Lade Inhalt...

Pluralisierung der Gesellschaft durch Mehrsprachigkeit

Seminararbeit 2007 23 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärungen

3 Ursachen von Mehrsprachigkeit

4 Bewertung von Mehrsprachigkeit
4.1 Sprachprestige
4.2 Der monolinguale Habitus

5 Sprachvitalität und -loyalität

6 Mehrsprachenerwerb
6.1 Sprachaneignung
6.2 Codeswitching
6.3 Sprache und Identität

7 Mehrsprachigkeit in deutschen Bildungsinstitutionen
7.1 Mehrsprachige Migrantenkinder im Elementarbereich
7.2 Mehrsprachige Migrantenkinder an deutschen Schulen

8 Fazit

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Mit den Immigrantenfamilien hat sich der Sprachenatlas in Deutschland sichtbar verändert. Der
monokulturelle Schein, der bis in die 60er Jahre Gültigkeit beanspruchen konnte, wurde mit der plötz-
lichen Präsenz der Kinder von Gastarbeitern in den Bildungseinrichtungen zerstört“ (Jampert 2002,
S.68, Herv. i. O.)

Mehrsprachigkeit kommt in der gegenwärtigen immer internationaler werdenden Welt eine wachsende Bedeutung zu. In Deutschland leben hunderttausende von Menschen, die über die Kompetenz verfügen, mehrere Sprachen zu sprechen. Diese große individuelle und vor allem gesellschaftliche Kompetenz wird jedoch bislang noch nicht ausreichend genutzt und wertgeschätzt. Häufig ist Mehrsprachigkeit in der Bundesrepublik negativ konnotiert und wird vor allem in Bezug auf Migrantenkinder mit Defiziten in der deutschen Sprache in Verbindung gebracht.

Die vorliegende Hausarbeit nähert sich dem Begriff der Mehrsprachigkeit auf mehreren Ebenen an. Nach der Erklärung zentraler Termini, die zum Verständnis der Thematik hilfreich sind, soll auf die Ursachen von Mehrsprachigkeit und die Pluralisierung der Gesellschaft durch Zuwanderung eingegangen werden. Anschließend wird die Bewertung von Mehrsprachigkeit betrachtet, die in Abhängigkeit davon, um welche Sprache es sich handelt, positiv oder negativ ausfallen kann. Das jeweilige Sprachprestige zeigt stereotype Vorstellungen auf, die in einer Gesellschaft über verschiedene Ethnien vorherrschen. Es wird zudem auf den das Bildungssystem dominierenden monolingualen Habitus eingegangen, der vielfach konträr zu der großen Vitalität der Migrantensprachen und der Loyalität der Zuwanderer gegenüber ihren Herkunftssprachen steht.

Im Anschluss wird der Erwerb von Mehrsprachigkeit thematisiert. Um die Thematik umfassend zu erschließen, ist es an dieser Stelle sinnvoll, interdisziplinär vorzugehen und Erkenntnisse der Pädagogik und der Sprachwissenschaft, insbesondere der Soziolinguistik, einzubeziehen. In diesem Zusammenhang soll neben dem Prozess der Sprachaneignung auch das Phänomen des Codeswitchings dargestellt werden, das in der Forschung sowohl negativ als auch positiv bewertet wird. Identitätsentwicklung ist ein weiterer wichtiger Aspekt der Mehrsprachigkeitsthematik, der sich durch die gesamte Arbeit zieht. Die identitätsstiftende Funktion von Sprache leitet zu einer Darstellung der Situation mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher in deutschen Bildungsinstitutionen und zu der Frage über, wie dort mit ihrer Sprachkompetenz umgegangen wird.

Die vorliegende Arbeit soll vor allem der Frage nachgehen, welche Implikationen Mehrsprachigkeit mit sich bringt und inwiefern es sinnvoll ist, neben der deutschen Sprache auch die Herkunftssprache von Migrantenkindern gezielt zu fördern.

2 Begriffsklärungen

Im Zusammenhang mit Mehrsprachigkeit werden in der wissenschaftlichen Literatur zahlreiche Begriffe synonym und zum Teil widersprüchlich verwendet. Im Folgenden soll versucht werden, die zentralen Termini der Thematik zu diskutieren und gegebenenfalls Begrifflichkeiten voneinander abzugrenzen.

