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Konzept der Salutogenese nach Aaron Antonovsky

Diplomarbeit 2007 70 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffserklärung
2.1 Krankheit
2.2 Gesundheit

3 Theoretische Krankheitsmodelle
3.1 Das biomedizinische Modell
3.2 Das psychosomatische Krankheitsmodell
3.3 Das Stress-Coping-Krankheitsmodell

4 Entstehungshintergrund

5 Konzept der Salutogenese
5.1 Die salutogenetische Fragestellung
5.2 Kritik am Gesundheitswesen
5.3 Der Ansatz der Salutogenese
5.3.1 Das Gesundheits – Krankheits – Kontinuum
5.3.2 Stressoren und Widerstandsressourcen
5.3.3 Das Kohärenzgefühl
5.3.4 Entwicklung des Kohärenzgefühls im Verlauf
des Lebens
5.4 Auswirkungen auf die Gesundheit

6 Sozialpädagogische Relevanz

7 Empire und Kritik

8 Zusammenfassung/Resümee

9 Literaturliste

1 Einleitung

„Wo fehlt es Ihnen denn?“ Diese Frage stelle ich meist zuerst an meine Patienten, wenn ich bei ihnen zu Hause oder am Unfallort eingetroffen bin. Sicherlich ist diese Frage berechtigt, jedoch drückt sie eindeutig die pathogenetische Orientierung der etablierten Medizin aus. Während meiner Ausbildung zum Rettungssanitäter und Rettungsassistent, war das biomedizinische Krankheitsmodell beherrschendes Erklärungs-muster für das Entstehen und Behandeln von Krankheiten. Für die Entstehung von Gesundheit wurden dabei keinerlei Aussagen getroffen. Die Schulmedizin richtet demnach ihren Blick auf die Pathogenität, Ätiologie und Epidemiologie, also auf das Krankmachende und Defizitäre.

Allerdings denke ich, dass trotz der physiologischen Abläufe und messbaren Parameter wie z.B. Puls und Blutdruck, der Mensch sich nicht nur als „Bio-Wesen“ versteht, sondern vielmehr als bio-psycho-soziales Wesen verstanden werden sollte, auf welches vielfältige Eindrücke und Bedingungen Einfluss nehmen. Darüber hinaus habe ich während meiner Tätigkeit im Rettungsdienst Beobachtungen und Erfahrungen gesammelt, dass Menschen scheinbar auch unter-schiedlich mit Krankheit oder Krisen umgehen.

Eine mögliche Erklärung ist das Modell der Salutogenese, wörtlich übersetzt „Gesundheitsentstehung“ oder „Ursprung von Gesundheit“.[1] Dieses Konzept nimmt einen sehr interessanten Perspektivwechsel vor und befasst sich damit, wie Menschen bei Belastungen körperlich und seelisch gesund bleiben beziehungsweise im Erkrankungsfall möglichst schnell wieder gesund werden oder auch nicht.

Da der Bekanntheitsgrad der Salutogenese innerhalb der Bevölkerung gerade mal 28 Prozent[2] beträgt (davon sind 57 Prozent[3] Studenten!), innerhalb des medizinischen und sozialen Bereichs jeweils sogar nur 14 Prozent[4], jedoch 87 Prozent[5] das Konzept als gut und 76 Prozent[6] als wirksam beurteilen, möchte ich in meiner Diplomarbeit das Konzept der Salutogenese von Aaron Antonovsky vorstellen. Gesundheit ist schließlich unser höchstes Lebensgut.

Im ersten Teil der Diplomarbeit folgen mögliche Begriffsklärungen von Gesundheit und Krankheit, ein kleiner Überblick derzeitiger Krankheits-modelle und dem Entstehungshintergrund der Salutogenese. Im Hauptteil wird das Konzept der Salutogenese ausführlich vorgestellt, wobei gleichzeitig Kritik am Gesundheitswesen geäußert werden soll. Im abschließenden dritten Teil werden anhängend die sozial-pädagogische Relevanz, Empire und Kritik grob skizziert, um einen Gesamteindruck über das Konzept der Salutogenese zu vermitteln.

