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Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft: Einstellungen, Verhalten und die Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien am Beispiel der Kinder- und Jugendliteratur

Seminararbeit 2002 26 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung
2.1. Behinderung
2.2. Vorurteile, Einstellungen, Werte und soziale Reaktion

3. Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung

4. Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung
4.1. Verhaltensrelevante Aspekte der Behinderung
4.1.1. Die Auffälligkeit und Sichtbarkeit einer Behinderung
4.1.2. Die ästhetische Beeinträchtigung
4.1.3. Die funktionelle Beeinträchtigung kommunikativer Fähigkeiten
4.1.4. Die zugeschriebene Eigenverantwortlichkeit

5. Möglichkeiten der Veränderung der sozialen Reaktion auf Menschen 9 mit Behinderung
5.1. Einstellungs- und Verhaltensänderung durch Information und Aufklärung
5.2. Einstellungs- und Verhaltensänderung durch Simulation und Rollenspiel
5.3. Einstellungs- und Verhaltensänderung durch sozialen Kontakt zu Menschen mit Behinderung

6. Menschen mit Behinderung in den Medien
6.1. Menschen mit Behinderung als Thema in der Kinder- und Jugendliteratur

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Menschen mit Behinderung weichen von den gesellschaftlichen Erwartungen ab, sie sind in unerwünschter Weise anders. Was unter einer Behinderung zu verstehen ist und wie die Abgrenzung zu einer Nichtbehinderung erfolgt, hängt vom jeweiligem herrschenden gesellschaftlichen Normen- und Wertesystem ab. Als gesund bzw. normal gilt das, was in einer Gesellschaft als besonders wichtig für ihren Fortbestand angesehen wird. Diese dominierenden Wertvorstellungen bestimmen unsere Einstellungen und Verhaltensweisen. Zum großen Teil werden diese auch von den Medien geprägt.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit dem Thema „ Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft“ befassen. Dabei möchte ich Antworten auf folgende Fragen finden: Welche Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung liegen vor und wodurch werden sie beeinflusst? Welche Möglichkeiten gibt es diese zu ändern? Wie werden behinderte Menschen in den Medien dargestellt?

In meinen Ausführungen werde ich nur kurz auf die Darstellung von Menschen mit Be-hinderung in den Medien eingehen. Da man davon ausgeht, dass Einstellungen schon im frühsten Kindesalter erlernt und erworben werden, interessiert mich vielmehr die Frage, welchen Platz Menschen mit Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur einnehmen.

Zur Erarbeitung habe ich mich hauptsächlich auf das Buch von H. Tröster „Einstellungen und Verhalten gegenüber Behinderten: Konzepte, Ergebnisse und Perspektiven sozialpsychologischer Forschung“ und das von G. Cloerkes „Soziologie der Behinderten“ gestützt. Zur Ergänzung meiner Aufzeichnungen verwendete ich Literatur von Nickel, Zimmermann und andere (siehe Literaturliste).

Zunächst werden ich einige grundlegende Begriffe, welche für die Arbeit von Bedeutung sind, definieren. Im weiteren werde ich auf Einstellungen und Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung eingehen und auf die Faktoren zu sprechen kommen, von denen Einstellungen und Verhalten anhängig sind. Dann werde ich auf die Frage eingehen, welche Möglichkeiten es gibt diese positiv zu verändern. Darauf folgt die Darstellung von behinderten Menschen in der Kinder- und Jugendliteratur, wobei der allgemeine Aspekt der Medien nur kurz angerissen wird.

2. Begriffsbestimmung

2.1. Behinderung

Im Sozialgesetzbuch IX § 2 wird Behinderung wie folgt definiert: „Menschen sind be-hindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist“ (BMA 2001, S.201).

Bleidicks Definition von Behinderung lautet: „Als behindert gelten Personen, die infolge einer Schädigung ihrer körperlichen, seelischen oder geistigen Funktionen soweit beeinträchtigt sind, dass ihre unmittelbaren Lebensverrichtungen oder ihre Teilnahme am Leben der Gesellschaft erschwert werden“ (Antor / Bleidick 2001, S.59).

Eine immer wieder zitierte Definition von Behinderung ist die der Weltgesundheits-organisation (WHO). Sie teilt den Begriff in folgende drei Ebenen: Schädigung (impairment) von Organen oder Funktionen des Menschen; Beeinträchtigung (disability) des Menschen, die eine Funktions- und Aktivitätseinschränkung beinhalten sowie die Benachteiligung (handicap) des Menschen. Hier kommt es aufgrund einer Schädigung und Beeinträchtigung zu Benachteiligungen im körperlichen und psychosozialen Feld in familiärer, beruflicher und gesellschaftlicher Hinsicht (vgl. Antor / Bleidick 2001, S.59).

