Lade Inhalt...

Augustinus' Weg zur Annahme des christlichen Glaubens mit Hilfe des Platonismus

Zwischenprüfungsarbeit 2005 25 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1. Einführung

2. Voraussetzungen
2.1. Augustinus Vorstellungen über Gott, das Böse und die Beschaffenheit der Welt

3. Die Verwerfung des Manichäismus mit Hilfe des Bischof Ambrosius

4. Das neuplatonische Gedankengut als Voraussetzung für die Bekehrung zum Christentum
4.1. Augustinus Meinungen über Gott und die Frage nach dem Ursprung des Bösen kurz vor der Berührung mit den platonischen Schriften
4.2. Welche Literatur hat Augustinus studiert?
4.3. Die Neuplatoniker
4.3.1. Plotin
4.4. Welche Gedanken Plotins halfen Augustinus zu christlichen Ansichten zu kommen?
4.5. Was trennt Augustinus vom Neuplatonismus?

5. Die Überschreitung des neuplatonischen Systems
5.1. Welche Rolle spielen die neuplatonischen Schriften innerhalb der Bekehrung
5.2. Was Augustinus zu einer vollständigen Bekehrung zum Christentum noch fehlt

6. Resümee

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung

Augustinus von Hippos autobiographisch geschriebenes Buch, die Bekenntnisse (lat.: confessiones), ist eines der größten Glaubensbekenntnisse an Gott. Augustinus legt Gott und auch dem Leser sein Leben mit einer beeindruckenden Offenheit und Demut dar. Er erzählt seine Geschichte ab dem ersten Kindesalter, an das er sich erinnern kann, bis nach dem Moment seiner Bekehrung zum Christentum. Die Sünden, welche er begangen hat, beichtet er genauso wie die Sünden seines Geistes, die zu keinen Taten geführt haben. Ein ergreifender Höhepunkt des Buches liegt auf Augustinus’ endgültiger Annahme des christlichen Glaubens. Doch bis zu dieser Bekehrung ist es für den mittlerweile über dreißigjährigen Mann ein langer und oft bitterer Weg. Dieser Weg ist hauptsächlich ein Weg des Geistes, der Vorstellungen und der Gedanken des Augustinus. Dabei ist es unübersehbar, dass er von vielen verschiedenen Denkrichtungen beeinflusst wird, aber auch, dass genau eine philosophische Schule ihn besonders und nachhaltig geprägt hat. Der Neuplatonismus kann für Augustinus als eine große Hilfe gesehen werden, sich endlich dem christlichen Glauben anzunähern. Auf welche Art dies geschieht, und warum gerade diese Philosophie Augustinus eine beträchtliche Unterstützung liefert, soll in dieser Arbeit untersucht und dargestellt werden. Es wird hierzu ausschließlich der Bericht der Confessiones betrachtet, welcher in einigem Abstand und deswegen auch aus der Sicht des Christen Augustinus geschrieben wurde.

2. Voraussetzungen

Um die Frage beantworten zu können wie die neuplatonischen Schriften Augustinus den Weg zu einer Bekehrung zum Christentum geebnet haben, muss im Voraus verstanden werden, auf welchem geistigen Niveau sich Augustinus zu der Zeit befand, als er die Neuplatoniker für sich entdeckte. Mit Hilfe dieses Wissens lässt sich daraufhin verdeutlichen, welche philosophischen Annahmen sich nicht mit dem christlichen Glauben vereinen ließen und deshalb einer Bekehrung im Weg gestanden hätten.

Im Laufe seines Rhetorik-Studiums lernt Augustinus Ciceros »Hortensius« kennen. Diese Lektüre lässt in ihm erstmals den Wunsch nach der Erlangung von Weisheit reifen und führt ihn damit zur Philosophie.[1] Seine Suche nach Weisheit beginnt er mit dem Studium der Bibel, welches er aber nach kurzer Zeit abbricht. Er schreibt im dritten Buch seiner Bekenntnisse, dass er auf Grund seines damaligen Hochmuts nicht an die Weisheit der heiligen Schrift gelangen konnte. So sieht er die Bibel zu dieser Zeit im Vergleich mit den Schriften Ciceros als unter seiner „Würde“.[2] Er wendet sich also vom Christentum ab und der Lehre der Manichäer zu.

