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Orientierungspraktikum an der Jens-Nydahl-Grundschule in Berlin-Kreuzberg

Praktikumsbericht / -arbeit 2002 24 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Vor dem Praktikum
1.2 Mein Lehrerleitbild

2. Die Jens-Nydahl-Grundschule
2.1 Beschreibung der Lage der Schule und des Schulgebäudes
2.2 Einschätzung der sozialen Struktur der Schüler- und Elternschaft
2.3 Die Jens-Nydahl-Grundschule: Beschreibung, Profil und Angebotsstruktur der Schule
2.3.1 Fokus auf Sprache: Das Angebot der J-N-S
2.3.2 Integrationsklassen – Was bedeutet das?
2.3.3 Weitere Unterrichtsangebote
2.3.4 Das Nachmittagsprogramm

3. Das Praktikum an der Jens-Nydahl-Grundschule
3.1 Der erste Eindruck
3.2 Ausgangslage
3.3 „Meine“ Klasse: Klassenstruktur und Klassenraum
3.4 Unterrichtsbeobachtungen: Ein Tag in der 4a
3.4.1 1. Stunde: DAZ
3.4.2 2. Stunde: Deutsch-Förder Unterricht
3.4.3 3. Stunde: Deutsch
3.4.4 4. Stunde: Frühenglisch
3.4.5 5. Stunde: Sachkunde
3.5 Beobachtungen und Auswertung
3.6 Unterrichtsversuch
3.6.1 Meine Englischstunde in der 4a
3.7 Auswertung

4. Beobachtungsschwerpunkt: Das Thema der frühen Dreisprachigkeit – Problem oder Vorteil

5. Reflexion über mein Orientierungspraktikum

6. Literaturverzeichnis

Das Orientierungspraktikum an der

Jens-Nydahl-Grundschule, Berlin

1. Einleitung

1.1 Vor dem Praktikum

Der Gedanke an mein Orientierungspraktikum löst bei mir sowohl Vorfreude und Spannung auf das aus, was mich erwartet, als auch Befürchtungen und Bedenken.

Zunächst ist es sicherlich nicht einfach, den Rollenwechsel von der Schüler- zur Lehrerrolle zu vollziehen. Es ist ja noch gar nicht lange her, dass ich selbst noch auf der „anderen Seite“ saß. Werde ich es schaffen, mich in diese Rolle einzufügen? Welche Probleme macht mir dieser Wechsel? Wie kann ich sie lösen? Folglich ist meine erste Erwartung an das Praktikum, dass ich auf diese Fragen eine Antwort finde, dass ich es schaffe, mich mit der Lehrerrolle zu identifizieren. Verbunden mit diesem ersten Bedenken ist die Befürchtung, dass ich das richtige Maß zwischen Distanz und Nähe zu den Schüler/innen nicht finde. Auch dies gilt es auszuprobieren und auszuloten.

In den von mir selbst zu planenden Unterrichtseinheiten sehe ich die größte Herausforderung. Bei der Planung wird es wahrscheinlich schwer sein, die Klasse und ihr Leistungsvermögen realistisch einzuschätzen. An welchem Punkt sind Schüler/innen unter- oder überfordert? Wie fördere ich gleichzeitig unterschiedliche Leistungsniveaus? Hinzu kommen natürlich auch Bedenken: Kann ich überhaupt Autorität vermitteln? Vermag ich es einen Unterricht zu gestalten, den die Schüler/innen spannend und ansprechend finden? Mein primäres Interesse ist es daher, diese Hürden zu überwinden und mit der neuen Situation umgehen zu lernen. Ich hoffe, dass ich durch das eigene Erproben Sicherheit gewinne und mir einige dieser Sorgen genommen werden.

Im Übrigen bin ich überzeugt, dass ich von den Erfahrungen der an der Schule unterrichtenden Lehrer/innen profitieren kann, indem ich beispielsweise verschiedene Unterrichtsstile- und methoden kennenlerne, die ich mir ggf. „abgucken“ kann. Die kritische Beobachtung der Lehrer/innen wird es mir sicherlich auch ermöglichen, mein Lehrerleitbild zu überprüfen und eventuell zu korrigieren. Ich wünsche mir eine intensive Kommunikation mit meiner Mentorin und ggf. auch dem Kollegium, damit ein fachlicher und methodischer Austausch stattfinden kann.

