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Historisch-kritische Anthropologie - Sind wir zivilisiert?

Die Disziplinargesellschaft

Seminararbeit 2006 10 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle der Erziehung im Zivilisationsprozess

3. Der Familiensinn und die Disziplin

4. Der Totalitätsanspruch des Erziehers

5. Die Kontrolle des Körpers

6. Die Kontrolle des Verhaltens durch Erziehungsinstrumente

7. Die Kontrolle durch Zeitmanagement

8. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine

Conclusio

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Disziplin wurde in ihren ersten Zügen durchgeführt durch die Bestrafung von Verbrechern. Macht und Herrschaft wurde durch die körperliche und grausame Bestrafung deutlich. Diese Art der Bestrafung beeindruckte das Volk. Die Wunden die, die Bestrafung hinterlies, zeigte die Macht der Vollzieher, und der Respekt und die Unterwürfigkeit ihnen gegenüber stieg. Dass Gefängnis kann als Institution gesehen werden, die den Verbrecher kontrolliert und diszipliniert.

Durch Forschungen im 17. Jahrhundert wurde die Bevölkerung untersucht und deren Probleme erkannt. Nützlichkeit und Nutzbarmachung eines jeden Individuums bekam immer mehr Bedeutung für die Mächtigen. Dieses konnte erreicht werden durch Disziplin. Die verschiedenen Disziplinartechniken verbreiteten sich auf immer mehr Institutionen ab dem 18. Jahrhundert.

„Die alten Gewaltsysteme wurden durch subtile vernetzte Techniken und Taktiken anonymer Machtkalküle abgelöst“1

Das Ziel ist eine Machtausübung auf die Psyche. Allerdings muss erst der Körper kontrolliert werden, um Kontrolle über die Gedanken und Gefühle des Menschen zu bekommen.

Foucault spricht von einer „Dispositive der Macht“2, was bedeutet, dass immer feiner werdende Netzte versuchen das Individuum in seinem Handeln zu kontrollieren. Die Pädagogik bedient sich auch verschiedener Disziplinartechniken zur Kontrolle des Zöglings.

2. Die Rolle der Erziehung im Zivilisationsprozess

Welche Rolle hat die Erziehung im Zivilisationsprozess?

Norbert Elias verdeutlicht, dass das Kind Prozesse in seiner Lebensgeschichte durchlebt, die seine Kultur während ihrer Geschichte durchlebt hat. Der individuelle Zivilisationsprozess, in dem Erziehung einen Teil übernimmt, vergegenwärtigt also das Kollektive beim Individuum.

Laut Elias entwickelt sich im Zivilisationsprozess ein absolutistischer Staat mit Gewaltsanspruch und Verhaltensstandards werden durchgesetzt.

Es ist interessant, dass obwohl die Befriedigung der „Partialtriebe“3 kontrolliert wird, der Mensch die Entwicklungsaufgaben noch nicht gelöst sieht, und sie sich scheinbar auch noch nicht gelöst haben.

Elias hat in seiner Analyse des Minnegesangs entdeckt, dass der, der um eine Machtposition kämpfen muss eher einem Zivilisationszwang unterliegt, als der, der die Macht bereits hat.

Jedoch machte sich das Bürgertum den Zivilisationszwang zum „Prinzip der Entwicklung“4, und wurde somit superior dem Adel gegenüber.

Interessanterweise werden die Verhaltensregulierungen und Triebunterdrückungen nirgendwo gerechtfertigt, sondern nur als ehrbar dargestellt.

Natürlicherweise gab es im 18. Jahrhundert nicht die medizinischen Ergebnisse die heute zur Verfügung stehen, und daher ist es umso interessanter, warum einem Kind z.B. zu Beginn des 19. Jahrhunderts , der Konsum von Süßigkeiten untersagt wurde, wenn doch keine genauen Kenntnisse der Zahnmedizin sowie physische Konsequenzen, wie Diabetis, vorhanden waren. Argumentiert wurde damals, dass das Kind weiter Süßigkeiten verlangen wird, und sich welche beschaffen wird, auch wenn es sich keine leisten kann, zum Beispiel durch Diebstahl. Um kein kriminelles Kind großzuziehen wurde einfach der Konsum von Süßem untersagt oder zumindest stark eingeschränkt.

Was, auch wenn die medizinischen Ergebnisse heute bereit liegen, immer noch nicht klar genug hinterfragt wird, ist warum ein Kind gerade Dinge wie Süßigkeiten zu sich nehmen will?

