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Möglichkeiten zur Prävention und Intervention von Arbeitssucht

Seminararbeit 2007 27 Seiten

BWL - Personal und Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzeptionelle Grundlagen
2.1 Begriffliche Grundlagen
2.2 Hintergründe und Ursachen von Arbeitssucht
2.3 Phasen der Arbeitssucht und Typologisierung von Arbeitssüchtigen
2.4 Individuelle und organisationale Folgen arbeitssüchtigen Verhaltens

3. Prävention und Intervention bei Arbeitssucht
3.1 Arbeitssuchtprävention durch geeignete Personalauswahlstrategien
3.2 Prävention und Intervention durch bessere Arbeitszeitgestaltung
3.3 Verbesserung der Arbeitsplatzbeziehungen
3.4 Stressreduzierende Gestaltung des Arbeitsumfeldes

4. Zusammenfassung und Ausblick

Anhangsverzeichnis

Anhang 1: Stadienverlauf der Arbeitssucht

Anhang 2: Ablauf der Bewerberauswahl und Einstellung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Immer mehr Menschen leiden unter Problemen in Zusammenhang mit ihrer Arbeit, wofür der immer größer werdende Druck von außen aber auch von innen, immer mehr, immer schneller und immer perfekter zu arbeiten, ursächlich ist.1 Das Problem der ’Arbeitssucht’ wird dabei gern als Produkt unserer leistungsorientierten Gesellschaft gesehen, jedoch hat bereits Gustav Flaubert im Jahre 1852 seine „frenetische, pervertierte Liebe“ zur Arbeit beschrieben.2 Entgegen der Meinung einiger US-amerikanischer Forscher, die Arbeitssucht als etwas positives verstehen, finden sich im deutschsprachigen Raum zunehmend wissenschaftliche Bestätigungen dafür, dass es kaum erstrebenswert ist, arbeitssüchtig zu werden.3 Die Auswirkungen süchtigen Arbeitens sind vielschichtig und verheerend - nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für sein näheres und weiteres Umfeld, und nicht zuletzt wohl auch für die Gesellschaft insgesamt.

In der vorliegenden Arbeit gilt es deshalb zu klären, welche Maßnahmen ein Unternehmen treffen kann, um präventiv gegen Arbeitssucht vorzugehen bzw. intervenierend einzugreifen.

Dazu sollen im nachfolgenden Gliederungspunkt zunächst die für den weiteren Verlauf relevanten konzeptionellen Grundlagen dargelegt werden. Im daran anknüpfenden Abschnitt sollen exemplarisch mögliche Präventions- und Interventionsmaßnahmen gezeigt werden. Bei dieser Darstellung sollen Maßnahmen aus den verschiedenen Bereichen Personalauswahl, Personalerhaltung sowie Personalentwicklung vorgestellt werden. Im abschließenden Gliederungspunkt endet die Ergebniszusammenfassung und einem kurzen Ausblick.

2. Konzeptionelle Grundlagen

Im Folgenden gilt es zunächst den Begriff ’Arbeitssucht’ zu definieren und gegenüber anderen Begrifflichkeiten abzugrenzen. Anschließend soll die Ursache und die Entstehung von arbeitssüchtigem Verhalten erarbeitet werden. Zudem sollen die Phasen der Arbeitssucht und abschließend die verschiedenen Folgen erörtert werden.

