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Hinter jedem Mann steht eine starke Frau? Konzepte der Weiblichkeit in Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert"

Seminararbeit 2006 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Das Frauenbild in der Romantik – Beginn einer Emanzipation

2. Bertha - Die Ökonomisierung der Frauenrolle
2.1. Bertha und Eckbert: Eine onomasiologische Beziehung
2.2. Die Ehe: Ausflucht Beziehung
2.3. Betitelungen Berthas: Abhängige Weiblichkeit
2.4. Bertha: Individueller Frauencharakter oder flache Märchenfigur?

3. Die Alte - Übermächtige Schicksalsfigur
3.1. Die Alte als Erzieherin und Mutter
3.2. Die Alte als Märchenfigur
3.3. Die Alte als personifizierte Schuld
3.4. Die Alte als Ersatz für Bertha?

4. Das Frauenkonzept im „Blonden Eckbert“

Bibliographie

1. Das Frauenbild in der Romantik – Beginn einer Emanzipation

Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist für uns heute selbstverständlich. Doch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatten Frauen wenig Rechte und dadurch kaum Chancen, sich selbst zu verwirklichen. Mit der Romantik begann eine Emanzipationsbewegung der Frau. Vor dieser Zeit war diese „Objekt, Instrument und oft Opfer einer männlich geprägten Gesellschaft“[1]. In der Ehe war es die Aufgabe der Frau, für Nachkommen zu sorgen und die Hauswirtschaft zu führen. Damit waren ihre Tätigkeitsfelder und Lebensbereiche stark eingegrenzt, die ökonomische Sphäre blieb ihr zum größten Teil verwehrt.

In der Romantik beginnen die Männer, sich für die Frauen in ihrer geschlechtlichen Autonomie zu interessieren, was diesen die Chance gibt, sich zu emanzipieren. Die Ehe bekommt eine neue Bedeutung: „Wenn schließlich in der Romantik die Ehe primär und sogar ausschließlich in Liebe begründet und damit allein den einzelnen Mann und die einzelne Frau betreffend gedacht wird, lösen sich tendenziell Ehe und Familie als Institution auf.“[2]. Dieser neue Stellenwert der Liebe in der Ehe macht die Frau zum gleichberechtigten Partner.

Neben der neuen Zuwendung zu Märchen und Mythen, Natur und Seele, erwacht das Interesse an „weiblicher Symbolik“[3]: „Frauen schienen das gesuchte Ideal der Verbindung von Kunst und Leben zu verwirklichen; Frauen standen – nach der Auffassung der Romantiker – »der Natur«, »dem Leben« näher als die abstraktargumentierenden [sic] Männer“[4].

Ludwig Tieck, ein Dichter beeinflusst von seiner Zeit und Romantiker in extenso, war von diesen Bewegungen nicht unbeeinflusst, zählten doch unter anderem die Gebrüder Schlegel zu seinen engen Freunden. Vor allem Friedrich Schlegel trug mit seinem vieldiskutierten Roman „Lucinde“ zum neuen und emanzipierteren Frauenbild bei.

Tiecks eigene Beziehungen zu Frauen sind von ganz unterschiedlicher Art. Tiecks Mutter ist sehr unscheinbar und hält sich konstant im Hintergrund, ist also noch eine der Frauen, die der patriarchalischen Ordnung angehören. Einer der Gründe warum Tieck eine enge Beziehung zu seiner Schwester Sophie aufbaut, die eine dominierende Rolle in seinem Leben einnimmt, ist die fehlende Präsenz einer mütterlichen Bezugsperson. Seine Ehefrau Amelie erinnert an seine Mutter, sie wird selten erwähnt und ist ebenso unscheinbar[5]. Seine große Liebe gilt Henriette von Finkenstein[6], die nach dem Tod ihres Vaters mit der Familie Tieck zusammenlebt.

In der vorliegenden Arbeit soll das Kunstmärchen „Der blonde Eckbert“ angesichts des neuen Stellenwertes der Frau in der Romantik und mit dem Hintergrundwissen von Tiecks persönlichen Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht interpretiert werden. Mit Hilfe einer hermeneutischen Interpretation und den Begriffen des „gender“- Diskurses soll das Frauenbild analysiert werden.

