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"Ich bin ein Knabe: ich will kein Mädchen sein!" Ein Vergleich der Geschlechtlichkeit Mignons in Goethes "Wilhelm Meisters theatralische Sendung" und "Wilhelm Meisters Lehrjahre"

Seminararbeit 2005 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Einführung und Kauf Mignons
2.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
2.2. Wilhelm Meisters Lehrjahr

3. Mignons erster Anfall und sein Kontext
3.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
3.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre

4. Mignon und Wilhelm
4.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
4.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre

5. Die Geschlechtlichkeit Mignons
5.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
5.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre

6. Die Bedeutung der Geschlechtlichkeit für die Figur Mignon
6.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
6.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre

7. Die Geschichte und Biologisierung Mignons
7.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
7.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre

8. Zusammenfassender Vergleich der Figur Mignon in Wilhelm

Meisters Theatralische Sendung und Wilhelm Meisters Lehrjahre

Bibliographie

1. Einleitung

Das Geschlecht ist ein Merkmal, das zu jedem Menschen gehört. Es berührt uns in alltäglichen Situationen, Frauen bekommen jeden Monat ihre Periode und Männer werden während der gemeinschaftlichen Dusche nach dem Fußballtraining mit der Angst konfrontiert, im Vergleich zu ihrem Nebenmann schlechter abzuschneiden.

Bei vielen Menschen ist es nicht nur auf Grund ihres Verhaltens, sondern auch anhand ihres Äußeren zu erkennen, welchem Geschlecht sie angehören, doch gibt es mittlerweile viele, die sich in einem falschen Körper geboren fühlen oder einfach gerne in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpfen. In wie weit muss das Geschlecht für einen Menschen überhaupt eindeutig festgelegt sein? Kann ein Mensch heutzutage nicht selbst festlegen, welchem Geschlecht er angehören möchte? Das sind unter anderem Fragen, mit welchen sich Forscher, Wissenschaftler und Schriftsteller beschäftigen, für die aber bisher keine eindeutige Antwort gefunden werden konnte.

Jean-Jacques Rousseau hat einmal gesagt: „Sage mir, Kind, hat denn die Seele ein Geschlecht?“ Mit dieser Frage spricht er an, dass den Menschen eigentlich die Seele, und nicht das Geschlecht ausmacht. Geschlecht sei oberflächlich, der Mensch denke, spreche und handle als Mensch und eben nicht als Mann oder Frau.

Die Thematik des Geschlechts, seiner Bedeutung in der Gesellschaft sowie für den Menschen selbst ist auch in der Literatur oft zu finden: Über theoretische Texte, die das Geschlecht und seine Alternativen diskutieren bis hin zu Dramen und Romanen, die sich mit diesem Thema beschäftigen oder ihre Figuren als Träger dieser Problematik benutzen.

Johann Wolfgang Goethe hat diesen Stoff innerhalb seiner Wilhelm Meister- Romane aufgegriffen. Seine Figur der Mignon ist ein Geschöpf, das sich nicht auf Anhieb als Junge oder Mädchen einordnen lässt. Er spielt bewusst mit der Geschlechtlichkeit Mignons, was verschiedene Reaktionen bei den Figuren im Text, aber auch beim Leser hervorruft. Das Fragment Wilhelm Meisters Theatralische Sendung ist die Urfassung seines fertig gestellten Romans Wilhelm Meisters Lehrjahre. Doch nicht nur Titel und Länge der Urfassung haben sich geändert, vor allem auch erfahren bestimmte Personen eine Wandlung in ihrer Anlage und in deren Ausführung. Allen voran Mignon, eine in der Forschung viel diskutierte und heiß umstrittene Figur.

In der vorliegenden Arbeit soll nun diese Wandlung von Ur- zu Endfassung unter dem speziellen Aspekt der Geschlechtlichkeit aufgeführt, verglichen und analysiert werden.