Die Begriffsbestimmung ist immer im Zusammenhang mit dem Standpunkt bzw. mit der Zielsetzung des jeweiligen Betrachters zu sehen. So unterscheidet man Definition von Behinderung aus juristischer, pädagogischer, medizinischer, psychologischer, soziologischer und ökonomischer Sicht. Aufgrund dessen gibt es bisher keine einheitliche Definition von Behinderung.

2.2. Vorurteile, Einstellungen, Werte und soziale Reaktion

Unter Vorurteile versteht man extrem starre, negative und irrationale Einstellungen, welche sich weitgehend einer Beeinflussung widersetzen (vgl. Antor / Bleidick 2001, S.221).

Einstellungen werden als ein neutraler Grundbegriff angesehen. „Eine Einstellung ist ein stabiles System von positiven oder negativen Bewertungen, gefühlsmäßigen Haltungen und Handlungstendenzen in bezug auf ein soziales Objekt“ (Cloerkes 2001, S.75).

Eine Einstellung wird von drei wesentlichen Komponenten geprägt: der kognitiven, affektiven und konativen Komponente.

Die kognitive Komponente oder auch Wissenskomponente äußert sich in Vorstellungen, Gedanken, Überzeugungen, Mutmaßungen sowie Wissen und Glauben über das Ein-stellungsobjekt (vgl. Tröster 1990, S.57). Wenn man von der affektiven Einstellungs-komponente spricht, meint man gefühlsmäßige Reaktionen, welche dem Behinderten gegenüber positiv oder negativ sein können. Hervorgerufen werden diese durch das Einstellungsobjekt (vgl. Tröster 1990, S.57). Unter der konativen Komponente der Einstellungen oder auch Handlungskomponente versteht man den verhaltenssteuernden Einfluss. Sie drückt sich in der Verhaltensintention oder Handlungstendenz gegenüber dem Einstellungsobjekt aus. Es ist die Mitteilung über das eigene Verhalten (vgl. Tröster 1990, S.57). Während Einstellungen bezug auf eine konkretes soziales Objekt nehmen, sind Werte Einstellungen zu symbolischen oder abstrakten Konzepten wie z.B. Gesundheit (vgl. Cloerkes 20001, S.75).

Unter einer sozialen Reaktion versteht man die Gesamtheit der Einstellungen (verbal geäußerte Reaktion) und Verhaltensweisen (tatsächliche, reale Reaktion) gegenüber einem konkreten Objekt. „Eine Reaktion erfolgt nur auf >>sichtbare<< Abweichungen. >>Sichtbar-keit<< bezieht sich hier nicht allein auf den rein visuellen Wahrnehmungsaspekt, sondern meint im weitesten Sinne das >>Wissen<< der anderen um die Abweichung“ (Cloerkes 2001, S.75).

3. Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung

Nichtbehinderte nehmen Menschen mit Behinderung nicht als eine individuelle Person wahr. Sie sehen in erster Linie die Behinderung und nicht die Persönlichkeit, den Mensch. Behinderte Menschen werden als andersartig empfunden und ihnen werden überwiegend ungünstige negative Eigenschaften zu geschrieben. Ihre Integration in die Gesellschaft hängt von den Einstellungen und der Akzeptanzbereitschaft nichtbehinderter Menschen ab (vgl. Tröster 1990, S.56).

Welche Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderungen liegen nun vor? Und von welchen Faktoren werden diese beeinflusst? Zu den Faktoren, die Einstellungen beeinflussen können, zählen die Art der Behinderung, sozioökonomische und demo-graphische Merkmale, einzelne Persönlichkeitsmerkmale seitens der Einstellungsträger, der Kontakt mit behinderten Menschen sowie starre Haltungen und kulturspezifische Faktoren.

Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung größere Ablehnung erfahren als Menschen mit körperlichen Behinderungen oder Sinnesbeein-trächtigungen. So scheinen Beeinträchtigungen im psychischen Bereich die Gesellschaft eher zu beunruhigen als körperliche Beeinträchtigungen. Das Ausmaß der Sichtbarkeit einer Behinderung sowie die Beeinträchtigung gesellschaftlich hochbewerteter Funktionsleistungen scheinen einen erheblichen Einfluss auf Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung zu haben (vgl. Cloerkes 2001, S.76).

Sozioökonomische bzw. demographische Merkmale wie Bildungsgrad, Schichtzugehörig-keit oder Beruf scheinen eher einen geringen Einfluss auf Einstellungen zu haben. Nennenswert wären hier nur Alter und Geschlecht. Demnach sollen Frauen Menschen mit Behinderung eher akzeptieren als Männer. Und ältere Menschen sollen negativer einge-stellt sein als die jüngere Generation (vgl. Cloerkes 2001, S.77).

