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Lyrik der Romantik. Übersicht der Wesensmerkmale romantischer Lyrik: Joseph von Eichendorff und Clemens Brentano.

Seminararbeit 2007 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Abgrenzung
2.1 Zeitliche Einordnung und Entwicklung
2.2 Inhaltliche Besonderheit

3. Beispiele romantischer Lyrik I
3.1 Joseph von Eichendorff: ‚Lockung’
3.2 Analyse

4. Merkmale romantischer Lyrik I
4.1 Neue Mythologie
4.2 Romantisierung
4.3 Geschichtstriade

5. Beispiel romantischer Lyrik II
5.1 Clemens Brentano: aus ‚Das Myrtenfräulein’
5.2 Analyse

6. Merkmale romantischer Lyrik II
6.1 Musik als Leitkunst
6.2 Transzendentalpoesie
6.3 Romantische Ironie
6.4 Autonomieästhetik
6.5 Progressive Universalpoesie

7. Fazit

8. Schaubild Geschichtstriade

9. Quellen
9.1 Literatur
9.2 Internetquellen
9.3 Computersoftware

1. Vorwort

Als auffällig, bei der Annäherung an das Thema „Lyrik der deutschen Romantik“, zeichnete sich ab, dass nahezu alle Autoren der von mir bearbeiteten Publikationen, über die Schwierigkeit der epochalen, inhaltlichen und personellen Abgrenzung der Romantik nachsannen. Doch wo sind Grenzen um den Begriff der deutschen Romantik zu ziehen und was zeichnet diese Epoche kenntlich von anderen ab? Zumal bedacht werden muss, dass sich die Romantik nicht zuletzt in die weiten Felder der bildenden Kunst (Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge) und der Musik (Franz Schubert, Carl Maria von Weber) ebenso erstreckte wie in das der Literatur. Doch auch in der Lyrik der Romantik in sich, ist die komplexe Verwobenheit mit anderen Gattungen der Literatur bemerkenswert. Nicht selten waren romantische Gedichte ursprünglich in epische Geschichten, Novellen oder Märchen eingebettet oder wurden später, losgelöst als Volkslied- oder Kirchenliedtexte verwandt.

Um den Begriff der Romantik, erstrangig im Hinblick auf Deutschland, genauer ermessen zu können, möchte ich zunächst sowohl eine zeitliche als auch inhaltliche Abgrenzung diskutieren, um im zweiten Teil der Arbeit auf konkrete Wesensmerkmale und wohl typische Besonderheiten der romantischen Dichtung, an konkreten Beispielen, einzugehen.

2. Abgrenzung

2.1 Zeitliche Einordnung und Entwicklung

Die temporale Grenze einer Kunstepoche ist genauso problematisch wie nötig. Gerade zeitlich gibt es, vor allem in der Romantik zahlreiche Überschneidungen und Unklarheiten. Um allerdings einen stichhaltigen Epochenbegriff zu erarbeiten, versuche ich anhand einiger Autoren eine Entwicklung zu rekonstruieren.

Etwa zeitgleich mit der Kunstepoche der (Weimarer) Klassik etablierte sich die Literaturepoche Romantik. Vor allem die fruchtbaren Kontakte „zwischen Wackenroder und Tieck in Berlin (1792 – 1796) und zwischen den Brüdern Schlegel und Novalis mit den romantischen Philosophen Schelling und Fichte in Jena, wohin auch Tieck und Brentano folg[t]en (‚Jenaer Frühromantik’)“[1], bildeten die Keimzelle der Romantischen Dichtung. Auch wenn nur einige Jahre nach der Verfestigung romantischer Ideale eine deutliche und beidseitige Abgrenzung von der Klassik erfolgte, gelten Goethe und noch mehr Schiller als Wegbereiter der Romantik.