2 Begriffserklärung

2.1 Krankheit

Krankheit ist eine Störung der körperlichen, kognitiven, sozialen und/oder seelischen Funktionen, wobei das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit des Menschen eingeschränkt sind. Es werden drei Ebenen in diesem Umschreibungsversuch angedeutet, zum Einen der mehr oder weniger objektive beobachtbare Tatbestand, zum Zweiten das subjektive Befinden und letztendlich das daraus folgende oder erwartete soziale Verhalten.[7] Im Hinblick auf den Übergang zwischen gesund und krank, stellt dies eine besondere Definitionsschwierigkeit dar, wobei hier Antonovsky interessanterweise von einem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum spricht, worauf ich jedoch erst im Hauptteil näher eingehen möchte.

Häufig wird Krankheit mit Zweckdefinitionen skizziert, da über erhebliche finanzielle und soziale Konsequenzen entschieden wird. In der sozialversicherungsrechtlichen Definition (Bundessozialgericht 16.05.1972) wird Krankheit als ein regelwidriger körperlicher, geistiger oder seelischer Zustand, der Arbeitsunfähigkeit oder Behandlung oder beides nötig macht, verstanden.[8]

2.2 Gesundheit

Für den Begriff der Gesundheit gibt es unterschiedliche Begriffsbildungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihn 1948 folgendermaßen definiert: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen“.[9] Eine Studie bezüglich Gesundheitsvorstellungen von Kindern und Jugendlichen zeigte, dass Gesundheit schon relativ früh positiv definiert wird und ebenfalls nicht nur als Abwesenheit von Krankheit gesehen wird.[10] Demzufolge kann für jeden Menschen Gesundheit etwas anderes bedeuten.

Sigmund Freud sah Gesundheit als eine Ressource, die es Menschen erlaubt, ein individuelles, soziales und ökonomisches Leben zu führen: „Gesundheit ist die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können“.[11]

Der Soziologe Talcott Parsons orientiert sich folgendermaßen: „Gesundheit kann definiert werden als der Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es sozialisiert worden ist“.[12]

Die Bedeutung von Gesundheit wird oft erst bei Krankheit oder zunehmenden Alter richtig erkannt, wobei sie den wichtigsten persönlichen und gesellschaftlichen Wert darstellt. Bei allen Definitionen gibt es unumstrittene Faktoren für ein gesundes Leben. Da wären zum Beispiel: gesunde Ernährung, gesunde und gesicherte Umwelt, Zeiten der Ruhe, ein erfülltes Sexualleben, intakte soziale Beziehungen, Entspannung und emotionale Ausgeglichenheit, geliebt werden und selbst lieben können, sich wertvoll fühlen, Sicherheit (körperlich und emotional), Freiheit, Verbundenheit, ausreichende körperliche Betätigungen, Gesundheit förderliche Arbeitsbedingungen und viele andere mehr.[13]

Diese wenigen Beispiele offenbaren, wie schwierig es ist, Gesundheit eindeutig zu beschreiben. Antonovsky verzichtet hingegen auf eine eindeutige Gesundheitsdefinition, da die Festlegung von Normen die Gefahr beinhalte, andere Menschen an Werten zu beurteilen, die für sie gar nicht zutreffen würden. Außerdem entspricht eine Erklärung von Gesundheit, als ein absolutes oder idealistisches Konzept, nicht den realen Gegebenheiten.[14] „Gesundheit ist vielmehr als Weg von jedem Einzelnen für sich selbst zu entdecken …“.[15]

3 Theoretische Krankheitsmodelle

An dieser Stelle sollen ausgewählte theoretische Krankheitsmodelle mit ihrem Ansatz im Bezug auf das Entstehen von Krankheit nur kurz und vereinfacht aufgezeigt werden, um so die Herangehensweise und die Sicht der Salutogenese später zu verdeutlichen. Hier wird der Perspektivwechsel deutlich, denn Salutogenese ist das Einzigste dieser Krankheitsmodelle, welches das Entstehen oder Aufrechterhalten von Gesundheit in den Mittelpunkt stellt und nicht das Defizitäre bzw. die Ursachen für Krankheiten. Die folgenden Krankheitsmodelle sollen keine konkurrierenden Theorien darstellen, sondern sie betrachten das Phänomen Krankheit aus unterschiedlichen Perspektiven und können daher miteinander zum Teil kombiniert werden. Anliegend muss erwähnt werden, dass Antonovsky und sein Team in der Tradition der Stress- und Coping-Forschung sensu Lazarus stehen.