Die Manichäer versprechen Augustinus die von ihm gesuchte Wahrheit. Sie lehren die Existenz von zwei entgegen gesetzten Prinzipien, dem Guten und dem Bösen, dem Licht und der Finsternis.[3] Außerdem ist ihre Lehre eine materialistische; ihre Auffassung von Gott als dem guten Prinzip ist eine Auffassung von einem „…ewigen Stoffe von geistig-sinnlicher Beschaffenheit…“[4].

Zehn Jahre lang bleibt Augustinus Mitglied dieser Religion, ehe er erkennen muss, dass auch sie nicht alle seine Fragen zufrieden stellend beantworten kann. Dies wird Augustinus wohl endgültig deutlich, als der des Wissens hoch gelobte Manichäer Faustus sich nicht einmal auf Augustinus’ Fragen einlassen möchte.[5] Er schreibt über die Enttäuschung dieses Treffens: „Solcherweise kam nun mein Eifer, den ich an die Schriften der Manichäer gewendet hatte, ins Stocken.“[6] Die Folge für Augustinus ist eine zumindest schwache Abwendung vom Manichäismus. „Nicht als hätte ich mich gänzlich von ihr [der Lehre der Manichäer] losgesagt, vielmehr, wie wenn ich doch nichts Besseres finden könnte als eben dies, woran ich nun einmal getreten war, kam ich mit mir überein, mich einstweilen zufrieden zu geben, bis vielleicht irgend ein Licht erschiene, das besser für mich wäre.“[7] In dieser geistigen Unsicherheit gefangen findet Augustinus Gefallen an der skeptischen Philosophie der Neuen Akademie.[8]

Augustinus befindet sich nun zwar in der Lage, dass er die Möglichkeit der Erlangung absolut sicheren Wissens verneinen muss, besitzt aber immer noch gewisse, manichäisch beeinflusste Vorstellungen über die Beschaffenheit der Welt, das Gute und das Böse und über Gott. Auf diesen Auffassungen gründet sich auch seine zu dieser Zeit falsche Vorstellung darüber, was die katholische Kirche lehrt.

2.1. Augustinus Vorstellungen über Gott, das Böse und die Beschaffenheit der Welt

Augustinus beschreibt im fünften Buch, dass er zu diesem Zeitpunkt seines Lebens eine materialistische Vorstellung von der Welt und auch von Gott besitzt: „Und dass ich dennoch, wenn ich denken wollte über meinen Gott, immer nur eine körperhafte Masse zu denken wusste – denn es schien mir überhaupt gar nicht zu sein, was nicht so, was nicht körperhaft wäre –, …“[9]. Auch die Wesensart des Geistes ist für ihn eine materielle.[10]

Eine zweite Annahme ist, dass er sich das Böse sowohl als etwas Materielles, als auch als ein eigenständig existierendes Prinzip vorstellt.[11] Dies entspringt einerseits seiner Vergangenheit als Manichäer (siehe Kapitel 2), andererseits kann er zu diesem Zeitpunkt die Frage nach dem Ursprung des Bösen selbst noch nicht auf andere Weise lösen. Seine Überlegungen führen ihn zu der Erkenntnis, dass kein guter Gott für die Erschaffung des Bösen verantwortlich sein könne und das Böse deswegen etwas eigenständig Existierendes sei.[12]

Einerseits folgt daraus für Augustinus ethische Ansichten, dass er sich selbst nicht zur Verantwortung ziehen muss, wenn er etwas Verwerfliches und Sündiges getan hat. „Ich war ja immer noch des Glaubens, daß nicht wir es seien, die sündigen, sondern es sündige in uns eine andere, nicht näher bekannte Natur, und meinem Hochmut schmeichelte der Gedanke, außer Schuld zu sein … . Ich war gewohnt mich freizusprechen und etwas unbekanntes anderes schuldig zu sprechen, das im mir stecke und gar nicht ich sei.“[13] Durch die Annahme des Bösen als ein eigenständiges Sein spricht er sich also selbst von Schuld an der Sünde frei.

