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Wertesynthese - Antwort auf die Herausforderungen des Wertewandels?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 23 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Gegenwart und Zukunft im Zeichen gewandelter Werte

2. Ingleharts „Silent Revolution“

3. Wertewandel nach Helmut Klages
3.1 Kritik am Konzept Ingleharts
3.3 Der „Aktive Realist“ als Zukunftsmodell
3.4 In der Praxis: „Verantwortungsrollen“

4. Wertsynthese und Politik
4.1 Herausforderungen des Wertewandels
4.2 Szenarien für mögliche politische Entwicklungen

5. Wertehierarchie vs. Wertesynthese
5.1 Anomie und Konformismus
5.2 Non-Response

6. Bewertung

Literatur

1. Gegenwart und Zukunft im Zeichen gewandelter Werte

Flexibel, mobil und mit jeder Menge „soft-skills“ ausgestattet – so soll er sein, der Mensch der Zukunft. In der schnelllebigen Welt von heute, die geprägt ist von einem Überfluss an Information, Kommunikation und Innovation ist Anpassungsfähigkeit Trumpf. Alles Schwere und Beständige wirkt altbacken und hinderlich im Zeitalter des globalisierten Wettbewerbs.

Ist dem wirklich so? Haben nicht vielleicht doch unsere Großeltern zumindest teilweise Recht, wenn sie den Verlust von verlässlichen Werten wie Pflichtbewusstsein, Fleiß und Treue beklagen und darin das größte Übel der Moderne sehen? Und sollte sich herausstellen, dass gewisse Werthaltungen noch immer unerlässlich für unser Handeln sind: Welche Werte wären dies dann?

In der vorliegenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, das alle Lebensbereiche erfassende Phänomen der gewandelten Werte aus soziologischer Perspektive zu betrachten. Dafür sollen zwei äußerst einflussreiche Ansätze zu diesem Thema gegenübergestellt werden:

Ronald Inglehart’s Theorie der „Silent Revolution“[1] gab 1977 den Startschuss für die im engeren Sinne wissenschaftliche Diskussion um den Wertewandel. Die von ihm geprägte Dichotomie von Materialistischen und Postmaterialistischen Werten forderte viele Kritiker heraus, unter ihnen Helmut Klages, der mit seinem Konzept einer „Wertsynthese“[2] einen Gegenentwurf lieferte.

Die beiden Ansätze sollen hier zunächst inhaltlich gegenübergestellt werden, bevor näher auf die Thesen Klages’ eingegangen wird. Hierbei soll ein besonderer Fokus auf der Betrachtung des Werttypus des „Aktiven Realisten“ liegen, welcher nach Klages’ Meinung am besten für eine erfolgreiche Bewältigung künftiger Herausforderungen geeignet ist.

Eine besondere Verantwortung für die Sicherung der Zukunft fällt der Politik zu. Daher soll in einem eigenen Kapitel auf die Implikationen eingegangen werden, welche die Theorie der Wertesynthese für diesen Bereich mit sich bringt.

Im letzten Punkt soll anhand einer empirischen Untersuchung von Sigrid Roßteutscher[3] der Frage nachgegangen werden, ob der Wertewandel tatsächlich den zukunftsfähigen Menschen in Form des „Aktiven Realisten“ gleichsam von selbst mit sich bringt.

2. Ingleharts „Silent Revolution“

Ausgangspunkt für die Theorien und Untersuchungen Ingleharts zum Wertewandel sind zwei grundlegende Hypothesen:

Die sog. „Mangelhypothese“ lehnt sich sehr eng an das Konzept einer Bedürfnishierarchie an, wie Maslow sie beschreibt.[4] Nach seinen Annahmen sind Individuen zuallererst bestrebt physiologische Bedürfnisse (Hunger, Durst,…) und Sicherheitsbedürfnisse zu befriedigen. Erst wenn diese materiellen Grundbedingungen erfüllt sind, treten neue Bedürfnisse in den Vordergrund. Zunächst sind diese sozialer Natur, wie der Wunsch nach Prestige, Anerkennung, Zugehörigkeit und Liebe, und erst zuletzt wird auf individuelle Selbstverwirklichung hingearbeitet. Mit Ingleharts Worten könnte man sagen, dass die lebensnotwendigen materialistischen Bedürfnisse befriedigt sein müssen, bevor die postmaterialistischen überhaupt ins Blickfeld der jeweiligen Person rücken können.

