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Aspekte der soziologischen Erkenntnistheorie und der Analyse von Individualität in der modernen Gesellschaft bei Georg Simmel und Niklas Luhmann

Seminararbeit 1991 21 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung

1) Thema

2) Georg Simmels Aprioris der Vergesellschaftung von Individuen

3) Luhmanns Kritik an Simmel und sein systemtheoretisches Fundament zur Neubestimmung des Verhältnisses Individuum/Gesellschaft

4) Individualität als objektives Ideal bei Georg Simmel

5) Individualität als Reflexionslast

Die Dekomposition des Subjektbegriffs bei Luhmann

6) Möglichkeiten zur Selbstbeschreibung in der modernen Gesellschaft:
Karriere und Ansprüche

Literaturverzeichnis

1) Thema

Die historische Entwicklung der Gesellschaftstheorie, stellt Niklas Luhmann abschließend in seiner erkennt­nistheoretischen Studie "Wie ist soziale Ordnung möglich?" fest, sei dadurch gekennzeichnet, "daß sie das Problem der Menschenbeziehung ins Ethische und/oder Private auslagerte und Gesellschaft durch ihr dominantes Teilsystem definierte, zunächst durch Politik, dann durch Wirtschaft. Die theoretische Problemlösung wurde damit an die Reflexionsbemühungen der Gesellschaft selbst angeschlossen." ( a), S.284) Die Soziologie enstand dagegen entlang der Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Wie ist nun dieses als einheitliche Problemstellung zu analysieren, ohne an die Reflexionsbemühungen des Individuums selbst anzuschließen oder wiederum an diejenigen der Gesellschaft? Die notwendige ana­lytische Außenstellung gewinnt Luhmann ausgehend von seiner historischen Differenzierungsthese und durch sein evolutions- und systemtheoretisches Instrumentarium. In seiner Studie "Individuum, In­dividualität, Individualismus" dekomponiert er die 'Grundfrage der Soziologie'in umfassender, d.h. erkenntnistheoretischer, historischer und aktueller Hinsicht. Die Entstehung des Gegensatzes und damit des Themas vom Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft überhaupt analysiert er als Begleitsemantik zur ge­sellschaftsstrukturellen Evolution, die im Zuge des Umbaus der Gesellschaft von stratifikatorischer zur funktionalen Differenzierung die Beschreibung und Stellung der Individuen nicht mehr durch Inklusion in Schichten präjudiziert, sondern Individualität durch Exklusion herstellt und definiert. Die Anfer­tigung einer individuellen Selbstbeschreibung wird nun zur Aufgabe und Problemstellung der Individuen; die Inklusion der Individuen in ihre Teilsysteme zu derjenigen der Gesellschaft. Diese Problemstellung kehrt, "als Ideologie reflektiert, in die Semantik zurück ( b), S.216); die ideologiekonstituierende Differenz (Individualismus/Kollektivismus) wird zum Ausgangspunkt soziologischer Theoriebildung. Luhmann vermutet daher, "daß die klassische Soziologie, Simmel vielleicht ausgenommen, wenn sie von Individuen spricht, gar nicht an In­dividuen denkt, sondern an Individualismus." ( b), S.218) Die Ausnahme Georg Simmel analysierte als grund­sätzliches Problem soziologischer Theorie, daß Gesellschaft definiert werden müsse als "Gebilde aus Wesen, die zugleich innerhalb und außerhalb ihrer stehen."( c), S.27), die der Kantischen Erkenntnis­theorie folgende Gegenüberstellung von Subjekt/ Objekt auf das Verhältnis von Individuum und Ge­sellschaft daher nicht übertragbar sei, sondern das "Bewußtsein der Vergesellschaftung unmittelbar deren Träger"( c), S.24) - mit entsprechenden Folgen für die Sozialwissenschaft. Daß nicht nur die Gesellschaft kein Objekt ist, son­dern auch das Individuum kein Subjekt, geht aus Lumanns Analyse hervor. Ausgehend von der von Simmel sensibilisierten erkenntnistheoretischen Problematik soll daher Luhmanns Theoriegewinn nachvollzogen werden. Im zweiten Teil der Arbeit soll die Analyse von 'Individualität' bei beiden Autoren näher betrachtet werden. Luhmanns Studie zeigt gerade anhand dieser Thematik ihre besondere Bedeutung, weil er eine der wichtigsten 'Errungenschaften' der modernen Gesell­schaft, die der 'individuellen Freiheit' darauf zu­rückführt, was sie realiter ist: bloße Folge, Korrelat, evolutionär-semantisches Ergebnis der ohnehin statt­findenden gesellschaftsstrukturellen Entwicklung in Richtung auf höhere Komplexität. Individualität ist in seiner Theorie nichts anderes als die Auto­poeisis des psychischen Systems selbst; ihre inhalt­liche Ausfüllung in der Gesellschaft kann daher nur durch Asymmetrisierung des Zirkels mit Mitteln und Wegen erfolgen, die mit der Sozialstruktur-kompa­tibel sind oder von ihr nahegelegt werden. Georg Simmel definiert Individualität als psychologischen 'Ganzheitstrieb' des einzelnen; durch ihre Bestimmung als 'objektives Ideal' versucht er, sie der Bewertung nach dem Schema Egoismus/Altruismus zu entziehen. Historisch analysiert er die unterschied­liche und gesteigerte Auffassung von Individualität im 18. und 19. Jahrhundert als Idee einerseits der freien, andererseits der einzigartigen Persönlich­keit und sieht sie als Korrelat der jeweiligen ökonomischen Entwicklung (freie Konkurrenz/Arbeits­teilung) (vgl. d), S. 97 f). Ähnlich wie Luhmann zeigt er damit Zusammenhänge zwischen Ideengeschichte und Gesellschaftsstruktur auf; Luhmann führt diese Vorgehensweise wesentlich weiter, indem er seine gesamten historisch-semantischen Untersuchungen auf die Grundthese des Umbaus des Gesellschaftssystems von stratifizierter zu funktionaler Differenzierung stützt.

