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Selbstverletzendes Verhalten (SVV)

Seminararbeit 2002 23 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung

3. Erscheinungsformen selbstverletzenden Verhaltens
3.1. Die offene Selbstverletzung
3.2. Die artifiziellen Erkrankungen
3.2.1. Die artifizielle Krankheit
3.2.2. Das Münchhausen-Syndrom oder die chronisch-artifizielle
Erkrankung
3.2.3. Das erweiterte Münchhausen-Syndrom

4. Auftretenshäufigkeit und Verteilung selbstverletzenden Verhaltens

5. Erklärungsmodelle und Erfahrungshintergründe
5.1. Erklärungsmodelle
5.1.1. Biologischer Erklärungsansatz
5.1.2. Lerntheoretischer Erklärungsansatz
5.2. Störungen in der Kindheit
5.2.1. Deprivation
5.2.2. Körperliche Misshandlung
5.2.3. Sexueller Missbrauch

6. Funktionen selbstverletzenden Verhaltens

7. Therapie
7.1. Psychoanalytisch-orientierte Therapie
7.2. Begleittherapien

8. Zusammenfassung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Selbstverletzendes Verhalten gehört wohl zu den erschreckendsten Verhaltensweisen, insbesondere dann, wenn dies bei Kindern und Jugendlichen auftritt. Solch ein Verhalten löst in der Umwelt Befremden, Entsetzen, Unverständnis und Ohnmacht, aber gleichzeitig auch Mitgefühl, Erbarmen, Ablehnung sowie Verurteilung und Distanzierung aus (vgl. Klosinski 1999, S.10). In unserer Gesellschaft haben Aggressionen nur wenig Raum, sie müssen unterdrückt oder in anderen Handlungen sublimiert werden. Selbstverletzungen werden überwiegend heimlich, im „stillen Kämmerlein“, vollzogen. Aufgrund dessen gibt es nur wenig gesicherte Daten über Auftretenshäufigkeit und die Verteilung. Jedoch wird in der Literatur immer wieder die signifikante Häufigkeit bei Mädchen bzw. Frauen erwähnt (vgl. Schmeißer 2000, S.7).

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit dem Thema „Selbstverletzendes Verhalten“ beschäftigen. Dabei möchte ich Antworten auf folgende Fragen finden: Was versteht man unter selbstverletzendem Verhalten und welche Erscheinungsformen gibt es? Warum zeigen überwiegend weibliche Personen solch ein Verhalten? Welche Ursachen und Bedeutungen könnten Selbstverletzungen haben?

Zur Erarbeitung habe ich mich hauptsächlich auf das Buch von S. Schmeißer „Selbstverletzung, Symptome, Ursachen, Behandlung“ gestützt. Zur Ergänzung meiner Aufzeichnungen verwendete ich Literatur von Teuber, Klosinski und anderen (siehe Literaturliste).

Zunächst werde ich versuchen selbstverletzendes Verhalten zu definieren, und die verschiedenen Formen von Selbstverletzung beschreiben. Im Weiteren werde ich auf die Auftretenshäufigkeit und auf die Verteilung selbstverletzenden Verhaltens zu sprechen kommen. Dann werde ich auf die Frage eingehen, welche Ursachen und Erfahrungshinter-gründe selbstverletzenden Verhaltens zu Grunde liegen könnten. Zum Schluss möchte ich noch kurz auf Funktion und Therapiemöglichkeiten eingehen.

2. Begriffsklärung

In der Literatur gehen die Meinungen, welcher Begriff selbstverletzendes Verhalten (kurz: SVV) am besten beschreibt, weit auseinander. Begriffe, wie Automutilation, Auto-aggression, Selbstbeschädigung, Selbstverletzung und selbstverletzendes Verhalten beschreiben ein und dieselbe Erscheinung, was zu Verwirrungen führen kann.