Die zweite wichtige Grundannahme ist die Sozialisationshypothese. Sie besagt, dass die grundlegenden Wertvorstellungen eines Individuums in dessen sog. „formativen Phase“ der Jugend und des frühen Erwachsenenalters geprägt werden. Gegenüber Erfahrungen des späteren Lebens und sozioökonomischen Veränderungen der Umgebung seien Menschen dagegen relativ immun. Sowohl Alterseffekte, als auch Periodeneffekte (kurzfristige Änderungen der Umweltbedingungen, wie z.B. Konjunkturschwankungen) werden von Inglehart zwar eingestanden, jedoch als nicht signifikant vernachlässigt.[5] Entscheidend für ihn ist der Generationeneffekt.

Folgt man diesen Annahmen, so sollte sich bei entsprechenden empirischen Untersuchungen herausstellen, dass eine bedeutsame Verschiebung von Einstellungs- und Wertmustern zum einen bei verschiedenen Alterskohorten stattfindet und zwar dann, wenn diese zum anderen mit unterschiedlichen Bedürfnishierarchien aufgewachsen sind.

Eine entscheidende Zäsur stellt demnach für Westeuropa das Ende des Zweiten Weltkriegs dar. Konkret heißt das für vorliegende Untersuchungen, die Kriegs- und unmittelbare Nachkriegsgeneration sei weitgehend von materialistischen Wertvorstellungen geprägt, da sie in ihrer formativen Phase großen Mangel an physischer und ökonomischer Sicherheit erlebt hat. Die nachfolgenden Kohorten hingegen, welche in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und der politischen Stabilität aufgewachsen sind, wenden sich nach Ingleharts Hypothesen mehr und mehr postmaterialistischen Wertmustern zu.

Den Kern der Erhebungen zur „Silent Revolution“ stellt ein Katalog mit 4 Items dar, aus dem die Befragten eine Rangordnung der für sie wichtigen politischen Ziele erstellen sollten:[6]

- Aufrechterhaltung der Ordnung in der Nation
- Kampf gegen steigende Preise
- Verstärktes Mitspracherecht bei wichtigen Regierungsentscheidungen
- Schutz der freien Meinungsäußerung

Die ersten beiden Items sollten also eine materialistische Wertorientierung repräsentieren, die letzten beiden eine postmaterialistische.

Tatsächlich ergab sich eine relativ starke Korrelation: Personen die mehr politische Partizipation forderten, maßen auch der Meinungsfreiheit eine hohe Bedeutung bei, setzten also beide Werte auf die vorderen Plätze ihrer Rangordnung. Ebenso verhielt es sich auf der anderen Seite mit den materialistischen Werten „Ordnung“ und „Inflationsbekämpfung“.

Mit der folgenden Tabelle soll verdeutlicht werden, dass mit sinkendem Alter, also der Zugehörigkeit zu einer jüngeren Generation, die Zahl der als Postmaterialisten angesehenen Personen teils erheblich steigt. Es wird hier die Bundesrepublik Deutschland herausgegriffen, da nach Ingleharts Annahmen der enorme wirtschaftliche Aufschwung nach 1945 hier am deutlichsten seine Spuren hinterlässt.[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es liegt natürlich hier der Einwand nahe, jüngere Menschen würden allgemein eher zu nicht-materialistischen Wertvorstellungen tendieren und die vorliegenden Zahlen ließen keinen Rückschluss auf eine gesamtgesellschaftliche, kontinuierliche Veränderung zu. Im Vorgriff auf diese Kritik meint Inglehart: „ […] die Tatsache, dass die relative Größe des Generationenunterschieds den Grad des ökonomischen Wandels in einem bestimmten Land widerspiegelt, entkräftet jegliche Interpretation, die sich ausschließlich auf die Wirkung des menschlichen Lebenszyklus bezieht: um diese Argumentation akzeptieren zu können, müssten wir unterstellen, dass aus irgendeinem Grund die Deutschen schneller altern als die Engländer“.[8]