Als mehrsprachig wird alltagssprachlich eine Person bezeichnet, die in der Lage ist, mehr als eine Sprache zu sprechen. Es stellt sich jedoch schnell die Frage nach dem Grad der Sprachbeherrschung. Ist jemand, der sich in einer anderen Sprache sinnvoll äußern kann, schon als mehrsprachig zu bezeichnen? Um eine solch minimalistische Definition, die einen Großteil der Weltbevölkerung inkludiert, einzugrenzen, wurde vorgeschlagen, eine Person mehrsprachig zu nennen, die eine fremde Sprache ebenso perfekt beherrscht wie ein Muttersprachler. Diese stark maximalistische Definition schränkt die Anzahl der mehrsprachigen Individuen wiederum stark ein und wirft zudem die Frage auf, inwiefern die perfekte Beherrschung zweier Sprachen in der Realität überhaupt vorkommt und was genau unter perfekt zu verstehen ist. Es wird deutlich, dass eine wirklichkeitsnahe Definition zwischen beiden Positionen einzuordnen ist (vgl. Jampert 2002, S.64). Nicola Küpelikilinc und Maria Ringler verbinden mit Mehrsprachigkeit vor allem die Fähigkeit, neben dem Verstehen und Sprechen einer Sprache diese auch lesen und schreiben zu können (vgl. Küpelikilinc / Ringler 2004, S.29).

Werden bei Migrantenkindern neben Defiziten in der deutschen Sprache auch in der Herkunftssprache Mängel festgestellt, sprechen wissenschaftliche Quellen häufig von Semilingualismus respektive doppelter Halbsprachigkeit. Diese Begrifflichkeiten sind allerdings umstritten, da viele sie als irreführend und disqualifizierend empfinden. Kritisiert wird vor allem der angelegte Maßstab, der sich mehr nach der gesellschaftlichen Forderung an das Sprachniveau und weniger nach den individuellen Kompetenzen einer Person richtet. Die Beurteilung der sprachlichen Befähigung hängt somit stark von den gesellschaftlichen Bedingungen ab. Zudem impliziert der Begriff Halbsprachigkeit, dass Sprachkompetenz eine begrenzte Kapazität ist, die unter verschiedenen Sprachen aufgeteilt wird (vgl. Jampert 2002, S.67.). Sigrid Luchtenberg lehnt den Terminus vollständig ab und spricht stattdessen von doppelter Sprachverarmung: „Es werden keine „halben“ Sprachen erworben, sondern vielmehr ist der sprachliche Handlungsraum in den jeweiligen Sprachen eingeschränkt“ (Luchtenberg 1995, S.44, Herv. i. O.).

Die Termini Bilingualismus und Multilingualismus werden oft synonym mit Zwei- und Mehrsprachigkeit benutzt, wobei erstere zumeist in Verbindung mit bildungsbürgerlicher Erziehung und letztere im Migrationskontext verwendet werden. Werner H. Veith definiert Bilingualismus als die Verwendung zweier Sprachen durch den gleichen Sprachträger „in verschiedenen Situationen, bei verschiedenen Sachverhalten oder wechselnden Kommunikationspartnern“ (Veith 2005, S.200). Entsprechend spricht er bei Verwendung von mehr als zwei Sprachen durch den gleichen Sprachträger von Multilingualismus (vgl. ebd.). Des Weiteren unterscheidet Veith zwischen kompositionellem und koordiniertem Bilingualismus, wobei im ersten Fall zwei Sprachen beinahe austauschbar sind und in denselben Situationen verwendet werden, wohingegen im zweiten Fall eine Sprache zu anderen Gegebenheiten benutzt wird als die andere. Letzteres trifft zum Beispiel zu, wenn ein Migrantenkind zu Hause mit seiner Familie in der Herkunftssprache kommuniziert, während es in der Schule die Sprache des Aufnahmelandes spricht. Das Umschalten von einem Sprachsystem zum anderen wird als Codeswitching bezeichnet. Dieser alternative Gebrauch mehrerer Codes tritt vor allem in instabilen Kommunikationssituationen auf, wie etwa bei der Veränderung des Gesprächspartners oder des Themas[1] (vgl. ebd., S. 202.ff.).

Einen interessanten Definitionsvorschlag macht Luchtenberg, indem sie individuelle Zweisprachigkeit von gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit abgrenzt. Danach ist Zweisprachigkeit die Eigenschaft einer Person, wohingegen Mehrsprachigkeit eine gesellschaftliche Größe darstellt. Ein nichtdeutsches Kind, das mehr als eine Sprache spricht, bezeichnet Luchtenberg folglich als zweisprachig, während sie eine Schule, die von deutschen und nichtdeutschen Schülern besucht wird, mehrsprachig nennt (vgl. Luchtenberg 1995, S.2). Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Ingrid Gogolin, die in Mehrsprachigkeit eine gesellschaftliche Lage sieht, die durch das Zusammenkommen vieler verschiedener Sprachen gekennzeichnet ist (vgl. Gogolin 2005, S.13).

