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Spannungsfeld zwischen Materialismus und Mystik - Walter Benjamins Kafka-Essay als Ergebnis der Diskussion

von Bettina Wolf (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Zur Forschungsliteratur

2.1 Im Kreuzfeuer der Positionen
2.2 Scholem und die theologische Deutung
2.3 Brecht und die materialistische Auslegung
2.4 Benjamins ‚Janusgesicht’

3 Die Enden des Bogens

Literaturverzeichnis

1 Zur Forschungsliteratur

Obwohl Walter Benjamins Essay Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages von der Entstehungszeit her der Frühphase der Kafka-Rezeption zuzuordnen ist, wurde er erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts von der Literaturwissenschaft voll zur Kenntnis genommen. Dann setzte allerdings eine derart vielfältige Ausdeutung von Benjamins Bemühungen ein, dass man nicht umhin kann, sich an die mannigfaltigen Ausläufer der Kafka-Deutung selber erinnert zu fühlen. Eine weitere Ähnlichkeit zur Kafka-Forschung besteht darin, dass auch Benjamins Text für verschiedene literaturwissenschaftliche und ideologische Positionen mobilisiert werden sollte.

Um den Punkt klarzumachen, an dem diese Arbeit ansetzen soll, möchte ich Alexander Honold zitieren, der in Der Leser Walter Benjamin bemerkt:

„Ein Hauptproblem der monographisch auf den Kafka-Essay bezogenen Studien ist, daß sie Benjamins Text zu einem literarischen Werk erheben, es monolithisch und immanent lesen. Dagegen vertrete ich die Auffassung, daß die Rekonstruktion dieser Arbeit nur aus dem genannten Kräftefeld heraus erfolgen kann.“[1]

Das „Kräftefeld“ bezeichnet den lebhaften Austausch mit den Freunden Theodor W. Adorno, Bertolt Brecht, Werner Kraft und Gershom Scholem. Diese Arbeit soll keinen Vergleich der Kafka-Interpretation Benjamins mit der heutigen Forschungsliteratur anstellen, sondern vielmehr die besondere Entstehung des Textes in jenem „Kräftefeld“ untersuchen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Extrempositionen der Diskussion um Kafka, die durch Gershom Scholem und Bertolt Brecht vertreten wurden. Es soll untersucht werden, welche der Kategorien, die Benjamin als für Kafkas Werk konstitutiv herausarbeitet, als Spuren der Diskussion mit Brecht, welche als Spuren der Diskussion mit Scholem gelesen werden könnten. Dabei soll der dem Essay vorausgegangene Rundfunkvortrag als ein Teil der Vorarbeiten zum Essay betrachtet werden. Hauptquellen der Arbeit sind der Briefwechsel Benjamin-Scholem und Benjamins Aufzeichnungen über die Gespräche mit Brecht aus den Jahren 1931 und 1934.

2.1 Im Kreuzfeuer der Positionen

Seit der Veröffentlichung der ‚Paralipomena’ in den Gesammelten Schriften ist klar geworden, dass Benjamins Essay Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages von 1934 nur die „Spitze eines Reflexionsberges“ darstellt.[2] Pläne einer Publikation über Kafka, die er in verschiedenen Formen zu realisieren bemüht war, hegt Benjamin schon seit 1925. Ein noch 1927 geplanter Aufsatz über Kafkas Prozeß kommt nicht zustande; jedoch ergibt sich die Möglichkeit einer öffentlichen Äußerung anlässlich der Herausgabe des Nachlassbandes Beim Bau der Chinesischen Mauer im Jahre 1931.[3] Benjamins Rundfunkvortrag aus dem selben Jahr beinhaltet bereits wichtige Feststellungen zu Kafkas Werk, die in seinem späteren Essay noch ausgebaut werden sollten. Die Bemühungen um eine Publikationsmöglichkeit zeigen, dass es Benjamin eine dringendes Bedürfnis ist, von Kafka „Zeugnis zu geben“.[4] Seine finanzielle Lage erlaubt jedoch keine autonome Produktion.