3.1 Das biomedizinische Modell

Das biomedizinische Modell ist das beherrschende Modell des Gesundheitswesens. Es begründet sich auf folgende Anschauungen: Zum einen besitzt jede Erkrankung eine spezifische Ursache (genetische Veränderungen, Mikroorganismen, chemische, physikalische, mechanische und/oder biochemische Einwirkungen) und zeichnet sich durch eine bestimmte Grundschädigung aus, die entweder in der Zelle oder im Gewebe lokalisiert wird oder besteht in der Fehlsteuerung von mechanischen oder biochemischen Abläufen. Des weiteren besitzen Krankheiten typische äußere Zeichen (Symptome), die von Fachpersonal erkannt werden können. Zum Schluss haben Krankheiten beschreibbare und hervorsehbare Verläufe und verschlimmern sich ohne Intervention. Kritik an diesem Modell ist, dass es nur einseitig biologisch orientiert und individuenzentriert ist und aus diesem Grunde nur einen Teil der Krankheitsursachen erfasst. Somit versagt es zum Teil vollständig bei psychischen oder sogenannten funktionellen Störungen, also von Beschwerden ohne erkennbare organische Ursache. Infolgedessen ist es für die Bewältigung von Krankheit nur begrenzt effektiv. Dieses Modell stabilisiert die Dominanz der Ärzte und macht es anderen Gesundheitsberufen schwer im Gesundheitswesen entsprechend ihrer Bedeutung Fuß zu fassen.[16]

3.2 Das psychosomatische Krankheitsmodell

Das psychosomatische Krankheitsmodell unterscheidet psychoanalytische, psychobiologische und psychosoziale Theorie Modelle. Diese psychosomatischen Richtungen haben gemeinsam, dass sie den Einfluss des Seelischen auf körperliche Erkrankungen des Menschen verfolgen. Zu den psychoanalytischen Modellen gehört das Konversionsmodell von Freud. Hierbei wird das auftreten körperlicher Beschwerden mit intrapsychischen Konflikten als Folge der Umleitung psychischer Energien in den körperlichen Bereich in Verbindung gebracht. Der Ablauf lässt sich grob skizzieren: Konflikt; Unfähigkeit eine Lösung zu finden, daraus folgt Verdrängung; Steigerung der inneren Spannung als Folge der Verdrängung führt zu Angst, Depression, feindselige Haltung; Konversion, Regression, zuerst Stadium der unorganisierten Krankheit, später organisierte Krankheit. Die psychosozialen Modelle werden in direkte, indirekte und interaktive Modelle eingeteilt. Das direkte Modell geht davon aus, das Emotionen ursächlich psychologische und physiologische Veränderungen des Organismus hervorrufen, die dann direkt zu einer Erkrankung führen. Der indirekte Weg sind Verhaltensweisen, die nach emotionaler Erregung folgen, die ihrerseits Risikofaktoren darstellen (z. B. unangemessenes Essverhalten, Rauchen, Drogenkonsum). Bei interaktiven Modellen werden emotionale Dispositionen aufgezeigt, die Personen in die Konfrontation mit bedrohlichen Situationen einbringen und sie für Krankheiten anfälliger macht (Vulnerabilitätsaspekt). Demnach können Emotionen zu einer unangemessenen Krankheits-verarbeitung führen, welche die Genesung oder Rehabilitation beeinträchtigen. Anderseits können sie aber auch krankheitsprotektive Funktionen haben, die entweder direkt oder kompensierend das Krankheitsrisiko fördern. Die Kritik ist ähnlich wie am biomedizinischen Modell, es ist individualistisch und kurativ orientiert. Mit der übermäßigen Bedeutung des Psychischen im Krankheitsgeschehen bleiben häufig soziale Zusammenhänge aus dem Blickfeld. Zugleich sind die meisten Therapieformen zeitlich und ökonomisch enorm aufwendig, wonach Sozialschwächere oftmals nicht davon profitieren können.[17]