Simmels Aufsatz schließt mit der Vermutung, daß die Ideen der freien und einzigartigen Persönlichkeit "noch nicht die letzten Worte des Individualismus sind."( c), S.98). Durch die Bestimmung der Position der Exklusion der Individuen auf gesellschaftsstruk­tureller Ebene und der Theorie der Autopoiesis psy­chischer Systeme findet Luhmann diese letzten Worte mit dem Ergebnis, daß "die Autonomie seiner Indivi­dualität dem Individuum weder konzediert noch zuge­mutet werden (kann). Sie ist Form seiner Existenz." ( b), S.230). Es wird zu sehen sein, welche neuen Problemkonstellationen er analysiert.

2) Georg Simmels Aprioris der Vergesellschaftung von Individuen

In seinem "Exkurs über das Problem: Wie ist Gesell­schaft möglich?" analysiert Simmel ausgehend von Kants fundamentaler erkenntnistheoretischer Frage "Wie ist Natur möglich?" die Bedingungen und Voraus­setzungen, die die Vergesellschaftung von Individuen ermöglichen.

Kant hatte die Wahrnehmung der Natur, der unmittel­bar ungeordneten Elemente der Welt, der Synthese­leistung des subjektiven Intellekts zugeschrieben, der die 'Dinge1 dadurch objektiviert. Gerade weil die Individuen mit diesem subjektiven Bewußtsein ausgestattet seien, so der Hauptgedanke Georg Simmels, unterliege die Gesellschaft anderen Erkenntnisbe­dungen als die Natur: Im Gegensatz zu den Dingen der Natur, die nach Kant nur durch die Synthese­leistung des Subjekts in Verbindung gebracht würden, vollziehe sich die gesellschaftliche Verbindung in den "Dingen", den "individuellen Seelen" selbst und unmittelbar; "die Vereinheitlichung bedarf hier keines Faktors außerhalb ihrer Elemente (...); das Bewußtsein, mit den anderen eine Einheit zu bil­den, ist hier tatsächlich die ganze zur Frage stehende Einheit" ( c), S.22).

Eine Synthese zwischen den Personen, die ein beob­achtender Dritter vollzieht, sei zwar möglich, "die Gesellschaft aber ist die objektive, des in ihr nicht mitbegriffenen Beschauers unbedürftige Ein­heit" (S.22). Simmel zieht hier sowohl bezogen auf die Realität als auch auf die Möglichkeiten der so­ziologischen Analyse Konsequenzen aus der Kantschen Bewußtseinsphilosophie:

wird "das Gefühl des seienden Ich" zur Grundlage "des Vorstellens überhaupt", so führe dies im Ergebnis dazu, daß der andere, "die Tatsache des Du" gefühlt werden müsse als "etwas, das genauso für sich ist, wie unsere eigene Existenz", es muß also im Gegensatz zur Vorstellung der räumlichen Welt bei der Vorstellung von als Subjekte begriffenen Individuen "etwas, das durchaus nicht in unser Vorstellen aufzulösen ist, dennoch zum Inhalt, also zum Produkt dieses Vorstellens" gemacht werden (S.23). Simmel sieht dies als "das tiefste, psychologisch-erkenntnistheoretische Schema und Problem der Vergesellschaftung" (S.23). Die Gesellschaft selbst ist also nicht als räumliches Äußeres zu begreifen, dessen Erkenntnis in der Form subjektiver Syntheseleistung möglich wäre, da sie selbst im subjektiven Bewußtsein nur besteht und entsteht. Darüber hinaus ist der Bewußseinsprozeß, der die Gesellschaft entstehen läßt, durch die Vorstellung des nie vollständig vorstellbaren, nämlich des "Du" als jeweils individuellen Subjekts gekennzeichnet. Auf den anderen muß dabei die "Unbedingtheit des eigenen Ich übertragen (werden)"(S.23) Die Soziologie könne daher nicht methodologisch eine "Synthese gegebener Elemente" vornehmen, sondern muß ihre Erkenntnis gewinnen durch "die in den Elementen selbst a priori gelegenen Bedingungen, durch die sie sich real zu der Synthese 'Gesellschaft' verbinden" (S.23).