Der Auftrag für den Essay kommt schließlich 1934 von Robert Weltsch, dem Herausgeber der „Jüdischen Rundschau“.[5] Scholem hatte nach mehrfachen Bitten von Seiten Benjamins den Auftrag vermittelt. Dass die „Meditationen über Kafka“, wie Scholem behutsam formuliert,[6] für Benjamin damit noch nicht beendet sind, lässt sich aus der Tatsache ersehen, dass er ein „Dossier von fremden Einreden und eigenen Reflexionen“ anlegt, das die Revision des Essays erleichtern soll.[7]

Während der gesamten Zeit seiner Beschäftigung mit Kafka hat sich Benjamin immer wieder mit den Freunden über den für ihn so zentralen Gegenstand beraten.[8] Willentlich setzt er sich den Einflüssen aus, die von verschiedenster Seite auf ihn geltend gemacht werden, wobei er ins „Kreuzfeuer“ der unterschiedlichen ideologischen und theologischen Positionen gerät.[9] Benjamin weiß jedoch um den Wert dieser Debatte, wie in einem Brief an Werner Kraft vom 9.1.1934 zum Ausdruck kommt: „Eben diese Kontroversen aber“, schreibt Benjamin, „die über diese Arbeit sich, wie über keine andere erhoben haben, bestätigen nur, daß auf ihrem Gelände eine Anzahl der strategischen Punkte heutigen Denkens liegen und meine Mühe, es weiter zu befestigen, keine unnütze ist.“[10]

Die Debatte um Kafka wird teilweise hitzig geführt; an diesem Autor scheiden sich die Geister. Da es unter linken Intellektuellen in der damaligen Zeit anscheinend unmöglich war, zu Kafka keine Meinung zu haben, setzen die Korrespondenten Benjamins alles daran, ihn „auf die je eigene Position einzuschwören“.[11] Jeder von Benjamins Briefpartnern hat sein eigenes Kafka-Bild, von dem er nicht abweichen will. Die Extreme der Auseinandersetzung über Kafka dürften bei Brecht und Scholem gelegen haben, deren Anschauungen (nicht nur über Kafka) die Pole des „Spannungsfeld[es] zwischen Materialismus und Mystik“ ausmachten.[12] Wie Benjamin mit diesen unterschiedlichen Positionen umgeht, soll in den folgenden Kapiteln untersucht werden.

2.2 Scholem und die theologische Deutung

Walter Benjamin und Gershom Scholem lernten sich 1915 kennen und blieben bis zu Benjamins Tod 1940 in freundschaftlicher Verbindung. Nach Scholems Emigration nach Palästina im Jahr 1923 war der Kontakt weitestgehend auf schriftliche Korrespondenz beschränkt. Die fortlaufende Diskussion zwischen den beiden Freunden büßte deswegen jedoch nicht von ihrer Intensität ein.

Der erste Niederschlag von Kafkas Werk findet sich in einem Brief an Scholem vom 18.11.1927. Ihm liegt ein Zettel mit einer kleinen Reflexion namens Idee eines Mysteriums bei, die sich noch hauptsächlich auf die theologische Dimension von Kafkas Prozeß, den Benjamin damals gelesen hatte, bezieht.[13] In einer 1927 geplanten Arbeit über den Prozeß wollte Benjamin laut Scholem

„einen Vergleich Kafkas mit Agnon ausführen und dabei auf seine eigene Weise die Kategorie des Aufschubs entwickeln, die ich in einem 1919 verfaßten Manuskript ‚Über das Buch Jona und den Begriff der Gerechtigkeit’ als für das Judentum konstitutiv bezeichnet hatte, was ihm sehr einleuchtete.“[14]