Andererseits beeinflusst diese Vorstellung des Bösen seine Gottesvorstellung, indem Augustinus glaubt, in der katholischen Vorstellung sei Gott ein Körper, welcher den Menschen in Gestalt und Form ähnelt. Diese Auffassung von Gott ist eine manichäische Uminterpretation der Erschaffung des Menschen als Gottes Ebenbild und damit eines der Argumente gegen das Alte Testament und den christlichen Glauben. Jene sind der Auffassung, die katholische Kirche nehme gewisse Stellen der Genesis wörtlich[14] („Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, …“[15] ). Für Augustinus kommt diese Vorstellung Gottes und somit der Glaube an das Christentum nicht in Frage: „Ich hielt es für eine Schande zu glauben, du hättest die Gestalt eines Menschenleibes und wärest von den Umrissen unserer Körperglieder in Grenzen eingeschlossen.“[16] Er selbst stellt sich Gott als eine unbegrenzte Substanz vor. Diese werde jedoch durch das Böse, welches ja ebenso eine unbegrenzte Masse ist, in ihrer Unbegrenztheit eingeschränkt.[17]

Augustinus trennen also mehrere Vorstellungen von einer Bekehrung zum Christentum: der Materialismus, die Annahme vom Bösen als eigenem Sein und eine manichäische Auslegung der Bibel.

3. Die Verwerfung des Manichäismus mit Hilfe des Bischof Ambrosius

Im Folgenden soll gezeigt werden, wie das Zusammentreffen mit Ambrosius und dessen Predigten Augustinus helfen den Manichäismus und dessen Vorurteile über die Heilige Schrift vollständig abzuweisen und somit näher an die Voraussetzung zu einer Bekehrung zum Katholizismus zu gelangen.

Als Augustinus nach Mailand und damit in die Stadt Ambrosius’ kommt, fühlt er sich von dem Bischof angezogen und besucht dessen Predigten. Augustinus sagt aber selbst, dass er sich nicht auf Grund des katholischen Glaubens, den der Bischof lehrt, sondern aus Interesse an Ambrosius’ rhetorischen Fähigkeiten zu diesem Mann und seinen Reden hingezogen fühle. Durch die Mischung aus manichäischen Vorurteilen und einer skeptischen Haltung sieht sich Augustinus zu dieser Zeit weder in der Lage das Christentum zu verstehen, noch Hoffnung aus diesem zu schöpfen.[18]

Doch auch ohne vorige Erwartungen weist Ambrosius Augustinus einen neuen Weg, weil dieser nun erkennen muss, dass die Vorurteile, die der Manichäismus gegen das Alte Testament hervorbringt, nicht mehr haltbar sind. Ambrosius zeigt Augustinus eine Deutung des Alten Testaments, welche nicht von den Manichäern und deren Lehre angegriffen werden kann.

So erkennt Augustinus erstmals, dass es möglich ist alttestamentliche Texte nicht wörtlich aufzufassen[19], sondern sie mit einer übertragenen und geistigen Interpretation zu unterlegen. Er erinnert sich an bestimmte Worte Ambrosius’, die dieses hervorheben: „Der Buchstabe tötet, der Geist ist’s, der lebendig macht“[20]. Das, was ihn also immer vom Katholizismus weg und zu der vermeintlichen Wahrheit der Manichäer hingezogen hat, besitzt nun keinen Bestand mehr. Zum ersten Mal erkennt er, dass es doch Christen gibt, die die Argumente der Manichäer gegen das Alte Testament wirkungsvoll entkräften können.[21]

[...]


[1] Vgl. Conf. (Augustinus: Bekenntnisse. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Lateinischen von Joseph Bernhart. Mit einem Vorwort von Ernst Grasmück, Frankfurt am Main 1987) III 4,7-8

[2] Vgl. Conf. III 5.9

[3] Vgl. Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Stuttgart 2003, S. 250

[4] Siehe Bernhart, Joseph: Erläuterung zu: Augustinus „Bekenntnisse“, Frankfurt am Main 1987, Seite 953

