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Zur Bedeutung früher Bindung und Resilienz für die Beziehungsgestaltung zwischen Müttern und Kindern im Hinblick auf die Prävention von sozialer Behinderung

Diplomarbeit 2007 92 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problembeschreibung
1.2 Die Notwendigkeit eines Frühwarnsystems

2. Soziale Behinderung
2.1 Das neuseeländische Projekt
2.2 Soziale Gesundheit

3. Bindungstheorie
3.1 Begriffsbestimmung
3.1.1 Bindung
3.1.2 Exploration
3.1.3 Innere Arbeitsmodelle
3.2 Grundlagen der Bindungstheorie
3.2.1 Die Entstehung von Bindungsmustern
3.2.2 Das Konzept der Feinfühligkeit
3.2.3 Merkmale eines sicheren Bindungsverhaltens
3.3 Die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung für die gesunde Entwicklung des Kindes
3.4 Bindungsstörungen
3.4.1 Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters
3.4.2 Bindungsstörungen des Kindesalters mit Enthemmung
3.5 Störungen der Eltern-Kind-Beziehung
3.6 Bindungsmuster
3.6.1 Fremde Situation
3.6.2 Statistische Verteilung der Bindungsmuster A,B,C,D
3.6.3 Bindungsmuster und ihre Bedeutung als Risiko- oder Schutzfaktoren
3.6.4 Die Kontinuität von Bindungsmustern
3.6.5 Weitergabe von Bindungsmustern zwischen den Generationen
3.7 Erkenntnisse der Bindungstheorie zum Thema Beziehungsförderung und Prävention von sozialer Behinderung

4. Resilienz
4.1 Was bedeutet Resilienz?
4.1.1 Protektive Faktoren
4.1.2 Risikofaktoren
4.2 Die Entwicklung von Resilienz
4.2.1 Entwicklungsmodell zur Entstehung von Resilienz nach Werner
4.3 Was resiliente Kinder auszeichnet
4.4 Was ist Resilienzforschung?
4.4.1 Hintergründe
4.4.2 Inhalte / Schwerpunkte
4.5 Anfragen an die Resilenzforschung und Aussichten
4.6 Resilienz und Behinderung
4.6.1 Resilienz bei Kindern mit Down Syndrom
4.7 Die Kauai-Studie von Emmy E. Werner
4.7.1 Vorstellung der Studie
4.7.2 Die Risikogruppe
4.7.3 Ergebnisse der Studie in Bezug auf das Thema der Arbeit
4.8 Die Mannheimer Längsschnittstudie
4.8.1 Vorstellung der Studie
4.8.2 Ergebnisse in Bezug auf das Thema der Arbeit
4.9 Zusammenfassung der Ergebnisse beider Studien und ihre Bedeutung für die pädagogische Arbeit
4.10 Resilienz im Kleinkindalter
4.10.1 Protektive frühe Förderung

5. Prävention
5.1 Einleitung des praktischen Teils
5.2 Beziehungsgestaltung
5.3 Entwicklungspsychologische Beratung
5.3.1 Zielgruppe jugendliche Mütter
5.3.2 Frühe und beziehungsfördernde Intervention
5.3.3 Entwicklungspsychologische Beratung für junge Eltern
5.4 STEEPTM (Steps Toward Effective Enjoyable Parenting)
5.4.3 Aufbau und Ablauf des STEEPTM-Programms
5.5 Elternberatungsstelle Potsdam: Vom Säugling zum Kleinkind
5.5.1 Das Projekt
5.5.2 Ergebnisse
5.5.3 Ziele der Beratung

6. Konsequenzen

7. Fazit

8. Literatur

„Wenn Menschen anfangen etwas zu schreiben, glauben sie, dass sie etwas bestimmtes schreiben müssen… ich glaube, dass diese Haltung fatal ist. Die Einstellung, die man zum schreiben haben sollte, lautet: ‚Ich habe eine ziemlich interessante Geschichte zu erzählen. Ich hoffe, jemand interessiert sich dafür. Jedenfalls ist es das Beste, was ich zur Zeit leisten kann.’ Wenn man sich nach diesen Zeilen richtet, überwindet man sich und legt los.“ (Bowlby 1995, 13)

Diese Arbeit soll für die verletzlichsten unter den Kindern stehen, weil es diesen Kindern oftmals an den grundlegenden inneren und äußeren Ressourcen mangelt: Für Kinder die in Verhältnissen aufwachsen müssen, welche nicht als geeignet für eine gesunde Entwicklung erscheinen. Außerdem ist die Arbeit für Kinder, die ohne jegliche Bindung zu einer festen Bezugsperson aufwachsen müssen. Wenn wir uns diesen Kindern nicht widmen,

„wird unsere Gesellschaft an Sozialhilfe und Strafvollzug finanziell das ausgleichen müssen, was sie an der Mütterarbeit (die sie nicht achtet und nicht bezahlt) zu sparen glaubt.“ (Hellbrügge 2003, 51)

Für Emma

1. Einleitung

Es war einmal ein kleiner Junge, der entstammt einer, wie wir heute sagen würden, Hochrisikofamilie. Seine allein stehende Mutter verstirbt kurz nach der Entbindung an den Folgen einer schweren Geburt, der Vater ist unbekannt. Sein Werden scheint vorprogrammiert zu sein.

