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Vertreibung und Abschottung im Zeichen von (Un-)Sicherheitsempfinden und Wohlfühlambiente - Zur Exklusion der Armen aus Teilen des urbanen Raums

Hausarbeit 2007 33 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Komponenten des den Armen zugeschriebenen Bedrohungspotentials und ihre Hintergründe
2.1 Das unbekannte Andere: Die Fremdheit der Armen
2.2 Das Stigma der kriminellen Armen
2.3 Die Gefahr der Armen für den mehrheitsgesellschaftlichen Werte- und Normen- mainstream: Culture of Poverty
2.4 Die Armen als Ursache von Kriminalität: Hintergründe und Folgerungen der Broken Windows Theorie
2.5 Fear of falling: Die Armen als Mahnmal der Möglichkeit des eigenen sozialen Abstiegs
2.6 Die Armen als Störpotential für das positive Reproduktions- und Konsumklima

3. Ursachen der zunehmenden Hypersensibilität gegenüber physischer (Un-) Sicherheit
3.1 Die Verschiebung von sozialer zu physischer Sicherheit auf individueller und politischer Ebene
3.2 Die mediale (Re-)Produktion von Ängsten vor Gewalt und Kriminalität
3.3 Kommerzialisierung von (Un-)Sicherheit
3.4 Erhöhte Vulnerabilität aufgrund demographischer Entwicklungen
3.5 Die Armen als Bezugspunkt wachsender Hypersensibilität gegenüber physischer (Un-)Sicherheit

4. Maßnahmen der räumlichen Exklusion und Separation...
4.1 Die „soziale Säuberung“ des öffentlichen Raums: Mit Zero Tolerance und Community Policing gegen die Unwirtlichkeit der Stadt
4.2 Das Prinzip Shopping Mall: Positives Konsumklima durch Aussperrung der Armen
4.3 Sicherheit durch schwarze Sheriffs
4.4 Gated Communities: Wohnen hinter Zäunen
4.5 Elektronische Überwachung und Kontrolle des Raums
4.6 Materielle und symbolische Gestaltung des Raums
4.7 Ausschluss durch Einschluss: Gefängnis und containment

5. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit Beginn der 1980er-Jahre lässt sich sowohl in den USA als auch in der Bundesrepublik Deutschland eine zunehmende Präsenz von Diskursen beobachten, die Erscheinungsfor-men städtischer Armut, wie bspw. Bettler und Obdachlose und ihre Anwesenheit in Teilen des urbanen Raums als eine Bedrohung definieren und zu beseitigen bzw. unterbinden suchen. Die Begründung exkludierender Interventionen im urbanen Raum rekurriert dabei auf Begriffe wie Wohlfühlambiente und (Un-)Sicherheitsempfinden. Es ist die Gewährleis-tung optimaler Reproduktionsbedingungen im Kontext der Aufwertung der Standortqualitä-ten der Stadt im interkommunalen Wettbewerb, die Schaffung von Konkurenzfähigkeit öffentlicher Einkaufsstraßen gegenüber privaten Urban Entertainment Centers, die Krea-tion einer angenehmen Konsumatmosphäre, die (Wieder-)Herstellung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit und die Rücksichtnahme auf die Sorgen und Ängste der Bevöl-kerung mit der kommunale Politik und Wirtschaft die räumliche Ausschließung der Außen-seiter legitimieren.

Intention der vorliegenden Arbeit ist es, sich der zunehmenden Exklusion der Armen aus Teilen des urbanen Raums und ihren Hintergründen über die Beantwortung von drei erkenntnisleitenden Fragestellungen zu nähern.

Erstens, worin besteht das Gefahren- bzw. Bedrohungspotential, das den Armen von Teilen der Bevölkerung sowie der kommunalen Politik und Wirtschaft zugeschrieben wird? Hierzu wird in Kapitel 2 der Versuch unternommen, einzelne Komponenten bzw. Elemente der Bedrohlichkeit, die mit den Armen assoziiert wird, zu identifizieren und ihre Hintergrün-de zu beleuchten.