Simmel entwickelt drei Aprioris, durch die Gesellschaft möglich wird:

Das erste betrifft Prozesse, die es Individuen ermöglichen, andere Individuen zu vergesellschaften, indem sie sich ein Bild von ihnen machen. Da vollkommenes Erkennen anderer voll­kommene Gleichheit voraussetzen würde, jeder Mensch aber einen tiefsten Individualitätspunkt habe, der nicht nachgeformt werden könne, müsse er von anderen im Rahmen einer Kategorie, eines Typus gedacht werden, der ihn nicht völlig deckt. Ohnehin seien alle Individuen Fragmente des allgemeinen Men­schen und ihrer Individualität; "dieses Fragmentarische aber ergänzt der Blick des anderen zu dem, was wir niemals rein und ganz sind" (S.25).

Durch dieses Verfahren würde nun innerhalb von Gesellschafts­kreisen die jeweils erforderliche Soziabilität der Individuen hergestellt: "Wir sehen den anderen nicht schlechthin als Individuum, sondern als Kollegen oder Kameraden oder Partei­genossen" (S.25). Gerade nun diese sozialen Verallgemeinerungen, die die Erkenntnis der Individualität"innerhalb einer sozial entschieden differenzierten Gesellschaft" prinzipiell hinderten, seien die Bedingungen, "durch die die Beziehungen,die wir allein als die gesellschaftlichen kennen, möglich werden" (S.25).

Das zweite betrifft die Definition der Gesellschaft selbst: Die Tatsache, "daß überhaupt zwischen einer Gesellschaft und ihren Individuen ein Verhältnis wie zwischen Parteien bestehen kann", beruhe darauf, "daß die Gesellschaften Gebilde aus Wesen sind, die zugleich innerhalb und außerhalb ihrer stehen" (S.27).

Simmel arbeitet hier bereits die Logik heraus, die Luhmann in die Einheit der System/Umwelt-Differenz übersetzen wird: Die Existenz des Individuums, so betont Simmel,sei nicht als partiell sozial und partiell individuell aufzufassen, sondern als Doppelstellung, als fundamentale, nicht weiter reduzier­bare Kategorie "einer Einheit, die wir nicht anders ausdrücken können als durch die Synthese oder die Gleichzeitigkeit der beiden logisch einander entgegengesetzten Bestimmungen der Gliedstellung und des Fürsichseins, des Produziert- und Be­faßtseins durch die Gesellschaft" (S.28).

Auf empirischer Ebene unterscheidet Simmel zwischen individu­ellem Sein und sozialer Rolle: in der "modernen, geldwirtschaft­lich bestimmten Kultur (...) ist das individuelle Leben, der Ton der Gesamtpersönlichkeit aus der Leistung verschwunden (...) Das 'Außerdem' hat die Persönlichkeit mit ihrer Sonderfärbung, ihrer Irrationalität, ihrem inneren Leben völlig in sich auf­genommen und jenen gesellschaftlichen Betätigungen nur die für sie spezifischen Energien in reinlicher Abtrennung überlassen"(S.26), Luhmann wird diesen Zustand als vollendete Exklusion der Indi­vidualität aus der Gesellschaftsstruktur als Folge/Begleit­erscheinung ihrer funktionalen Differenzierung charakterisieren.

Als drittes Apriori nennt Simmel diejenige Bedingung, die der Gesellschaft auf phänomenologischer Ebene Struktur und Ordnung, vom einzelnen aus gesehen die Möglichkeit der Zugehörigkeit zur Gesellschaft gibt:

"Daß jedes Individuum durch seine Quali­tät von sich aus auf eine bestimmte Stelle innerhalb seines sozialen Milieus hingewiesen ist: daß diese ihm ideell zuge­hörige Stelle auch wirklich in dem sozialen Ganzen vorhanden ist - das ist die Voraussetzung, von der aus der Einzelne sein gesellschaftliches Leben lebt" (S.29). In der empirischen Gesellschaft sei dieses Apriori in den Begriff des Berufs zu­gespitzt. Die Gesellschaft werde dadurch möglich als Bewußtseinsprozeß der Vergesellschaftung, indem die Individualität eine Stätte fände, "an der seine Besonderheit zu einem not­wendigen Glied in dem Leben des Ganzen wird" (S.30). Luhmann wird diesen 'Bewußtseinsprozeß' als Möglichkeit, in der modernen Gesellschaft Individualität in einen Lebensverlauf zu übersetzen, beschreiben, und zwar als Asymmetrisierung der Zirkularität des autopoietischen psychischen Systems in der Zeitdimension - durch die Karriere.

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
1991
ISBN (eBook)
9783638838344
ISBN (Buch)
9783638952170
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78611
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – FB Politische Wissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Aspekte Erkenntnistheorie Analyse Individualität Gesellschaft Georg Simmel Niklas Luhmann Subsystem Politik Theorie Luhmanns

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Titel: Aspekte der soziologischen Erkenntnistheorie und der Analyse von Individualität in der modernen Gesellschaft bei Georg Simmel  und Niklas Luhmann