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Durch Glauben zur Freiheit? Zu Charakter und Intention des Philemonbriefs

Seminararbeit 2007 12 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Philemonbrief
2.1. Zur Entstehungssituation
2.2. Die Intention des Paulus
2.3. Zur Frage nach dem programmatischen Charakter des Philemonbriefs

3. Ausblick: Über den Umgang der alten Kirche mit der Sklaverei

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Zusammenhang mit der bis in die heutige Zeit z. T. heftig diskutierten Frage, wie das Verhältnis des antiken Christentums zum Phänomen der Sklaverei zu beschreiben oder gar zu bewerten sei,[1] ist der neutestamentliche Brief des Apostels Paulus an Philemon von erheblichem Stellenwert, äußert sich doch der einflussreiche Initiator des Schreibens zu einem ihn unmittelbar betreffenden Fall besagter Sklaverei. Freilich fehlt es diesen Äußerungen z. T. an Eindeutigkeit, weshalb die Haltung des Paulus zur Sklavenfrage von den Auslegern durchaus unterschiedlich beurteilt wurde und wird.

Die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit ist es nun, den Philemonbrief hinsichtlich seines Charakters sowie der ihm zu Grunde liegenden Intention einer näheren Analyse zu unterziehen und auf diese Weise zu klären, ob bzw. inwiefern er Norm setzende, für christliche Sklavenbesitzer relevante Handlungsaufforderungen, konkret: den direkten oder indirekten Aufruf zu einer allgemeinen Sklavenfreilassung enthält.

Die Erarbeitung des Gegenstandes wird in den folgenden Schritten durchgeführt:

Zunächst erhält eine knappe, für das Verständnis des Weiteren unerlässliche Darstellung der Entstehungssituation des Briefes und seines Inhalts Raum. Anschließend werden die Ziele, welche Paulus mit seinem Schreiben an Philemon verfolgt, aus dem Text erschlossen. Ein Akzent wird hierbei auf die Frage gelegt, ob der Apostel eine Freilassung des Sklaven Onesimus erwirken wollte. In diesem Kontext sind die Mittel der Argumentation, derer sich Paulus bedient, von besonderem Interesse. In einem nächsten Schritt kommt das Problem zur Sprache, ob und inwiefern der Philemonepistel im Hinblick auf ihre eigentliche Zielsetzung ein programmatischer Charakter zugesprochen werden kann. Zur Kontexterweiterung ist dem bisher Erarbeiteten ein kurzer Ausblick hinsichtlich des Umgangs der (nachpaulinischen) alten Kirche mit der Sklaverei nachgestellt. Eine Zusammenfassung der erzielten Resultate erfolgt im Fazit.

2. Der Philemonbrief

2.1. Zur Entstehungssituation

Der Philemonbrief ist das mit Abstand kürzeste der uns überlieferten paulinischen Dokumente. Dass es sich bei seinem Verfasser tatsächlich um den Apostel Paulus handelt, ist in der Vergangenheit nur selten und auf wenig überzeugende Weise in Frage gestellt worden, spricht doch zu viel in Struktur und Stil des Briefes für die Urheberschaft des Mannes aus Tarsus.[2]

Wie aus V. 1 des Schreibens, in dem sich Paulus als „Gefangener Christi Jesu“[3] bezeichnet, hervorgeht, befinden sich der Apostel und einige seiner Mitstreiter (vgl. V. 23f.) zur Zeit der Abfassung in Gefangenschaft, welche als Konsequenz ihrer religiösen Verkündigungstätigkeit anzusehen ist. Der Ort dieser Gefangenschaft ist nicht mit Sicherheit zu lokalisieren, jedoch erweist sich aus den von den Auslegern erwogenen Möglichkeiten - Rom, Caesarea und Ephesus - letztere zusammen mit einer Datierung des Briefs zwischen 51 und 55 als die wahrscheinlichste.[4]

