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Der Balkankrieg von 1991 - 1995 - Ursachen und Hintergründe

Seminararbeit 1999 34 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Überblick
2.1 Jugoslawien im 1. und 2. Weltkrieg
2.2 Jugoslawien unter Tito
2.3 Der Zerfall Jugoslawiens

3 Hintergründe des Konflikts
3.1 Die ethnische Komponente des Konflikts
3.2 Nationalismus

4 Kriegsparteien und Kriegsverlauf
4.1 Der Krieg in Slowenien
4.2 Der Krieg in Kroatien
4.3 Der Krieg in Bosnien- Hercegovina
4.4 Der serbische Standpunkt

5 Der Weg in den Frieden

6 Schlußbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„... In den Kriegen offenbart sich vor allen Dingen die menschliche Dummheit. Die menschliche Dummheit an sich ist eine elementare, riesige, alltägliche Erscheinung, aber es sieht so aus, als wirkte der Krieg auf die menschliche Dummheit wie ein Gewitterguß auf Pilze: sie schießt gespenstisch überall aus dem Boden.“1

Kaum ein Ereignis hat die Öffentlichkeit seit dem 2. Weltkrieg so stark erschüttert, wie der Kriegsausbruch im ehemaligen Jugoslawien im Jahre 1991.

Die Medien überboten sich gegenseitig mit Berichten über Deportationen, Menschenrechtsverletzungen, Todeslager, ethnischen Säuberungen, systematischen Massenvergewaltigungen, etc.. Die Terrorisierung und Vertreibung der Zivilbevölkerung sowie das Ausmaß der Zerstörungen, um aus einem Vielvölkerstaat ethnisch homogene Nationalstaaten zu schaffen, erschweren das Verständnis für einen solchen Krieg.

Wie war es möglich, daß mitten in Europa gegen Ende des 20. Jahrhundert, ein solch barbarischer Bürgerkrieg - oder eine derartige „Dummheit“, wie es wohl der Schriftsteller M. Krleza formuliert hätte, entstehen konnte?

In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, den Balkankrieg von 1991-1995 so umfassend wie möglich darzustellen, sowie mögliche Ursachen und Hintergründe, die zu diesem Krieg geführt haben, zu analysieren. Aus diesem Grund ist es notwendig sich zunächst mit der Geschichte Jugoslawiens zu beschäftigen und neben der ethnischen Komponente des Konflikts auch den wiederaufgelebten Nationalismus zu behandeln. Daraufhin soll auf die Konfliktparteien sowie auf den Kriegsverlauf in den Republiken des ehemaligen Jugoslawiens eingegangen werden.

Der anschließende Teil beinhaltet das Friedensabkommen von Dayton. In der Schlußbetrachtung soll eine Art Bilanz des Krieges erstellt werden. Aus Gründen des Umfangs können jedoch nicht alle Aspekte des Konflikts angesprochen werden. So wird beispielsweise nicht näher auf die Jugoslawienpolitik der Europäische Gemeinschaft eingegangen. Sie findet nur insoweit Erwähnung, wie dies für den Verlauf der Arbeit notwendig ist.

2 Historischer Überblick

Zum Verständnis des Jugoslawienkrieges ist es unumgänglich sich mit der Geschichte seiner Völker zu beschäftigen. Viele Spannungen und Konflikte, die heute in diesen Balkanregionen bestehen, lassen sich leichter -jedoch nicht ausschließlich- durch einen Blick in die Vergangenheit erklären.

Aus Gründen des Umfangs sollen erst die Ereignisse ab dem 1. und 2. Weltkrieg, das sozialistische Jugoslawien sowie die Post– Tito- Ära betrachtet werden.

2.1 Jugoslawien im 1. und 2. Weltkrieg

„Das Attentat auf Franz Ferdinand fand 1914 nicht zufällig am Schnittpunkt von lateinischem Westen, orthodoxem Osten und muslimischem Südosten statt...“2 Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in der multiethnischen Stadt Sarajevo durch einen bosnischen Serben war der Auslöser des 1. Weltkrieges. Die nationalen Bestrebungen Serbiens richteten sich nach einem großserbischen Jugoslawien, das u.a. die Eingliederung der unter der Donaumonarchie stehenden Völker Kroatien und Slowenien vorsah. Um dieses Ziel zu erreichen mußte folglich Österreich- Ungarn gestürzt werden.