Zweitens, was ist die Ursache der zunehmenden Intensität der Angst vor bzw. Ableh-nung gegenüber den Armen? Im Rahmen des dritten Kapitels soll zur Klärung dieser Fra-ge verdeutlicht werden, dass bei Teilen der Bevölkerung eine auf diverse Entwicklungen zurückzuführende verstärkte Betonung bzw. Einforderung physischer Sicherheit zu kons-tatieren ist und die Armen als vermeintliche Bedrohung dieser Sicherheit fokussiert wer-den.

Drittens, welche sind die Maßnahmen der räumlichen Exklusion und Separation? Auf welche Art und Weise wird der vermeintlichen Bedrohung durch die Armen im urbanen Raum begegnet? In Kapitel 4 werden hierzu (privat-)polizeiliche Interventionen im urba-nen Raum, elektronische Überwachung und Kontrolle von Räumen, symbolische und ma-terielle Gestaltung des Raums sowie spezielle Raumtypen wie Shopping Malls und Gated Communities auf ihre exkludierende Wirkung hin betrachtet.

Abschließend wird, ausgehend von der im Rahmen dieser Arbeit skizzierten Entwick-lung der Exklusion und Separation, im fünften Kapitel ein Blick in eine von sozialer Homo-genität geprägten Zukunft des urbanen Raums geworfen und ein Hinweis auf mögliche Ansatzpunkte gegeben, wie dieser zunehmenden Homogenisierung entgegengewirkt, wie ein weitgehend angstfreies Zusammenleben von Integrierten und Außenseitern ermöglicht werden könnte.

2. Komponenten des den Armen zugeschriebenen Bedrohungs- potentials und ihre Hintergründe

Zwecks Bestimmung der Ursachen der zunehmenden Exklusions- und Separationsbestre-bungen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Armen, sollen im Folgenden zunächst die einzelnen Elemente der Bedrohlichkeit, die mit den Armen assoziiert wird, identifiziert und ihre Hintergründe beleuchtet werden.

2.1 Das unbekannte Andere: Die Fremdheit der Armen

Die basalste Bedrohung durch die Armen geht von ihrer Fremdheit bzw. der Fremdheit ihres Auftretens und ihrer Verhaltensweisen aus. Eine Person, deren Armut sich den Mit-gliedern der Mehrheitsgesellschaft bspw. durch schmutzige und kaputte Kleidung, dem Suchen nach Nahrung in Abfallbehältern, dem Bitten um Almosen, dem Drogenkonsum auf offener Straße und dem Schlafen auf Parkbänken oder dem Bürgersteig offenbart, stellt für die Integrierten eine Form extremer sozialer und kultureller Fremdheit dar1, die von ihnen als ein zweifacher Kontrollverlust erlebt werden kann.

Zum Einen sind die Armen, ihr Aufreten und ihr Verhalten den Integrierten fremd im Sinne von unbekannt. Diese Unbekanntheit bedeutet ein Informationsdefizit, das Fehlen von Informationen, die nötig wären, um eine Situation des Kontakts mit den unbekannten Armen bzw. deren Verlauf und Resultat aus der Perspektive der Integrierten absehbar, kalkulierbar und damit kontrollierbar erscheinen zu lassen. Die Erwartungsunsicherheit bzgl. Verlauf und Resultat des Zusammentreffens mit den Armen reduziert die Möglichkei-ten der Integrierten die Kontaktsituation aktiv zu beeinflußen bzw. zu steuern.2

Zum Anderen unterscheiden sich das Auftreten und Verhalten der Armen stark von dem der Integrierten, es ist den Integrierten fremd im Sinne von andersartig. Diese Differenz, das Abweichen der Armen von dem seitens der Mehrheitsgesellschaft als normal definier-ten Auftreten und Verhalten kann von den Integrierten als ein Verlust ihrer Definitions-macht wahrgenommen werden. Ihre Normen bzw. deren Wertigkeit und Gültigkeit erschei-nen durch die Devianz der Armen bzw. ihres Auftretens und Verhaltens in Frage gestellt bzw. unterminiert.3

2.2 Das Stigma der kriminellen Armen

Das Stigma der kriminellen Armen, die Angst vor der Bedrohung des Eigentums und der körperlichen Integrität durch die Armen4 speist sich vorrangig aus zwei Quellen.