Hier nun wird Paulus von dem Sklaven Onesimus aufgesucht, welcher sich eigenstän-dig von seinem Herrn Philemon, dem Leiter einer christlichen Hausgemeinde ( vgl. V. 2), entfernt hat, um den Apostel in einer uns unbekannten Streitsache zwischen ihm und Philemon um Fürsprache und Vermittlung zu bitten.[5] Paulus bekehrt Onesimus zum Christusglauben (vgl. V. 10) und verfasst einen Brief an den Herrn seines Schützlings und dessen Hausgemeinde mit der Bitte, ebenjenen, obwohl er ihn am liebsten zu Missionszwecken bei sich behalten hätte (vgl. V. 13) „nicht länger als einen Sklaven, sondern mehr als einen Sklaven, als einen geliebten Bruder“ (V. 16) aufzunehmen.[6] Daraufhin schickt Paulus den neugewonnenen Glaubensbruder mitsamt dem Brief zu Philemon zurück (vgl. V. 12).[7]

2.2. Die Intention des Paulus

Die Ziele, welche Paulus mit seinem Schreiben an Philemon verfolgt, erreichen ihren Adressaten im Rahmen einer wohldurchdachten Argumentation:

Die auf den Briefeingang folgenden Verse 4 bis 7 bestehen aus einem einzigen Lobpreis der (christlichen) Liebe Philemons, welche dem Apostel „viel Freude und Trost“ (V. 7) bereitet habe. Dies mag durchaus zutreffen. Wichtiger für den weiteren Verlauf des Briefs, indem Paulus seine eigentlichen Anliegen zum Ausdruck bringen wird, ist allerdings die Tatsache, dass der Schreiber den Adressaten durch sein Lob moralisch erheblich unter Druck setzt, impliziert jenes doch die Forderung nach weiterem von Nächstenliebe geprägten Verhalten. Mehr Nachdruck verleiht Paulus seiner Sache in den folgenden beiden Versen, worin er betont, dass er kraft seiner apostolischen Autorität dem Angesprochenen das angemessene Verhalten „gebieten“ könnte, solches aber zugunsten eines weiteren Appells an die Liebe Philemons unterlasse (V. 8f.). Zu diesem rhetorischen (Druck-) Mittel, dessen sich der Apostel bedient, schreibt Nor-man R. Petersen treffend: „As an expressed substitute for commanding, the appeal only very thinly masks a command, for behind the formal appeal is the stated authori-ty to command.“[8] Die bisherige Art der Argumentation wird nun im Folgenden ergänzt durch das Hervorheben der sehr hoch zu veranschlagenden Bedeutung, die der Christ gewordene Onesimus für Paulus offenbar hat: So bezeichnet dieser den Skla-ven als “mein Kind” (V. 10) und „mein Herz“ (V. 12), identifiziert sich also mit ihm. Demgemäß müsste eine Zurückweisung der im folgenden Text formulierten Bitten des Paulus, die ja auf eine Verbesserung der Lebenssituation des Onesimus abzielen, eine Missachtung und persönliche Verletzung des ersteren bedeuten, auf die Philemon es sicherlich nicht ohne Weiteres ankommen zu lassen bestrebt ist. Dass Paulus es tatsächlich ernst mit dem Sklaven meint geht aus den Versen 13f. hervor, in denen er darlegt, dass er Onesimus ursprünglich bei sich behalten wollte, „damit er statt deiner mir diene in den Fesseln des Evangeliums.“ (V. 13). Jedoch war es ihm daran gelegen, ohne den Willen des eigentlichen Besitzers nichts zu unternehmen (vgl. V. 14). Paulus bittet Philemon also an dieser Stelle, unter formaler Anerkennung der Besitz- und Verfügungsrechte des Sklavenhalters,[9] ihm Onesimus als Mitarbeiter zu überlassen. Die offenkundig auf den rechtlichen Status des letzteren anspielende Wendung „in den Fesseln“ kann als erster Hinweis darauf gewertet werden, dass Paulus wahrscheinlich eine Freilassung[10] das Sklaven zu erwirken versucht, bezeichnet sie doch mit dem Zusatz „des Evangeliums“ eine neue Qualität der „Gefangenschaft“, deren Gegensatz die irdischen, menschlichen Fesseln sind. Der oben zitierte V. 16 kann ebenfalls als indirekter Aufruf zur Befreiung interpretiert werden. Auf jeden Fall propagiert er eine religiös motivierte Veränderung der Qualität des Umgangs zwischen dem Sklaven und seinem Herrn, womit Paulus doch erheblich „von der Mit-te seines Evangeliums her in eine konkrete soziale Situation hineinargumentiert.“[11], freilich ohne die letzte Hemmschwelle zu überschreiten. In den Versen 17f. verstärkt der Apostel die eigene Identifikation mit seinem Schützling, indem er zum einen Philemon darum bittet, Onesimus aufzunehmen, wie sich selbst, und zum anderen anbietet, den durch den Sklaven evtl. entstandenen Schaden aus eigenen Mitteln zu begleichen. Auf dieses Angebot folgt nun die unzweideutige Aussage „ich brauche dir nicht zu sagen, daß du auch dich selbst mir schuldig bist“ (V. 19), die wohl im religiösen Sinne zu verstehen ist. Paulus verlangt also die ersatzlose Straffreiheit für Onesimus und damit den „freiwilligen“ Verzicht Philemons auf die Wahrnehmung eines ihm zustehenden Rechts. Am deutlichsten wird der Apostel schließlich zum Ende des brieflichen Hauptteils, worin er schreibt, dass „ich deinem Gehorsam vertraue“ (V. 21) und dass „ich weiß, daß du auch mehr tun wirst, als ich sage“ (ebd.). Zwar ist Paulus mit seinem „Vertrauen auf Gehorsam“ keine direkte Anmaßung vorzuwerfen, da es sich rein formal lediglich auf die beiden direkten, harmlosen Forderungen[12] des Briefes beziehen kann, nämlich diejenige, das Herz des Schreibers zu erquicken (vgl. V. 20), und die, dem Apostel nach seiner Haftentlassung eine Herberge zu bereiten (vgl. V. 22). Jedoch dürfte dem Empfänger klar gewesen sein, dass Paulus vornehm-lich seine indirekten Anliegen, die freundliche Aufnahme Onesimus’, die Straffreiheit für denselben, seine Überstellung an den Apostel zu Missionszwecken sowie die Entlassung des Sklaven in die Freiheit realisiert sehen wollte.[13]

