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"Unter der Linden" von Walther von der Vogelweide - eine Pastourelle?

Seminararbeit 2002 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Der Versuch einer zeitlichen Einordnung von Walther von der Vogelweide
1.2. „Under der linden“

2. „Under der linden“ und die Pastourelle
2.1. Grundlegende Gedanken zur Pastourelle
2.1.1. Bedeutung und historische Einordnung der Pastourelle
2.1.2. Die provenzalische und die französische Pastourelle
2.1.3. Die mittelhochdeutsche Pastourelle
2.2. Interpretation von „Under der linden“
2.3. Gegenüberstellung von Pastourelle und „Under der linden“ im Hinblick auf die Problemstellung

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich dem Lied „Under der linden“ von Walther von der Vogelweide. Das Ziel dieser Arbeit soll sein, eine Antwort zu finden auf die Frage, ob man dieses Lied der Pastourelle zuordnen kann.

Zu Beginn werde ich kurz auf Walther von der Vogelweide eingehen, um eine zeitliche Einordnung zu ermöglichen. Ebenfalls werde ich mich kurz dem Lied „Under der linden“ widmen, um auch dies inhaltlich einordnen zu können.

Nach diesen einleitenden Anmerkungen über den Autor und das Lied werde ich mich mit den grundlegenden Gedanken zur Pastourelle beschäftigen, wobei ich mich sowohl auf die französische Pastourelle und die provenzalische Pastourelle als auch auf die mittelhochdeutsche Pastourelle beziehen werde.

Nach diesen grundlegenden Gedanken über die Pastourelle und deren typischen Inhalt und Aufbau folgt eine detaillierte Interpretation des Liedes „Under der linden“. Hinsichtlich der Frage, ob es sich bei dem Lied „Under der linden“ um eine Pastourelle handelt, erfolgt nach der detaillierten Interpretation eine Gegenüberstellung zwischen Pastourelle und dem Lied, um heraus zu finden, inwiefern die typischen Merkmale der Pastourelle mit diesem übereinstimmen. Ziel dieser Untersuchung soll sein, eine Antwort zu finden auf die Frage, ob es sich bei „Under der linden“ um eine typische Pastourelle handelt, ob nur pastourellenhafte Züge zu finden sind oder ob das Lied gar nicht mit den typischen Merkmalen der Pastourelle übereinstimmt.

Nach dieser detaillierten Untersuchung werde ich die wichtigsten Ergebnisse in Form einer Zusammenfassung noch einmal wiedergeben.

1.1. Der Versuch einer zeitlichen Einordnung von Walther von der Vogelweide

Walther wurde um 1170 geboren, wobei man sich über den Ort seiner Geburt nicht sicher ist. Es wird geschätzt, dass es sich bei seinem Geburtsort um die Feuchtwanger Vogelweide handelt. Er begann seine Tätigkeit als Minnesänger um 1190. Man geht davon aus, dass er zu Beginn seiner Tätigkeit als Minnesänger mehrere Jahre für den Herzog Friedrich I. von Österreich gesungen hat, den man auch für seinen ersten Gönner hält. Seine Jugend hat er vermutlich ebenfalls in Österreich verbracht. Walther soll im babenbergischen Hausstift Klosterneuburg eine klerikale Ausbildung genossen haben. Sein theologisches Wissen ist in vielen seiner Lieder deutlich erkennbar. Ein Beispiel dafür ist z.B. die „auf Argumente in lateinischen Rom- Satiren fußende Papstkritik“.[1] Während seiner Ausbildung soll er neben Theologie auch Kenntnisse über die deutsche und die provenzalische Lyrik erlangt haben (Vgl. Scholz, S.4). Ungeachtet der Tatsache, ob die Feuchtwanger Vogelweide wirklich als sein Geburtsort angesehen werden kann, handelt es sich bei dem Zusatz (von der Vogelweide) zu seinem Namen Walther wahrscheinlich um einen Künstlernamen. Der Minnesänger allgemein wird oft mit der Nachtigall assoziiert, wobei deren Aufenthaltsort u.a. die Vogelweide ist. „Von der Vogelweide“ könnte demnach mit der Nachtigall als Metapher verwendet worden sein, um Walther eindeutig als Minnesänger zu kennzeichnen. Walther von der Vogelweide geht als der „erste sichere Berufsdichter“[2] in die Geschichte ein und stirbt um 1230.