Erstens, trägt die Medienlanschaft durch zahllose Filme, Serien und Berichte über ver-meintlich skrupellose, gewalttätige Obdachlose, Bettler und Drogenabhängige zur (Re-)Produktion des Stigmas der kriminellen Armen bei.5

Die zweite Komponente ist ein von Detlev Frehsee beschriebenes, eine sozialhygie-nische Funktion erfüllendes, Abdrängen der Kriminalität in gesellschaftliche Randbereiche. Die Mehrheitsgesellschaft kann sich mittels der Stigmatisierung der Armen als kriminell, die Kriminalität den Anderen, den Armen anlastet, ihrer eigenen Korrektheit bzw. Wohlan-ständigkeit versichern.6

2.3 Die Gefahr der Armen für den mehrheitsgesellschaftlichen Werte- und Normen- mainstream: Culture of Poverty

In Kapitel 2.1 wurde bereits erwähnt, dass die Armen bzw. ihr deviantes Auftreten und Verhalten von den Integrierten als eine Infragestellung bzw. Unterminierung der Wertigkeit und Gültigkeit ihrer Normen, des mehrheitsgesellschaftlichen Werte- und Normenkonsens, wahrgenommen werden können.

Im Folgenden gilt es, die Hintergründe dieser Interpretation der Devianz der Armen, als einen Angriff auf die als legitim definierte Lebensweise bzw. -art, zu beleuchten. Entschei-dend für das Verständnis der Devianz der Armen seitens der Mehrheitsgesellschaft ist die Art und Weise, wie Abweichung erklärt wird bzw. welche Ursachen für abweichendes Ver-halten angeführt werden. Zwei fundamental unterschiedliche Konzepte, der strukturelle und der kulturelle Underclassansatz, stehen sich hierbei gegenüber.

Der strukturelle Underclassansatz erklärt Devianz mit Armut. Den Angehörigen unterer sozialer Schichten ist es aufgrund ihrer finanziellen Situation meist nicht oder nur unzurei-chend möglich, der von der Mehrheitsgesellschaft eingeforderten, als legitim definierten Lebensweise und den mit ihr verbundenen Werten und Normen entsprechend zu leben. Es besteht eine Diskrepanz zwischen dem von der Gesellschaft Geforderten und den per-sönlichen Möglichkeiten der Armen diese Forderungen zu erfüllen.7

Inhaltliche Parallelen zu dem strukturellen Underclassansatz weist das Konzept der Ausgrenzung auf, die als ein strukturell bedingter, multidimensionaler und kumulativer Prozess gefasst wird.8 Die Ausgrenzung vom bzw. die Marginalisierung am Arbeitsmarkt kann, im Falle nicht oder nur unzureichend vorhandener Kompensation, bspw. in Form von mangelnden wohlfahrtsstaatlichen Transferleistungen, in ökonomischer Exklusion ter-minieren, die die Unfähigkeit der Betroffenen zur eigenständigen Versorgung meint. Aus ökonomischer Exklusion resultiert meist kulturelle Exklusion, die ein Abgeschnittensein von der Möglichkeit bedeutet, die von der Mehrheitsgesellschaft eingeforderten Lebenszie-le zu erfüllen, bzw. den als legitim definierten Verhaltensmustern entsprechend zu leben.9