2.1 Begriffliche Grundlagen

Der Begriff der Sucht ist umgangssprachlich inflationiert und wird gern verwendet, um eine extreme Verhaltensweise zu beschreiben.4 „Das entscheidende Kriterium für Suchtverhalten ist immer die physische und psychische Abhängigkeit.“5 Der ursprünglich an Hand der Erfahrungen mit stoffgebundenen Süchten (Alkoholsucht, Drogensucht usw.) entwickelte Begriff wurde erweitert auf Prozesssüchte wozu u.a. auch die Arbeitssucht zählt.6 Der Unterschied beider Suchtgruppen besteht darin, dass die stofflichen Süchte dem Körper von außen hinzugefügt werden, wohingegen die nicht-stofflichen bzw. Prozesssüchte die körpereigene Produktion wirkungsähnlicher Stoffe durch bestimmte Verhaltensweisen anregen.7 Bezüglich des Arbeitssuchtbegriffs fehlt es nach wie vor an einer einheitlichen Definition.8 Die defizitäre Forschungslage zur Arbeitssucht lässt derzeit lediglich eine operative Definition zu, die sich an allgemeinen Indikatoren nicht-stoffgebundener Süchte orientiert.9 Nach dieser Definition versteht man unter Arbeitssucht eine Symptomatik, die dadurch gekennzeichnet ist, dass der Betroffene dem Arbeitsverhalten völlig verfallen ist und die Kontrolle über sein Arbeitsverhalten verloren hat. Darüber hinaus treten Entzugserscheinungen sowie psychosoziale und/oder psychoreaktive Störungen auf und vom Betroffenen wird eine Toleranz gegenüber der Arbeitsquantität entwickelt.10 Eine kürzere Definition ist der Internetseite der ’Anonymen Arbeitssüchtigen’ zu entnehmen, die Arbeitssucht als einen zwanghaften Umgang mit Arbeit auffassen, der mit dem Umgang eines Alkoholikers mit Alkohol zu vergleichen ist.11 Genauer versteht man darunter ein „exzessives Bedürfnis nach Arbeit, das ein solches Ausmaß erreicht hat, dass es für den Betroffenen zu unübersehbaren Beeinträchtigungen der körperlichen Gesundheit, des persönlichen Wohlbefindens, der interpersonellen Beziehungen und des sozialen Funktionierens kommt.“12 Diese Analogie zwischen Arbeitsucht und Alkoholsucht ist nahe liegend, da beide Krankheitsbilder eine ähnliche Ätiologie und Symptomatik aufweisen und der Begriff des Workaholism (das englische Pendant zu Arbeitssucht) in Anlehnung an Alcoholism geschaffen wurde.13 Nach Meißner ist zudem der Begriff des Kontrollverlustes von zentraler Bedeutung. D.h. dass die Sucht sich nicht mehr daran misst, wie viel der Arbeitssüchtige macht, sondern vielmehr was er nicht mehr machen kann.14 In vielen Fällen ist jedoch keine klare Differenzierung zwischen süchtigem und nicht süchtigem Verhalten möglich. Grade bei Arbeitssucht verlaufen die Übergänge fließend und die Gründe für Vielarbeit können sehr unterschiedlich sein, weshalb die Arbeitszeit ein unzureichendes Kriterium ist um einen Arbeitssüchtigen zu identifizieren und die Einstellung bzw. Arbeitshaltung eine weitaus wichtigere Rolle spielt. Wie sich Arbeitssucht konkret äußert, wird im folgenden Kapitel erörtert.

2.2 Hintergründe und Ursachen von Arbeitssucht

Zwar fehlen empirisch belegte zahlen zum Phänomen ’Arbeitssucht’, es ist allerdings davon auszugehen, dass es in Deutschland geschätzte 200.000 Betroffene gibt und jeder siebte Arbeitnehmer als tendenziell arbeitssuchtgefährdet gelten muss.15 Bei den Ursachen für die Entstehung arbeitssüchtigen Verhaltens spielen meist frühkindliche Störungen eine große Rolle.16 Arbeitssüchtige versuchen über Arbeit ihren Selbstwert bzw. ihre Identität zu gewinnen, da sie als Kind, auf Grund der Behandlung als Objekt, keinen autonomen Selbstwert entwickeln konnten.17 Die Ursachen für die Entstehung der Arbeitssucht lassen sich somit als „der unbewusste Versuch eines Menschen, verdrängte seelische Bedürfnisse zu befriedigen“18 beschreiben. Durch die bereits erwähnte Behandlung als Objekt und den durch die Eltern erzeugten Erwartungsdruck, versucht das Kind „durch Leistung Liebe zu bekommen.“19 Diese verdrängten seelischen Bedürfnisse versucht der Arbeitssüchtige zu befriedigen.