„Die Romantik erscheint als eine unmittelbare Fortsetzung und Entwicklung der Ideen der Sturm-und-Drang-Periode. Gleich dieser Epoche, beginnt sie mit der flammenden Bejahung des Lebens. Während die Stürmer selbst – in Goethes und insbesondere in Schillers Person – den Weg der Klassik einschlagen und sich dadurch von ihren ehemaligen Idealen lossagen, bleiben die Romantiker vor allem Realisten, die das unmittelbare Lebensgefühl predigen.“[2]

Ein konkreter Auslöser zum Beginn der Romantik ist wohl kaum aufzuzeigen, allerdings werden hierfür mehrfach die 1799 veröffentlichten Athenäums-Fragmente von Friedrich Schlegel inklusive ihrer Beiträge von Novalis, August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schleiermacher angeführt. Obwohl gerade Novalis nicht selten innerhalb seiner Werke die Widersprüche beider Kunstepochen ausdiskutierte, entstand die Zusammenfassung der Strömung nicht vorrangig durch die Künstler selbst:

„’Romantik’ und ‚Romantiker’: diese Titel sind nicht innerhalb der ‚neuen Schule’, welches zu Anfang des 19. Jahrhunderts der Name für die neue Strömung war, aufgekommen und nicht von ihren Mitgliedern auf sich selbst angewandt worden. Es geschieht hier wie so oft: Das kennzeichnende Etikett wird von den Kritikern gestanzt und bekanntgemacht.“[3]

Den Weg von der Früh- zur Hochromantik kennzeichnet in erster Linie die Verlagerung der regionalen Gewichtung von Jena auf Heidelberg. Nicht umsonst wird diese Phase, welche zwar zudem in Dresden einen besonderen Sammelpunkt hatte, auch als Heidelberger Romantik bezeichnet, in welcher sich ebenso neue Namen hinzu kamen, wie Achim von Arnim und Clemens Brentano.[4]

„Nicht mehr philosophische, dichtungstheoretische Interessen stehen im Vordergrund, nicht mehr der kühne spekulative Ausgriff formt pointenreiche Gedanken, sondern der Blick richtet sich auf die Vergangenheit des eigenen Volkes […]. Bindungen werden gesucht, verbindliche und von der Tradition beglaubigte Werte.“[5]

Deutlich wird gerade in dieser Phase eine signifikant negative Haltung gegenüber dem zeitgenössisch-weltlichen, nicht zuletzt angeregt durch politische Ereignisse, nationale Gefühle und die napoleonische Herrschaft.[6] Dies wiederum führt dazu, dass sich die Romantiker selbst in eine exponierte Künstlerstellung begaben und eigene Werte für sich manifestierten, die sie von der Umwelt bewusst abgrenzen. Hierbei handelt es sich, um das noch in der Zeit des Sturm und Drang etablierte Genie-Ideal, welches besagt: „such a poet is indeed a second maker…“[7]. D.h. jenes Ideal geht vom Dichter als Schöpfer aus, der unabhängig von seiner Umwelt autonom aus sich selbst schöpfen kann.

Von hieran war es nur noch ein kleiner Schritt zur kunsthistorischen Phase der Spätromantik welche man etwa 1815 anbeginnen lässt. Zwar wird hierin weiterhin eine konträre Position zur Aufklärung beibehalten, doch es erfolgt eine verstärkte Hinwendung zur Religion bzw. zum Katholizismus. Dieses wiederum geht, ebenso im Gegensatz zu Klassik, einher mit der stärkeren Thematisierung der Betrachtung „seelischer Ausnahmezustände“[8]. Deutlich wird dieser Themenschwerpunkt nicht zuletzt in der Epik, d.h. in verschiedenen Märchen, Erzählungen oder Novellen von E.T.A. Hoffmann (Die Serapionsbrüder), Joseph von Eichendorff (Das Marmorbild), Tieck (Der Runenberg), etc.