Diesen beiden Konzepten steht der kulturelle Underclassansatz gegenüber. Dieser er-klärt Devianz nicht mit Armut und den damit verbundenen Schwierigkeiten dem mehr-heitsgesellschaftlichen Werte- und Normenmainstream entsprechend zu leben, sondern macht eine andere, dem Mainstream opponierende normative Orientierung der Armen für ihr Abweichen verantwortlich. Im Rahmen der Kulturalisierung von Armut wird von der so-zialen Produktion von Abweichung abgesehen und die Devianz der Armen erscheint als ein eigenständiger Werte- und Normenkosmos, als eine „Gegenkultur“10, eine „Art mora-lische Unterwelt“11, die die Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft unterminiert und den „Fortbestand der westlichen Zivilisation [bedroht, C.M.]“12.13 Zudem wird Armut nicht, wie im Ramen des strukturellen Underclassansatzes und des Konzepts der Ausgrenzung, als ein soziales Problem, als strukturell bedingt gefasst, bspw. als durch eine prekäre Situ-ation am Arbeitsmarkt und mangelnde quantitative wie qualitative Ausgestaltung wohl-fahrtsstaatlicher Transferleistungen begünstigt bzw. verursacht, sondern als Konsequenz der vermeintlichen moralischen Verkommenheit bzw. Fehlerhaftigkeit der Armen begrif-fen, die sich u.a. in mangelndem Arbeitsethos bzw. fehlender Leistungsbereitschaft und Drogenkonsum manifestiert.14

Gegen die Culture of Poverty These, die eine eigenständige, opponierende Kultur der Armut proklamiert, wendet Martin Kronauer ein, dass Angehörige unterer sozialer Schich-ten „sich in einem hohen Maße mit den in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschenden Orientierungsmustern und Lebenszielen identifizieren ... Eine 'Kultur der Armut' ... [lässt sich, C.M.] nicht finden .. 'denn die Wünsche, die vermittelt über die Medien, die Schule und die Freizeitangebote sozialer Einrichtungen .. [bei Angehörigen unterer sozialer Schichten, C.M] als normal gelten, richten sich auf die gleichen [konsumistischen, C.M.] Ziele wie überall: Arbeit, Auto, Eigenheim'.“15 Durch die Gesellschaft und ihre Sozialisa-tionssysteme an die vorherrschenden Normen, Werte und Lebensziele „assimiliert, sehen .. [die unteren sozialen Schichten, C.M.] sich [aufgrund ihrer strukturellen Benachteiligung, C.M.] zugleich [jedoch, C.M.] außerstande, .. [diesen, C.M.] Normen .. entsprechend zu leben.“16

2.4 Die Armen als Ursache von Kriminalität: Hintergründe und Folgerungen der Broken Windows Theorie

Die Armen werden jedoch nicht nur, wie in Kapitel 2.2 dargestellt, als kriminell stigmati-siert, sondern im Rahmen der Broken Windows Theorie außerdem zu einem Magnet für Kriminalität erklärt.

Der Broken Windows Ansatz, der von James Q. Wilson und George L. Kelling erstmals im Jahre 1982 im Rahmen des Artikels „The police and neighborhood safety. Broken win-dows“ in der US-amerikanischen Zeitschrift „The Atlantic Monthly“ formuliert wurde, ver-sucht als kriminologische Theorie die Entstehung von Kriminalität zu erklären und Hand-lungsanweisungen zur Kriminalitätsbekämpfung bzw. -prävention zu geben.17