2.3 Phasen der Arbeitssucht und Typologisierung von Arbeitssüchtigen

Wie andere Süchte auch, ist Arbeitssucht ein dynamischer Prozess mit unterschiedlichen Stadien. Jede dieser Phasen ist von „Verhaltensmerkmalen bestimmt, die in unterschiedlichen Kombinationen zu finden sind.“20 Man kann den Verlauf dieser Krankheit in vier Stufen einteilen:21

1. Einleitungsphase: In dieser ersten Phase kreisen alle Gedanken des Arbeitssüchtigen mehr und mehr um seine Arbeit. Durch heimliches Arbeiten werden soziale Beziehungen vernachlässigt.
2. Kritische Phase: Hier entscheidet sich ob Arbeit übertrieben wird oder ob eine Sucht entsteht. Der Süchtige wird aggressiv und seine gesamten Lebensbereiche ordnen sich der Arbeit unter.
3. Die chronische Phase: Für den Süchtigen zählt nur noch die Arbeit und der Süchtige reißt durch seinen Perfektionismus immer mehr Aufgaben an sich.
4. Endphase: Bei dem Arbeitssüchtigen kommt es zu einem Leistungseinbruch und er scheidet meistens aus dem Berufsleben aus.

Diane Fassel nennt die Phasen der Arbeitssucht Stadien einer fortschreitenden Krankheit und stellt den Krankheitsverlauf in Form eines Trichters dar.22 Anhand dieser Darstellung (siehe Anhang 1) lässt sich erkennen, dass es schwer ist aus diesem Krankheitsverlauf auszubrechen, denn „wer einmal in dem Trichter ist, rutsch unweigerlich abwärts.“23 Entscheidend an dieser Darstellung ist die Zunahme von körperlichen Symptomen bis hin zum Tod.24

Unterschiedliche Typen von Arbeitssüchtigen

Aufgrund der Komplexität von Arbeitssucht und der unterschiedlichen Form ihrer Erscheinungsweise gibt es in der Literatur eine Vielzahl differenter Typisierungsansätze von denen sich in diesem Abschnitt auf die Arbeitssuchttypen nach Fassel gestützt werden soll. Fassel unterscheidet vier Typen, die am weitesten verbreitet sind:25

1. Der zwanghafte Arbeiter: Fühlt sich ständig zu Arbeit getrieben und zeichnet sich u.a. durch folgende Merkmale aus: Sie arbeiten, wenn es keiner verlangt, sie erscheinen als erster und gehen als letzter, sie nehmen sich Arbeit mit usw.
2. Der Arbeiter mit plötzlichen Arbeitsanfällen: Entspricht dem zwanghaften Arbeiter. Sie verhalten sich normal, bis sie einen Arbeitsanfall bekommen. Diese Besessenheit führt zu einer Betäubungen aller anderen Lebensbereiche.
3. Der heimliche Arbeiter: Arbeitet heimlich, da sein Verhalten bereits in der Öffentlichkeit aufgefallen ist. Er sucht nach Vorwänden (bspw. Urlaub) nur um seiner Arbeit nachzugehen.
4. Der chronisch Arbeitsunlustige: Arbeitsvermeidung ist ein Hauptkriterium dieses Typus. Um keine Fehler zu machen schieben sie Arbeit auf und werden dann durch Schuldgefühle belastet. Häufig werden diese Arbeiten dann unter Druck erledigt.

Wie angedeutet lassen sich noch weitere Typologisierungen arbeitssüchtigen Verhaltens anbringen. Wichtiger als eine umfassende Darstellung ist jedoch die Feststellung, dass sich Arbeitsucht in unterschiedlichen Erscheinungsformen äußert und somit in verschiedene Kategorien eingeordnet werden kann.26 Um adäquate Präventions- und Interventionsmaßnahmen zu finden ist an dieser Stelle die Frage nach den Folgen von Arbeitssucht von großer Bedeutung, worauf die nachfolgenden Ausführungen Antworten geben sollen.