1.2 Mein Lehrerleitbild

Zunächst einmal ist es für mich sehr wichtig, dass zwischen mir und den Schülern/innen eine Atmosphäre des Miteinanders herrscht, die von gegenseitigem Respekt und Toleranz geprägt ist. In diesem Sinne möchte ich auch versuchen, mich auf die Schüler/innen einzulassen, d.h. versuchen sie zu verstehen, mich in sie hineinzuversetzen, ihre Interessen und Vorschläge wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Gleichzeitig möchte ich aber auch ihre Kritik hören, diese reflektieren und die so gewonnenen Erkenntnisse umsetzen. Ich möchte also offen für Neues, für Innovation und für Kritik sein. Damit verbindet sich auch die Vorstellung, ein Lehrer zu sein, der des Lernens oder auch des Umlernens nicht müde wird, sondern der sich durch Fortbildungen o.ä. über neue Entwicklungen bezüglich Methoden oder pädagogischen Erkenntnissen informiert und diese auch anwendet. Desweiteren empfinde ich es als sehr wichtig, von Anfang an „mit offenen Karten zu spielen“, d.h. Transparenz zu demonstrieren, indem ich klare Regeln und Grenzen setze und deutlich mache, was ich erwarte. Ich möchte auch versuchen, soweit es mir irgend möglich ist, gerecht und fair zu handeln. Ich möchte außerdem für meine Schüler/innen mehr als nur ein Wissensvermittler sein: Ich möchte ihnen erstens auch außerhalb des Unterrichts als Ansprechpartner in persönlichen Angelegenheiten und Anliegen zur Verfügung stehen und, wenn möglich, weiterhelfen. Zweitens soll der Unterricht nicht einseitig gestaltet, sondern durch Interaktion bestimmt sein; so möchte ich ein Lehrer sein, der auch noch von seinen Schüler/innen etwas lernen kann und will.

Ein großes Anliegen ist es mir, meine Schüler/innen für meinen Unterricht zu begeistern, sie zu motivieren und ihnen Spaß an der Sache zu vermitteln, so dass sie eigenständig mitarbeiten und mitdenken. Natürlich erscheint es mir unabkömmlich, Fachkompetenz zu haben: Zum einen bin ich ansonsten nicht glaubwürdig, zum anderen wird es mir dann nicht möglich sein, mir Respekt und Autorität zu verschaffen.

Außerhalb des Unterrichts ist es mein Ziel, ein gutes Verhältnis besonders zu meinen Kollegen/innen und zum/zur Direktor/in aufzubauen, um mich mit ihnen austauschen zu können und um mit ihnen zu kooperieren.

2. Die Jens-Nydahl-Grundschule

2.1 Beschreibung der Lage der Schule und des Schulgebäudes

Die Jens-Nydahl-Schule (J-N-S) befindet sich in der Kohlfurter Sraße 20 in Kreuzberg, ca. 500 Meter vom U-Bahnhof „Kottbusser Tor“ entfernt. Die Umgebung ist geprägt von größeren Wohnblocks und kleinen, größtenteils türkischen und arabischen Geschäften. Überhaupt ist die Gegend rings um das Kottbusser Tor ein Schmelztiegel was die Bewohner angeht. Die Wohngegend verzeichnet einen sehr hohen Anteil an nicht-deutschen Einwohnern. Vor allem türkische und arabische, aber auch zahlreiche Familien aus Ex-Jugoslawien, Polen und Nordafrika leben hier Seite an Seite. Besonders am U-Bahnhof erkennt man die Vielfalt der sozialen Schichten, die dieser Teil Kreuzbergs beheimatet. Die größte Gruppe der Ansässigen bildet sicherlich eine breite Arbeiterschicht, aber Angestellte, Bankkaufleute und Arbeitslose vermischen sich hier genauso zu einer sehr multikulturellen und gemischten Masse.