Die Grundlage des Broken Windows Ansatzes bildet eine an der Rational Choice Theo-rie anknüpfende ökonomistische Interpretation menschlichen Handelns, die davon aus-geht, dass „Kriminelle existieren und .. auf gute Gelegenheiten [warten, C.M.]“18 ein Ver-brechen zu begehen, wobei sie zwecks Entscheidung für oder gegen eine Straftat eine rationale Kosten-Nutzen-Kalkulation durchführen. Im Rahmen dieser Kalkulation wägt der Kriminelle den potentiellen Nutzen, bspw. seine persönliche Bereicherung im Sinne einer zu erwartenden Beute und die möglichen Kosten der Straftat, bspw. die Gefahr entdeckt und sanktioniert zu werden, rational gegeneinander ab.19 Um Kriminalität zu verhindern bzw. potentielle Täter abzuschrecken ist es gemäß Broken Windows notwendig, dass die möglichen Kosten eines Verbrechens auf ein Maß erhöht werden, welches dem potentiel-len Täter im Rahmen seiner Kosten-Nutzen-Abwägung als zu hoch, ihm die Tat unrenta-bel erscheint.20 Laut Wilson und Kelling müssen demnach alle Formen von „Unordnung“ und „Verwahrlosung“ im urbanen Raum beseitigt werden, da diese, als Zeichen mangeln-der sozialer Kontrolle, einem potentiellen Straftäter eine geringe Gefahr der Entdeckung, Verfolgung und Bestrafung, also geringe Kosten einer Straftat, signalisieren und somit zu einem Verbrechen motivieren.21 „Serious street crime flourishes in areas in which disorder-ly behavior goes unchecked.“22 Als Zeichen mangelnder sozialer Kontrolle fassen Wilson und Kelling sowohl physical disorder, wie zerbrochene Fenster, Graffiti, zerstörte Fahrzeu-ge, etc., als auch social disorder, die Anwesenheit „unordentlicher“, devianter Personen.23 „The unchecked panhandler is, in effect, the first broken window.“24 Auf diese Weise wer-den Devianz bzw. als abweichend definierte Verhaltensweisen und Personen(-gruppen), wie Bettler, Obdachlose, Drogenabhängige, etc. auf (scheinbar) wissenschaftlicher Grund-lage indirekt zur Ursache von Kriminalität und damit zu einem Gefahrenpotential erklärt, das es zu beseitigen gilt.

Dass es sich bei dem Broken Windows Ansatz nur oberflächlich um eine kriminologi-sche Theorie zur Erklärung und Prävention von Kriminalität handelt, legt Bernd Belina nahe, wenn er ihn als „neokonservative Legitimationsideologie räumlicher Kontrollmaß-nahmen“25 bezeichnet. Die Dichotomie „ordentlicher“ und „unordentlicher“ Menschen, die Wilson und Kelling im Rahmen der Argumentationslinie ihrer Theorie voraussetzen, ist nach Belina anhand eines Begriffs von Ordnung konstruiert, der den subjektiven neokon-servativen Wert- und Moralvorstellungen der Autoren entspringt.26 Um ihre neokonserva-tive Utopie einer idealen Gesellschaft resp. deren Durchsetzung durch den Staat bzw. staatliche Jurisdiktion und Intervention als ein von der Mehrheitsgesellschaft geteiltes In-teresse darzustellen, tarnen Wilson und Kelling „ihre [moralisch legitimierte, C.M.] Forde-rung nach 'Ordnung' als Kriminal politik“27.28 Das Ziel ist die Kriminalisierung und Sanktio-nierung von seitens der Autoren als abweichend und minderwertig empfundenen bzw. definierten Personen(-gruppen) und Verhaltensweisen.29 „Das Interesse an der zu Grunde gelegten Moral .. [ist, C.M.] der ganze Grund für die Konstruktion der These“30, mittels derer „die schiere Anwesenheit ... [von als deviant definierten Personen(-gruppen), C.M.] als Schaden für die Allgemeinheit behauptet und damit der präventive Zugriff legitimiert [wird, C.M.]. In die staatliche Kontrollpraxis umgesetzt kann das nur eine verschärfte Kon-trolle störender - und das heißt fast automatisch auch: armer und unterprivilegierter - Indi-viduen bedeuten.“31 Dieter Schenk, ehemaliger Chef der Berliner Kriminalpolizei und stell-vertretender Polizeipräsident a.D. stützt Belinas Kritik, wenn er davor warnt, „Ordnungs-vorstellungen .. [nach, C.M.] denen Trinker und Obdachlose ... verbannt [gehören, C.M.] ... mit der Verbrechensbekämpfung zu vermengen.“32