3.3 Das Streß-Coping-Krankheitsmodell

Das Streß-Coping-Krankheitsmodell (englisch: to cope = "bewältigen", "überwinden")[18] verknüpft das organisch-somatische Geschehen mit sozialstrukturellen Bedingungen der Betroffenen und ihr psychosoziales Erleben. Die Intensität und Pathogenität von Stressoren (unterschiedlich äußere/innere belastende Einwirkungen) ist abhängig von den Möglichkeiten der Individuen mit Belastungen umzugehen. Diese unterschiedlichen Bewältigungsmöglichkeiten spielen daher eine entscheidende Rolle in der Krankheitsentstehung und Krankheits-bewältigung. Sie können sowohl persönlicher wie kollektiver Natur sein. Unter den persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten verstehen wir Strategien um Probleme erfolgreich lösen zu können und das Gefühl „Herr der Lage“ zu sein. Ebenfalls sind Persönlichkeitsmerkmale wie zum Beispiel Selbstbewusstsein, Optimismus etc. von Bedeutung. Dabei ist auch von Interesse, dass inadäquate persönliche Bewältigungsaktivitäten, wie z.B. Gebrauch von Drogen oder Alkohol, wiederum selbst als krankheitsverursachend wirken können. Unter kollektiven Bewältigungsmöglichkeiten verstehen wir das Vorhandensein von sozialen Netzwerken, sozialer Unterstützung, sozialer Integration, also ein Bestand von positiven sozialen Beziehungen. Diese sind primär z.B. Ehepartner, Familie, Freunde und sekundär Nachbarn, Vereine oder Arbeitskollegen. Diese positiven sozialen Bindungen wirken in erster Linie bei der Krankheits-bewältigung durch Abschirmung gegenüber Belastungen bzw. Stressoren und durch Hilfe bei deren Bewältigung. Zur Kritik lassen sich folgende Punkte anführen. Soziale Belastungen werden im Stresskonzept nur wirksam, wenn sie eine psychische Korrelation aufweisen. Direkte Einwirkungen wie z.B. Schadstoffe aus der Umwelt können nicht thematisiert werden. Darüber hinaus findet die Erforschung der körperlichen Reaktion auf Stressoren meist im Labor oder bei Tierversuchen statt, welches die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen fraglich macht. Auch die festgestellten körperlichen Folgen unter chronischen Stress sind eher als Krankheitsvorboten zu bezeichnen und begründen noch keine Krankheit im medizinischen Sinne. Abschließend wird kritisiert, dass die Ursachenkette (soziale Situation>Stress>Krankheit) anhand retrospektiver Studien nicht immer eindeutig nachweisbar ist, insbesondere dann, wenn weitere Merkmale wie Bewältigung, soziale Unterstützung etc. einbezogen werden.[19]

Die Verknüpfung von medizinischen und sozialen Faktoren bei der Erscheinung Krankheit ist demgemäß vielfältig. Soziale Faktoren und Verhaltens- und Persönlichkeitsmerkmale haben bei der Krankheits-entstehung, dem Krankheitsverlauf, dem Krankheitsverhalten, den Krankheitsfolgen und der medizinischen Versorgung im Krankheitsfall einen bedeutsamen Einfluss. Diese sozialen Größen und persönlichen Dispositionen spielen ebenfalls bei dem Konzept der Salutogenese eine entscheidende Rolle, jedoch mit dem mittlerweile bekannten Perspektivwechsel.

