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Eine Globalisierung der Urlaubskultur? Die weltweite Veränderung der touristischen Nachfragestrukturen

Seminararbeit 2003 39 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Fremdenverkehrsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Grundlagen: Globalisierung aus der Sicht des Tourismus und die historische Entwicklung des Tourismus
1.1 Globalisierung aus der Sicht des Tourismus
1.2 Aspekte der historischen Entwicklung des Tourismus und ihre Hintergründe

2. Einflussfaktoren auf die Tourismusnachfrage
2.1 Grundlagen für die individuelle Nachfragestruktur
2.2 Internationaler Vergleich ausgewählter Einflussfaktoren
2.2.1 Demographische Entwicklungen
2.2.2 Arbeitszeit und öffentliche Feiertage

3. Quantitative Analyse der internationalen Tourismusnachfrage
3.1 Internationale Daten und Bilanzen der Reiseausgaben
3.2 Internationale Entwicklungen und Zukunftsprognosen hinsichtlich der Touristenströme
3.3 Analyse der „Knoten“ des globalen touristischen Netzwerkes

4. Qualitative Analyse der internationalen Tourismusnachfrage
4.1 Das Konzept des „Homo touristicus globalis“
4.2 Homogenisierungstendenzen in der Hotelbranche – Anzeichen einer globalen Tourismuskultur
4.3 Touristische Kulturen und touristisches Kulturmodell
4.4 Das Konzept der Produktzyklen der Urlaubsstile
4.5 Globalisierung der Urlaubskultur? Ein Versuch zur Beantwortung dieser Frage unter Zuhilfenahme einer Analyse und Prognose ausgewählter Beispielländer

Literaturverzeichnis

1. Grundlagen: Globalisierung aus der Sicht des Tourismus und die historische Entwicklung des Tourismus

1.1 Globalisierung aus der Sicht des Tourismus

Um das Thema Tourismus aus der Sicht der Globalisierung zu betrachten, erscheint es sinnvoll, den aktuellen Entwicklungen einen Überblick über die historischen Entwicklungen des Tourismus voranzustellen. Zwar wird in der täglichen Presse Globalisierung meist unhinterfragt als Gegenwartsphänomen betrachtet, Sozialwissenschaftler sind jedoch bezüglich der historischen Einordnung des Globalisierungsprozesses nicht einer Meinung. Versteht man unter Globalisierung die zunehmende Internationalisierung der Produktion, der Beschaffung und des Absatzes von Waren und Dienstleistungen[1], so sind bereits im Manifest der Kommunistischen Partei deutlich charakteristische Merkmale einer Globalisierungstendenz zu erkennen:

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Burgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Burgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen.[2]

Auch wenn die Anfänge der Globalisierung bereits im 19. Jahrhundert mit dem Beginn der industriellen Moderne gelegt waren, so können gegenwärtige Prozesse zumindest als Intensivierungsschub der Globalisierung betrachtet werden.

Um über das Thema Globalisierung allgemeingültige Aussagen treffen zu können, ist es sinnvoll, die Globalisierung analytisch in verschiedene Dimensionen zu kategorisieren. Es handelt sich um einen Prozess der weiträumigen Ausdehnung sozialer, ökonomischer und politischer Beziehungen, der sich unter anderem in einer Intensivierung regionale und nationale Grenzen überschreitender Ströme an Informationen, Kapital, Güter und Menschen ausdrückt. Das Thema Tourismus aus der Perspektive der Globalisierung zu betrachten und zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen erweist sich deshalb als eine Herausforderung, weil der Tourismus auf globaler Ebene eine Schnittstelle zwischen den unterschiedlichen Dimensionen darstellt. Der Tourismus, der – je nach Blickwinkel des Betrachters – möglicherweise zunächst hauptsächlich als ökonomisches Phänomen gesehen werden kann, ist stets vor dem Hintergrund des Aspektes der Politik und der Kultur zu betrachten. Auch soziale Aspekte sind nicht zu vernachlässigen. Dass dem so ist und dass außerdem noch weitere Komponenten eine Rolle spielen, ist dem touristischen Grundmodell FREYERs zu entnehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das touristische Grundmodell[3]

Das Zusammenspiel resultiert aus einer Vielfalt von Bedingungen und Voraussetzungen der unterschiedlichen Erdteile und Länder, die sich als mehr oder weniger tourismusfördernd erweisen. Exemplarisch sollen im ersten Kapitel globale Entwicklungen aufgezeigt werden, die letztendlich auch Auswirkungen auf die weltweite Nachfragestruktur im Tourismus haben.

