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Wirtschaftsgeschichte im Frankreich der Zwischenkriegszeit

Stabilität trotz Krisen?

Essay 2007 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die 1920er Jahre – Überwindung der Nachkriegskrise und Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs bei nahezu ausbleibender Modernisierung

3. Die Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929 – Frankreich als Insel des Wohlstands

4. Die Gründe für die späten aber langanhaltenden Folgen der Weltwirtschaftskrise

5. Maßnahmen gegen die Krise

6. Stabilität trotz Krise

7. Das „Blum Experiment“

8. Regierung Daladier – Überwindung der Krise ohne Strukturwandel

9. Schlussbemerkung

10. Verwendete Literatur

1. Einleitung

Die Tatsache, dass sich im Frankreich der Zwischenkriegszeit keine Diktatur etablieren konnte, und dass erst der Einmarsch der Deutschen 1940 das Ende der Dritten Republik einleiten sollte, verleitet zur Annahme, dass in Frankreich die Wirrungen und Krisen der Zwischenkriegszeit weitestgehend abgefedert werden konnten, da soziale Verwerfungen, wie z.B. die Massenarbeitslosigkeit, sich weitaus weniger stark manifestierten, als dies in anderen Ländern der Fall war.

Auf diese These Bezug nehmend, sollen im Folgenden die wirtschaftlichen Strukturen, die von einer bemerkenswerten Kontinuität bestimmt waren, sowie die von der Politik geschaffenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Frankreichs der zwanziger und dreißiger Jahre betrachten werde.

Für sich allein betrachtet könnten die beiden Jahrzehnte nicht kontrastreicher sein. Während die Nachkriegsdekade als Periode des relativen Wohlstandes mit hohen Wachstumsraten gesehen werden kann, an deren Ende Frankreich trotz der Weltwirtschaftskrise 1929 sogar als „îlot de prospérité dans un monde en crise“[1] gelten konnte, sind die 1930er Jahre von einer wirtschaftlichen Dauerkrise geprägt, die bis 1938 anhalten sollte.

2. Die 1920er Jahre – Überwindung der Nachkriegskrise und Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs bei nahezu ausbleibender Modernisierung

Frankreich konnte die Nachkriegskrise ohne größere Erschütterungen überstehen. Nach einer Phase der Rezession, in der die Umstellung der Wirtschaft von Kriegs- auf Friedensproduktion und das Ausmaß der materiellen, psychischen und demografischen Kriegsfolgen Probleme bereiteten, erlebte die Wirtschaft ab 1924 einen bemerkenswerten Aufschwung. 1924 erreichte die industrielle Produktion wieder das Vorkriegsniveau, um dieses 1929 bereits um ein Viertel zu übertreffen. Das Wirtschaftswachstum in diesen Jahren übertraf mit durchschnittlich 4,7% sogar deutlich das der „Belle Epoque“. Gründe für den Aufschwung liegen zum einen in den Investitionen des Staats, die vor allem in den zerstörten Gebieten den Wiederaufbau einleiten sollten, zum anderen in der Tatsache, dass der französische Export von der guten Konjunktur in den Vereinigten Staaten profitieren konnte. Nicht zuletzt ist der Aufschwung der 1920er Jahre durch eine Steigerung der Arbeitproduktivität begründet: Dies betraf vor allem die „modernen“ Sektoren der Wirtschaft, die auf Entwicklungen der Jahrhundertwende basierten, und noch im Krieg durch die dirigistischen Maßnahmen der Kriegswirtschaft gebremst gewesen waren. Hierzu gehörten v.a. Metall- und Chemieindustrie, sowie Elektrotechnik und Automobilindustrie. Die Wachstumsraten lagen hier bei 50 % und mehr. In diesen Branchen fanden wesentliche Strukturveränderungen statt: Eine Produktivitätssteigerung erreichte man durch die Einführung des Fließbandprinzips, wie es das amerikanische Unternehmen Ford vorgemacht hatte. Die Produktion wurde in kleine Arbeitschritte gespalten. Der sogenannte Taylorismus und Fordismus erlaubte es sich mit preisgünstigeren Produkten an eine breite Käuferschicht zu wenden. Hinzu kam, dass sich in diesen Sektoren eine Tendenz zur Firmenkonzentration breit machte. Hatte es in der Automobilbranche beispielsweise direkt nach dem Krieg noch über 100 Unternehmen gegeben, so bestimmten Ende der 1920er Jahre mit Citroen, Renault und Peugeot drei Großunternehmen über die Hälfte des Marktes. Die Bildung von Kartellen machte die Unternehmen in diesen Sektoren auch international konkurrenzfähig.

Doch erreichten die Modernisierung und der Strukturwandel nur geringe Teile der französischen Wirtschaft, was im Hinblick auf die internationale Konkurrenzfähigkeit Probleme bereiten sollte. Den oben geschilderten dynamischen Sektoren standen unter anderem mit der Textilbranche und der Lederproduktion Bereiche zur Seite, die trotz der Konjunktur nur geringes Wachstum aufweisen konnten. Es waren dies meist konservative Familienbetriebe mit einer kleinen Anzahl von Mitarbeitern (3/4 des gesamten französischen Einzelhandels wurde von Unternehmen mit weniger als 10 Arbeitern bestritten), die Investitionen, Kredite und Expansion scheuten und die bescheidene Gewinne eher für Krisenzeiten zurückhielten .

Am wenigsten setzte sich die Modernisierung im Agrarsektor durch, welcher auch weiterhin eine dominante Stellung in der französischen Wirtschaft einnahm: So war er noch 1930 mit 36% der wichtigste Sektor in der französischen Wirtschaft. Auch hier blieben kleine Betriebe die Regel, die nicht die finanziellen Mittel hatten, um sich die für Ertragssteigerungen nötigen Maschinen oder chemischen Hilfsmittel anzuschaffen. So blieben die Produktionsziffern weit hinter denen der Nachbarländer zurück (in den Niederlanden war der Getreideertrag pro Hektar fast doppelt so hoch) und die Produktion reichte, trotz der demographischen Schwäche Frankreichs nicht zur Versorgung der französischen Bevölkerung aus: 15% der Lebensmittel mussten importiert werden.

[...]


[1] BERSTEIN, Serge/ MILZA, Pierre, Histoire de la France au XXème si`cle. Tome II : 1930-1945, Paris 1999, S. 17.

Details

Seiten
11
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638835282
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78979
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Wirtschaftsgeschichte Frankreich Zwischenkriegszeit

Autor

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Titel: Wirtschaftsgeschichte im Frankreich der Zwischenkriegszeit