„Da sah man wieder, wie wahr das Wort ist, dass Kleider Leute machen: bisher in ein Tuch gehüllt und in sonst nichts, hätte Oliver ebenso gut das Kind eines Adeligen wie das eines Bettlers sein können, aber jetzt, wo er in dem alten Kattunsteckkissen untergebracht war, dessen Farbe in langjährigem Dienst zu einem hässlichen Gelb verschossen war, sah man ihm sofort das Waisenkind des Arbeitshauses an, das nur dazu da war, durch die Welt geknufft zu werden, verspottet und verachtet von jedermann und von niemand bemitleidet. Oliver schrie aus vollem Halse. Hätte er gewusst, dass er ein Waise war und nur der Barmherzigkeit von Kirchenvorstehern ausgeliefert, hätte er wahrscheinlich noch viel lauter geschrieen.“ (Dickens 1982, 11)

Dieser Junge muss zunächst ohne jegliche Mutterliebe und eine feste Bezugsperson heranwachsen. Er wächst in einem Heim auf, „wo niemals der Strahl eines freundlichen Blickes die Finsternis seiner ersten Kinderjahre erhellt hatte.“ (ebd. 16) An seinem neunten Geburtstag ist Oliver Twist ein

„schwaches, blässliches und im Wachstum zurückgebliebenes Kind. Dennoch lebte, ob von Natur oder als Erbschaft seiner Vorfahren, in Olivers Brust ein kräftiger energischer Geist, der dank der Diät des Hauses Raum genug hatte, sich noch weiter zu entfalten.“ (ebd. 12)

Vom Waisenhaus kommt Oliver Twist in die Lehre eines Sargtischlers. Die Nachricht darüber nimmt er völlig empfindungslos auf, obwohl er sich zuvor noch kämpferisch gezeigt hat.

„Die Sache lag einfach so, dass Oliver nicht nur nicht empfindungslos war, sondern vielmehr infolge der schlechten Behandlung, die er erfahren, sich auf dem besten Wege befand, für sein ganzes Leben in einen Zustand tierischer Stumpfheit und geistiger Umnachtung zu versinken […] scheinbar vollständig gleichgültig gegenüber seinem weiteren Schicksal.“ (ebd. 29)

Nachdem auch der Sargtischler und seine Frau Oliver Twist schlecht behandeln, flieht er. „Man hat mich geschlagen und misshandelt. Ich gehe und such mir mein Glück woanders.“ (ebd. 47)

In London angekommen, gerät er in die Fänge des jüdischen Hehlers Fagin, der bewahrt ihn und andere Straßenkinder vor dem sicheren Hungertod auf der Straße. Fagin bildet die Jungen zu Taschendieben und Kleinkriminellen aus. In dieser Gruppe erfährt Oliver Twist zum ersten mal Zugehörigkeit. Unschuldig eines Diebes verdächtigt und sich wieder sich selber überlassen, gerät der kleine Oliver an Menschen, die sich seiner annehmen und ihn nicht nur versorgen, sondern auch mütterlich umsorgen. Mr. Bronlow lässt ihm eine Pflege zukommen, „so liebevoll, wie dieser sie noch nie im Leben gehabt hatte.“ (ebd. 67) Mit Hilfe dieser Menschen ist er in der Lage, dem kriminellen Milieu zu entkommen. Oliver Twist wird von dem gütigen Mr. Bronlow adoptiert, kann bei ihm zum ersten mal zur Ruhe kommen und erfährt familiäre Nähe und Liebe, ein sicheres Bindungsverhalten beginnt.

„Mr. Brownlow […] füllte von Tag zu Tag den Geist seines Adoptivkinds mit einer Unmenge an Wissen und entwickelte eine immer größer werdende Bindung zu ihm, als sein wesen sich entwickelte […]“ (ebd. 317)

Der Roman von Charles Dickens aus dem Jahr 1837 ist heute thematisch noch genauso aktuell wie damals, da es um die Bedeutung früher Bindung sowie Resilienz geht und um Beziehungsgestaltung und Prävention von sozialer Behinderung. Genauso wie Oliver Twist kennen wir Kinder, die durch frühe negative Erlebnisse sowie Mutterentbehrung resignieren, Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, kriminell werden und nur sehr schwer Bindungen eingehen können. Und dennoch stehen manche der Kinder immer wieder auf und gehen ihren eigenen Weg.

Speck (1999) spricht von einem ‚pädagogischen Trost’, der darin gesehen werden kann, dass es Kinder wie Oliver Twist gibt, die dem Chaos widerstehen und sich trotz widriger Umstände positiv entwickeln. Es ist also wichtig, das Augenmerk auch auf Kinder zu richten, deren Entwicklung trotz aller Risikofaktoren positiv verläuft, denn es sind diese Geschichten, die uns lehren, dass besondere Umstände und Faktoren eine positive Entwicklung zulassen, auch wenn es fast unmöglich erscheint. Bei der Frage nach den Gründen der positiven Entwicklung Oliver Twists treten besonders Menschen in den Fordergrund, die sich seiner angenommen haben und zu denen er eine feste Bindung aufbauen konnte.

Viele der anderen Kinder, die in Charles Dickens Roman unter ähnlichen Umständen aufwachsen wie Oliver Twist, durchlaufen eine andere Entwicklung als dieser. Damals wie heute gibt es Kinder, die zahlreichen Risikofaktoren ausgesetzt sind und denen kaum protektive Faktoren zu Verfügung stehen, um die Risiken auszugleichen.

Diese Kinder müssen früh und durch Präventionsprogramme aufgefangen werden, damit sich Probleme, Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsdefizite gar nicht erst manifestieren. Viel zu lange wurde der Blick auf Risikofaktoren gerichtet, dabei ist es so nahe liegend aus Geschichten wie Oliver Twist zu lernen und den Blick auf das zu richten, was Kinder stärkt (so auch der Titel eines Buches zur Resilienz).

In der vorliegenden Arbeit wird es darum gehen, eine Brücke zwischen verschiedenen Themenkomplexen zu schlagen und diese einzelnen Stücke wie ein Fundament zusammensetzen, damit ein ‚Haus’ darauf entstehen kann (vgl. Abb. 1).