Nach dem 1. Weltkrieg gehörte Serbien zu den Siegermächten und Österreich- Ungarn hatte seinen Machteinfluß auf Kroatien und Slowenien verloren. So entstand ein Vielvölkerstaat mit serbischer Vorrangstellung. Der Wunsch der Kroaten und Slowenen nach einem föderalistischen Staat wurde nicht erfüllt. Durch die Alliierten unterstützt, setzte Serbien seine zentralistische Verfassung durch. Die Existenz dieser Staatsschöpfung war jedoch zum scheitern verurteilt, da es in ihr keine Gleichberechtigung der Völker gab. Am 1. Dezember 1918 proklamierte A. Karadjordjevic die Vereinigung des „Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen“ (SHS). 1929 führte der Monarch eine Königsdiktatur ein, indem er die Verfassung außer Kraft setzte. Auch eine Umbenennung SHS in Jugoslawien fand statt.3

Die ungerechte Aufteilung des Landes, ohne Berücksichtigung der historischen und ethnischen Tatsachen, in neun Verwaltungseinheiten („Banaten“), von denen sechs serbisch sein sollten, sowie die ausgeprägte Dominanz der Serben in Verwaltung, Regierung und Armee, führten zu heftigen innenpolitischen Auseinandersetzungen.4 Mittlerweile entstand unter dem Kroaten A. Pavelic und durch Mussolini unterstüzt, die faschistische Ustasa (“Aufständischer“)- Partei. Auf Veranlassung dieser und der IMRO (mazedonische Terrororganisation) wurde A. Karadjordjevic 1934 ermordet. Die nationalen Gegensätze wurden immer deutlicher, denn Kroatien gewann durch das faschistische Italien und nationalsozialistische Deutschland an Stärke. Der Versuch der Serben 1939 durch Autonomiezugeständnisse an die Kroaten diese von etwaigen Trennungsabsichten abzuhalten, vor allem aber auf Druck Italiens und Deutschlands hin, scheiterte. Im März des Jahres 1941 trat Jugoslawien unter deutschem Druck dem Dreimächte Pakt bei. Doch nur zwei Tage später führte ein Militärputsch und der Sturz der Regierung dazu, daß die Abmachung widerrufen wurde. Berlin reagierte mit dem Einmarsch deutscher Truppen. Bereits nach kurzer Zeit kapitulierte die jugoslawische Armee.5 Die Gründe für die Niederlage ließen sich nur zum Teil auf militärischer Schwäche zurückzuführen. Ebenso relevant war, daß ein jugoslawischer Staatspatirotismus fehlte und keinerlei Solidarität unter den Südslawen vorzufinden war. Damit hatte das monarchische Jugoslawien sein Ende gefunden. Das Land zerfiel in einer Reihe besetzter und annektierter Territorien. So wurde Slowenien zwischen Deutschland und Italien aufgeteilt, die serbische Vojvodina von Ungarn besetzt und der östliche Teil Mazedoniens sowie der Südosten Serbiens von Bulgarien annektiert. Kosovo und Westmakedonien wurden mit Albanien, das unter italienischer Besatzungsmacht stand, vereinigt (Großalbanien). Lediglich Kroatien, das am 10. April in Zagreb einen „Unabhängigen Staat Kroatien“ unter der Ustasa ausgerufen hatte, blieb formal ein souveräner Staat. In diesem neuen politischen Gebilde, an dessen Staatsgebiet Bosnien- Hercegovina und Teile Serbiens annektiert wurden (Großkroatien), lag der kroatische Bevölkerungsanteil nur bei 50%. Die Ustasa bemühte sich durch ethnische Säuberungen einen homogenen kroatischen Staat zu schaffen. Zwangskatholisierungen und Schändung orthodoxer Kirchen waren ebenso an der Tagesordnung wie Verhaftungen, Vertreibungen und Mord. Dem kroatischen Mordkommando fielen über 300.000 Serben zum Opfer. Die traumatischen Erinnerungen an diese Ereignisse haben sich tief in das serbisch Gedächtnis eingeprägt.