[...]


[1] So reichen die Meinungen über die Einstellung der damaligen maßgeblichen Vertreter der noch jungen neuen Religion vom Vorwurf des Zynismus gegenüber den Sklaven bis hin zur Glorifizierung des Christentums als Befreiungslehre, welche insbesondere durch den Einfluss des Paulus langfristig das offenkundige Übel der Sklaverei beseitigt habe. Zu den verschiedenen Positionen vgl. Finley, Moses I.: Die Sklaverei in der Antike. Geschichte und Probleme, Frankfurt a. M. 1985, S. 13-19, sowie Laub, Franz: Die Begegnung des frühen Christentums mit der antiken Sklaverei, Stuttgart 1982 (= Stuttgarter Bibelstudien; 107), S. 8f.

[2] Vgl. Eckey, Wilfried: Die Briefe des Paulus an die Philipper und an Philemon. Ein Kommentar, Neukirchen-Vluyn 2006, S. 147f.

[3] Für den Urtext vgl. Novum Testamentum Graece, post Eberhard et Erwin Nestle editione vicesima septima revisa communiter ed. Barbara et Kurt Aland / Johannes Karavidopulos / Carlo M. Martini / Bruce Metzger, Stuttgart 271993. Die in dieser Arbeit verwendeten Bibelzitate sind in der dem Urtext sehr nahestehenden Übersetzung der Elberfelder Bibel, revidierte Fassung, Wuppertal und Zürich, 3. Sonderauflage 1992 wiedergegeben. Die Versangaben sind aus praktischen Gründen, in Klammern gefasst, in den Fließtext eingebunden.

[4] Ausführlich zu Ortsfrage und Datierung vgl. Eckey, a. a. O., S. 20-31, sowie Arzt-Grabner, Peter: Philemon, Göttingen 2003 (= Papyrologische Kommentare zum Neuen Testament; 1), S. 72ff. und 76f. Jürgen Roloff, der, ohne eine nähere Begründung zu geben, als Gefängnisort Rom annimmt, datiert den Brief auf das Jahr 58. Vgl. Roloff, Jürgen: Einführung in das Neue Testament, Stuttgart 2003, S. 91.