Beginnen wird die Arbeit mit einer allgemeinen Problembeschreibung. Die bestehende Problematik ist sehr vielschichtig und spielt sich auf unterschiedlichen Ebenen ab. Auf gesellschaftlicher Ebene erleben wir einen drastischen demographischen Wandel, eine Vielzahl der Bevölkerung entscheidet sich bewusst gegen Kinder und für die Karriere, nicht zuletzt aufgrund der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. (vgl. Aktuell geführte Diskussion zur Ausweitung der Betreuungsplätze für unter Dreijährige) Auf der anderen Seite werden immer mehr Kinder in Armut hineingeboren und sind Verwahrlosung ausgesetzt. Auf politischer Ebene wird über diese Problematik bestenfalls diskutiert aber nicht konsequent gehandelt. Schlussendlich hat man auf pädagogischer Ebene versäumt die frühe Kindheit ins Blickfeld der Aufgaben einzubeziehen. Gekümmert wird sich erst wenn ein Kind auffällig wird, nicht aber schon bei kleinen Anzeichen von Irritationen z.B. in der Mutter-Kind-Beziehung. Deshalb muss darüber diskutiert werden ob ein Frühwarnsystem benötigt wird, welches verhindert, dass Kinder erst ‚in den Brunnen fallen’ müssen um Hilfe zu bekommen.

Kapitel 2 dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Stichwort soziale Behinderung. Dieser Begriff ist weder eindeutig definiert noch klassifiziert, gemeint sind Defizite, die in der Entwicklung eines Kindes entstehen weil sich Probleme manifestieren konnten, die bei rechtzeitiger Förderung hätten vermieden werden können.

Diesem einleitenden Teil folgen zwei theoretische Bausteine, bestehend aus Bindungstheorie und Resilienzforschung. Die Bindungstheorie ist deshalb so bedeutend für diesen Themenkomplex, weil sie die Wichtigkeit primärer Beziehungen betont. Eine sichere Bindung gilt als ein herausragender protektiver Faktor für die kindliche Entwicklung. Andersherum hat eine unsichere Bindung für die Entwicklung des Kindes weitreichende negative Folgen. Die Resilienzforschung befasst sich mit weiteren Risiko- und Schutzfaktoren, die den Faktor Bindung stets mitberücksichtigt aber auch nach anderen Einflüssen sucht, die Kinder widerstandsfähig machen.

Anschließend soll es um Prävention im Allgemeinen und um ganz konkrete Programme gehen. Der Präventionsaspekt wird in der derzeitigen Kinder- und Jugendhilfepolitik kaum berücksichtigt, dabei gibt es diverse Studien, die eindeutig belegen, dass sich präventive Arbeit auszahlt. Unter anderem Karoly et. al. (1998) konnten in einer breit angelegten Untersuchung in den USA zeigen, dass benachteiligte Familien mit Säuglingen und Kleinkindern, die an Förderprogrammen teilnahmen, u.a. befriedigendere innerfamiliäre Beziehungen entwickelten. Dieses Ziel verfolgen auch alle drei Präventionsprogramme, die im Rahmen dieser Arbeit vorgestellt werden sollen. Die Entwicklungspsychologische Beratung ist als ein aufsuchendes und begleitendes Beratungskonzept von Ziegenhain et.al. (2004) für die Prävention von Entwicklungsschwierigkeiten entwickelt worden. Das STEEP™-Programm steht für Steps Toward Effective, Enjoyable Parenting und wurde u.a. von Erickson (2006) in den USA entwickelt. Durch gezieltes Feinfühligkeitstraining der Eltern, soll die Bindung zwischen Eltern und Kind gestärkt werden und damit präventiv gegen spätere Störungen vorgegangen werden. Das dritte von der Fachhochschule Potsdam evaluierte Programm, ist eine Eltern Beratungsstelle die Prävention und Intervention im Bereich der frühen Eltern-Kind-Beziehung für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern mit Störungen der Verhaltensregulation leistet. (vgl. Ludwig-Körner et.al. 2001)

Schlussendlich soll der Versuch unternommen werden eine Antwort auf die Frage zu finden, welche Konsequenzen diese Überlegungen und Ausführungen für die Pädagogik, die Politik und die Gesellschaft haben. Denn es ist nicht nur eine pädagogische Aufgabe, Menschen dabei zu helfen, einen guten Start ins Leben zu erhalten, sondern auch auf politischer Ebene frühzeitig zu helfen und nicht erst, wenn Probleme bei Kindern in einem späteren Alter so gravierend sind, dass sie z.B. eine Psychotherapie benötigen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Grafische Darstellung: Aufbau der Arbeit (Quelle: eigene Darstellung)

1.1 Problembeschreibung

„Unsere Gesellschaft verändert sich schnell. Krisen wie Arbeitslosigkeit, Armut und Scheidung überfordern viele Familien. Zwar gibt es heute in der Familien- und Jugendhilfe […] ein sehr vielfältiges System an Hilfen für Familien, aber die Früherkennung riskanter Lebenslagen gelingt häufig nur schlecht. Hilfe für Familien kommt oft zu spät, dass sie kaum noch etwas bewirken kann.“ (Birgit Fischer, Ministerin für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie NRW)

Diese Worte drücken aus, welche Aspekte im Folgenden angesprochen werden sollen.