Schon bald formierte sich jedoch Widerstand gegen die deutsche Besatzung und der Ustasa. In Serbien reorganisierten sich die nationalmonarchistischen Cetniks („Schar“) unter Oberst D. Mihajlovic, die schon in den früheren Balkankriegen gegen die Osmanen gekämpft hatten. Ihr Ziel war es die Ustasa zu vernichten und ein einen großserbischen Staat zu gründen. Auch die multinationale kommunistische Partisanenbewegung, deren Führer der Kroate J. B. Tito war, übte Widerstand gegen die deutsche und italienische Besatzung aus. Ende 1943 wurde Titos „Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens“ (AVNOJ) von den Westalliierten anerkannt. Mit dem Rückzug der Besatzungstruppe gegen Ende des Krieges gewann auch diese die Oberhand im Staat.6

Bereits der 2. Weltkrieg kann für Jugoslawien als ein Bürgerkrieg gesehen werden, dessen Wunden bis heute nicht verheilt sind. Die kroatische Ustasa führte einen Ausrottungskrieg gegen die serbische Bevölkerung. Die serbischen Cetniks schlachteten regelrecht bosnische Muslime ab und beide bekämpften Titos Partisanen, um die Vorrangstellung einer kommunistischen Herrschaft nach dem Krieg zu verhindern.7

2.2 Jugoslawien unter Tito

Nach dem 2. Weltkrieg wurde ein neues, föderatives Jugoslawien unter kommunistischer Führung auf Basis der Gleichheit aller Völker gegründet. Es entstanden, unter Berücksichtigung historischer Grenzen, sechs Republiken (Kroatien, Serbien, Bosnien- Hercegovina, Slowenien, Mazedonien, Montenegro) und, innerhalb Serbiens, zwei autonome Provinzen (Vojvodina, Kosovo). Unter seiner Parole „Brüderlichkeit und Einigkeit“ („bratstvo i jedinstvo“) versuchte Tito die verschiedenen Nationen in einem Staat zu vereinigen.8 Doch auch mit der Machtübernahme der Kommunisten nahm die Gewalt nach dem 2. Weltkrieg nicht ab. Die Verfolgungen und Vergeltungsmaßnahmen an den Anhängern der Cetnics und der Ustasa sowie an Kollaborateuren und diversen anderen kosteten unzählige Menschenleben und vertieften den gegenseitigen Völkerhaß. Die Chance mit der neuen Staatsgründung auch eine Versöhnung der Völker einzuleiten, zum Beispiel durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wurde vertan. Die Nationalitätenprobleme wurden unter Tito lediglich tabuisiert.9

Große innenpolitische Probleme bereitete der sozioökonomische Unterschied zwischen den Republiken. Während beispielsweise Slowenien und Kroatien aufgrund von Modernisierungen und Tourismus als „reich“ galten, hatten Teile Serbiens und insbesondere die Provinz Kosovo erhebliche Schwierigkeiten diese einzuholen. Trotz Inflation, Wirtschaftskrise und struktureller Ungleichheit besaß Jugoslawien, dank westlicher Kredithilfe im Kalten Krieg, eine starke Armee. In dieser sowie in Partei und Verwaltung lies sich eine stark serbisches Übergewicht feststellen, so daß I. Geiss vor den Serben als den wirklichen Profiteuren des jugoslawischen Staates spricht, auch wenn diese durch die zwei autonomen Provinzen Gebietsverluste hinnehmen mußten.