Obwohl einige Entwicklungsländer in den vergangenen Jahrzehnten Wachstumsraten zu verzeichnen hatten, welche es ihnen ermöglichten, die Armut abzubauen, ist angesichts der wachsenden Weltbevölkerung die Zahl der Menschen, die über höchstens einen US-Dollar pro Tag verfügen, absolut gesehen gestiegen (1987: 1,2 Mrd., 2000: 1,5 Mrd., 2015: 1,9 Mrd.).[4] Auch die in der vorliegenden Arbeit behandelte touristische Thematik spielt sich vor dem Hintergrund einer zwischen armen und reichen Ländern weiter auseinander gehenden Einkommensschere ab, was bereits im Voraus die Vermutung wach werden lässt, dass den Intensitäten der globalen touristischen Nachfrage auf räumlicher Ebene durchaus deutliche Grenzen gesetzt sind.

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Anders als bei der Einkommensschere verhält es sich mit politischen Entwicklungen: Es sind eindeutig Tendenzen zu erkennen, die Bevölkerung zunehmend an der Politik zu beteiligen[5]. Der Anteil der Länder mit gewissen demokratischen Regierungsstrukturen ist seit 1974 von 28 % auf 61 % im Jahr 1998 gestiegen.

Zuletzt sei noch ein Beispiel aus dem Bereich Gesundheitswesen angeführt, an dem zu erkennen ist, dass hier die Entwicklungstendenzen nicht global einheitlich sind und dass zwischen den einzelnen Ländern deutliche Disparitäten bestehen. Die Veränderung der Lebenserwartung ist in einigen (Entwicklungs-)Ländern erheblich gestiegen, in anderen jedoch ebenso erheblich gesunken.

Betrachtet man das Thema Tourismus aus der Sicht der Globalisierung, so ist es unerlässlich, auch solche Entwicklungen, deren Einfluss auf den weltweiten Tourismus und auch die globale Tourismusnachfrage ohne Zweifel gegeben ist, zu berücksichtigen, zumal Tourismus und Entwicklungsländer immer häufiger in einem Zusammenhang genannt werden. Beim Thema „Entwicklung der Lebenserwartung“ ist deutlich erkennbar, in welchem Ausmaß Disparitäten auf diesem Bereich vorhanden sind, welche Rückschlüsse auf die Lebensqualität, insbesondere die medizinische Versorgung und die hygienischen Verhältnisse des jeweiligen Landes zulassen. Solche Gegebenheiten können sich auf die touristischen Entwicklungen auswirken. Auf weitere Einflussfaktoren wird im nächsten Kapitel noch genauer eingegangen.

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Abb. 3: Die Lebenserwartung bei der Geburt in ausgewählten Ländern (in Jahren)[6]:

1.2 Aspekte der historischen Entwicklung des Tourismus und ihre Hintergründe

In Anbetracht der Tatsache, dass Reisen als Freizeitbeschäftigung erst im Laufe der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts für eine breite Gesellschaftsschicht relevant wurde, handelt es sich beim Tourismus der breiten Masse um ein relativ junges Phänomen.

Während die „Grand Tour“ des Adels an die verschiedenen Höfe Europas als eine Vorphase touristischer Entwicklungen zu identifizieren ist, handelt es sich bei Bildungsreisen des gehobenen Bürgertums ab dem 19. Jahrhundert um die Anfangsphase (1850-1914), deren Weiterentwicklung im Alpinismus und im Sommerfrischetourismus des fortschreitenden 19. Jahrhunderts gesehen werden kann. Ein Schritt zur Demokratisierung des Reisens kann in den ersten Gesellschaftsreisen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts festgestellt werden, welche durch eine einschneidende Veränderung der Verkehrsinfrastruktur ermöglicht wurde[7].

Nachdem in den späten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts erste Pauschalflugreisen in Prospekten angeboten werden (z. B. mit Zwischenlandungen nach Teneriffa), entwickelt sich die Tourismusbranche ab dem Ende der 60er Jahre vom Anbieter- zu einem Käufermarkt, auf dem der Kunde aus einer zunehmenden Zahl von Reisezielen und einer stark zunehmenden Zahl von Angeboten auswählen kann.

Im Jahr 1995 war bei der World-Tourism-Organization die Rede von einem Aufschwung ohne Grenzen, und in Anbetracht einer Analyse mit Zukunftsprognose bestätigt sich offenbar diese These.

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Abb.4: Welttourismus: Aufschwung ohne Grenzen[8]

Diese Entwicklung des Tourismus in seiner heutigen Prägung ist möglich geworden auf Grund moderner Verkehrstechnik, höherer Einkommen aller Schichten, weniger Wochenarbeitszeit und mehr Freizeit.