Zum einen geht es um immer pluraler werdende Lebensverhältnisse: Es ist die Rede von einer Risikogesellschaft, von immer mehr Wahlmöglichkeiten und wachsender Verantwortlichkeit für das eigene Leben. Die Geburtenrate sinkt und die Zahl der Kinder, die in Verwahrlosung aufwachsen, steigt. Die Zahl der Ehescheidungen hat sich zwischen 1960 und 2000 mehr als verdreifacht. Auch die Kindheit an sich hat sich in den letzten Jahren verändert, die ‚gelebte Straßenkindheit’ hat sich weitestgehend aufgelöst, wer es sich irgendwie leisten kann, verlagert die Aktivitäten seines Kindes/ seiner Kinder in halböffentliche institutionalisierte Spezialräume. In diesem Zusammenhang ist von einer ‚Verinselung des kindlichen Lebensraumes’ und von einer ‚Verschulung der Kindheit’ die Rede. Wer dabei nicht mithalten kann, zieht sich oftmals zurück und die Kinder werden weitestgehend sich selbst überlassen. Darüber hinaus existiert auch der Mehrgenerationenhaushalt nicht mehr. Besonders ältere Menschen sind in diesem Zusammenhang extrem von sozialer Isolation betroffen und die Solidarität zwischen den Generationen lässt nach. Nicht zuletzt lässt sich auch ein gestiegenes Armutsrisiko für Kinder verzeichnen. (vgl. Peuckert 2002)

So schreibt am 15.10.06 u.a. die süddeutsche Zeitung auf ihrer Homepage: „Armut: 6,5 Millionen Deutsche gehören zur neuen Unterschicht.“ Zu dieser Debatte beigetragen hat die bis dato noch unveröffentlichte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (vgl. dpa 2006, 1). Ein Jahr zuvor hatte u.a. der Pädiatrische Wohlfahrtsverband eine Studie zur Kinderarmut veröffentlicht. Aus dieser geht hervor, dass rund 1,7 Millionen Kinder unter 15 Jahren von Armut betroffen sind, d.h., laut deren Berechnungen, dass 14,2%, also jedes siebte Kind, in Deutschland in Armut lebt (Zimmermann 2005, 1). Während in den alten Bundesländern noch in den 60er Jahren vor allem ältere Menschen Sozialhilfeempfänger waren, sind es mittlerweile – im Wesentlichen bedingt durch Arbeitslosigkeit der Eltern – in erster Linie Kinder (vgl. Peuckert 2002).

Mayr (2000) beschreibt, wie sich Armut prä- und perinatal auswirkt. Dabei wirkt sich Armut bei Säuglingen und Kleinkindern zumeist vor allem auf die Gesundheit aus. Gesundheitliche Defizite entstehen durch inadäquate Ernährung und erhöhten Stress der Mütter, die geringere Nutzung von Vorsorgemaßnahmen und den Konsum von legalen und illegalen Drogen. Dadurch kommen diese Kinder oftmals mit einem niedrigen Geburtsgewicht als Frühgeburt auf die Welt oder aber es entstehen vermehrt Geburtskomplikationen. Die Auswirkungen der Armut setzen sich auf die kognitive Entwicklung, die sozioemotionale Entwicklung und die schulischen Leistungen fort. Mayr (2000) sieht eine Bestätigung dieses Zusammenhangs darin, „dass sozial benachteiligte Kinder ein erhöhtes Risiko aufweisen, für die Zuweisung zu einer Sonderschule.“

Wocken (2006) geht davon aus, dass 90% der Schüler, die eine Schule für Lernbehinderte besuchen, sozial benachteiligte Kinder aus der Unterschicht sind. Diese Schüler haben im Durchschnitt geringer gebildete Eltern, am häufigsten arbeitslose Väter und den geringsten Besitzstatus.

Auch Schröder (2000) meint, dass zwischen 80 und 90% der Schüler an Lernbehindertenschulen aus den unteren Sozialschichten kommen. Zudem nimmt die Häufigkeit kindlicher Sprachbehinderungen mit niedrigem Sozialstatus der Familien zu.

Außerdem geht es um die Lebensrealität der Kinder, die in Armut und Vernachlässigung aufwachsen. Das Leben dieser Kinder wird bestimmt von materiellen und sozialen Notlagen bis hin zu Nahrungsentzug, chronischer Unterernährung, unzulänglicher Bekleidung, mangelnder Versorgung und Pflege, fehlender Gesundheitsvorsorge, unbehandelten Krankheiten bis hin zum Fehlen jeglicher Anregung und Förderung durch die familiäre und soziale Umwelt.

Schlussendlich geht es darum, dass sich diese Problematiken bei sehr kleinen Kindern im Binnenfeld der Familie abspielen und somit im Verborgenen bleiben. Hilfen kommen meistens zu spät und flächendeckende Prävention gibt es noch nicht. Das übliche System der Vorsorgeuntersuchungen kann Früherkennung nicht ausreichend gewährleisten.

„Bei entsprechenden Analysen wird nämlich deutlich, dass Familien mit ungünstigen psychosozialen Voraussetzungen das Angebot der Vorsorge weniger gut nutzen als andere, dass aber die Kinder dieser Familien häufiger Entwicklungsstörungen aufweisen als ihre Altersgenossen, die zur Vorsorge vorgestellt werden.“ (Neuhäuser 2000, 45)

Dabei zeigen sich Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter häufig bereits durch Warnzeichen in der frühen Kindheit. Dazu gehören insbesondere Schwierigkeiten in den Eltern-Kind-Interaktionen, wechselnde Bezugspersonen und Beeinträchtigungen in den familialen Beziehungen sowie nicht kindgerechte Lebensbedingungen. Die Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit e.V. hat herausgefunden, dass Kinder, die mit drei Jahren Verhaltensauffälligkeiten zeigen, auch mit zwölf Jahren auffällig sind. Dies bedeutet, dass Probleme, die sich einmal manifestiert haben, nicht ohne weiteres verschwinden. Andererseits ist in diesem Zusammenhang die frühe Eltern-Kind-Beziehung ein wichtiger protektiver Faktor für die kindliche Entwicklung, der wiederum den Einfluss von Risikofaktoren abmildern kann. Aus diesen Beobachtungen kann man schlussfolgern, dass wir präventive Unterstützungsangebote zur Stärkung der Eltern-Kind-Bindung brauchen. Dies hat auch die Gesetzgebung erkannt und spricht in diesem Zusammenhang von „Allgemeine[r] Förderung der Erziehung in der Familie“ (§§16-21SGBVIII). Die Erziehungsverantwortung soll zugunsten der Beziehung zwischen Eltern und Kind gestärkt werden. Dennoch nehmen Kürzungen im Bereich sozialer und psychosozialer Unterstützungsangebote für belastete Familien mit kleinen Kindern zu und das bei steigendem Bedarf. Die Folgen der Missachtung dieser Tatsachen hat „nicht nur unmittelbare sondern auch für kommende Generationen negative gesellschaftliche Folgen“ (GAIMH, 1).