In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe mehrsprachig und multilingual synonym gebraucht. Dabei steht Mehrsprachigkeit für die Verwendung von zwei oder mehr Sprachen durch Migranten und deren Kinder, so dass die Termini zweisprachig respektive bilingual ausgeklammert werden können. Ob sich die Begriffe auf ein Individuum oder auf den gesellschaftlichen Zustand beziehen, ist aus dem jeweiligen Kontext zu erschließen. Wird eine Person als mehrsprachig bezeichnet, sagt dies weder etwas über die Art des Spracherwerbs noch über den Grad der Sprachbeherrschung aus.

3 Ursachen von Mehrsprachigkeit

„Eine durch unterschiedliche Migrationen entstandene multikulturelle Gesellschaft wie die bundesdeutsche ist zugleich auch eine mehrsprachige Gesellschaft […]“ (Luchtenberg 1995, S.1). Sprachliche und damit auch kulturelle Vielfalt ist in Europa kein neues Phänomen. Neben historischen Gründen wie Grenzziehungen nach Kriegen, Gebietsbesetzungen und Kolonialisierungen gehört Migration zu den wesentlichen Ursachen von Mehrsprachigkeit. Grenzüberschreitende Wanderungen, durch die Migranten die Sprache ihres Herkunftslandes mit ins Zielland bringen, fanden zu allen Zeiten statt. Bekannte Beispiele für frühe Einwanderungsgruppen nach Deutschland sind Sinti und Roma, Juden, Hugenotten, Polen und Italiener. Einen Teil der mehrsprachigen Bevölkerung Deutschlands bilden heute die autochthonen Minderheiten der Sorben, Dänen, Sinti und Roma. Größeren Einfluss haben die allochthonen ethnischen Minderheiten, womit vor allem die so genannten Gastarbeiter und deren Nachkommen, Aussiedler, Bürgerkriegsflüchtlinge und Asylsuchende gemeint sind (vgl. ebd., S.15 f.).

Neben der Internationalisierung des Arbeitsmarktes trägt auch die zunehmende Anzahl nichtdeutscher Studierender an deutschen Universitäten zur sprachlichen Vielfalt der Bundesrepublik bei. Zudem haben politisch motivierte Entscheidungen wie die Anerkennung von Aussiedlern als Remigranten und die Aufnahme von Kontingentflüchtlingen russisch-jüdischer Herkunft Mehrsprachigkeit zur Folge. Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, dass parallel zur Aufnahme nichtdeutschsprachiger Gruppen stets auch Deutsche aus ökonomischen oder politischen Gründen ihre Heimat verlassen haben und im Laufe der letzten Jahrhunderte vor allem nach Amerika, Russland und Australien ausgewandert sind. Auf diese Weise entstanden dort analog deutschsprachige Minderheiten (vgl. Hinnenkamp / Meng 2005, S.8 f.).

Auf Grund der oben beschriebenen verschiedenen Formen der Migration ist die Bevölkerung Deutschlands ethnisch äußerst heterogen zusammengesetzt. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Tendenz in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch verstärken wird. 1995 waren 9,5% der Bewohner Deutschlands im Ausland geboren. Diese Heterogenität drückt sich nicht zuletzt in einer großen sprachlichen Vielfalt aus, da Einwanderer die Sprache ihres Herkunftslandes oft über mehrere Generationen hinweg pflegen. Die ethnische Zusammensetzung der Migranten verweist noch immer auf die deutsche „Gastarbeiteranwerbung“ der 50er bis 70er Jahre. Türken, Bewohner des ehemaligen Jugoslawiens, Italiener und Griechen stellen die zahlenmäßig größten Migrantengruppen dar, auch wegen des starken Familiennachzugs (vgl. Hradil 2004, S.81).

Wegen der wachsenden Zahl von Migranten in Deutschland kommt es auch immer häufiger zu binationalen Partnerschaften. 2004 wurde jede sechste Ehe in der Bundesrepublik zwischen Partnern unterschiedlicher Nationalitäten geschlossen. Etwa 25% der 2004 in Deutschland geborenen Kinder hatten einen nichtdeutschen Elternteil (vgl. http://www.verband-binationaler.de/zahlenundfakten/Zahlen_und_Fakten_2005.pdf).
Obwohl genaue Zahlen nicht bekannt sind, ist anzunehmen, dass viele binationale Paare ihre Kindern mehrsprachig erziehen.

[...]


[1] Auf diesen Aspekt wird in Kapitel 6.2 näher eingegangen.

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638846554
ISBN (Buch)
9783638845427
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78651
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Pluralisierung Gesellschaft Mehrsprachigkeit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Pluralisierung der Gesellschaft durch Mehrsprachigkeit