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Abb. 5: Durchschnittlicher Jahresurlaub für Arbeitnehmer in Tagen (Deutschland)[9]

Ausgehend von Deutschland ist erkennbar, dass sich der tarifliche Jahresurlaub seit 1950 um weit über 150% gesteigert hat. 86 freien Tagen im Jahr 1950 stehen bereits im Jahr 1990 165 freie Tage gegenüber, was 200 Arbeitstagen entspricht. Ob sich die Prognose Opaschowskis[10], dass sich dieses Verhältnis bereits bis zum Jahr 2010 umkehre, als richtig erweist, muss sich erst noch herausstellen. Fest steht jedoch, dass Deutschland im internationalen Vergleich weit vorne steht; die Tendenz zur Zunahme des tariflichen Jahresurlaubes auf internationaler Ebene ist allerdings auch bei anderen europäischen Ländern zu erkennen (vgl. Abb. 6).

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Abb. 6: Tariflicher Jahresurlaub (Tage/Jahr) – internationaler Vergleich (Opaschowski, 1996)

Des Weiteren ist der zwischen 1950 und 1990 um das fünffache gestiegene Reallohn als einer der Boomfaktoren des Reisens anzusehen. Somit hat sich innerhalb der privaten Konsumstruktur eine deutliche Verschiebung der Ausgabenanteile von den Grundbedarfsgütern zugunsten des „gehobenen“ oder „freien“ Bedarfs ergeben. Während 1960 noch ein Anteil von 36,6% des privaten Konsums für Nahrungs- und Genussmittel ausgegeben wurde, so waren es 1990 nur noch etwa 20%. Der Anteil des touristischen Konsums hatte einen Anstieg von 1,7% auf 4,3% zu verzeichnen.[11] Als Voraussetzung ist im Hintergrund stets die rasante Entwicklung des Verkehrs- und Telekommunikationsbereichs zu sehen: Seit dem Zeitalter der Postkutsche ist die Reisegeschwindigkeit von ungefähr 160 km täglich auf etwa 1000 km pro Stunde im Jet-Zeitalter gestiegen, was ausschlaggebend dafür ist, dass gelegentlich vom „globalen Dorf“ gesprochen wird.

2. Einflussfaktoren auf die Tourismusnachfrage

2.1 Grundlagen für die individuelle Nachfragestruktur

In der Tourismustheorie stellt man sich in Anbetracht der menschlichen Eigenschaften und Grundbedürfnisse die Frage wie das Reisen in einer Bedürfnishierarchie einzuordnen ist. Grundsätzlich ist von der groben Einteilung „Grundbedürfnisse und Existenzbedarf“, „gehobener Bedarf“ und „Luxusbedarf“ auszugehen. Maslows Bedürfnishierarchie soll die Reihenfolge verdeutlichen, in der der Mensch seine Bedürfnisse befriedigt: „[W]enn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, [so] strebt der Mensch die Befriedigung höherwertiger Bedürfnisse wie Sicherheit, sozialen Kontakt gesellschaftliche Anerkennung und Selbstverwirklichung an.“[12]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Bedürfnishierarchie nach MASLOW[13]

[...]


[1] Vgl. Diercke, Wörterbuch der allgemeinen Geographie, S. 282

[2] Marx & Engels 1969 [1847]: 23 (=Manifest der Kommunistischen Partei)

[3] vgl. Freyer (1997), S. 31

[4] vgl. Weltentwicklungsbericht 1999/2000, S. 30

[5] vgl. ebd. S. 51f.

[6] Weltentwicklungsbericht 1999/2000, S. 31

[7] vgl. Dettmer (Hrsg.), S. 23f.

[8] ebd. S. 14

[9] Dettmer (1998) S. 25

[10] nach Opaschowski (1996); vgl.: Hopfinger, Materialien zur Vorlesung „Tourismus“, SS 2002

[11] vgl. Freyer (1998), S. 15

[12] Freyer (1998), S. 54f.

[13] ebd. S. 55

Details

Seiten
39
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638829694
ISBN (Buch)
9783638832076
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78120
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Mathematisch Geographische Fakultät
Note
1
Schlagworte
Globalisierung Urlaubskultur Veränderung Nachfragestrukturen Wandel Organisations- Regionalstrukturen Rahmenbedingungen Tourismus Nachfrage Angebot Reisearten Destination Geografie Geographie Humangeographie Anthropogeographie Kulturgeographie Kulturgeografie Reisen

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