2.5 Fear of falling: Die Armen als Mahnmal der Möglichkeit des eigenen sozialenAbstiegs

Eine weitere Bedrohung geht nicht direkt von den Armen aus, sondern vermittelt sich durch sie bzw. ihre Präsenz in den Räumen der Integrierten. Obdachlose, Bettler und

Drogenabhängige und ihr normabweichendes Verhalten und Auftreten werden von den Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft als Mahnmal der Möglichkeit des eigenen sozialen Abstiegs und dessen möglichen Konsequenzen, Verwahrlosung und gesellschaftliche

Diskriminierung, Stigmatisierung und Isolation wahrgenommen.33 „Allein die Wahrneh-mung unzivilisierten [normabweichenden, C.M.] Verhaltens [erzeugt, C.M.] Scham- und Peinlichkeitsängste... [die, C.M.] Ausdruck der Angst [sind, C.M.], .. [den gesellschaft-lichen, C.M.] Regeln persönlich nicht gerecht werden zu können ... Es ist die Angst vor der möglichen eigenen sozialen Verwahrlosung und dem drohenden gesellschaftlichen Aus-schluss, mit dem derartige Normabweichungen geahndet werden.“34

„Fear of falling“35, wie Barbara Ehrenreich die Angst vor dem sozialen Abstieg nennt, ist die Folge wachsender sozialer Unsicherheit. „Lebensentwürfe, berufliche Karrieren, sozia-le Sicherheit sind nicht mehr nur in Ausnahmefällen instabil, sondern das ... Damokles-schwert des sozialen Abstiegs schwebt über vielen Köpfen der Mittel- und Unterschicht.“36 Als die zentralen Ursachen wachsender sozialer Unsicherheit lassen sich die Prekarität der Beschäftigungsverhältnisse, gemeint sind sowohl Marginalisierung am als auch Exklu-sion vom Arbeitsmarkt, sowie die Reduktion sozialstaatlicher Leistungen bzw. Absicherung ausmachen.37

Zunächst zur Prekarität der Beschäftigungsverhältnisse. Eine Phase ökomischer Verän-derungen bzw. Umbrüche, gemeinhin als Krise des Fordismus oder Übergang vom Fordis-mus zum Postfordismus bezeichnet, prägt seit Mitte der 1970er-Jahre die sozioökono-mischen Entwicklungen in den meisten westlichen kapitalistischen Industriestaaten.38 Die zentralen Komponenten dieser Entwicklung sind die Globalisierung bzw. Internationalisie-rung der Wirtschaft und die zunehmende Automatisierung der Produktion.39

Durch den Abbau tarifärer und nichttarifärer Handelshemmnisse seit den 1940er-Jahren im Rahmen des GATT40 sowie später der WTO41, wurde eine zunehmende internationale Vernetzung der globalen Wirtschaft möglich. Gefördert wurde diese Vernetzung durch die Entwicklung und Nutzung moderner, effizienterer Kommunikations- und Transportmittel.42

Zu den seitens der westlichen Industriestaaten als negativ eingeschätzten Folgen der zu-nehmenden Internationalisierung der Wirtschaft zählen u.a. Lohndumping unter dem Druck globaler Konkurenz, Produktionsverlagerungen in Niedriglohnländer und Standort-schließungen sowie die aus diesen Verlagerungen und Schließungen resultierende stei-gende Arbeitslosigkeit.43 Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind die Branchen un- bzw. geringqualifizierter Arbeit, da in diesen Bereichen, aufgrund der im globalen Maß-stab nahezu unerschöpflichen Masse un- bzw. geringqualifizierter Arbeitnehmer, Konku-renz besonders stark ausgeprägt ist. In den letzten Jahren nimmt jedoch auch der Druck auf die Bereiche höher- und hochqualifizierter Arbeit zu, da ehemalige Entwicklungs- bzw. Schwellenländer wie bspw. Indien zunehmends eigene hochqualifizierte Eliten ausbilden, mit denen sich heimische Fachkräfte messen müssen.44

[...]


