomorrah“, die hier gleichermaßen als Bezugstexte fungieren. BACHMANN, I.: Das Gebell. In: Sämtliche Erzählungen. München, 1996. S. 373-393. BACHMANN, I.: Ein Schritt nach Gomorrah. In: Sämtliche Erzählungen. München, 1996. S. 187-213.

[4] BACHMANN, I.: Undine geht. In: Sämtliche Erzählungen. München, 1996. S. 253-263. Zuerst 1961.

[5] Vergl.: „Einen Fehler immer wiederholen, den einen machen, mit dem man ausgezeichnet ist.“ BACHMANN, I.: Undine geht. In: Sämtliche Erzählungen. München, 1996. S. 254/255.

[6] Vergl. zum Beispiel die erzwungene Abtreibung bzw. die Schwangerschaft als Tötungsgrund (F, 87/88) oder die ‘Neugier’ der Frau (F, 68).

[7] Die perspektivische Doppelung über das Geschwisterpaar Franza und Martin greift der später realisierten „Doppelstruktur“ bzw. der „Doppelgeschlechtlichkeit“ im Roman „Malina“ voraus. Hierzu vergl. u. a. KOHN-WAECHTER, G.: Das Verschwinden in der Wand. Destruktive Moderne und Widerspruch eines weiblichen Ich in Ingeborg Bachmanns „Malina“. Stuttgart, 1992.

[8] KOHN-WAECHTER, G.: ebd., S. 9.

[9] KOHN-WAECHTER, G.: ebd., S. 9.

[10] Vergl. z.B. U, 255.

[11] BETZ, W.: Vom ‘Götterwort’ zum ‘Massentraumbild“. Zur Wortgeschichte von ‘Mythos’. In: KOOPMANN, H. (Hg.): Mythos und Mythologie in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a. M., 1979. S. 17. Kursiv nicht im Original.

[12] Vergl. BETZ, W.: ebd., S. 19.

[13] JASPERS, K. zitiert nach BETZ, W.: ebd., S. 19.

[14] KRISTEVA, J.: La révolution du langage poétique. Paris, 1974.

[15] Vergl. zum Begriff „Text“ (in Abgrenzung zu „Metasprache“, „Erzählung“ und „Kontemplation“) bei Kristeva u. a. SUCHSLAND, I.: Julia Kristeva zur Einführung. Hamburg, 1992. Bes. S. 91-113; auch: GREUNER, S.: Schmerzton: Musik in der Schreibweise von Ingeborg Bachmann und Anne Duden. Hamburg/Berlin, 1990. Bes. S. 41-58.

[16] Vergl. SUCHSLAND, I.: ebd., S: 98-100.

[17] Dieser setzt sich jedoch nicht bis zur ‘totalen’ Anarchie oder Sinnentleerung fort, da letztlich ein regulatives „Gesetz der Komposition“.

[18] Vergl. z.B. JASPERS, K.: „Die Wahrheit der Mythen ist kein Wissen.“ JASPERS, K.: Mythos und Philosophie. In: Die Wirklichkeit des Mythos. Zehn Vorträge. München/Zürich, 1965. S. 55.

[19] FREUD, S.: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. Frankfurt/Main, 1977.

[20] HÖHLER, G.: Die Schlüsselrolle des Ödipusmythos. Zu Sigmund Freuds Mythosbegriff. In: KOOPMANN, H. (Hg.): Mythos und Mythologie in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a. M., 1979. Hinweisen möchte ich besonders auf Höhlers Bemerkung zur „soziale(n) Gruppe [...], die man, je nach Ritus-Mythos-Verständnis [...] eine Glaubensgemeinschaft nennen kann.“ S. 323.

[21] Vergl. MALGORZATA, S.: Die Vereinbarkeit des Unvereinbaren. Ingeborg Bachmann als Essayistin. Tübingen, 1989.

[22] Vergl. hierzu Grundsätzliches von LÉVI-STRAUSS, C.: Anthropologie structurale. Paris, 1958; DUMÉZIL, G.: Mythe et épopée. Paris, 1968 u. a..

[23] Vergl. z. B. die Vorstellung des sog. „arbre généalogique“ im 18. Jahrhundert von Bacon, Diderot und D’Alembert, die deren enzyklopädischem Schaffen zugrundeliegt. Vergl. z.B. DARNTON, R.: Das große Katzenmassaker. Streifzüge durch die französische Kultur vor der Revolution. München, 1989. Bes. S. 219-239.

[24] Vergl. die Analysen von ELIADE, M.: Aspects du mythe. Paris, 1963. Bes. S. 11-34 (La structure des mythes); GIRARD, R.: Des choses cachées depuis la fondation du monde. Paris, 1978. Bes. S. 56-113 (Genèse de la culture et des institutions/Le processus d’hominisation).

[25] HÖHLER, G.: ebd., S. 338.

[26] HÖHLER, G.: ebd., S. 333.

[27] OHL, H.: Melusine als Mythos bei Theodor Fontane. In: KOOPMANN, H. (Hg.): Mythos und Mythologie in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a. M., 1979. S. 291.

[28] ELIADE, M.: ebd., S. 103.

[29] ELIADE, M.: ebd., S. 103.

Details

Seiten
45
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638149334
ISBN (Buch)
9783640898831
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7796
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Ritter Blaubart Wasserfrau Undine Zwei Mythen Vergleich Werk Bachmanns Juan/Blaubart

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Titel: Ritter Blaubart - Wasserfrau Undine - Zwei erotische Mythen im Vergleich im Werk I. Bachmanns