Im Grunde zeichnet die hier beschrieben Theorie des Wertewandels ein eindimensionales Bild: zwischen den beiden idealtypischen Polen Materialismus und Postmaterialismus finden Verschiebungen statt, abhängig von äußeren, hauptsächlich ökonomischen Gegebenheiten. Dies impliziert, dass, sobald ein Typus vermehrt auftritt, der andere zwangsläufig im Abnehmen begriffen ist. Eine Koexistenz von Werten, gar eine Synthese wird somit von vorne herein ausgeschlossen.

3. Wertewandel nach Helmut Klages

3.1 Kritik am Konzept Ingleharts

Gerade dieser Punkt der Unvereinbarkeit von Wertmustern wird von vielen Kritikern, allen voran Helmut Klages, heftig kritisiert. Für den Schwerpunkt dieser Arbeit, die Frage nach einer Wertsynthese, ist eben diese Möglichkeit eines Nebeneinander von Wertkonzepten unabdingbar. Zunächst möchte ich jedoch allgemeiner auf die Einwände gegen Ingleharts Theorie eingehen.[9]

Die Hypothesen, welche seiner Theorie zugrunde liegen, sind äußerst vage formuliert und teilweise widersprüchlich. Im Bezug auf Sozialisations- und Mangelhypothese hat diese Kritik am vehementesten Lehner vorgebracht.[10] Auch die kritiklose Übernahme soziologischer Klassiker, ohne Aufzeigung ihrer Schwächen, wird angemahnt. Darüber hinaus ist es keineswegs unstrittig, dass postmaterialistische Werte tatsächlich weiterhin von immer mehr Menschen vertreten werden. Von Böltken und Jagodzinki etwa wurden die Daten im Rahmen einer Reanalyse völlig anders interpretiert.[11] Bezüglich des methodologischen Vorgehens sei noch angemerkt, dass die sog. „forced-choice“- Situation, also der Zwang zur Rangfolgenbildung, eine mögliche Gleichbewertung zweier Items nicht zulässt und somit die bereits angesprochene Koexistenz bei der Auswertung nicht in Erscheinung treten kann.

[...]


[1] Inglehart,Ronald: The Silent Revolution. Changing Values and Political Styles among Western Publics, Princeton 1977

[2] Klages, Helmut: Wertorientierung im Wandel- Rückblick, Gegenwartsanalysen, Prognosen; Frankfurt 1984

[3] Roßteutscher, Sigrid: „Von Realisten und Konformisten - Wider die Theorie der Wertsynthese“; in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56; 2004; S. 407-432

[4] vgl. Maslow, Abraham: Motivation and Personality, New York, 1954

[5] vgl. Inglehart, Ronald: Wertewandel in den westlichen Gesellschaften: Politische Konsequenzen von materialistischen und postmaterialistischen Prioritäten; in: Klages, Helmut; Kmieciak, Peter (Hrsg.): Wertwandel und gesellschaftlicher Wandel; Frankfurt/ New York; 2. Aufl. 1981, S. 280

[6] vgl. Inglehart 1977, S. 27-34

[7] vgl. Inglehart 1981, S. 296

[8] vgl. ebd. S. 297

[9] vgl. Six, Bernd; Schäfer, Bernd: Einstellungsänderung, Stuttgart 1985

[10] vgl. Lehner, Franz: Die „stille Revolution“: Zur Theorie und Realität des Wertewandels in hochindustrialisierten Gesellschaften; in: Klages, Helmut; Kmieciak, Peter (Hrsg.): Wertwandel und gesellschaftlicher Wandel; Frankfurt/ New York; 2. Aufl. 1981; S. 317ff

[11] vgl. Böltken, F.; Jagozinski, W.: Sekundäranalyse von Umfragedaten aus dem Zentralarchiv. Postmaterialismus in der Krise; in: ZA- Information 12, Köln 1983, S.1ff

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638857116
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79201
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Wertesynthese Antwort Herausforderungen Wertewandels Hauptseminar Wandel Werte Verlust Prüfstand

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