Die von Scholem entwickelte „Kategorie des Aufschubs“ findet auch tatsächlich Eingang in Benjamins Essay von 1934. Benjamin entdeckt die Kategorie des Aufschubs bei Kafka nicht nur als Motiv (etwa im Prozeß), sondern auch als Ziel seiner Dichtung: „In den Geschichten, die wir von ihm haben, gewinnt die Epik die Bedeutung wieder, die sie im Mund Scheherazades hat: das Kommende hinauszuschieben.“[15] Und sogar in der Form der Kafkaschen Romane sieht er diese Kategorie des Aufschubs realisiert, wenn er im Rundfunkvortrag von 1931 bemerkt: „Nun, daß sie unvollendet geblieben sind – das ist das eigentliche Walten der Gnade in diesen Büchern. Daß das Gesetz als solches bei Kafka sich nirgends ausspricht, das und nichts anderes ist die gnädige Fügung des Fragments.“[16]

Die Übernahme der Kategorie des Aufschubs stellt also ein Zeugnis der Übereinstimmung mit Scholem dar, die für die Phase der frühen Beschäftigung Benjamins mit Kafka prägend war. „So liefen in diesen Jahren seit 1927 unsere Gedanken mindestens über einen zentralen Gegenstand auf einen gemeinsamen Konvergenzpunkt zu“, glaubt Scholem zusammenfassen zu können.[17] Trotz „Scholems harmonisierender Betrachtungsweise“[18] ist jedoch die Hereinnahme von ‚fremden’ Denkmustern in Benjamins Überlegungen schon zu dieser Zeit eklatant.

Scholem rechnet sich jedoch den Löwenanteil an Benjamins frühen Auseinandersetzungen mit Kafka an. Über den noch 1928 geplanten Aufsatz über den Prozeß schreibt er: „Daß diese Arbeit mir gewidmet werden sollte, war nicht verwunderlich. Ging es ihm doch damals noch ausdrücklich um theologische Kategorien [...].“[19] Und tatsächlich bittet Benjamin im Zuge seiner Kafka-Studien immer wieder Scholem um Hilfe, wenn es um „Meinungen und Denkanstöße zur theologischen, zur richtigen theologischen Deutung“ Kafkas geht.[20] So schreibt er etwa am 20.7.1931 nach einer erneuten Lektüre des Kafkaschen Werkes: „Da beneide ich Dich um Deine jerusalemitischen Zauberer; das wäre ein Punkt über den sie zu befragen mir lohnend scheint. Vielleicht winkst Du mir ja mit einer Andeutung herüber.[21]

Eine erste Zäsur stellt die Begegnung mit der Kommunistin Asja Lacis 1924 auf Capri dar, durch die Benjamin in die marxistische Lehre initiiert wurde. In den folgenden Jahren tritt die materialistische Komponente seines Denkens und Schreibens immer mehr in den Vordergrund, wobei die Bekanntschaft mit Brecht gewissermaßen katalysierende Funktion erfüllt.

Diese Tatsache wird von Scholem misstrauisch beäugt; schließlich holt er 1931 in einem Brief anlässlich der Lektüre des Kraus-Essays zum Rundumschlag aus. Kurzerhand verurteilt er Benjamins Hinwendung zum Materialismus als „Selbstbetrug“ und „Irrtum“.[22] Für Scholem stellt sich Benjamins Verwendung von materialistischen Schemata als eine Art ‚Abweichen vom rechten Wege’ dar. Irving Wohlfarth bemerkt, dass Scholem „sich bis heute jener materialistischen Wendung gradlinig widersetzt, die Benjamins Denken nahm.“[23] Problematischerweise scheint Scholem für sich die ‚älteren Rechte’ beanspruchen zu wollen; in seinen Briefkommentaren zu den Kafka-Arbeiten schwingt immer die leise Mahnung mit, Benjamin solle sich doch auf seine eigentlichen Intentionen besinnen.

Für Scholem hat Kafka vornehmlich im Zusammenhang der jüdischen Literatur (durchaus in Abgrenzung zur deutschen Literatur) Bedeutung. In diese Richtung argumentiert auch sein Kommentar vom 1.8.1931, der eine Antwort auf Benjamins Bitten um seine Überlegungen zu Kafka darstellt:

„Aber ‚Separatgedanken’ über Kafka habe ich mir selbstverständlich auch schon gemacht, die aber freilich nicht Kafkas Stellung im Kontinuum des deutschen (in dem er keinerlei Stellung hat, worüber er selbst sich übrigens nicht im mindesten zweifelhaft war; er war wie du wohl weißt Zionist), sondern des jüdischen Schrifttums betreffen.“[24]

[...]