Durch regionale und nationale Selbständigkeitsbestrebungen, zu nennen ist hier beispielsweise die „Ungarnkrise“ (1956) und der „kroatische Frühling“ (1971), wuchs der Druck nach einer wirklichen Föderalisation.10 Ein großer Schritt in diese Richtung war die 1974 entstandene Verfassung. Sie gewährte den Republiken und Provinzen weitgehende Kompetenzen, so daß von einer „Überföderalisation des jugoslawischen Systems“11 gesprochen werden kann. Einerseits sorgte die Verfassung dafür, daß sich die Völker wirtschaftlich und politisch immer mehr voneinander weg entwickelten und so die innere Stabilität gefährdeten. Anderseits hätte die Verfassung auch die Basis für eine spätere Konföderation anstelle eines Krieges sein können.12

2.3 Der Zerfall Jugoslawiens

Die schon in dem siebziger Jahren begonnene Wirtschaftskrise führte in den achtziger Jahren zu heftigen machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen dem reichen Nordosten (Kroatien, Slowenien) und dem rückständigen Südosten (Teile Serbiens, Montenegro, Mazedonien). Nach dem Tod des kommunistischen Präsidenten Tito 1980 entstand ein „Vakuum an Autorität in der Zentrale“.13 Die jugoslawische Symbol- und Integrationsfigur unter deren fester Hand der Vielvölkerstaat vierzig Jahre lang vereint zusammengelebt hatte, hinterließ dem Land eine hohe Staatsverschuldung, jedoch keinen ebenbürtigen Nachfolger.14 Die Zeit der Post- Tito– Ära war geprägt durch soziale, wirtschaftliche und politische Spannungen. Die zunehmende Inflations- und Arbeitslosenrate sowie die hohe Auslandsverschuldung und der Rückgang des Lebensstandards führten zu einer Reihe von Streik- und Protestbewegungen. Unter diesen sozioökonomischen Mißständen flammte der Nationalitätenkonflikt wieder auf.15 Das 1986 verfaßte „Memorandum der serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste“ sieht vor allem die Serben als Opfer des titoistischen Regimes, durch welches u.a. in der Verfassung von 1974 der Verlust der serbischen Souveränität zugunsten der Provinzen beklagt wird. Auch ein Genozid an der serbischen Bevölkerung durch die Kosovo- Albaner wird propagiert.16 Unruhen, ethnische Säuberungen sowie eine spätere Absprache der Autonomierechte der Provinzen waren die Folge.17

Aufgrund des krassen Nord- Süd- Gefälles strebten Slowenien und Kroatien nach einer Loslösung aus dem jugoslawischen Bund. 1988 erklärten ihre Republikregierungen den Zahlungsstop an den Entwicklungsfond für unterentwickelte Regionen und versuchten weiterhin ihre Sezession voranzutreiben.18

Einer der letzten Staatsvertreter des kommunistischen Jugoslawiens, der Premier A. Markovic, versucht den Einheitsstaat zu retten, indem er Gesamtjugoslawien in eine Föderation auf technokratische Weise umwandeln wollte.

[...]


1 Miroslav Krleza, Eine Impression aus den ersten Kriegstagen, in: Ugresic, 1995 (S. 9)

2 Geiss, 1993 (S. 40)

3 Vgl. Geiss, 1993 (S. 41ff)

4 Vgl. Calic, 1996 (S. 15f)

5 Vgl. Paschke (Hrsg.), 1994 (S. 590f)

6 Vgl. Geiss, 1993 (S. 45- 48)

7 Vgl. Samery, 1995 (S. 44f)

8 Vgl. Geiss, 1993 (S. 48f)

9 Vgl. Calic, 1996 (S. 53ff)

10 Vgl. Geiss, 1993 (S. 49f)

11 Calic, 1996 (S. 17)

12 Vgl. Geiss, 1993 (S. 51)

13 Meier, 1995 (S. 15)

14 Vgl. Volle/ Wagner (Hrsg.), 1994 (S.11)

15 Vgl. Samery, 1995 ( S. 151)

16 Vgl. Weithmann, 1995 (S. 492)

17 Vgl. Samery, 1995 (S. 151f)

18 Vgl. Khella (Hrsg.), 1997 (S. 101)

Details

Seiten
34
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638150323
ISBN (Buch)
9783638640169
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7934
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Politikwissenschaft
Note
1.0
Schlagworte
Balkankrieg; Kroatien; Serbien; Slowenien;Memorandum der serbischen Akademie Thema Balkankrieg

Autor

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