Es gibt also keine einheitliche Definition. Die Auffassungen der Experten, wie SVV zu definieren ist, sind sehr unterschiedlich. Während von Törne in einer Autoaggression eine Störung der Kommunikationsfähigkeit sieht, wobei Kommunikation dem Individuum dazu dient, sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen und sich entsprechend von ihr abzugrenzen, fasst Nissen die Autoaggressionen als ungeleitete aggressive Akte auf. Es sind Aggressionen, welche gegen eine andere Person gerichtet sind, jedoch nicht zugelassen oder nicht gewagt werden (vgl. Teuber 1998, S.18).

Schmeißer beschreibt selbstverletzendes Verhalten als eine Form von Autoaggression. Autoaggression ist ein aggressiver Akt gegen die eigene Person bzw. den eigenen Körper. Man unterscheidet hier zwischen leichter (z.B. Schlagen mit der flachen Hand), mittlerer (z.B. beißen, Kratzen- mit sichtbaren Verletzungen) und schwerer (z.B. Abbeißen von Fingerkuppen – lebensbedrohliche Verletzungen) Autoaggression (vgl. Schmeißer 2000, S.18).

Klosinski verwendet in seinem Buch Synonyme wie Automutilation, Autoaggression und selbstzerstörerisches Verhalten. Er bezeichnet selbstverletzendes Verhalten als eine Form von Automutilation. Auch er unterteilt, in Abhängigkeit von Intensität, Häufigkeit, Dauer und Regelmäßigkeit, in drei verschiedene Formen: leichte, schwere und extreme Form von Automutilation. Zur leichten Form gehören Verhaltensweisen wie das Schlagen mit flacher Hand, Sich-selbst-blutig-Kratzen oder Sich-selbst-Beißen. Eine schwere Form liegt vor, wenn sich jemand, z.B. Teile der Lippe abbeißt oder tiefe Schnittverletzungen zufügt. Beispiele für die extreme Automutilation sind u.a. Selbstverstümmelung der Genitalien oder selbstvollzogene Amputationen (vgl. Klosinski 1999, S.16).

3. Erscheinungsformen selbstverletzenden Verhaltens

Selbstverletzendes Verhalten umfasst ein breites Handlungsspektrum, jedoch ist nicht jede Form von Selbstverletzung krankhaft. Es gibt ein Gros an alltäglichen Formen, die von der Gesellschaft akzeptiert werden. Klosinski bezeichnet sie auch als weniger auffällige Selbstschädigungsformen (vgl. dies. 1999, S.14). Hierzu zählen unter anderem Rauchen, körperliche Passivität, negative Selbstbewertung oder Schönheitsoperationen, das Tätowieren sowie Piercen.

Man findet diese alltäglich akzeptierten Formen auch in den Religionen und in Ritualen wieder. Es sind Formen, die mit willentlicher Zustimmung der jeweiligen Person geschehen (vgl. Schmeißer 2000, S.12). Sie zeigen uns, dass Selbstverletzung kein Phänomen unserer Zeit ist, sondern schon seit Jahrhunderten in den verschiedenen Kulturen zum Alltag gehören. So dienen Selbstverletzungen in der Religion, z.B. zum Buße tun. Durch das Verletzen des Körpers, wird er von jeglicher Schuld befreit. Das Leiden soll helfen eine höhere Daseinsform zu erreichen, um so Gott näher sein zu können (vgl. Schmeißer 2000, S.13). Selbstverletzungen sind hier auch Ausdruck für Trauer, Mut, Initiation, religiösen Zeremonien und ähnlichem. Diese Form selbstverletzenden Verhaltens soll jedoch nicht im Vordergrund stehen, sondern die krankhaften Formen, jene die akut selbstdestruktiv sind.

In der Literatur unterscheidet man zwischen zwei Hauptarten selbstverletzenden Verhaltens: der offenen Selbstverletzung und den artifiziellen Erkrankungen. Klosinski fügt dieser Unterteilung noch den Begriff der „Simulation“ hinzu. Hierbei wird die Selbstverletzung bewusst zur Vortäuschung einer Erkrankung eingesetzt, um somit ein bestimmtes Ziel (einen persönlichen Vorteil) zu erreichen (vgl. dies. 1999, S.14).