Das erkenntnisleitende Interesse gilt dem Frauenbild der Zeit und stützt die Arbeitshypothese, dass sich der romantische Diskurs über die Emanzipation des Weiblichen in den Frauengestalten von Tiecks „Der blonde Eckbert“[7] niederschlägt.

2. Bertha – Die Ökonomisierung der Frauenrolle

2.1. Bertha und Eckbert: Eine onomasiologische Beziehung

Eckbert und Bertha sind die Protagonisten, deren jeweils einzelne (Lebens-)Geschichten zusammen die ganze Märchennovelle ausmachen. Beide Figuren werden bereits auf der ersten Seite indirekt charakterisiert. Eckbert beansprucht dabei „den meisten Raum, da der Erzähler eine geradezu realistische Beschreibung des Äußeren, des Charakters und der Lebensweise gibt. Von Bertha dagegen erfährt der Leser in einem Satz nur das, was auf eine Gleichartigkeit und Gleichgesinntheit mit Eckbert hindeutet.“[8]. Nicht nur im Hinblick auf ihre Verhaltensweisen gibt es auffällige Übereinstimmungen zwischen beiden, so auch eine weitere bezüglich ihrer Namen: ‚Bertha’ stammt von dem althochdeutschen Adjektiv ‚berath’ -„hell“, „strahlend“ oder „glänzend“[9] - ab, und bedeutet demnach so viel wie „die Glänzende“. Es stellt sich nun die Frage, inwiefern der Name zu der Figur passt: Hell, strahlend und glänzend erinnert an die Perlen und Edelsteine, die in den Eiern des Vogels in der Märchenwelt zu finden sind. Otto Liedke sieht in dem märchenhaften Vogel das „schöpferische Prinzip“[10], das wiederum auf das Ur-Weibliche verweist. Da Bertha den Vogel und ein paar Edelsteine absichtlich entwendet um diese zu versetzen, verkauft sie damit das schöpferische Prinzip ihrer Weiblichkeit und unterwirft sich der Ökonomie der realen Welt.

Im Namen ‚Eckbert’ findet sich mit ‚bert’ der gleiche Wortstamm wie auch bei ‚Bertha’. Ergänzt wird dieser durch die Silbe ‚Eck’, vom althochdeutschen starken Femininum ‚egga’ (‚ekka’) – „Schneide“, „Spitze“, „Ecke“[11] - abstammend. Eckbert ist also die ‚zugespitzte’ Form von Bertha[12], nicht nur wörtlich, sondern auch im übertragenen Sinne: Beginnt Berthas Schuld mit dem Verlassen der Waldeinsamkeit und der Ermordung des Vogels, wird diese Schuld durch Eckbert mit dem Mord an Walther gesteigert und der Enthüllung seines begangenen Inzests noch pervertiert, gleichsam ‚auf die Spitze getrieben’. „Das Verhängnis seiner Gattin reißt Eckbert mit ins Verderben. Bertha ist die Ursache, die in Eckbert ihre Wirkung zeitigt.“[13].

Der Name ‚Bertha’ ist integraler Bestandteil von ‚Eckbert’, was sich in der Art ihres Zusammenlebens sowie in ihrem letztendlichen Verwandtschaftsgrad auch in der Geschichte zeigt.

Die Zusammengehörigkeit beider Protagonisten ist schon von Anfang an festgelegt, nicht nur durch die Beschreibung des Erzählers, sondern auch aufgrund der engen Verwandtschaft ihrer Namen.