„Im Unterschied zur Frühromantik dominieren in der Erzählkunst der Spätromantik exakt beobachtete Psychopathologie, Phänomene des Somnambulismus, der Clairvoyance, der Suggestion, der Wahnvorstellungen (Melancholie), der Ichspaltung, des Bewußtseinsverlusts […]. Wie in der Frühromantik werden die seelischen Zustände durch das Zeichensystem der Naturbeschreibung, der familiären Beziehung usw. dichterisch dargestellt.“[9]

Das Ende der Romantik ist wohl noch undeutlicher zu bestimmen. Das Ausklingen dieser Epoche wird in diverser Literatur von verschiedenen Punkten innerhalb der Zeitspanne von 1830 bis 1853 angesiedelt. Besonders Heinrich Heine setzte zwar noch deutliche Stilmittel der Romantik um, kehrte seinen romantischen Zeitgenossen aber bald den Rücken und wurde Wegbereiter für das Junge Deutschland.

„Heine entdeckte den Philister in den Verkündern einer freizügigen künstlerischen Gestaltungskraft, er entlarvte am Beispiel August Wilhelm Schlegels und Ludwig Tiecks, die er mitleidlos beobachtet, den Abstand der Wirklichkeit von dem wortreichen verkündeten Ideal, die aristokratische Attitüde, die im Zeitalter der industriellen Revolution lächerlich und museal erscheint;“[10]

Diese Entwicklung scheint allerdings aus rationaler, und somit vermutlich unromantischer, Sicht vollkommen folgerichtig, da die, sich politisch zuspitzende, Situation in Europa, mit der Enttäuschung nach dem „Völkerfrühling“ der Befreiungsschlachten, Metternich und der Demagogenverfolgung, nach mehr dichterischer und intellektueller Stellungnahme zu verlangen schien. Somit hat das Junge Deutschland in der Vormärzsituation die Romantik aus den Angeln gehoben.[11]

2.2 Inhaltliche Besonderheit

Verdeutlicht wurde bereits, dass eine zeitliche Abgrenzung, nahezu aller Epochen, aber vor allem, der Romantik nicht unumstößlich auf einen Zeitpunkt festgesetzt werden kann, zumal mit ihr noch weitere Strömungen korrelieren. Natürlich sind es in erster Linie die Merkmale die sich innerhalb der romantischen Poesie wieder finden, welche jene Epoche inhaltlich von anderen abgrenzt. Diese Merkmale werden Anhand einiger lyrischer Beispiele im folgenden Kapitel diskutiert. Dennoch lässt sich vorab schon festhalten welche übergeordneten Grundsätze die Romantik einzigartig machen.

Maßgeblich beteiligt an der Entwicklung eines dichten Romantikgedankens sind die Brüder Schlegel. In ihrer Zeitschrift Anthenaeum, die von 1798 bis 1800 verlegt wurde, sowie in zahlreichen Vorlesungen über schöne Kunst und Literatur formulierten sie diverse Grundideen die letztendlich, sowohl inhaltlich als auch formell, zu einer Grenzenlosigkeit in der Poesie führen sollten.[12] Diese ‚Grenzüberschreitung’ gilt in jeglicher Hinsicht: Eine Grenze zwischen dem Menschen und der Natur soll abgebaut werden, genau wie die Grenzen der menschlich eigenen Wahrnehmungs- und Glaubensfähigkeit. Normales wird durch die Romantik in einen anderen, übergeordneten Kontext gebracht und somit neu erforscht.[13]

Der Umgang mit dem Althergebrachten und der ‚normalen’ Umwelt ist ein entscheidendes Beispiel an welchem sich das wohl neue Selbstverständnis der Romantik deutlich zeigt.

„Wo frühere Generationen, von avantgardistischen Gruppen wie etwa den Stürmern und Drängern abgesehen, Regelung des Lebens durch Normen und Gewohnheiten als selbstverständlich akzeptiert und Abweichungen vom Normalen zumeist als Krankheit, Narrheit oder sonst eine Deformation, mithin als Bestätigung des Normalen gewertet hatte, stellt die Romantik das Normale in Frage, und zwar nicht nur eine bestimmte Art von Normalität , sondern jede Normalität schlechthin.“[14]

Diese Grundtendenz zeigt sich, wie bereits angedeutet, auch beim jungen Friedrich Schiller, der meinte, als Dichter sei man fähig sich „über jede bestimmte und begrenzte Wirklichkeit hinweg zu der absoluten Möglichkeit zu erheben“[15].