[1] Alexander Honold, Der Leser Walter Benjamin. Bruchstücke einer deutschen Literaturgeschichte, Berlin 2000, Anm. 14.

[2] Peter U. Beicken, Kafkas “Prozeß” und seine Richter. Zur Debatte Brecht-Benjamin und Benjamin-Scholem, In: Probleme der Moderne. Studien zur deutschen Literatur von Nietzsche bis Brecht, Festschrift für Walter Sokel, Hrsg. v. Benjamin Bennett, Anton Kaes u. William Lillyman, Tübingen 1983, 343-368, hier 361.

[3] Franz Kafka, Beim Bau der Chinesischen Mauer. Ungedruckte Prosa und Erzählungen aus dem Nachlaß, Hrsg. v. Max Brod u. Hans Joachim Schoeps, Berlin 1931.

[4] Walter Benjamin, Franz Kafka. Beim Bau der Chinesischen Mauer, In: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. II, 2, Hrsg. v. Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt/M. 1989, 676-683, hier 676. (Werkausgabe im folgenden abgekürzt mit GS.)

[5] In der „Jüdischen Rundschau“ erschienen nur der erste und dritte Teil des Essays, und zwar am 21. und am 28.12.1934. Kafkas Todestag war schon am 3. Juni gewesen.

[6] Zitiert nach GS II, 3, 1154.

[7] Siehe GS II, 3, S. 1248ff.

[8] An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die Beschäftigung mit Kafkas Werk nach Benjamins Aussage bereits auf das Jahr 1915 zurückging. Vgl. Brief an Scholem vom 21.6.1925: „Seine kurze Geschichte ‚Vor dem Gesetz’ gilt mir heute wie vor zehn Jahren für eine der besten, die es in Deutschland gibt.“ (Walter Benjamin, Briefe, Bd. 2, Hrsg. u. mit Anmerkungen versehen v. Gershom Scholem u. Theodor W. Adorno, Frankfurt/M. 1966, 397. Im folgenden abgekürzt als Br.)

[9] Irving Wohlfarth, „Die eigene, bis zum Verschwinden reife Einsamkeit“. Zu Walter Benjamins Briefwechsel mit Gershom Scholem, In: Merkur 35 (1981), 170-191, hier 185.

[10] Walter Benjamin, Gesammelte Briefe, Hrsg. v. Christoph Gödde u. Henri Lonitz, Frankfurt/M. 1995-2000, hier Bd. V, 24. (Im folgenden abgekürzt als GB.)

[11] Bernd Müller, „Denn es ist noch nichts geschehen“. Walter Benjamins Kafka-Deutung, Köln [u.a.] 1996, 4.

[12] Beicken 360.

[13] Vgl. GB III, 303.

[14] Zitiert nach GS II, 3, 1154.

[15] Walter Benjamin, Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages, In: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. II, 2, Hrsg. v. Rolf Tiedemann u. Herrmann Schweppenhäuser, Frankfurt/M. 1989, 409-438, hier 427.

[16] GS II, 2, 679.

[17] Zitiert nach GS II, 3, 1154.

[18] Beicken 353.

[19] Zitiert nach GS II, 3, 1154.

[20] Beicken 361.

[21] GB IV, 46.

[22] Brief vom 30.3.1931, Br II, 525 und 528.

[23] Wohlfarth 174.

[24] Zitiert nach GS II, 3, 1155f.

Details

Seiten
28
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638852708
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78993
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Spannungsfeld Materialismus Mystik Walter Benjamins Kafka-Essay Ergebnis Diskussion Hauptseminar Essayistik Weimarer Republik

Autor

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    Bettina Wolf (Autor)

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