Die Grundschule selbst liegt nur wenig abseits des Kottbusser Tors in einer etwas ruhigeren Straße. Der Bau der Schule ist im Kontrast zu den übrigen Häusern der näheren Umgebung ein sehr freundlicher, roter Backsteinbau mit angeschlossenem Schulhof. Direkt nebenan befindet sich eine weitere Schule im gleichen Baustil. Beim Betreten der Jens-Nydahl-Schule fällt einem zunächst das dreisprachige Schild an der Tür auf, nicht wie man sonst üblicherweise findet auf deutsch, englisch und französisch, sondern auf deutsch, türkisch und arabisch. Die Eingangshalle der Schule ist, genau wie das äußere der Schule, sehr freundlich. Ein Regal mit selbstgebastelten Ausstellungsstücken der Kinder, ein großes Wandbild und ein Aquarium mit echten Fischen fallen sofort ins Auge und vermitteln einen farbenfrohen Eindruck. Auch die übrigen Gänge der Schule sind mit Bildern, Collagen, o.ä. geschmückt und von den Decken hängen gebastelte Mobiles oder andere Dekorationen. Die Schule verfügt neben dem Erdgeschoß über zwei weitere Etagen, die mit einem Haupt- und zwei Nebentreppenhäusern verbunden sind. Der Schulhof ist sehr geräumig und bietet den Schülern/innen viel Platz, um die Pausen zu genießen. Tischtennisplatten, Sitzgelegenheiten und ein großer Spielplatz mit Klettergerüst sind ebenso vorhanden wie ein sehr großzügiger Sportplatz mit Basketballkörben und Fußballtoren. Allerdings besteht der Hof hauptsächlich aus hartem Untergrund, d.h. Stein oder Hartgummi. Eine größere Rasenfläche ist nicht vorhanden.

2.2 Einschätzung der sozialen Struktur der Schüler- und Elternschaft

Entsprechend ihrem Umfeld ist auch die Jens-Nydahl-Grundschule überwiegend multikulturell geprägt. Der Anteil der nicht-deutschen Schüler/innen liegt bei etwa 90 %, wobei die Hauptgruppen aus der Türkei und aus dem Libanon stammen dürften. Die soziale Herkunft der Schüler/innen ist nicht ganz einfach festzustellen, jedoch kommt der größte Anteil der Schüler/innen wohl aus Haushalten der Unter- und Mittelschicht. Anzeichen dafür sind z.B. die Kleidung der Schüler/innen oder die Zahlungsfähigkeit bei Ausflügen, Klassenfahrten o.ä.[1] Nachfragen nach dem Beruf der Eltern ergeben, dass diese oft aus der Arbeiterschicht stammen. Der Einsatz der Eltern an der Schule und für die Kinder ist sehr verschieden. Es gibt zahlreiche Eltern, die sehr aktiv im Klassen- oder Schulverband mitarbeiten und bemüht sind, die Situation ihrer Kinder weiter zu verbessern. Dies äußert sich durch Engagement auf Elternabenden, durch Mithilfe bei der Organisation von Ausflügen oder durch Mitwirken bei der Gestaltung neuer Schulprojekte. Im Gegensatz dazu gibt es jedoch auch sehr viele Elternteile, die sich komplett aus dem Schulgeschehen heraushalten und kein großes Interesse an der schulischen Entwicklung ihrer Kinder zeigen. Mehrere Lehrer/innen der Schule erwähnten, dass sie manche Eltern innerhalb von zwei Schuljahren überhaupt nicht zu Gesicht bekommen hätten. Auch nach persönlichen Einladungen oder festgelegten Gesprächsterminen sei ein Kontakt nicht zustande gekommen. Die Gründe hierfür sind sicherlich verschieden. Desinteresse als Grund ist wohl eher hinter Mißtrauen gegenüber der fremden Kultur (und auch Erziehungsmethode) oder persönlicher Unsicherheit anzusiedeln. Gerade bei muslimischen Familien kommt außerdem oft eine sehr große Anzahl an Kindern pro Familie erschwerend hinzu. Die Eltern sind überfordert und können in ihrer Erziehung nicht allen Kindern gerecht werden. Vor allem Mädchen treten oft in den Schatten ihrer männlichen Geschwister. Häufig sind es auch die älteren Geschwister, die die Rolle der Eltern zum Teil übernehmen. So kommen oft ältere Geschwister zu den Elternabenden oder zum Elternsprechtag, schon allein aus dem Grund, dass sie über wesentlich bessere Deutschkenntnisse verfügen als ihre Eltern. Eine Lehrerin erzählte zudem, dass in derartigen Großfamilien der Platz in der Wohnung oft so beschränkt ist, dass für die Kinder nicht mal ein Platz vorhanden ist, wo sie in Ruhe ihre Schularbeiten verrichten können.