4 Entstehungshintergrund

Aaron Antonovsky wurde 1932 in Brooklyn (USA) geboren und studierte Geschichte und Wirtschaft an der Yale-Universität. Nach seiner Auswanderung erhielt er in Jerusalem am medizinischen Zentrum der hebräischen Hadassah-Universität eine Anstellung im Institut für angewandte Sozialforschung. Dort begann er sich mit den Themen der Medizinsoziologie, speziell über den Zusammenhang zwischen Stressforschung und Gesundheit sowie Krankheit, detaillierter zu beschäftigen. Sein Konzept vertrat die Auffassung, dass Stressoren nicht grundsätzlich krank machen, sondern seinen Erkenntnissen nach, eine psychophysische Anspannung hervorrufen. Daher rückt die psychologische Komponente individueller Stressverarbeitung bei unterschiedlichen Dispositionen in den Vordergrund.[20] Dies war ein Grundbaustein für das spätere Modell der Salutogenese, welches zu einer Zeit entstand, in der das medizinische Versorgungssystem immer mehr in Kritik geriet. Die Patienten schätzten zwar zum Teil die „schnellen Lösungen“ der Schulmedizin, aber sie mussten oftmals Nebenwirkungen dafür in Kauf nehmen. Zugleich machte die Medizintechnik gewaltige Fortschritte und so war bald von der „Apparatemedizin“ die Rede. Der Patient als Mensch geriet dabei immer mehr aus den Augen und wurde zum größten Teil nur noch als statistische Größe wahrgenommen. Von politischer Seite wurden die stetigen Kostenerhöhungen, bei gleichzeitig steigenden chronisch Kranken und dem demografischen Wandel der Bevölkerung, beklagt. Auch neue aufkommende ethische Fragen konnten von medizinischer Seite nicht befriedigend beantwortet werden.[21]

Antonovsky untersuchte in den sechziger und siebziger Jahren die Anpassung von Frauen an die Menopause. (Typisch für Antonovsky, setzte sich gern über Normen und Tabus hinweg und wurde nicht selten als Nonkonformist charakterisiert). Diese Frauen stammten aus fünf ethnischen Gruppen und Subkulturen in Israel und waren zwischen 45 und 54 Jahre alt. Es war eine soziologisch-sozialpsychiatrische Studie und hatte nichts mit dem Holocaust zu tun. Erst später kam Antonovsky auf folgende Idee. Eine der Gruppen bestand aus Frauen, die einerseits vor dem Holocaust nach Palästina emigriert waren und ein anderer Teil erst nach 1945. Diese beiden Teilgruppen wurden miteinander verglichen mit der Hypothese, dass die Frauen die nach 1945 emigriert waren, sich schlechter an die Menopause anpassen würden, als diejenigen, die vor dem Holocaust nach Palästina gekommen waren. Der Hypothese lagen Annahmen zugrunde, wonach einschneidende Lebensereignisse in der Vergangenheit die aktuelle Anpassungs-fähigkeit beeinträchtigen. Diese Behauptung wurde durch die Untersuchungsergebnisse bestätigt, wobei sich jedoch eine erhebliche Minderheit (29%) der Holocaustüberlebenden, sehr gut an die Menopause angepasst hatte.[22] Und hier vollzog Antonovsky den Perspektivwechsel, indem er sich die folgende salutogenetische Frage stellte: „Woher haben diese Frauen, die so viel Schlimmes erlebt haben, die Kraft genommen, sich positiv auf die neue Lebensphase einzustellen?“[23]

Von nun an beschäftigte sich Antonovsky´s Team, darunter auch seine Ehefrau (Anthropologin und Entwicklungspsychologin), mit der Frage der Salutogenese. Dazu untersuchte er den Teil der Bevölkerung, die bestimmte Krankheiten (Symptome, Probleme) nicht hatten. Hierbei versuchte er, die von ihm gefundenen Eigenschaften der gesunden Menschen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und die salutogenen Ressourcen in der inneren (körperlichen und psychischen) und in der äußeren (sozialen, ökologischen und kulturellen) Umgebung genauer zu beschreiben. Seine Ehefrau half ihn später auf der Suche nach einem übergeordneten Begriff für das, was er beschreiben wollte, und schlug ihm das Wort Kohärenzgefühl vor (Sense of Coherence, abgekürzt SOC). Dieses spiegelt sich in der Lebenshaltung und Ideologie wieder, die auf einem persönlichen, individuellen Gefühl und auf Überzeugungen und Werten beruh; aber auch auf Erkenntnisse, Auffassungsgabe, Verständnis, Erfahrung und aktiver Auseinander-setzung, also auf einer emotionalen-kognitiven Mischung, die sich in der Person zu einem „Schema“ kristallisiert hat.[24]