2.4 Individuelle und organisationale Folgen arbeitssüchtigen Verhaltens

Nachdem die Ursachen und die Entstehung für arbeitssüchtiges Verhalten erarbeitet wurden, sollen an dieser Stelle die individuellen und die (teilweise daraus resultierenden) organisationalen Folgen dargestellt werden. Zwar sind die Forschungsbeiträge zum Thema Arbeitssucht und somit auch zu den möglichen Folgen arbeitssüchtigen Verhaltens für ein Unternehmen gering, da Arbeitssucht als eigenständiges Verhaltensmuster oder gar Krankheitsbild umstritten ist.27 Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass „jede Form süchtigen oder abhängigen Verhaltens letztlich negative Konsequenzen für eine Person und […] für das diese Person beschäftigende Unternehmen hat.“28 Als individuelle Folgen arbeitssüchtigen Verhaltens zeigen sich vor allem psychovegetative Störungen (z.B. Konzentrationsstörungen), psychische Symptome (z.B. Ängste) oder körperliche Störungen (z.B. Kopfschmerzen).29 Wie bereits unter 2.1 geschildert, resultieren aus den Verhaltensweisen Arbeitssüchtiger zudem erhebliche Schäden für die interpersonellen und sozialen Beziehungen. Für die weiteren Überlegungen ist es jedoch viel relevanter die organisationalen Folgen aufzudecken. Die Tatsache, dass Arbeitssüchtige u.a. einer höheren Arbeitsbelastung ausgesetzt sind und über weniger arbeitsfreie Tage verfügen als Nicht-Arbeitssüchtige scheint - zumindest aus Arbeitgebersicht - keine negative Folge zu sein. Die teilweise vorherrschende Meinung von Unternehmern, dass Vielarbeiter gleichzeitig auch gute Arbeiter sind ist, grade in Zeiten hoher Personalnebenkosten, weit verbreitet.30 Jedoch zeigen die Ergebnisse einer Studie von Poppelreuter auch, dass Arbeitssüchtige signifikant unzufriedener mit ihrer Arbeit sind und Teamarbeit eher meiden.31 Dieses Verhalten arbeitssüchtiger Mitarbeiter wirkt sich auch auf die Organisation und die interpersonellen Beziehungen innerhalb dieser aus.

[...]


1 Vgl. http://www.arbeitssucht.de/allginfo.html.

2 Vgl. Poppelreuter 1997, S. 68.

3 Vgl. Poppelreuter 2006, S. 328.

4 Vgl. Schwochow 1997, S. 24.

5 Vgl. ebenda, S. 24.

6 Vgl. Heide 1999, S. 6.

7 Vgl. ebenda, S. 6.

8 Vgl. Poppelreuter 2006, S. 328.

9 Vgl. Poppelreuter/Windholz 2001, S. 63.

10 Vgl. Poppelreuter/Windholz 2001, S. 63f.

11 Vgl. http://www.arbeitssucht.de/allginfo.html.

12 Poppelreuter (o.J.), S. 3.

13 Vgl. Poppelreuter (o.J.), S. 4.

14 Vgl. Meißner 2005, S. 34f.

15 Vgl. http://www.bpb.de/publikationen/5FNJXD.html.

16 Vgl. Heide 1999, S. 14.

17 Vgl. Heide 1999, S. 14.

18 Meißner 2005, S. 52.

19 Heide 1999, S. 14.

20 Schwochow 1997, S. 116.

21 Vgl. http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/SUCHT/Arbeitssucht.shtml.

22 Vgl. Fassel 1994, S. 71.

23 Schwochow 1997, S. 118.

24 Vgl. Fassel 1994, S. 69ff.

25 Vgl. ebenda, S. 35ff.

26 Vgl. Poppelreuter (o.J.), S. 10.

27 Vgl. Poppelreuter 1997a, S. 46.

28 Poppelreuter 1997a, S. 46.

29 Vgl. Mentzel 1979, S. 124.

30 Vgl. http://www.bpb.de/publikationen/5FNJXD.html.

31 Vgl. Poppelreuter 1997, S. 5f.

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638856133
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78729
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,7
Schlagworte
Möglichkeiten Prävention Intervention Arbeitssucht Intra- Interpersonelles Geschehen Wirtschaftsorganisationen

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