Lade Inhalt...

Emotionen zwischen Selbst- und Fremdzwängen. Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, Kritik und Weiterentwicklung

Hausarbeit 2005 18 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einblick in die Zivilisationstheorie von Norbert Elias
2.1 Monopolmechanismus und Differenzierung
2.2 Angst und Schamgefühle
2.3 „Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten“

3 Kritik an der Zivilisationstheorie
3.1 Die Frage der „Triebkontrolle“ und „Affektmodellierung“
3.2 Die Frage nach den gestiegenen Selbstzwängen
3.3 Andere Kritikpunkte an der Zivilisationstheorie

4 Weiterentwicklung durch Cas Wouters
4.1 Die Informalisierungsthese
4.2 Weibliche Emanzipation und der westliche Wohlfahrtsstaat
4.3 Formalisierung und Informalisierung: ein Richtungswechsel?

5 Schlussfragen

6 Literaturnachweis

1 Einleitung

Norbert Elias untersuchte in den 1930er Jahren Etikette- bzw. Anstandsbücher aus dem 15. bis zum 19. Jahrhundert und entwickelte daraus sein zum Klassiker avanciertes Werk „Über den Prozess der Zivilisation“. Auf seiner Theorie und Methode aufbauend tat Cas Wouters ab den 70er Jahren dasselbe: Etikettebücher seien vielleicht eine Mischung aus wirklichem und idealen Verhalten, aber auch diese Ideale seien real, so Wouters, und nicht von Sozialwissenschaftlern konstruiert.[1] Dieses Quellenmaterial sollte beweisen, wie sich die psychische Struktur des Menschen im Laufe der Zeit veränderte – an Hand von Verhaltensänderungen in der Gesellschaft. Nach Elias sind Verhaltensregeln Ausdruck sozialer Kontrolle, also der von anderen ausgehenden Zwang zur Selbstkontrolle. In „Über den Prozess der Zivilisation“ versucht Elias, den gesellschaftlichen Übergangsprozess vom mittelalterlichen feudalen System in Westeuropa zum System des französischen absolutistischen Nationalstaats darzustellen. Sein erklärtes Ziel ist dabei, die langfristigen Wandlungsprozesse nicht nur im sozialen Habitus, sondern auch im Denken und Fühlen von Menschengruppen zu erforschen.

Der Ansatz von Elias, Psychogenese und Soziogenese miteinander zu verbinden, den Zusammenhang zwischen der menschlichen Psyche und den Strukturen der menschlichen Gesellschaft zu erforschen, machte sein Werk zu „einer Pionierstudie der Soziologie der Emotionen ohne diesen Namen zu tragen. Die Soziogenese von Scham und Peinlichkeit ist wohl ihr Kernstück. Viel deutlicher als bei den Klassikern Durkheim und Weber wird bei Elias die soziale Grundlegung von Gefühlen behandelt.“[2]

Cas Wouters hat diesen Ansatz ebenso verfolgt und steht damit in der Entwicklung eines wachsenden Interesses der Soziologie, Psychologie und Geschichte an Emotionen seit Mitte der 70er Jahre. Er hat sich dabei zunehmend auf das geschlechtsspezifische Verhalten konzentriert. Während Elias jedoch in „Über den Prozess der Zivilisation“ eine fortschreitende Verschärfung der Codes für Verhalten und Gefühle feststellt und damit eine zunehmende „Formalisierung“, widmet sich Wouters der These, im 20. Jahrhundert kam es zur „Informalisierung“, einem Prozess, in dem immer mehr Gefühls- und Verhaltensformen akzeptabel wurden.[3] Der Autor diskutiert folglich auch die Frage, ob der Zivilisationsprozess seine Richtung geändert hat.

Im Folgenden soll die Theoriediskussion um Formalisierungs- und Informalisierungs-prozesse in Verhaltens- und Gefühlsformen bei Elias und Wouters erläutert und kritisch beleuchtet werden.

2 Einblick in die Zivilisationstheorie von Norbert Elias

Der Zivilisationsbegriff an sich hat für viele Missverständnisse in der Debatte über das Werk Elias geführt. Daher ist es erst einmal wichtig, zu erläutern, was Elias unter dem Zivilisationsprozess verstanden hat.

Nach Elias verfolgt der Zivilisationsprozess eine bestimmte Richtung: Er spricht davon, wie „Fremdzwänge sich in Selbstzwänge verwandeln, wie in immer differenzierterer Form menschliche Verrichtungen hinter die Kulisse des gesellschaftlichen Lebens verdrängt und mit Schamgefühlen belegt werden, wie die Regelung des gesamten Trieb- und Affektlebens durch eine beständige Selbstkontrolle immer allseitiger, gleichmäßiger und stabiler wird.“[4] Dabei spricht er dem Prozess jegliches „rationales Verhalten und Planen“ über Jahrhunderte ab, weder haben einzelne Menschen in der Vergangenheit die „Zivilisation“ beabsichtigt, noch ist den Menschen ihr Einfluss auf diesen Prozess völlig abzusprechen.[5] Die Zivilisation wird „blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, durch spezifische Veränderungen der Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind.“[6]

2.1 Monopolmechanismus und Differenzierung

Den festgestellten Veränderungen begegnet Elias mit seinem „Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“. Eine zentrale Rolle spielt dabei der „Monopolmechanismus“:

„Wie in einer bestimmten Phase zunächst mehrere Gutsherrschaften, so finden sich in der folgenden Phase eine Reihe von Herrschaftseinheiten der nächsthöheren Größendimension, von Herzogtümern oder Grafschaften, in eine Konkurrenzsituation gestellt, in die Notwendigkeit, zu expandieren, wenn sie nicht früher oder später von expandierenden Nachbarn besiegt oder abhängig werden wollen.“[7]