2.3 Die Jens-Nydahl-Grundschule: Beschreibung, Profil und Angebotsstruktur der Schule

Die Jens-Nydahl-Grundschule beherbergt insgesamt 635 Schüler und beschäftigt 50 Lehrer. Vertreten sind die Klassenstufen 1 bis 6. Zudem gibt es eine Eingangsstufe, die die Jüngsten der Schule spielerisch an die ersten Schulthemen heranführen soll. Die Klassenstärken liegen zwischen 22 und 28 Schülern/innen, je nach Art der Klasse. Die Schule hat sowohl „normale Klassen“, als auch Integrationsklassen[2] und Klassen mit zweisprachiger Alphabetisierung.

2.3.1 Fokus auf Sprache: Das Angebot an der J-N-S

Neben dem regulären Unterrichtsangebot sind die Angebote zur Sprachverbesserung und zum Neuerlernen von Sprachen an der J-N-S sehr vielfältig. Integration und das Verbessern der Sprachkenntnisse stehen hierbei im Vordergrund. Besonderen Wert legt man an der J-N-S auf das „Nebeneinander der Sprachen“. Da viele Schüler/innen zweisprachig aufwachsen, gibt es an der Schule die Möglichkeit zusätzlich zum Deutschunterricht auch Unterricht in der Muttersprache zu besuchen. (Dieses Angebot besteht bislang jedoch nur für die türkische Sprache.) Für die Schule ist nicht allein das Erlernen der deutschen Sprache das Hauptziel, sondern vor allem die Förderung in beiden Sprachen, sowohl Muttersprache, als auch deutsch. Schüler/innen, die dieses Angebot wahrnehmen, werden in sog. „deutsch-türkische Klassen“ eingeteilt. Dieses Programm läuft von der Vorklasse bis zur 6. Klasse. Pro Woche erhalten die Kinder zusätzlich zu ihrem regulären Stundenplan 4-7 Stunden Türkischunterricht. Der Unterricht wird von einer türkischsprachigen Lehrkraft gehalten, jedoch versucht die J-N-S, soweit möglich, ein Lehrertandem einzusetzen, von dem ein Teil deutsch- und der andere Teil türkischsprachig ist.

Da viele Schüler/innen jedoch große Probleme mit der deutschen Sprache haben, bietet die Schule außerdem ein breites Feld zur Verbesserung der Deutschkenntnisse an. Zum einen werden Kurse in „Deutsch als Zweitsprache“ (DAZ) angeboten. Hier lernen v.a. jüngere Kinder auf spielerische Art den Umgang mit der deutschen Sprache. Ziel ist es vor allem, die sprachlichen Fähigkeiten zu fördern und die Kinder zum Reden zu animieren. Zum anderen bietet der „Deutsch-Förder-Unterricht“ die ergänzende Komponente zum DAZ-Unterricht. Hier wird mehr auf die Verbesserung der Grammatik und die Vergrößerung des Wortschatzes geachtet. Das Sprechen tritt in den Hintergrund. Der „Deutsch-Förder-Unterricht“ kann zudem auch von Schülern/innen deutscher Herkunft besucht werden.

[...]


[1] Wobei besonders bei Schülern/innen muslimischer Herkunft der Verdacht aufkommt, dass die finanzielle Situation der Eltern als Ausrede benutzt wird, um die Teilnahme der Kinder an Aktivitäten wie z.B einem Zirkusbesuch oder einer Klassenfahrt wegen religiöser oder kultureller Bedenken zu verhindern.

[2] Die Klassenstärke in den Integrationsklassen ist z.B. niedriger als in den übrigen Klassen. Der Begriff „Integrationsklassen“ wird nachfolgend noch erklärt.

Details

Seiten
24
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638149907
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7874
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachbereich Erziehungswissenschaften
Note
1
Schlagworte
Orientierungspraktikum Jens-Nydahl-Grundschule Berlin-Kreuzberg Proseminar Grundschulen Brennpunkten

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