Durch das „archaische Material von Trieben und Affekten“5, ist der heutige Begriff „erwachsen“ und „zivilisiert“ hervorgetreten, und bringt das Erziehen von Menschen mit sich, die als Nicht-Erwachsen bezeichnet werden.

Es macht den Eindruck das humanitärer Fortschritt nur durch die allgemeine und individuelle Unterdrückung zu erreichen ist. Dies ist durch ein Beispiel einer 1780 gestellten Mannheimer Preisfrage zu erkennen, die, die Frage aufbrachte, wie Kindestötungen verhindert werden könnte. Die meisten sahen die Lösung in der Unterbindung der Triebe.

3. Der Familiensinn und die Disziplin

Im Mittelalter wurde Kinder anders entgegengetreten als heute. Oft starben die Kinder in den ersten drei Lebensjahren, und dies wurde bald vergessen. Einige Leute konnten nicht einmal genau angeben, wie viele Kinder sie verloren in deren ersten drei Lebensjahren verloren hatten. Wenn die Kinder überlebten, wurden sie nicht pädagogisch durchs Leben geleitet, sondern traten sofort in das Leben der Erwachsenen ein, und lernten durch imitieren und beobachten, genau wie die Erwachsenen. Es stellt sich daher die Frage, wie der Glaube erstand, dass Erziehung eine so wichtige Rolle in der Kindheit einnehmen muss, wo es damals weder Erziehung noch Kindheit gab. Philippe Aries findet Antwort auf diese Frage in der Familie und im Unterrichtswesen.

Der „Familiensinn“5 kommt erst im 15 Jahrhundert auf und wird erst im 18. Jahrhundert von der gesamten Gesellschaft angenommen. Die Sozialität die zuvor im Mittelalter existierte nahm durch die Verbreitung des Familiensinns ab. Da die Familie dauerhaft miteinander konfrontiert war, bemerkte man einen Unterschied zwischen den Kindern und Erwachsenen. Interessant ist jedoch, dass Erziehung nicht innerhalb der Familie, aufgrund der Differenzen entstand, sondern im 18. Jahrhundert von außen kam. Dies ist eventuell dadurch zu erklären, dass es der Mutter nicht um die Aufhebung der Kindheit ging, wie es für die Erziehung der Fall war, sondern darum, ihre nützliche und nötige Position für das Kind, beibehalten zu können. Durch die Aufhebung der Kindheit, die Aufhebung von Schwäche und Unfertigkeit des Kindes, würde sie nicht mehr so nützlich und nötig sein.

Die Wichtigkeit von Erziehung wurde im Unterrichtswesen entdeckt, mit dem Ziel „die Lebensführung der Schüler außerhalb des Unterrichts zu kontrollieren.“6.

Es wird Aufgabe des Lehrers zu erziehen und zu disziplinieren, da er die moralische Verantwortung für die Schüler hat. Um Disziplin zu erreichen, wurden Schüler und Studentenvereinigungen zerschlagen, und ein paar Schüler zu Aufsehern berufen, die, die anderen Schüler beaufsichtigen sollten. Der Lehrer muss seine intellektuelle Überlegenheit übertreiben um als Leiter des Unterrichts angesehen zu werden. Da Schülergruppen allerdings uneinheitlich sind wird es schwer für den Lehrer sich „den Schülern als gemeinsames Ich-Ideal aufzudrängen.“7

Ausgangspunkt der Erziehung ist, dass es einen Nicht-Erwachsenen gibt der von einem Erwachsenen, der das Erziehen beherrscht, erzogen werden muss. Für Elias steht fest, das Erwachsen, ein Kulturideal geworden ist.

[...]


1 Rathmayr, B: Historisch-kritische Anthropologie- Sind wir zivilisiert. Skriptum, Innsbruck 2005/06, S. 77

2 Rathmayr, B: Historisch-kritische Anthropologie- Sind wir zivilisiert. S.77

3 Rutschky , K: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, Berlin (Ullstein)

1997, S.34

4 Rutschky, K: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, S.35

5 Rutschky, K: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, S.40

5 Rutschky, K: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, S.43

6 Rutschky, K: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, S.49

7 Rutschky, K: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, S.51

Details

Seiten
10
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638897853
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79627
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1,0
Schlagworte
Historisch-kritische Anthropologie Sind

Autor

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