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Kritik an der Waldorfpädagogik am Beispiel verschiedener Bildungsbiographien ehemaliger Waldorfschüler

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 20 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
- Einleitung
- Das Modell der Freien Waldorfschule Kassel
- Kritik an dem Modell der Waldorfschule Kassel
- Kritik der an der Kasseler Waldorfschule ausgebildeten Erzieher
- Kritik der an der Kasseler Waldorfschule ausgebildeten Techniker
- Kritik der Abiturienten der Kasseler Waldorfschule
- Kritik an der Integration
- Kritik am Praxisbezug
- Kritik an den Lehrern
- Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge hinsichtlich des Modells der Freien Waldorfschule Kassel seitens der ehemaligen Schüler
- Kritik an der Lehrerausbildung
- Kritik an der mangelnden Qualifikation der Absolventen der Kasseler Waldorfschule
- Kritik an der Finanzierung des Schulbesuchs
- Kritik an der Darstellung der Waldorfschulen in der Öffentlichkeit
- Kritik an der ,eigenen kleinen Welt der Waldorfschulen‘

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit den Kritikpunkten bezüglich der Waldorfschulen geäußert von ehemaligen Waldorfschülern, welche ihren Schulabschluss an Waldorfschulen in ganz Deutschland gemacht haben.

Formal orientiert sich diese Arbeit an dem Werk „Bildungs- und Berufsbiographien ehemaliger Kasseler Waldorfschüler. Erfahrungen mit der Integration beruflicher und allgemeiner Bildung in der Freien Waldorfschule Kassel. Nachbefragung von Absolventen einfach- und doppeltqualifizierender Ausbildungsgänge.“ von Michael Brater und Ernst­Ulrich Wehle.

Im Hauptteil beschreibe ich das besondere Modell der Kasseler Waldorfschule mit seinem doppeltqualifizierenden Bildungsgang. Im Rahmen dieses Modells können die Schüler ihren angestrebten Schulabschluss und gleichzeitig eine Ausbildung zu einem von verschiedenen Berufen absolvieren.

Hiernach beschäftige ich mich mit den Kritikpunkten, welche diejenigen ehemaligen Schüler mit einer Berufsausbildung äußern. Die Kritik wird hinsichtlich der verschiedenen Ausbildungsberufe differenziert. Vergleichend folgt die Kritik der Absolventen, welche während ihrer Schulzeit keine Ausbildung gemacht haben und die Freie Waldorfschule Kassel mit dem Schulabschluss „Abitur“ verlassen haben.

Des weiteren wird auf die am häufigsten auftretenden und somit wichtigsten Kritikpunkte eingegangen. In diesem Teil der Arbeit beschäftige ich mich mit der Kritik der ehemaligen Schüler in Kassel, aber auch mit der Kritik anderer Absolventen von Waldorfschulen im ganzen Bundesgebiet, unabhängig von dem Jahr ihres Abschlusses. Außerdem berücksichtige ich selbstgemachte Erfahrungen und meine persönliche Meinung zu bestimmten Details im Verlauf der Arbeit.

Im Schlussteil berichte ich über meine Erfahrungen und Gefühle bei dem Vortrag meines Referates zum Thema „Kritik an der Waldorfpädagogik“, in dessen Rahmen ich mich mit dem Buch „Bestanden. Lebenswege ehemaliger Waldorfschüler.“ von Monika Schopf-Beige auseinandergesetzt habe. Zudem nehme ich Stellung zu der Literatur, mit welcher ich im Rahmen dieser Hausarbeit gearbeitet habe und zu dem Verfassen dieser Arbeit.

Hauptteil

Einleitung:

Dr. Michael Brater und Ernst-Ulrich Wehle haben mit ehemaligen Kasseler Waldorfschülern eine schriftliche Befragung durchgeführt, an welcher sehr viele Absolventen bereitwillig teilnahmen. Dadurch haben Wehle und Brater Kenntnisse über selbsterlebte Erfahrungen der Ehemaligen bezüglich ihrer Berufs- und Bildungsbiographien gewonnen.