2.2. Die Ehe: Ausflucht Beziehung

Auf den ersten Blick scheinen Bertha und Eckbert eine ‚ganz normale’ Ehe zu führen, die von Liebe und Gemeinsamkeiten geprägt ist: Beide lieben die Einsamkeit[14].Die Abgeschlossenheit und Isolation, in der das Ehepaar sein Leben verbringt „ist weniger ein Zustand selbstvergessenen idyllischen Einsseins, sondern verweist, begleitet von Melancholie und Verschlossenheit, insgeheim auf ein von beiden wohlgehütetes Geheimnis.“[15]. Doch die Tragweite dieses Geheimnisses erschließt sich erst nach der Erzählung Berthas von ihrem Kindheitsabenteuer. Am Ende desselben beschreibt sie kurz und prosaisch den Eingang der Ehe mit Eckbert: Schon lange kannt ich einen jungen Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm meine Hand (DbE, S.18). Vergleicht man dies nun mit den Wunschvorstellungen, die Bertha während ihres Aufenthalts in der Waldhütte äußert[16], ist zu erkennen, dass die Verbindung zwischen den Eheleuten wohl in erster Linie eine ‚Zweckgemeinschaft’ in zweierlei Hinsicht ist und jegliche Romantik und Sehnsucht entbehrt: Zum einen ist die Eheschließung für Bertha eine Flucht vor den Schuldgefühlen und der Einsamkeit nach der Ermordung des märchenhaften Vogels, zum anderen für Eckbert ein Warten auf seine eigene Geschichte[17], die untrennbar mit seiner Frau verbunden ist. Berthas Wunschbild erfährt also keine Verwirklichung. Sie heiratet zwar wie gewünscht einen Ritter, dieser ist jedoch arm[18] und sie finanziert durch das geraubte Märchengold ihr gemeinsames Leben. Winfried Freund kommentiert diesen Sachverhalt wie folgt: „Weniger die Offenheit echter Liebe hat die Ehe bestimmt als das gemeinsame Bemühen, alles Beunruhigende zu verdrängen.“[19]. Bertha wird nicht vom erhofften „Liebesblitz“[20] getroffen, die Partnerschaft ist für sie eine Ausflucht. Betrachtet man diese Beziehung von außen, erkennt man, dass die Ehe und die damit verbundene ‚Liebe’ ein ironisiertes Abbild[21] von Berthas Vorstellungen ist.

Das Ehepaar zeichnet sich durch eine durchschnittliche Erscheinung und Ausdrucksweise aus. Schon die Eingangsbeschreibung Eckberts offenbart seine gewöhnliche Physiognomie, welche sich in seinem Lebensstil äußert. Nichts scheint das ruhige und abgeschiedene Burgleben der Eheleute zu stören. Durch Eckberts Sparsamkeit und Mäßigkeit hat sich beider Leben rhythmisiert[22], es erscheint langweilig und monoton. Von einem Zusammenleben zwischen Mann und Frau wird nicht berichtet, die Frau wird ihrem Manne vielmehr ‚angeglichen’: Sein Weib liebte die Einsamkeit ebenso sehr, und beide schienen sich von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, dass der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wollte (DbE, S. 3). Die Beschreibung, dass der Himmel sie mit keinen Kindern segnen woll [t] e, lässt zwei Deutungen zu: Einerseits ist hier ein Verweis auf das Inzestthema herauszulesen, andererseits kann die Kinderlosigkeit durch fehlende Sexualität begründet werden.

[...]


[1] Lüthi, S. 7.

[2] Hausen, S. 372.

[3] Lüthi, S. 8.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Fritz-Grandjean, S. 188.

[6] Vgl. Kluckhohn, S. 545.

[7] „Der blonde Eckbert“ wird im Folgenden mit ‚DbE’ abgekürzt.

[8] Klussmann, S. 435.

[9] Schützeichel, S. 94.

[10] Liedke, S. 312.

[11] Schützeichel, S. 119.

[12] Vgl. Rath, S. 268.

[13] Rath, S. 262.

[14] Vgl. DbE, S. 3.

[15] Freund, S.18.

[16] Ich dachte mir den schönsten Ritter von der Welt, ich schmückte ihn mit allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach allen meinen Bemühungen aussah: Aber ich konnte ein rechtes Mitleid mit mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann sagte ich lange rührende Reden in Gedanken her, zuweilen wohl auch laut, um ihn nur zu gewinnen. (DbE, S.13).

[17] Vgl. Kreuzer, S.171.

[18] Ich hatte kein Vermögen, aber durch ihre Liebe kam ich in diesen Wohlstand. (DbE, S.18).

[19] Freund, S. 24.

[20] Kreuzer, S.171.

[21] Vgl. Freund, S. 21.

[22] Vgl. Freund, S. 17.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638784887
ISBN (Buch)
9783638795951
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79482
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
Hinter Mann Frau Konzepte Weiblichkeit Ludwig Tiecks Eckbert

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