[5] Aus der unerlaubten Entfernung des Sklaven von seiner Hausgemeinschaft schließen die meisten Forscher, es handle sich bei Onesimus um einen fugitivus, einen flüchtigen Sklaven [so z. B. Lohse, Eduard: Umwelt des Neuen Testaments, 81989 (= Grundrisse zum Neuen Testament; 1), S. 157]. Dagegen lässt sich jedoch nicht nur die sich gleichsam von selbst aufdrängende Frage ins Feld führen, weshalb sich denn ein flüchtiger Sklave, dessen Absicht es ist, nicht in seine alte Hausgemeinschaft zurückzukehren, zu einem guten Freund seines Herrn begeben sollte: Wilfried Eckey macht darauf aufmerksam, dass es nach römischer Rechtsauffassung für einen Sklaven ein durchaus legitimes Mittel war, im Konfliktfall einen Freund des pater familias als ausgleichende Instanz einzuschalten. Vgl. Eckey, a. a. O., S. 150-152. Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Meinung von Peter Arzt-Grabner, gemäß derselben Onesimus zwar kein fugitivus, aber immerhin ein „Herumtreiber“ gewesen sei, wenig plausibel. Vgl. Arzt-Grabner, a. a. O., S. 101-108.

[6] Näheres zum Anliegen des Paulus ist dem folgenden Abschnitt (2.2.) zu entnehmen.

[7] Wo genau der Wohnort des Philemon zu lokalisieren sei, ist in der Forschung umstritten: Eckey bleibt bei der traditionellen Auffassung, wonach das phrygische Kolossae als Zielort des Philemon-briefs anzusehen ist. Er begründet dies mit der Übereinstimmung einiger Namen aus dem deuteropauli-nischen Kolosserbrief mit solchen aus der Philemonepistel, sowie der Beliebtheit, welcher sich diese Namen gerade im westlichen Kleinasien erfreuten. Vgl. Eckey, a. a. O., S. 153f. Arzt-Grabner zieht die überkommene Meinung verschiedentlich in Zweifel und geht von einem Ort zwischen Ephesus und Philippi aus. Vgl. Arzt-Grabner, a. a. O., S. 80f. Roloff, der, wie bereits erwähnt, Rom als Stätte der Gefangenschaft des Paulus annimmt, sieht das Domizil Philemons im Umkreis der Reichshauptstadt. Vgl. Roloff, a. a. O., S. 144f.

[8] Petersen, Norman R.: Rediscovering Paul. Philemon and the Sociology of Paul’s Narrative World, Philadelphia 1985, S. 132.

[9] Vgl. Laub, a. a. O., S. 68.

[10] An dieser Stelle sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Ansicht, der Philemonbrief beinhalte die Aufforderung, Onesimus aus seinem Sklavenstatus zu entlassen, sicherlich zu begründen, aber nicht zu beweisen ist, also eine anzweifelbare Deutung bleiben muss: Vorausgesetzt, er habe Ent-sprechendes beabsichtigt, versteht sich von selbst, dass die einflussreiche, religiöse Führungsperson Paulus es tunlichst vermied, einen direkten Appell zur Befreiung eines Sklaven auszusprechen, hätte er damit doch massiv und ohne Befugnis in die Rechte des angesehenen pater familias einzugreifen versucht und somit ein wesentliches Prinzip der römischen Gesellschaftsordnung in Frage gestellt. Dies wäre der Genese des noch werdenden Christentums nicht zuträglich gewesen.

Obwohl also ein klarer Beweis nicht zu erbringen ist, muss die These von der Forderung des Paulus nach Freiheit für den Sklaven Onesimus immerhin ernstgenommen werden. Vertreter der besagten These sind u. a. Eckey, a. a. O., S. 176, Roloff, a. a. O., S. 144 sowie Stegemann, Ekkehard: Philemon-brief, in: Wörterbuch des Christentums, hg. von Volker Drehsen u. a., München 1995, S. 966.

[11] Laub, a. a. O., S. 74.

[12] Alle anderen Forderungen innerhalb des Briefes sind indirekt formuliert oder an Bedingungen geknüpft.

[13] Dass mit dem „mehr“ aus V. 21 letzteres Anliegen gemeint ist, scheint plausibel, zumal Paulus eher daran interessiert sein musste, freie und somit, relativ gesehen, flexiblere Mitarbeiter zu haben.

Details

Seiten
12
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638889452
ISBN (Buch)
9783638889612
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80577
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Schlagworte
Durch Glauben Freiheit Charakter Intention Philemonbriefs Paulus Bibel Neues Testament

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