Das Modell der Freien Waldorfschule Kassel:

Die Freie Waldorfschule Kassel vertritt ein besonderes Modell: Das Modell der doppelqualifizierenden Bildungsgänge. Es beinhaltet, dass die Schüler der Oberstufe neben einem allgemeinen Abschluss nach der zwölften oder dreizehnten Jahrgangsstufe eine Ausbildung in folgenden Berufen abschließen können: Maschinenschlosser, Erzieher, Nachrichtengerätemechaniker, heute Radio- und Fernsehtechniker genannt, Informationselektroniker oder Werkzeugmacher.

Die Kasseler Waldorfschule hatte vor circa dreißig Jahren einen entsprechenden Forschungsauftrag an die „Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung“1 in München gegeben. Zehn Jahre nachdem dieses Projekt angelaufen war, wollte die Freie Waldorfschule Kassel prüfen, ob und in wie weit sich ihre Erwartungen und Absichten im Lebensweg der Absolventen verwirklicht haben. Brater und Wehle liefern in ihrem Bericht die Forschungsergebnisse. Es ging ihnen darum, ob der doppeltqualifizierende Bildungsgang die berufsbiographische, aber auch im Allgemeinen die persönliche Entwicklung eines Jugendlichen stützen und fördern kann. Die Ergebnisse der Studie waren überwiegend positiv, doch es wurde auch Kritik an dem Projekt geäußert.

Kritik an dem Modell der Kasseler Waldorfschule:

Einige Absolventen der beruflichen Ausbildung haben durchaus negative Auswirkungen des Kasseler Konzepts und dessen Verwirklichung in bezug auf ihren beruflichen Lebensweg festgestellt. Gleichzeitig sagen jedoch fast alle Ehemaligen, welche Kritik äußern, auch etwas Positives über das Modell aus. Insgesamt gesehen waren die meisten Befragten bemüht, die Kritik, welche sie zu bestimmten Details vorbrachten, nicht mit ihrer gesamten Bewertung des Kasseler Konzepts zu vermischen. Die Inhalte der einzelnen kritischen Äußerungen differenzieren sich deutlich nach den verschiedenen Ausbildungsberufen. So stellten Wehle und Brater fest, dass einige ausgebildete Techniker kritisieren, ihr Waldorfabschluss würde nicht als Fachhochschulreife anerkannt werden. Außerdem fühlen sich einige Absolventen, im Besonderen die Maschinenschlosser, nicht genügend gut ausgebildet: Sie bezweifeln den „Leistungsanforderungen der industriellen Arbeitswelt unmittelbar nach [ihrem] Ausbildungsabschluß“2 gerecht werden zu können.

Kritik der an der Kasseler Waldorfschule ausgebildeten Erzieher:

Die an der Kasseler Waldorfschule ausgebildeten Erzieher führen, auf die Ausbildungsrichtung bezogen, durchschnittlich die meisten Kritikpunkte an. Viele von ihnen wollen während ihrer Ausbildung einerseits mehr über die anthroposophischen Grundlagen der waldorfpädagogischen Erziehung erfahren, andererseits kritisieren manche, wenn auch nur wenige, von ihnen aber, dass die Ausbildung zu stark nach der Waldorfpädagogik ausgerichtet ist. Ein paar ehemalige Waldorfschüler sehen sich somit darin beschränkt, in staatlichen Kindergärten arbeiten zu können, und sie sehen sich gegenüber Erziehern mit einer „normalen“ Ausbildung unterlegen. An diesen Kritikpunkten erkennt man deutlich, dass bei den Erziehern die Probleme der Qualifikationsinhalte in ihrer Ausbildung bedeutend sind. Am Beispiel der Techniker und Erzieher ist eine Differenzierung der Kritik erkennbar, doch da die Autoren nur wenige kritische Äußerungen auswerten konnten, konnte sie nur sehr allgemein formuliert werden. Weitere Punkte, welche als negative Auswirkungen auf den beruflichen Werdegang genannt werden, sind außerdem der Zeitverlust während des Schulabschlusses durch die Ausbildung und dass die frühe Festlegung bezüglich des Berufes eine spätere Flexibilität einschränkt.