1.2 Die Notwendigkeit eines Frühwarnsystems

Durch die Veröffentlichung einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2006 und den Meldungen von drei toten Kleinkindern im Monat Oktober 2006 wurden Diskussionen über die Notwendigkeit eines Frühwarnsystems entfacht. Besonders der ‚Fall Kevin’ aus Bremen bestürzte die Nation. Kevin ist im Oktober 2006 zu Tode gekommen, obwohl das Jugendamt über die familiären Missstände informiert war. Die FAZ (FAZ.NET 2006) veröffentlichte in diesem Zusammenhang Ausschnitte aus Kevins Akte.

Der Leidensweg von Kevin

23. Januar 2004: Kevin wird als uneheliches Kind geboren. Die Eltern sind drogenabhängig. März 2004: Klinikaufenthalt von Mutter und Kind zur Entgiftung. August 2004: Polizei meldet Verdacht der Kindesmißhandlung. Oktober 2004: Einweisung Kevins in eine Kinderklinik wegen Frakturen. November 2004: Kevin kommt in Obhut des Kinderheims „Herman-Hildebrandt-Haus“. Danach Einsatz eines Familienkrisendienstes. März 2005: Jugendamt stellt positive Entwicklung des Kindes fest. Kind wieder bei der Mutter. Juli 2005: Polizei meldet Auffälligkeiten des Kindes. Besuch von Mitarbeitern des Sozialzentrums. Sie stellen keine Versorgungsmängel fest. November 2005: Mutter stirbt. Laut Notärztin wird Fremdverschulden nicht ausgeschlossen. Vater wird vom sozialpsychiatrischen Notdienst zwangseingewiesen. Kevin kommt zweites Mal in Obhut des Kinderheims. 17. November 2005: Jugendamt wird Vormund des Kindes. 21. November 2005: Mitarbeiter im Sozialzentrum schätzen die Erziehungsfähigkeit des Vaters unterschiedlich ein. Kevin kehrt zu Vater und Oma zurück. Februar bis März 2006: Tagespflege mit Überwachung des Kindes. April 2006: Fallkonferenz mit Stadtteilleiter: Abermals Unterstützung durch Frühförderstelle eingeleitet. Vater nimmt Termine bei Förderstelle nicht wahr. September 2006: Amtsvorstand versucht Kontaktaufnahme mit Vater. Vater nimmt vereinbarten Termin nicht wahr. Telefonat zwischen Sozialzentrum und Arzt. Arzt hat Kevin zuletzt am 5. Juli gesehen; Inobhutnahme wird vorbereitet, aber vom Arzt abgelehnt; Fallkonferenz beschließt, Kind im Rahmen einer gerichtlichen Anhörung aus der Familie zu nehmen. Vater erscheint nicht vor Gericht. Gericht beschließt Herausgabe des Kindes. 10. Oktober: Auffinden des toten Kindes in der Wohnung des Vaters.

(Quelle: Akten des Bremer Jugendamtes zum Fall Kevin)

Im Zuge dieser Debatte fordern die Landesregierungen Hessens und Bayerns die Pflicht zu staatlichen Vorsorgeuntersuchungen. Familienministerin Ursula von der Leyen spricht sich gegen diese Pflicht aus, sie möchte vielmehr die Kinderarztbesuche in ein größeres Netz von Hilfen einbetten und die vereinzelt angebotenen Hilfen enger verbinden. Sie geht davon aus, dass rund 8.000 Kinder in Deutschland bereits bei ihrer Geburt keinen normalen Start ins Leben erhalten, weil die Eltern mit ihrem eigenen Leben massiv überfordert sind. Jährlich werden ca. 700.000 Kinder in Deutschland geboren, d.h. rund 1% aller Kinder haben nicht die gleichen Chancen auf ein normales, unbeschadetes Leben (vgl. zdf.de 2006). Insgesamt sind die Zahlen, die Frau von der Leyen nennt, stark untertrieben, denn, wie zuvor bereits erwähnt, leben in Deutschland 14,2% aller Kinder in Armut. Auch für diese Kinder müssen die Weichen schon von Beginn an auf einen anderen Kurs gestellt werden, nicht nur für die von Frau von der Leyen als Zielgruppe angeführten 1%. Professor Hurrelmann führt in einem Interview der Zeitschrift Die Zeit folgende Zahlen auf:

„Etwa ein Prozent aller Eltern sind sozial völlig aus dem Ruder gelaufen, alkoholkrank, drogenabhängig, psychisch schwerst defizitär – das sind die, über deren Kinder täglich eine Katastrophe hängt. Bei rund 800.000 Kindern pro Geburtsjahrgang sind das 8.000 pro Jahrgang, ergo 80.000 hoch gefährdete Null- bis Zehnjährige bundesweit. Hinzukommen rund 15 Prozent Eltern mit massiven Erziehungsproblemen, die vor allem infolge materieller Armut sehr schlecht zurechtkommen. Und rund ein Drittel aller Eltern hat erhebliche Schwierigkeiten mit der eigenen Mutter- oder Vaterrolle, mit vernünftigem Erziehungsverhalten und Haushaltsführung.“ (Hurrelmann 2006, 18)

Führt man sich noch einmal die oben angeführten Zahlen und Fakten vor Augen, stellt sich die Frage, wer eigentlich für den Personenkreis, also die 0-3 Jährigen zuständig ist.