Welche Unterschiede es zwischen der offenen und artifiziellen Selbstverletzung gibt, möchte ich in den folgenden Abschnitten näher erläutern. Dabei werde ich nur grob auf mögliche Ursachen und Hintergründe der artifiziellen Erkrankungen eingehen.

3.1. Die offene Selbstverletzung

„Für das Phänomen der offenen Selbstverletzung können folgende Begriffe synonym verwendet werden: Para-Artefakt, Selbstbeschädigung und bei schweren Fällen Selbstmutilation (Selbstverstümmelung)“ (Schmeißer 2000, S.20).

Bei einer offenen Selbstverletzung fügt sich der Betroffene Verletzungen am eigenen Körper zu. „Offen“ deshalb, weil die Handlung unter Zeugen oder im Verlauf einer Erst-versorgung vorgenommen wird. Bei dieser Art von selbstverletzendem Verhalten kommt es selten zu lebensbedrohlichen Handlungen, dies kann sich jedoch im Krankheitsverlauf ändern und einen suchtartigen oder zwanghaften Charakter annehmen. Kommt es doch zu einer tödlichen Verletzung, so geschieht dies meist ohne direkte Absicht (vgl. Schmeißer 2000, S.20).

Das Spektrum der Erscheinungsformen reicht von oberflächlichen Ritzen der Haut bis hin zu schwersten Verstümmelungen. Sehr häufige Formen der offenen Selbstverletzung sind Schnitte und Verbrennungen. Eher seltener findet man eigene Blutabnahmen und das Schlucken giftiger Substanzen. Das Ausreißen von Haaren, Hautabschürfungen, Sich-selbst-Beißen oder Quetschungen können ebenso auftreten. Als Instrumente für diese Selbstbeschädigungen dienen scharfe Gegenstände aller Art, wie z.B. Rasierklingen, Messer, Glasscherben oder Bleistift und Büroklammern. Aber auch Zähne, Hände sowie Fingernägel oder die Faust werden zur Selbstbeschädigung eingesetzt (vgl. Klosinski 1999, S.16). Bevorzugte Körperteile für die oben genannten Selbstverletzungen sind Unterarme und Oberschenkel. Eher selten betroffen sind das Gesicht, der Bauch und die Brust (vgl. Schmeißer 2000, S.21).

In Abhängigkeit von Intensität, Verletzungsgrad sowie von Wiederholungshäufigkeit und der Krankheitsdauer unterscheidet man bei der offenen Selbstverletzung zwischen leichter und schwerer Selbstverletzung. Zu der leichten Selbstverletzung zählen oberflächliche Hautverletzungen, wie z.B. das Ritzen, kleine Brandwunden, leichtes Schneiden sowie Zwicken, Klemmen und leichtes Bohren in den Augen.

Bei der schweren Selbstverletzung kommt es zu schweren Verletzungen mit bleibenden Narben bis hin zu schwersten Verstümmelungen. Beispiele hierfür sind u.a. tiefe Schnitte mit Gefäßverletzungen und Nervendurchtrennung, extremes Schlagen des Kopfes oder das Verstopfen von Körperöffnungen (vgl. Schmeißer 2000, S.21).

Schwere Verstümmelung ist die extremste Form von Selbstverletzung, die unter Umständen auch tödlich enden kann. Hierbei kann es zu Eigenamputationen der Extremitäten oder zu Verstümmelungen der Genitalien kommen. Auch starkes Augenbohren oder sogar die Entfernung des Auges (Enukleation) sind mögliche selbstverletzende Verhaltensweisen. Diese Art der Selbstverstümmelung findet man jedoch eher selten und steht normalerweise in Verbindung mit einer schwerwiegenden Störung.

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Details

Seiten
23
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638150033
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7899
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Pädagogik
Schlagworte
Selbstverletzendes Verhalten Seminar Umgang Jugendlichen

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Titel: Selbstverletzendes Verhalten (SVV)