Nach Elias ist es relativ zufällig, welches Territorium den Ausscheidungskampf gewinnt, dass jedoch der gesellschaftliche Prozess „bei starkem Konkurrenzdruck zur Vergrößerung einiger Weniger und schließlich zu einer Monopolbildung tendiert, ist von solchen Zufällen weitgehend unabhängig.“[8] Die Verbindung von Steuer- und Gewaltmonopol hat die abendländische Gesellschaft in besonderem Maße geprägt: Das Monopol wurde zunehmend umfassender (größer) und arbeitsteiliger. Der hohe Grad der Funktionsteilung hat zu einer beständigen, spezialisierten Verwaltungsapparatur geführt, bei dem der oder die „Monopolherren zu Zentralfunktionären eines funktionsteiligen Apparats werden, mächtiger vielleicht als andere Funktionäre, aber kaum weniger abhängig und gebunden als sie.“[9] Damit ist bereits ein zweiter wichtiger Punkt der Zivilisationstheorie angesprochen: die zunehmende Interdependenz. Elias stellt fest, dass, ab einem bestimmten Punkt der Besitzgröße, die Verfügungsgewalt aus den Händen der Monopolherren in die Hände der Abhängigen entglitt:

„Das Privatmonopol einzelner vergesellschaftet sich; es wird zu einem Monopol ganzer Gesellschaftsschichten, zu einem öffentlichen Monopol, zum Zentralorgan eines Staates.“[10]

Zu dem gesellte sich eine zunehmende Differenzierung:

„Von den frühesten Zeiten der abendländischen Geschichte bis zur Gegenwart differenzieren sich die gesellschaftlichen Funktionen unter einem starken Konkurrenzdruck mehr und mehr. Je mehr sie sich differenzieren, desto größer wird die Zahl der Funktionen und damit der Menschen, von denen der Einzelne bei allen seinen Verrichtungen, bei den simpelsten und alltäglichsten ebenso, wie bei den komplizierteren und selteneren, beständig abhängt.“[11]

Diese Veränderungen auf der Makro-Ebene, die Ausweitungen der Monopole und in der Folge der Interdependenzen, wirkten sich gleichsam auf die Mikro-Ebene, auf Verhaltens- und Gefühlsänderungen aus. Es wurde notwendig, dass das Verhalten von immer mehr Menschen aufeinander abgestimmt wird, wobei der einzelne gezwungen wurde, sein Verhalten „immer differenzierter, immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren“[12]. Durch die Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionen wurde der Arbeitsprozess komplex und zunehmend anfällig für Störungen. Daher musste die herrschende Schicht auf die untere Schicht Rücksicht nehmen, was sich zum Beispiel in steigenden Löhnen ausdrückte, und zu einer Annäherung der Gruppen führte. Die Verflechtungsmechanismen hatten mehrere Folgen: Die unteren Schichten haben mit den steigenden Löhnen einen Wunsch nach mehr Prestige bzw. Angst vor Prestigeverlust entwickelt. Dies begründet zum großen Teil den Drang, sich in Übereinstimmung mit dem Gruppencode zu verhalten und sich an der oberen Schicht zu orientieren. Dies war eine der stärksten Triebkräfte, Fremd- in Selbstzwänge umzuwandeln, ein Prozess, der nicht nur bewusst stattfindet. Neben der bewussten Selbstkontrolle kommt es zur Ausbildung einer psychischen Selbstzwang-Apparatur, ein „entscheidender Zug im Habitus jedes „zivilisierten“ Menschen“[13]. Die gesellschaftliche Differenzierung findet ihren Ausdruck in einer „immer differenzierteren Regelung der gesamten, psychischen Apparatur“[14]. Diese Entwicklung, dieser Prozess der Zivilisation, „ist das unterscheidende und Überlegenheit gebende Kennzeichen des Okzidentalen. Aber zugleich erzeugen und erzwingen die Menschen des Abendlandes unter dem Druck ihres eigenen Konkurrenzkampfes in weiten Teilen der Erde eine Veränderung der menschlichen Beziehungen und Funktionen zu ihrem eigenen Standard hin.“[15] Zur wichtigen Frage der Kolonisation nimmt Elias also Stellung, indem er die abendländische Zivilisation als überlegen darstellt, ihre Verbreitung aber im Zuge des Kolonialismus als „Zwang“ und „Druck“, und damit eher negativ, bewertet. Der Prozess der Zivilisation, hier bewusst im Singular, breitet sich also seiner Ansicht nach nicht nur in Westeuropa, sondern über die Welt aus.

[...]


[1] Vgl. Wouters (2004), S.10.

[2] Kuzmics (2000), S.272.

[3] Vgl. Wouters (1999), S.11.

[4] Elias (1997,II), S.324.

[5] Vgl. ebd., S.323.

[6] ebd., S.327.

[7] ebd., S.142.

[8] ebd., S.143.

[9] ebd., S.157.

[10] ebd.

[11] ebd., S.327.

[12] ebd.

[13] ebd., S.331.

[14] Vgl. ebd., S.328.

[15] ebd., S.358.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638834995
ISBN (Buch)
9783638835107
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78883
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Schlagworte
Emotionen Selbst- Fremdzwängen Zivilisationstheorie Norbert Elias Kritik Weiterentwicklung

Autor

Zurück

Titel: Emotionen zwischen Selbst- und Fremdzwängen. Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, Kritik und Weiterentwicklung