Weiß (2000, 179) meint, dass sich die Frühförderung

„theoretisch und praktisch hoffnungslos übernehmen würde, wollte sie mit ihren Mitteln und Möglichkeiten Erscheinungsformen von Armut und sozialer Benachteiligung in den betroffenen Familien zentral angehen.“

Die Idee eines flächendeckenden Frühwarnsystems ist in diesem Zusammenhang nicht neu. Bereits 1973 verabschiedete der deutsche Bildungsrat seine „Empfehlungen der Bildungskommission: Zur pädagogischen Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher“, in denen unter Punkt 4.4.2 das Kapitel ‚Vorbeugung in sozialen Brennpunkten’ zu finden ist.

„Durch die unzureichenden Lebens- und Erziehungsbedingungen in sozialen Brennpunkten, (Wohngebiete sozial schwacher Familien, Notunterkünfte und ähnliches) und die dadurch entstehende soziale Benachteiligung werden häufig Lernbehinderungen bei Kindern hervorgerufen. Über 50% aller Kinder aus sozialen Brennpunkten besuchen gegenwärtig die Schule für Lernbehinderte. Enge und zum Teil unzumutbare Unterkünfte, mangelhafte und unsachgemäße Ernährung, dürftige sprachliche Anregungen, Unregelmäßigkeit im Tagesablauf und im Erziehungsverhalten der Erwachsenen, resignative Grundhaltung und allgemeine Unsicherheit kennzeichnen die Situation vieler Familien in sozialen Brennpunkten.“ (Deutscher Bildungsrat 1974, 50f)

Durch eine Verbesserung der Lebens- und Erziehungsbedingungen verspricht sich der Deutsche Bildungsrat die Verhinderung von späterem Schulversagen und, wie ich selbst hinzufügen möchte, von Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsstörungen, zusammengefasst als soziale Behinderung.

Als präventive Maßnahmen schlägt der Deutsche Bildungsrat folgende Schwerpunkte vor:

- Beratung und Anleitung der Eltern;
- Betreuung der Kinder in Spielstuben;
- Kindertagesstätten und Kindergärten in den entsprechenden Wohngebieten.

(vgl. auch Punkt 5)

2. Soziale Behinderung

Auf den ersten Blick scheint der Begriff der sozialen Behinderung ein durchaus geläufiger Wortlaut zu sein. Bei näherer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass seine Definition trotz Gebrauch noch unklar ist. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob es so etwas wie eine soziale Behinderung überhaupt gibt. Klarer definiert sind zum Beispiel die Begriffe ‚geistige Behinderung’, ‚Körperbehinderung’ und ‚Sehbehinderung’. Auch bei dem Phänomen der geistigen Behinderung stellt sich die Frage, inwiefern der Geist eines Menschen behindert sein kann. So handelt es sich auch bei einer sozialen Behinderung nicht ausschließlich um eine Behinderung im Sozialverhalten, sondern um die ‚soziale Bedingtheit von Behinderung. In diesem Zusammenhang kann man auch von einer ‚Behinderung der Entwicklung’ sprechen: Diese wird durch eine reizarme Umgebung bedingt, welche die strukturelle und biochemische Entwicklung vermindert und folglich zu Beeinträchtigungen der kognitiven und motorischen Fähigkeiten führt. Somit ist soziale Behinderung nichts endgültig Feststehendes, der Begriff fordert vielmehr dazu auf, nach den sozialen Bedingungen zu fragen, die im Endergebnis zu diversen Störungen und genauer definierten Behinderungen führen.

Wenn nun also im weiteren Verlauf von sozialer Behinderung die Rede ist, ist damit immer die soziale Bedingtheit von Behinderung gemeint. Nachfolgend sollen die Bedingungen, die zu einer sozialen Behinderung führen, näher erläutert werden. Im weiteren Verlauf der Arbeit sollen dann besonders die Aspekte Bindung, Resilienz und Prävention zu einem angemessenen Handlungskonzept weiterleiten.

Obwohl der Begriff der sozialen Behinderung in den einschlägigen Wörterbüchern und Lexika der Pädagogik und Sonderpädagogik nicht auftaucht, so gibt es ein Werk von Isolde Freudenberg aus dem Jahr 1978, das den Titel ‚Soziale Behinderung’ trägt. Dort wird soziale Behinderung wie folgt definiert:

Soziale Behinderung ist ein Begriff, der viele Symptome im Sozialcharakter des Menschen unter dem Gesichtspunkt zusammenfasst, da diese Symptome nicht biologisch begründet sind, sondern sich aus bestimmten Bedingungen der unmittelbaren sozialen Umwelt herleiten, aber auch in Makrostrukturen, sprich bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen eingebettet sind und nur von daher angemessen begriffen und behandelt werden können. Soziale Behinderung verweist darüber hinaus auf seine Rückwirkungen auf den näheren und weiteren sozialen Kontext.“ (Freudenberg 1978, 4 Hervorhebungen d. V.)

Um die Wurzeln bzw. die Ursprünge der sozialen Behinderung besser zu verstehen, sollen diese nun näher erläutert werden.

Dabei ist es wichtig zu verdeutlichen, was zu einer normalen Entwicklung des Kindes gehört bzw. die Grundbedürfnisse eines Kindes genauer zu umschreiben. Werden die Grundbedürfnisse eines Kindes nicht befriedigt kann es zu Entwicklungsstörungen, bis hin zu sozialer Behinderung kommen.