Dieser schon romantisch anmutende Ansatz allerdings ging bei Goethe und Schiller in die Klassik über. Schiller wurde nachhaltig durch die Schriften Kants inspiriert, in welchen dieser den Ästhetikbegriff der Kunst und der Natur entwarf. Goethe wurde schon mit Anbruch seiner berüchtigten Italienreise zum Wegbereiter der Rückbesinnung auf die idealistischen Normen der Antike.

In Anbetracht der strickten Verweigerung dieses normierten Kunstgedankens von Seiten der Romantiker, ergab sich als logische Folge eine Hinwendung zum Entgrenzten dieser Normierung. Dies zeigt sich nicht allein in der Lyrik, sondern lässt sich ebenso in der Epik oder gar in der bildenden Kunst verdeutlichen, denkt man nur an die Landschaftsbeschreibungen und Ebene – Bergwelt – Dualismen welche von E.T.A. Hoffmann oder Ludwig Tieck bearbeitet wurden. Gleichsam sind es oftmals verwilderte, archaische Landschaften und keine beschnittenen Rokokogärten, welche die Gemälde Caspar David Friedrichs oder Philipp Otto Runges zieren.

Gerade die besagten Naturbeschreibungen sind es, die oft maßgeblich in die literarischen Darstellungen einfließen, konkret zur Projektionsfläche verschiedener Wünsche und Sehnsüchte des lyrischen Ichs werden und somit einen symbolischen und meist transzendentalen Eigenwert erlangen.[16]

Als eine solche Reflexions- bzw. Projektionsfläche, erwiesen sich nicht selten die deutlich vorhandenen Polaritäten der Natur, als Symbolik für die Zerrissenheit der romantischen Figuren. Gegensätze wie „Tag und Nacht, Kraft und Materie, Schwerkraft und Licht [und][...] männlich-weiblich“[17] finden sich in der Natur und somit auch in der Literatur der Romantik.

[...]


[1] Binneberg, Kurt, „Lyrik der Romantik“, S. 8.

[2] Žirmunskij, Viktor, „Deutsche Romantik und moderne Mystik“, S. 27.

[3] Conrady, Karl Otto, „Gedichte der deutschen Romantik“, S. 17.

[4] Vgl. Ebd. S. 10.

[5] Ebd. S. 11.

[6] Vgl. Conrady, S. 11.

[7] http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/literatur18/herder%20kor.pdf (Stand: 13.04.07, 15:37Uhr), (zit. n. Shaftesbury: Soliloquy, or Advice to an Author, 1710).

[8] Mahlend, Ursula, „Die Psychologie der Romantik“, S. 592.

[9] Ebd. S. 594.

[10] Busse, Günther, „Romantik – Personen – Motive – Werke“, S. 56.

[11] Vgl. Balser, Karl, „Dichtung der Romantik“, Band 1, S. 6.

[12] Vgl. Sanjosé, Axel, http://www.xlibris.de/Autoren/Klassiker/Literaturepochen.htm (Stand: 15.04.07; 20:33 Uhr).

[13] Vgl. Ellenberger, Henry F., „Die Entdeckung des Unbewußten.“, S. 283.

[14] Pikulik, Lothar, „Romantik als Ungenügen an der Normalität“, S. 13f.

[15] Wellenberger, Georg, „Der Unernst des Unendlichen“, S. 13. (zit. n. Schiller, „Über naive und sentimentale Dichtung, S. 481.).

[16] Vgl. Gröf, Siegfried, „Fremd bin ich eingezogen...“, S. 8-9.

[17] Ellenberger, S. 287.

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