Michael Brater und Ernst-Ulrich Wehle werteten weiterhin Nennungen von negativen Wirkungen einer Ausbildung an der Freien Waldorfschule auf die persönliche Entwicklung der Auszubildenden aus: Nur wenige Erzieherinnen empfinden sich selbst als überaus geprägt und festgelegt durch waldorfpädagogische Sichtweisen. Diesen Punkt sieht eine ehemalige Schülerin, auf die Waldorfpädagogik bezogen, als Fragestellung und Konfliktpotential an. Zudem wird bemängelt, dass man selbst übertrieben stark nach ,Waldorfgesichtspunkten‘ wertet. Einige Erzieherinnen empfinden den Zeitpunkt ihrer Ausbildung als zu früh und erfahren eine deutliche Prägung, was ihnen kaum die Möglichkeit gibt, sich nach außen zu orientieren. Dadurch treten innere Konflikte auf, welche die Schülerinnen und Auszubildenden nur schwer eigenständig lösen können, was unter Umständen auch zu gesundheitlichen Belastungen führen kann. Eine Art Praxisschock, wie die Autoren ihn betiteln, spiegelt sich in anfänglichen Ängsten, sich in der neuen Arbeitswelt zurechtzufinden, wieder; denn im Vergleich zu den Waldorfschülern strahlen staatliche Schulen und Kindergärten Anonymität aus. So fühlen sich einige Erzieherinnen, welche das Konzept der Kasseler Waldorfschule durchlaufen haben, nach ihrer Schulzeit unsicher: Sie waren behütet und standen unter dem Schutz der Schule. Jetzt wünschen sie sich ein stärkeres Durchsetzungsvermögen gegenüber anderen Menschen und auch Situationen.

Kritik der an der Kasseler Waldorfschule ausgebildeten Techniker:

In der Gruppe der Techniker kam relativ viel Kritik von den Maschinenschlossern, jedoch sind fast alle Punkte nur vereinzelt genannt worden: Zum Beispiel bemängelt jemand die „unklare Berufsmotivation“[3], entstanden aus der frühen Berufswahl, ein anderer fürchtet um seine intellektuelle Entwicklung durch die Dauer der Ausbildung oder man bekommt vor und während der Ausbildung zum Maschinenschlosser nur wirklichkeitsferne Vorstellungen vorgesetzt. Wie es scheint haben die Schüler Probleme damit, sich gleichzeitig als Schüler und als Auszubildender zu erfahren; denn einige Elektromechaniker äußern sich kritisch über das gespannte Verhältnis zu ihren Lehrern oder Ausbildern, da sie nicht wissen, ob sie nun Schüler oder schon Auszubildende sind und dementsprechend auch nicht wissen, wie sie sich ihren Lehrern gegenüber verhalten sollen. Ich kann mir vorstellen, dass die Ausbilder oder Lehrer hierin auch ein Problem sehen. Zudem trifft dieser von den Elektromechanikern geäußerte Punkt sicherlich auch auf die anderen Ausbildungsrichtungen zu. Weiterhin wird die zu frühe und zu intensive Zuwendung zu den praktischen Zweigen genannt, wodurch einige ihre allgemeine Bildung vernachlässigen. Obwohl die gegenteilige Meinung zu diesem Detail weiter verbreitet ist, wird von den Kritikübenden die technische Ausbildung „trotz Integration der Bildungsgänge als Verlust an der Intensität schulischer Ausbildung empfunden“[4].

Kritik der Abiturienten der Kasseler Waldorfschule:

Nach den genannten Kritikpunkten ehemaliger Schüler mit einer Berufsausbildung folgen nun Bemängelungen von Absolventen, welche „nur“ die Abiturlaufbahn eingeschlagen und demnach keine Ausbildung gemacht haben. Hinsichtlich ihrer eigenen Qualifikation wird das Niveau ihrer schulischen Ausbildung kritisiert. Hier gibt es Parallelen zu den Schülern, die sich für eine Berufsausbildung an der Freien Waldorfschule Kassel entschlossen haben, doch in diesem Fall bezieht sich die Kritik auf andere Karrieregesichtspunkte: Die Abiturienten beklagen unter anderem den späten Anfang, sie auf die Abiturprüfung vorzubereiten, welche sie nach staatlichen Regeln und Ansprüchen ableisten müssen. Hier ergeben sich für viele Schüler Schwierigkeiten, was ich selbst in meinem Bekanntenkreis feststellte. Manche fühlen sich der Prüfung nicht gewachsen, weil sie Angst haben durchzufallen. Da Waldorfschüler das Sitzenbleiben oder Durchfallen während ihrer Schulzeit nicht kennenlernen, fühlen sie sich während ihrer Abiturprüfung oftmals „verlassen, nicht mehr behütet, von einen auf den anderen Tag auf sich selbst gestellt und ungeschützt“. So beschrieben mir zwei Freunde und ehemalige Waldorfschüler der Rudolf Steiner-Schule in Bielefeld das Gefühl. Ein weiterer Anregungspunkt ist, dass es weniger prüfungsrelevante Fächer im Abitur geben sollte, damit man die Chance hat einen Platz in einem Numerus Clausus-Fach zu bekommen. Zwar ist keiner der hier kritisierenden Absolventen der Meinung, nichts in der Schule gelernt zu haben, doch ihnen bereitete vor allem „die zeitliche Einteilung des Lernpensums“5 Schwierigkeiten.

Kritik an der Integration:

Zur Integrationskritik wurde am meisten genannt: Der Anreiz der Schüler, ihr Abitur und fast zeitgleich eine Ausbildung zu machen, sollte vor allem durch die Lehrer vermehrt unterstützt werden. Informationen zu den verschiedenen Berufen sollten durch Filmvorträge oder Führungen erweitert werden. Weiterhin fehlte die Prüfungsorientierung für die Abiturienten, der Kontakt zwischen den unterschiedlichen Ausbildungsrichtungen, eingeschlossen das Abitur, war dürftig und müsste durch von den Lehrern und Schülern geplante ,Erfahrunds- Austauschprojekte‘ gefördert werden und die Abiturienten fordern ebenfalls Werkstattpraktika als einen festen Bestandteil im Lehrplan. Hierdurch erhoffen sie sich zu lernen, eine Arbeit „von Anfang bis Ende mit allen Konsequenzen durchzuführen“6.

Kritik am ,Praxisbezug‘:

Dieser Punkt leitet über in den Punkt ,Praxisbezug‘: Hier nannten die Abiturienten ebenfalls, dass sie sich in der Schulzeit mehrere Praktika wünschen. Sie wollen auf das nach der Schule folgende Berufsleben vorbereitet sein und eine Grundlage für die Berufswahlentscheidung haben. Der Abiturzweig der Kasseler Waldorfschule erscheint einigen deshalb als zu theoretisch.

Kritik an den Lehrern:

Die Kritik der Abiturienten an den Lehrern wird, wie auch bei den Schülern mit einer Berufsausbildung, in zwei Unterpunkte unterteilt: Einerseits wird eine intensivere Allgemeinbildung bezüglich der Historie der letzten zweihundert Jahre politisch betrachtet gefordert, und die Art des Unterrichts sollte unabhängiger von persönlichen und ideologischen Gesichtspunkten der Lehrer sein. Außerdem kritisieren sie viele Dinge bezüglich der Gesellschaft und des Staates, doch sie befähigen die Schüler nicht dazu, selbst fundierte Kritik zu üben. Andererseits wünschen sich die Schüler mehr über die Grundlagen der Waldorfpädagogik zu erfahren und ebenso über Eurythmie.

[...]


[1] Brater u. Wehle: 1982. s. Vorwort

[2] Brater u. Wehle: 1982. S.139.

[3] Brater u. Wehle: 1982. S. 145.

[4] Ebd. S.146.

[5] Brater u. Wehle: 1982. S. 155.

[6] Ebd. S.155.

Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638151061
ISBN (Buch)
9783640418992
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8017
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Pädagogik
Note
2,7
Schlagworte
Kritik Waldorfpädagogik Beispiel Bildungsbiographien Waldorfschüler

Autor

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Titel: Kritik an der Waldorfpädagogik am Beispiel verschiedener Bildungsbiographien ehemaliger Waldorfschüler