Zu den Grundbedürfnissen von Kindern gehören:

- Gelegenheit zu normaler, ungestörter Entwicklung
- Geborgenheit, Zuwendung, Zärtlichkeit
- Angenommensein, Anerkennung
- Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse
- Essen, Wärme, Kleidung, frische Luft, Sonnenlicht
- Schutz vor Unfall und Verletzung
- Aktivität und Ruhe
- Vorbeugung gegen Krankheiten (vgl. Neuhäuser 2000)

Zu der Nichtbefriedigung der Grundbedürfnisse kommt das Problemfeld der Gewalt und Vernachlässigung hinzu. Zurzeit gibt es keine gesicherten empirischen Aussagen zu der tatsächlichen Größenordnung von Vernachlässigung. Da Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch sowie mangelnde emotionale Sicherheit zumeist im Binnenfeld der Familie stattfinden, wird dieses Phänomen in der Regel kaum wahrgenommen. Man kann allerdings davon ausgehen,

„dass etwa 5-10% aller Kinder abgelehnt bzw. vernachlässigt werden. Wird hier nur die Zahl der 0-6 jährigen Kinder in der Bundesrepublik zugrunde gelegt – etwa 5 Millionen -, so kommen wir auf eine Zahl von 250.000-500.000 Kinder.“(Schone 2000, 72)

Als Erklärungsversuch führt Schone (2000) fünf Dimensionen auf, die das Risiko der Vernachlässigung erhöhen.

- Je geringer die finanziellen und materiellen Ressourcen (materielle Dimension)…
- Je schwieriger das soziale Umfeld (soziale Dimension)…
- Je desorganisierter die Familiensituation (familiale Dimension)…
- Je belasteter und defizitärer die persönliche Situation der erziehenden Eltern/ des erziehenden Elternteils (persönliche Dimension der Erziehungsperson/en)…
- Je herausfordernder die Situation und das Verhalten des Kindes (Dimension des Kindes), …

… desto höher ist das Risiko der Vernachlässigung, der Deprivation, der Entwicklungsstörungen und der häuslichen Gewalt. Umgekehrt formuliert gelten die einzelnen Dimensionen in positiver Ausprägung als Schutzfaktoren.

Die folgende Grafik verdeutlicht in Anlehnung an Schone (2000), wie sich die einzelnen Dimensionen, wenn sie negativ ausgeprägt sind, als Bedingungen auf das Sozialverhalten, Vernachlässigung, Deprivation usw., zusammengefasst als soziale Behinderung, auswirken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Dimensionen der sozialen Behinderung, in Anlehnung an Schone 2000

Wie und ob sich allerdings die einzelnen oben angeführten Dimensionen auf die Entwicklung des Kindes negativ auswirken und zu Defiziten in der Entwicklung führen, hängt davon ab, ob Schutzfaktoren vorhanden sind, die Belastungen abmildern und so Störungen verhindern. Zu diesen Schutzfaktoren gehören u.a. eine hohe individuelle Resilienz des Kindes oder aber die enge Bindung an eine Bezugsperson.

2.1 Das neuseeländische Projekt

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf eine Longitudinalstudie von Fergusson et al. (1994) verweisen. Die Autoren haben 1265 Kinder in Neuseeland von Geburt an bis zum 15. Lebensjahr in jährlichen Abständen untersucht. Es stellte sich heraus, dass knapp 3% der Kinder im Alter von 15 Jahren mehrere gravierende Probleme hatten. Als solche Probleme wurden definiert:
1. Beginn des Geschlechtsverkehrs vor dem Alter von 15;
2. Cannabisgebrauch vor 15;
3. Alkoholabusus vor 15;
4. Conduct/oppositional disorders mit 15 (darunter versteht man Verhaltensprobleme wie chronisches Nichtbefolgen elterlicher Anweisungen, Von-zu-Hause-Weglaufen, Zündeln, Promiskuität, häufige aggressive Auseinandersetzungen u.ä.);

5. Polizeikontakt wegen Gesetzesverstößen.

Ein Ergebnis der Untersuchung war, dass sich 3% der besonders schwierigen Jugendlichen schon zum Zeitpunkt der Geburt erheblich vom Rest unterschieden. Sie kamen aus einem häuslichen Milieu, in dem gehäuft folgende Faktoren zu finden waren: Armut, geringe elterliche Ausbildung, jugendliches Alter der Eltern, keine religiöse Orientierung, alleinerziehende Mütter, Kriminalität, Drogen- und Alkoholprobleme der Eltern, geringere Inanspruchnahme pränataler Vorsorgeuntersuchungen, mehr perinatale Komplikationen sowie ungeplante und/oder außereheliche Geburt. Die Untersuchung ergab weiter, dass die Nachteile in der Regel im Vorschul- und Schulalter erhalten blieben. Das Familieneinkommen blieb gering, die Häufigkeit von Ehescheidungen war größer, ebenso die Häufigkeit von Umzügen, Schulwechseln etc. Auch die mütterliche emotionale Responsivität wurde in dieser Gruppe von den Untersuchern als geringer eingeschätzt als bei den anderen Kindern.

Im Alter von 15 Jahren wurden die Teenager in drei Gruppen eingeteilt:

1. problemfreie,
2. solche, die eines der oben erwähnten fünf Probleme hatten, und
3. solche, die alle fünf Problembereiche aufwiesen

22% der Kinder aus den benachteilgtsten Familien waren Multiproblemkinder; weitere 65% hatten mindestens ein Problem und nur 13% waren problemfrei. Verglichen damit war nur ein einziges von 500 (=0,2%) der Kinder aus günstigen Umständen ein Multiproblemkind; 18% hatten ein Problem und 81% waren problemfrei (vgl. Dornes 2004).