1.2. „Under der linden“

Das Lied „Under der linden“ wurde vor ca. 780 Jahren von Walther von der Vogelweide geschrieben und wird als der „künstlerische Höhepunkt des Schaffens Walthers“[3] angesehen. Es hat den Ruf des schönsten Liebeslieds des Minnesangs und wird gerne als Wunder bezeichnet (Vgl. Sievert 1990, S.93). Demzufolge hat es eine großartige Karriere unter den Liedermachern gemacht. Dieses Lied soll den Minnesang revolutioniert haben und wird beschrieben als „Tagelied und Pastourelle […], Mädchenbeichte und Frauenmonolog, ein Lied der Niederen und der Ebenen Minne und Mädchenlied“[4], welches sowohl „volkstümlich und höfisch, einfach und paradox“ (ebd., 93) sein soll.

„Under der linden“ wurde in zwei Handschriften überliefert, die sich nicht gravierend voneinander unterscheiden. Da dies ein großer Glücksfall in der mittelhochdeutschen Lyrik ist, gibt es auch kaum einen Zweifel, dass das Lied aus vier Strophen besteht.

Inhaltlich geht es darum, dass sich eine Frau an ein Treffen mit ihrem Geliebten erinnert. Die Erinnerung wird dabei so deutlich, dass dieses Treffen für den Zuhörer/ Leser und für sie selber realistisch erscheint.

2. „Under der linden“ und die Pastourelle

Wie schon zuvor in der Einleitung angekündigt wird sich der Hauptteil der Arbeit auf die grundlegenden Gedanken zur französischen, provenzalischen und mittelhochdeutschen Pastourelle beziehen. Des Weiteren wird eine Interpretation des Liedes „Under der linden“ erfolgen, damit die darauffolgende Gegenüberstellung von Pastourelle und Lied gewährleistet werden kann, deren Ziel es ist, eine Antwort auf die Frage, ob es sich bei „Under der linden“ um eine Pastourelle handelt, zu erhalten. Ich werde bei der Gegenüberstellung so vorgehen, dass ich abwechselnd ein charakteristisches Merkmal der Pastourelle anführe und dann das Lied „Under der linden“ auf eine mögliche Übereinstimmung hin untersuche.

2.1. Grundlegende Gedanken zur Pastourelle

2.1.1. Bedeutung und historische Einordnung der Pastourelle

Der Ausdruck ´Pastourelle` stammt aus dem französischen und bedeutet wörtlich übersetzt Schäferlied oder Hirtengedicht (Vgl. Metzler Literatur Lexikon[5] ). Bei der Pastourelle handelt es sich um eine weit verbreitete lyrische Gedichtsform des Mittelalters. Die älteste volkssprachliche Pastourelle, die überliefert wurde, stammt Mitte des 12. Jahrhunderts von dem provenzalischen Lyriker Macabru. Die wichtigsten Vertreter in Frankreich sind um 1200 Jean Bodel und um 1400 Jean Froissart, in Deutschland Gottfried von Neifen und der Thannhäuser und um 1400 Oswald von Wolkenstein.

Um ein Lied oder ein Gedicht der Pastourelle zuzuordnen, lässt man deren Form außer Acht. Einzig der Inhalt ist von Bedeutung.