Die Vorstellung von Menschen, dass Hilfe nur effizient ist, wenn das Ziel die Heilung darstellt. Das impliziert jedoch, die immer währende Hoffnung auf einen Zustand der Homöostase (Gleichgewicht), die für Antonovsky allerdings niemals zu realisieren ist, denn er sagt: „Ich gehe davon aus, dass Heterostase (Ungleichgewicht) und Leid inhärente Bestandteile menschlicher Existenz sind, ebenso wie der Tod“.[25] Aaron Antonovsky verstarb im Jahre 1994 im Alter von 71 Jahren.

5 Konzept der Salutogenese

5.1 Die salutogenetische Fragestellung

In den damaligen Jahren entwickelten sich Denkrichtungen mit diversen Bezeichnungen wie behaviorale Gesundheit, behaviorale Medizin oder Gesundheitspsychologie. Zentrum ihres Denkens war das Konzept des Lebensstils (Verhalten) des einzelnen Individuums. Der US-Minister für Gesundheit, Erziehung und Wohlfahrt äußerte sich 1979 folgendermaßen: „In der Tat zeigt eine wahre Fülle an wissen-schaftlicher Forschung (…), ob eine Person gesund oder krank sein wird, lange leben oder frühzeitig sterben wird, in einigen simplen persönlichen Gewohnheiten zu finden ist. (…) Diejenigen, die diese simplen Gewohnheiten praktizieren, lebten im Durchschnitt elf Jahre länger (…)“.[26] McKeown, einer der Ersten, der die Öffentlichkeit auf die Lebensstile-Problematik aufmerksam gemacht hatte, drückte sich gewählter aus, indem er andeutete, dass Lebensstile aus sozialen und kulturellen Organisationen hervorgehen und durch sie verstärkt werden. Antonovsky hat sich von dieser Schule distanziert, wonach für ihn „der Fluss der Strom des Lebens ist“. In den zuvor genannten Aussagen würden nach Antonovsky, demnach Menschen aus freiem Willen in den Fluss springen und sich weigern, schwimmen zu lernen.[27]

Die folgende Metapher verdeutlicht vielmehr die salutogenetische Vorstellung vom Leben und versucht die Antwort auf das Kohärenz-gefühl in einen geeigneten gemeinsamen Kontext zu bringen: „Meine fundamentale philosophische Annahme ist, dass der Fluss der Strom des Lebens ist. Niemand geht sicher am Ufer entlang. Darüber hinaus ist für mich klar, dass ein Großteil des Flusses sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinn verschmutzt ist. Es gibt Gabelungen im Fluss, die zu leichten Strömungen oder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen.“[28]

Daraus ergab sich folgende Frage für Antonovsky: „Wie wird man, wo immer man sich in dem Fluss befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbestimmungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer“.[29] Dabei spielen Persönlichkeits-eigenschaften eine entscheidende Rolle. Diese Eigenschaften spiegeln sich im Kohärenzgefühl (worauf ich später noch detaillierter eingehen möchte) wieder, welches nicht ausschließlich, jedoch zu einen wesentlichem Anteil bestimmt, wie gut wir schwimmen. Dadurch kommen Menschen mit den Gegebenheiten des Flusses unterschiedlich gut oder schlecht zurecht. Die Verknüpfung der verschiedenen Eigenschaften des Flusses und der schwimmenden Menschen ergibt ein Modell zur Erklärung von Gesundheit.[30]

Für Antonovsky ist hierbei die dominierende Schulmedizin ein wohlorganisierter, gewaltiger und hochtechnologisierter Apparat, der bemüht ist, Ertrinkende aus dem Fluss zu retten. Dabei jedoch äußerst selten, ihren Blick stromaufwärts richtet, um zu schauen was passiert ist und/oder was die Menschen in den reißenden Fluss stößt.[31] Dabei bestimmen doch gerade gesundheitspolitische Rahmenbedingungen und Vorrausetzungen den Flussverlauf. Diese könnten ihn entschärfen oder den Menschen das Schwimmen beibringen.[32] Und hier liegt die Stärke der Salutogenese, mit der positiven Aussage, dass es ein Potenzial gibt, welches die Chance erhöht gesund zu bleiben. Sie sieht nicht nur das Fehlende oder Defizitäre wie die Schulmedizin, sondern betrachtet den Menschen im Ganzen und nimmt den Patienten nicht als krank wahr, sondern als vielleicht weniger gesund, mit eigenem positiven Reservoir der Krankheit entgegen zutreten.