„In der Mitte des ersten Lebensjahres neigen solche Säuglinge, die von ihren Eltern vernachlässigt werden, dazu, passiv zu werden; jene hingegen, deren Eltern strafend, zurückweisend sind, neigen dazu, gehemmt zu werden.[…] Keine der Gruppen neigt dazu, ihren Eltern Kummer zu bereiten, und wenige ziehen die Aufmerksamkeit von professionellen Helfern auf sich. Darum ist es unwahrscheinlich, dass sie als hilfsbedürftig identifiziert werden, obwohl sie in Nöten sind und ein anwachsendes Risiko für psychopathologische Auffälligkeiten aufweisen.“ (Crittenden 1999, 95f)

Es ist außerdem bewiesen, dass sich die soziale Herkunft nicht nur auf die emotionale Entwicklung des Kindes auswirkt, sondern auch auf schulische Bildung und Beruf. Aus diversen Untersuchungen geht hervor, dass die soziale Herkunft junger Menschen einen Einfluss auf ihren beruflichen Erfolg ausübt: je höher das Bildungsniveau der Eltern, desto besser ist auch die berufliche Stellung der Kinder. Dem geht voraus, dass Kinder gut gebildeter Eltern stets bessere Aussichten auf einen Hochschulabschluss haben als Kinder weniger gut gebildeter Eltern (vgl. o. V. 2003).

2.2 Soziale Gesundheit

In ihrer Kumulation und Wechselwirkung gefährden elterliche psychische Belastungen und die erwähnten Risikobedingungen die Entwicklung einer sicheren Beziehung zwischen Eltern und Kind. Eine sichere Bindung ist aber wesentliche Voraussetzung für eine gesunde sozial-emotionale und kognitive Entwicklung von Kindern (vgl. GAIMH 2007). Deshalb soll der Fokus der Arbeit nicht allein auf Risikofaktoren und pathologischen Aspekten liegen, sondern es soll vielmehr um die dyadische oder triadische Beziehung[1] und deren Gestaltung gehen. Niemand wird jemals in der Lage sein, alle Risikofaktoren aus dem Leben von Kindern zu entfernen. Es ist gut sie zu kennen, aber unsere Aufgabe muss lauten, Entwicklung trotz Risiken zu ermöglichen und das ist am möglich durch das Heranziehen der Ergebnisse der Bindungs- und Resilienzforschung möglich.

3. Bindungstheorie

Die Bindungstheorie beinhaltet sowohl Aussagen über die allgemeine Entwicklung als auch über die differentielle Entwicklung des Menschen. Ersteres beinhaltet die allgemeine Disposition des Menschen, überhaupt Bindungen einzugehen und die Entwicklung mentaler Bindungsmodelle. Zum zweiten Bereich gehören Aussagen über die Entwicklung individuell unterschiedlicher Stile und Ausprägungen von Bindungen.

Der Engländer John Bowlby (1907-1990) gilt als der Vater der Bindungstheorie. Er hatte zunächst eine psychoanalytische Ausbildung absolviert, die ihm allerdings keine zufriedenstellenden Antworten auf die Frage geben konnte, wie genau die Bindung zwischen Mutter und Kind entsteht. Weder Sigmund Freud noch Melanie Klein beschrieben die Bindung zwischen Mutter und Kind als eigenständiges psychisches Band. Sie leiteten die bestehende Bindung entweder aus der kindlichen Sexualität ab oder sahen sie als Instinkt an, der sich aus der Fütterung ergab. Bowlby vereinigte für seine Theorie die Psychoanalyse, bzw. die Kritik an der Psychoanalyse, mit der Ethologie.

Im Bereich der Verhaltensbiologie fand er u.a. bei Harry Harlow und Konrad Lorenz Antworten auf seine Fragen. Harlow entfernte Affenbabys direkt nach der Geburt von deren Müttern um sie dann mit einer Drahtattrappe, die in der Lage war die Affenbabys zu säugen, und einer weichen Mutterattrappe, die die Affenbabys nicht mit Nahrung versorgen konnte, zu konfrontieren. Die Affen banden sich nicht etwa an die fütternde Draht-Mutter-Attrappe, sondern an die kuschelige, warme, nicht fütternde Attrappe.

Auch Lorenz` Enten banden sich nicht an ein Objekt, das sie fütterte sondern an das Objekt, welches sie als erstes sahen.

Damit stand fest, dass es sich bei dem Eingehen einer Bindung um eine allgemeine Disposition handelt. Der menschliche Säugling hat die angeborene Neigung, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen. Fühlt der Säugling sich nicht wohl, d.h. ist er müde, krank unsicher oder allein, aktiviert er Bindungsverhaltensweisen wie zum Beispiel Schreien, Lächeln, Anklammern und Nachfolgen. Durch diese Verhaltensweisen soll die Nähe zur Bezugsperson wiederhergestellt werden.

Durch Tierversuche konnte auch gezeigt werden, dass ein Fehlen primärer Bezugsobjekte beim Jungtier zu immensen Entwicklungsstörungen führt. In seinen eigenen Studien konnte Bowlby (1953) nachweisen, dass Kinder, denen die mütterliche Fürsorge bzw. die Fürsorge einer primären Bezugsperson in den ersten Lebensjahren entzogen wird oder nur unzureichend zur Verfügung steht, in ihrer intellektuellen, körperlichen, emotionalen und sozialen Entwicklung ernsthaft beeinträchtigt werden können.

Bowlby beschreibt in diesem Zusammenhang die Mutterliebe als „genauso wichtig für die geistige Gesundheit wie es Vitamine und Proteine für die körperliche Gesundheit sind.“ (ebd., 8)

[...]


[1] Dyade = Mutter – Kind – Beziehung

Triade = Vater – Mutter – Kind - Beziehung

Details

Seiten
92
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638823616
Dateigröße
928 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80077
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Schlagworte
Bedeutung Bindung Resilienz Beziehungsgestaltung Müttern Kindern Hinblick Prävention Behinderung

Autor

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Titel: Zur Bedeutung früher Bindung und Resilienz für die Beziehungsgestaltung zwischen Müttern und Kindern im Hinblick auf die Prävention von sozialer Behinderung