[5] Vgl. Conf. V 7,12

[6] Siehe Conf. V 7,13

[7] Siehe Conf. V 7,13

[8] Vgl. Conf. V 10,19: „Allmählich wuchs ja auch in mir der Gedanke, die gescheitesten von allen Philosophen seien doch die üblich so genannten Akademiker, weil sie der Ansicht waren, man müsse an allem zweifeln, und sich für den Satz entscheiden, der Mensch sei nicht imstande, irgendwelches Wahre in seinen Griff zu bekommen.“

[9] Siehe Conf. V 10,19

[10] Vgl. Conf. V 10,20: „… weil ich mir auch den denkenden Geist nur als feinen Körper, der sich durch die Weiten des Raumes verbreite, vorstellen konnte …“

[11] Vgl. Conf. V 10,20: „Denn damit hing es zusammen, daß ich glaubte, auch das Böse sei ein selbstständiges Sein dieser Art und bilde eigens eine hässliche und ungestalte Masse, …“

[12] Vgl. Conf. V10,20: „Und da mich ein ungefähres Gottesgefühl doch noch zu glauben zwang, daß ein guter Gott kein böses Wesen erschaffen hat, so stellte ich mir zwei sich feindliche Massen einander gegenüber, …“ und „Und besser schien es mir, zu glauben, Du habest nichts Böses erschaffen - … -, als anzunehmen es stamme von Dir, was ich für das Naturwesen des Bösen hielt.“

[13] Siehe Conf. V 10,18

[14] Vgl. Conf. III 7,12 Anm. 12

[15] Siehe Gen 1,26

[16] Siehe Conf. V 10,19

[17] Vgl. Conf. V10,20: „… die Vorstellung hatte, Du seiest wenigstens nach den übrigen Seiten hin unbegrenzt, obschon ich gezwungen war, Dich nach der einen Seite hin, wo Dir die Masse des Bösen entgegenwirkte, begrenzt zu denken, …“

[18] Vgl. Conf. V 13,23: „Ich fühlte mich zu ihm hingezogen, aber vorerst nicht zum Lehrer der Wahrheit – ich hatte keine Hoffnung mehr, sie in deiner Kirche zu finden –, sondern zu dem Menschen, der mir gütig entgegenkam. Ich hörte ihn, wenn er zum Volke sprach, voll Interesse, freilich nicht in der gehörigen inneren Verfassung, vielmehr um mir ein Urteil zu bilden, ob seine Rednergabe ihrem Ruf entspräche oder stärker, vielleicht schwächer hervorkäme, als es die öffentliche Meinung war.“

[19] Vgl. Conf. VI 3,4: „Als ich aber noch erfuhr, das Wort, daß »nach Deinem Bild der Manschen erschaffen ward« [siehe Gen 9,6] von Dir, werde von Deinen Kindern - … - gar nicht so aufgefaßt, daß sie glaubten und sich vorstellten, Du seiest in der Form beschlossen, da überkam mich, mochte ich auch vorerst von einer rein geistigen Wesenheit keine noch so blasse und schleierhafte Ahnung haben, gleichwohl ein lebhaftes Gefühl von Freude und Scham zugleich, daß es ja gar nicht der katholische Glaube gewesen, wider den ich so viele Jahre gebellt hatte, sondern die Phantome eines ganz von Fleisch und Blut gebundenen Bewußtseins.“

[20] Siehe Conf. VI 4,6 [siehe II Kor 3, 6]

[21] Vgl. Conf. V 14,24: „Was mich vor allem bewegte, was die Behandlung des einen und anderen alttestamentlichen Textes, wobei des öfteren sich Rätsel lösten, die mir, nach dem Buchstaben aufgefasst, tödlich geworden waren. Da nun viele Stellen der alttestamentliche Bücher eine Auslegung im geistigen Sinne erfuhren, so nahm ich vorerst meine frühe Meinung zurück, die mir keine Hoffnung mehr gelassen hatte, man könne denen, die das Gesetz und die Propheten verwarfen und verlachten, überhaupt etwas entgegensetzen.“

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638865517
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80183
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Philosophisches Seminar
Note
2,5
Schlagworte
Augustinus Annahme Glaubens Hilfe Platonismus Bekenntnisse

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Augustinus' Weg zur Annahme des christlichen Glaubens mit Hilfe des Platonismus