Daher hebt Antonovsky den Gegensatz zur Pathogenese (Entstehung und Entwicklung einer Krankheit)[33] des biomedizinischen Ansatzes hervor. Salutogenese ist nicht nur die Kehrseite einer pathogenetischen orientierten Sichtweise und auch nicht das Gegenteil in dem Sinn, dass es nun um die Entstehung und Erhaltung von Gesundheit als einen absoluten Zustand geht, sondern um einen Prozess, die Menschen als mehr oder weniger gesund oder krank zu betrachten. Demzufolge lautet die salutogenetische Frage: Wie wird ein Mensch mehr gesund und weniger krank?[34]

5.2 Kritik am Gesundheitswesen

Die pathogenetische Betrachtungsweise kennzeichnet unser gegenwärtiges System und somit handelt es sich mehr um eine Krankenversorgung als um ein Gesundheitssystem in deren Mittelpunkt Beschwerden, Symptome oder Schmerzen der Patienten stehen. Dabei werden gesunde Anteile der Patienten nicht wahrgenommen oder gefördert. Im Vordergrund steht die möglichst schnelle Beseitigung des Defizitären, also der Symptome und Beschwerden, um den Menschen wieder arbeitsfähig zu machen.[35] Betrachtet man die Gesundheits-ausgaben, ist der geforderte Dreischritt, von gesundheitswissen-schaftlicher und gesundheitspolitischer Seite her, aus Vorbeugung, Kuration und Rehabilitation in der Praxis noch nicht durchgesetzt. Auch wenn das Gesetz zur Reform aus dem Jahre 2000, insbesondere durch die Novellierung des § 20 SGB V, mit der neuen Schwerpunktsetzung in Richtung Gesundheitsförderung und Prävention erfolgte.[36]

Aber gerade der Mensch als eigenständige und ganz individuelle Person wird oftmals im Gesundheitssystem vernachlässigt. Ich denke hier zum Beispiel an die morgendliche Visite am Krankenbett der Patienten. Da geht es selten um den Patienten selbst, mit seinen Ängsten, Hoffnungen und Fragen, sondern alles dreht sich um die Krankheit und deren Behandlung bzw. Behandlungsverlauf und eventuellen Besonderheiten die vielleicht für eine gerade aktuelle Studie von Relevanz sein könnten. Von einer Beteiligung oder gar Partizipation der Patienten kann oftmals nicht die Rede sein. Im Gegenteil, meist wird über den Patienten und dessen Schicksal hinweg entschieden, ohne ihn je gefragt zu haben. Diese morgendliche Traube schafft es oftmals nicht einmal ihren Patienten einen „Guten Morgen“ zu wünschen. Darüber hinaus finden akademische Spielereien statt, wo Assistenzärzte ihren Vorgesetzten alles mundgerecht präsentieren, um diesen zu beeindrucken. Amerikanische Soziologen haben herausgestellt, dass Patienten durchschnittlich schon nach
18 Sekunden vom Arzt unterbrochen werden, wenn sie diesem ihre Probleme oder Leiden beschreiben wollen.[37] Dabei schrieb schon Paracelsus (1493-1541): „Der Patient ist selbst der wahre Arzt – wir Ärzte sind nur seine Gehilfen“.[38]

[...]


[1] Artikel Salutogenese. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 17. März 2007,
URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Salutogenese&oldid=29283015

[2] Vgl. Köppel, M.: Salutogenese und Soziale Arbeit. Lage 2003, S. 46 Diagramm A1

[3] Vgl. Ebd., S. 47 Diagramm D1

[4] Vgl. Ebd., S. 47 Diagramm D1

[5] Vgl. Ebd., S. 49 Diagramm A2

[6] Vgl. Ebd., S. 41 Tabelle 3

[7] Vgl. Artikel Krankheit. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. März 2007, URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Krankheit&oldid=29843221

[8] Vgl. Ebd.