1 Vgl. Gestring et al., 2005: S. 229f.

2 Vgl. Gestring et al., 2005: S. 226; Siebel / Wehrheim, 2003: S. 6

3 Vgl. Gestring et al., 2005: S. 226; Glasauer, 2005: S. 214; Ronneberger, 2000: S. 328f.

4 Vgl. Wehrheim, 2006: S. 40

5 Vgl. Davis, 1999: S. 262; Wehrheim, 2006: S. 25

6 Vgl. Voelker, 2001: S. 243

7 Vgl. Kronauer, 1997: S. 40; Wehrheim, 2006: S. 38f.

8 Vgl. Kronauer, 1997: S. 39; Wehrheim, 2006: S. 34

9 Vgl. Kronauer, 1997: S. 35, 39f.; Wehrheim, 2006: S. 35, 38; Voelker, 2001: S. 234f.

10 Kronauer, 2002: S. 201

11Kronauer, 1997: S. 40

12Mead, 1992: S. 237, zit. bei: Wacquant, 1997: S. 55

13 Vgl. Kronauer, 1997: S. 40; Wehrheim, 2006: S. 39f.

14Vgl. Kronauer, 1997: S. 40; Wacquant, 1997: S. 55; Wehrheim, 2003: S. 21; Wehrheim, 2006: S. 38

15Kronauer, 2002: S. 201f.

16Kronauer, 1997: S. 38

17Vgl. Belina, 2005: S. 160; Schreiber, 2005: S. 74f.

18Belina, 2005: S. 160

19Vgl. Belina, 2005: S. 160; Schreiber, 2005: S. 74; Voelker, 2001: S. 227f.

20Vgl. Schreiber, 2005: S. 74

21Vgl. Belina, 2005: S. 154; Schreiber, 2005: S. 74f.; Wilson / Kelling, 1982: S. 34

22Wilson / Kelling, 1982: S. 34

23Vgl. Belina, 2005: S. 154; Schreiber, 2005: S. 75

24 Wilson / Kelling, 1982: S. 34

25Belina, 2005: S. 153

26Vgl. Belina, 2005: S. 154ff.

27Belina, 2005: S. 156

28Vgl. Belina, 2005: S. 155f.

29Vgl. Belina, 2005: S. 154ff.

30Belina, 2005: S. 156

31Belina, 2005: S. 161

32Schenk, 1997: S. 77

33Vgl. Glasauer, 2005: S. 211

34Glasauer, 2005: S. 211

35Ehrenreich, 1989

36Wehrheim, 2006: S. 21

37Vgl. Kronauer, 1997: S. 45; Siebel / Wehrheim, 2003: S. 10

38Vgl. Wehrheim, 2006: S. 19; Wood, 2003: S. 43, 45

39Vgl. o.V., 1997: S. 97; Wehrheim, 2006: S. 19f.; Wood, 2003: S. 45

40General Agreement on Tariffs and Trade (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen)

41World Trade Organization (Welthandelsorganisation)

42Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, 2002: S. 220, 228, 236

43Vgl. Bourdieu, 1998: S. 69f., 100; Bundeszentrale für politische Bildung, 2002: S. 220; o.V., 1997: S. 89, 97; Wood, 2003: S. 45, 77

44Vgl. o.V., 1997: S. 97; Wood, 2003: S. 45

Details

Seiten
33
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638863186
ISBN (Buch)
9783638863261
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79412
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Schlagworte
Vertreibung Abschottung Zeichen Wohlfühlambiente Exklusion Armen Teilen Raums Innere Sicherheit Sicherheitsunternehmern Sicherheitswahrnehmung

Autor

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