Eine weitere Bestimmungsgröße von Einstellungen sind die Persönlichkeitsmerkmale seitens der Einstellungsträger. In diesem Zusammenhang sollen Personen mit Ich-Schwäche, Angst, Dogmatismus oder Ethnozentrismus vorurteilsvoller sein als Menschen ohne diese Eigenschaften (vgl. Cloerkes 2001, S.77).

Ebenso bestimmen auch starre und sehr grundlegende Haltungen sowie der Kontakt (siehe 5.3.) zu Menschen mit Behinderung Einstellungen. Sie sind auch abhängig von den herrschenden Normen- und Wertesystem einer Gesellschaft. Einstellungen unterscheiden sich zwar kulturspezifisch, sind aber innerhalb einer Kultur relativ einheitlich. Trotz dieser Unterschiedlichkeit werden fast überall psychische und physische Abweichungen abgewertet (vgl. Cloerkes 2001, S.78).

Zum Abschluss möchte ich noch festhalten, dass die Ebene der Einstellungen von der Ebene des tatsächlichen Verhaltens streng zu trennen ist. „Was wir denken und sagen und was wir schließlich tatsächlich tun unterliegt nämlich nicht dem gleichen Einfluss gesellschaftlicher Vorschriften [...]“ (Cloerkes 2001, S.83).

4. Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung

„Auf der Ebene des Verhaltens äußern sich Einstellungen in sehr differenzierter Weise“ (Nickel 1999, S.382). Anstarren, Ansprechen, diskriminierende Äußerungen, Witze, Spott, Hänseleien sowie Aggressivität und Vernichtungstendenzen sind typische Verhaltens-weisen gegenüber Menschen mit Behinderung. Diese sind spontane, affektive Reaktionen, welche der Triebabfuhr dienen und Distanz schaffen sollen. Demgegenüber stehen Äußerungen von Mitleid, aufgedrängte und unpersönliche Hilfen (z.B. Spenden) sowie Scheinakzeptanz, die zwar auf den ersten Blick positiv wirken, aber ebenfalls nur Ausgrenzung und Abwertung mit sich bringen (vgl. Cloerkes 2001, S.78).

Auffällige, unästhetische und bedrohliche Behinderungen lösen bei nichtbehinderten Menschen psycho-psychische Reaktionen (Angst, Ekel, Abscheu, Gefühle des Erregt- und Erschüttertseins, Rat- und Hilflosigkeit) aus. Diese bringen Interaktionsspannungen sowie Vermeidungen der Interaktion mit sich, d.h. der Kontakt zu den Betroffenen wird unterbrochen bzw. vermieden (vgl. Cloerkes 2001, S.78).

Das soziale Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderungen ist so unterschiedlich wie die Behinderungen selbst. „Einstellungen und Verhalten werden [...] nicht allein von der Tatsache beeinflusst, dass der Interaktionspartner behindert ist, sondern sind auch davon abhängig, welche Behinderung er aufweist“ (Tröster 1990, S.25). Behinderungen können unterschieden werden nach Art des betroffenen Funktionsbereiches, nach dem Schweregrad oder nach den Ursachen. Welche Aspekte einer Behinderung nun das Verhalten von nichtbehinderten Menschen gegenüber Menschen mit Behinderung beeinflussen können, möchte ich in den folgenden Abschnitten darstellen.

4.1. Verhaltensrelevante Aspekte der Behinderung

4.1.1. Die Auffälligkeit und Sichtbarkeit einer Behinderung

Betrachtet man eine Behinderung unter dem Aspekt ihrer Auffälligkeit, so kann man sie danach unterscheiden, ob sie in einer sozialen Interaktion für den Nichtbehinderten unmittelbar auffällig ist oder nicht. So ist z.B. die Behinderung eines Rollstuhlfahrers klar erkennbar und fällt sofort auf. Eine psychische Behinderung oder Alkoholabhängigkeit ist meist jedoch nicht gleich erkennbar, sondern wird unter Umständen erst nach längerem Kontakt auffällig (vgl. Tröster 1990, S.29).

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Details

Seiten
26
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638150057
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7901
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Pädagogik
Schlagworte
Menschen Behinderung Gesellschaft Einstellungen Verhalten Darstellung Medien Beispiel Kinder- Jugendliteratur Seminar Spiegel Lebens

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Titel: Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft: Einstellungen, Verhalten und die Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien am Beispiel der Kinder- und Jugendliteratur