[9] Glossar – Begriff: Gesundheit. In: Bundesministerium für Bildung und Forschung. URL: http://www.bmbf.de/glossar/glossary_item.php?GID=97&N=G&R=16

[10] Vgl. Flick, U.: Wann fühlen wir uns gesund? Subjektive Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit. Weinheim und München 1998, S. 33

[11] Glossar – Begriff: Gesundheit. In: Bundesministerium für Bildung und Forschung. URL: http://www.bmbf.de/glossar/glossary_item.php?GID=97&N=G&R=16

[12] Schiffer, E.: Wie Gesundheit entsteht. Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung. Weinheim und Basel 2001, S. 39

[13] Vgl. Artikel Gesundheit. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 9. April 2007,

URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gesundheit&oldid=30304727

[14] Vgl. Bengel, J. / Strittmatter, R. / Willmann, H.: Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese - Diskussionsstand und Stellewert. Köln 2001, S. 28

[15] Schiffer, E.: Wie Gesundheit entsteht. Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung. Weinheim und Basel 2001, S. 41

[16] Vgl. Waller, H.: Sozialmedizin. Grundlagen und Praxis. Stuttgart 2002, S. 15 ff.

[17] Vgl. Ebd., S. 18 ff.

[18] Vgl. Artikel Bewältigungsstrategie. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 30. März 2007, URL:http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bew%C3%A4ltigungsstrategie&oldid=29882600

[19] Vgl. Waller, H.: Sozialmedizin. Grundlagen und Praxis. Stuttgart 2002, S. 23 ff.

[20] Vgl. Lorenz, R.: Salutogenese. Grundwissen für Psychologen, Mediziner, Gesundheits- und Pflegewissenschaftler. München 2004, S. 19

[21] Vgl. Köppel, M.: Salutogenese und Soziale Arbeit. Lage 2003, S. 20

[22] Vgl. Schüffel / Brucks / Johnen / Köllner / Lamprecht / Schnyder: Handbuch der Salutogenese. Konzept und Praxis. Wiesbaden: Ullstein 1998, S. 13

[23] Ebd., S. 13

[24] Vgl. Ebd., S. 14

[25] Lorenz, R.: Salutogenese. Grundwissen für Psychologen, Mediziner, Gesundheits- und Pflegewissenschaftler. München 2004, S. 20

[26] Antonovsky, A.: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen 1997, S. 91

[27] Vgl. Ebd., S. 91 f.

[28] Antonovsky, A.: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen 1997, S. 92

[29] Ebd., S. 92

[30] Vgl. Ebd., S. 92

[31] Vgl. Ebd., S. 91

[32] Vgl. Felder-Stocker, B. / Jeger-Bernhard, C. / Kaufmann, M.: Was macht es aus, dass… . Das Konzept der Salutogenese nach Aron Antonovsky. Eine Anwendungsmöglichkeit in der sozialen Arbeit. Luzern 1999, S. 20

[33] Vgl. Artikel Pathogenese. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 26. März 2007,

URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Pathogenese&oldid=29711254

[34] Vgl. Felder-Stocker, B. / Jeger-Bernhard, C. / Kaufmann, M.: Was macht es aus, dass… . Das Konzept der Salutogenese nach Aron Antonovsky. Eine Anwendungsmöglichkeit in der sozialen Arbeit. Luzern 1999, S. 19

[35] Vgl. Ebd., S. 10 f.

[36] Vgl. Köppel, M.: Salutogenese und Soziale Arbeit. Lage 2003, S. 10

[37] Vgl. Grönemeyer, D.: Mensch Bleiben. High-Tech und Herz- eine liebevolle Medizin ist keine Utopie. Freiburg im Breisgau 2003, S. 30

[38] Ebd., S. 5

Details

Seiten
70
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638846936
ISBN (Buch)
9783638849494
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80298
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
2,0
Schlagworte
Konzept Aaron Antonovsky Salutogenese Thema Salutogenese
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