2.1.2. Die provenzalische und die französische Pastourelle

Sowohl die provenzalische als auch die französische Pastourelle ist eine Gattung, die man relativ eindeutig bestimmen kann. Es handelt sich dabei um ein „erzählendes Lied“[6]. In der Regel besteht dieses Lied aus dreiteiligen Kanzonenstrophen, im Gegensatz zur Kanzone selbst endet die Pastourelle jedoch meist auf einen Refrain.

Bei dem klassischen Typ der provenzalischen und der französischen Pastourelle geht es inhaltlich um die Liebesabenteuer eines Mannes, die dieser in Ich- Form erzählt. Ob es sich bei diesem Mann immer um einen Ritter handelt, ist unklar, allerdings handelt es sich meistens um einen Reitenden. Bei dem Mädchen, welches er trifft, wenn er im Frühling des morgens ausreitet, handelt es in gewöhnlich um ein ländliches Mädchen, das häufig dem Beruf der Schäferin nachgeht. Sobald der reitende Mann das Mädchen sieht und grüßt, wird seine Lust entfacht. Die darauffolgende Werbung, gewöhnlich in Dialogform, macht meist den zweiten Teil des Liedes aus. Häufig weigert sich die Schäferin, den Gelüsten des Mannes nachzugeben, doch dieser verstärkt seine Werbung mit Geschenken und häufig mit der Versprechung, sie mit sich zu nehmen und zur Dame zu machen (Vgl. Brinkmann, S.12). Bis zu diesem Zeitpunkt unterscheiden sich die französische und die provenzalische Pastourelle inhaltlich kaum von anderen Pastourellen. Der Schluss allerdings bietet verschiedene Möglichkeiten. Zum Einen kann die Werbung des Mannes zu seinen Gunsten ausfallen, indem sich das Mädchen auf seine Begierde einlässt. Lässt sie sich nicht darauf ein oder kann sie durch eine List fliehen, muss er sein erfolgloses Werben entweder abbrechen oder aber er zwingt das Mädchen, in Form einer Vergewaltigung, gegen ihren Willen zum Liebesakt. Das Mädchen ihrerseits findet häufig Gefallen daran und nachdem der Reitende sie verlässt, spricht sie in den höchsten Tönen von ihrem neuen Liebhaber.

An dem Inhalt lässt sich schon erkennen, dass die Pastourelle die Form war, durch die man Erotik und eigene Wünsche und Erfüllungen ausdrücken konnte. Typisch für diese erotischen Wünsche und Erfüllungen ist auch der Ort, an dem die Handlungen in den Pastourellen meist stattfinden: in dem freien Land, „in dem die Gesetze des Hofes und der Stadt keine Geltung mehr haben“[7].

Es gibt aber auch Ausprägungen dieses klassischen Typs der französischen und provenzalischen Pastourelle. Der Ritter beobachtet dabei z.B.das Liebesspiel zweier Schäfer. Der Schäfer muss dann meist die Frau verlassen, was der Ritter zum Anlass nimmt, sich als besseren Ersatz der Schäferin zur Verfügung zu stellen.

[...]


[1] Scholz, Manfred, Günter: Walther von der Vogelweide. In: Sammlung Metzler. Bd. 316. Stuttgart 1999. (Im folgenden abgekürzt als: Scholz), S.4

[2] Scholz, S.11

[3] Sievert, Heike: Studien zur Liebeslyrik Walthers von der Vogelweide. Göppingen 1990. (Im folgenden abgekürzt als: Sievert 1990), S.93

[4] Sievert 1990, S.93

[5] Metzler, J.B.: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg.v. Günther und Irmgard Schweikle. 2.Aufl. Stuttgart 1990.

[6] Brinkmann, Sabine, Christiane: Die deutschsprachige Pastourelle- 13. bis 16. Jhd. Hrsg. v. Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer. Göppingen 1985. (Im folgenden abgekürzt als: Brinkmann), S.11

[7] Brinkmann, S.15

Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638840187
ISBN (Buch)
9783638840248
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78488
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,0
Schlagworte
Unter Linden Walther Vogelweide Pastourelle Liebeslyrik

Autor

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