2. Einführung und Kauf Mignons

2.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung

Die Figur Mignon wird im 3. Buch, 2. Kapitel zum ersten Mal angedeutet, ohne dass sie allerdings über ihren Namen oder ihr Geschlecht genauer definiert wird. Nur durch die lobende Erwähnung ihres Eiertanzes durch einen Fremden kann man rückblickend darauf schließen, dass mit dem gewissen Kind (TS[1], 123) Mignon gemeint ist. Erst im nächsten Kapitel begegnet Wilhelm Mignon persönlich und ist sehr erstaunt über das Geschöpf: (…) und indem kam ein junges Geschöpf die Treppe heruntergesprungen, das seine Aufmerksamkeit erregte. (…) Er sah es scharf an und konnte nicht gleich einig werden, ob er es für einen Knaben oder für ein Mädchen halten sollte, doch entschied er sich bald für das letztere und grüßte, als sie bei ihm vorbeikam, mit einem Guten Morgen diese Erscheinung, fragte, ob etwa Herr und Frau Melina schon aufgestanden wären (TS, 127). Bereits in diesem ersten Auftritt Mignons wird die Uneindeutigkeit ihres Geschlechts thematisiert, welche sich durch das ganze Fragment ziehen wird. Eine direkte oder geschlechtszuordnende Bezeichnung wird vermieden und auf neutrale Begriffe, wie hier zum Beispiel das Geschöpf und zuvor das Kind, ausgewichen. Lediglich die Beschreibung der Frisur, die langen Haare, Locken und Zöpfe lassen den Leser die Entscheidung Wilhelms, Mignon als Mädchen zu definieren, nachvollziehen.

Die Geschichte Mignons, soweit bekannt, wird Wilhelm von Madame Melina erzählt. Es ist also nicht Wilhelm, der Mignon für den Wert ihrer Kleidung auslöst, sondern die Theaterdirektrice Madame de Retti, und der Kauf hat demnach bereits stattgefunden. Madame de Retti erhofft sich davon einen Ersatz für eine entführte Schauspielerin ihrer Truppe. Hier tritt offensichtlich der Aspekt der ‚Brauchbarkeit’ hinzu, da Madame de Retti in Mignon nur ihre mögliche Funktion erkennt und nicht etwa ihre Eigenschaften und ihren Wert als Mensch. Auch Madame Melina zeigt sich ‚unmenschlich’, sieht in Mignon nur eine Kreatur (TS, 130) sowie ihre Unbrauchbarkeit. Dennoch scheint sie Mignon eindeutig als Mädchen erkannt zu haben, sagt sie doch selbst zu Wilhelm: Unter anderem war auch dieses Kind dabei, ein Mädchen, (…) (TS, 128). Mignon sammelt eifrig Geld, um sich irgendwann bei der Direktrice freikaufen zu können. Ihre Freiheit ist also unmittelbar an Geld gebunden.

Das in den Lehrjahren positiv konnotierte Sonderbare und Geheimnisvolle, das dort schon zu Beginn sehr eng mit Mignon verknüpft ist, richtet sich hier mehr ins Negative, da Madame Melina unter anderem nur von ihrem außergewöhnlichen Starrsinn und ihrer Unbrauchbarkeit redet. Durch Wilhelm, als er sich mit dem Mädchen bekannt gemacht und ihren Namen erfahren hat, rückt diese Eigenartigkeit und Besonderheit in ein besonderes Licht, und er wird von Mignon wie magisch angezogen. Madame Melina dagegen behandelt dieses Sonderbare, das sich für sie zum Beispiel in Mignons ungewöhnlichen Gesten zeigt, eher abfällig und als unnormal : »Was soll nun diese Gebärde bedeuten?«, sagte Frau Melina, »das ist wieder etwas Neues, so hat sie alle Tage etwas Sonderbares« (TS, 131). Aufgrund der Beschreibungen durch Madame Melina und ihres eigenen unnahbaren Auftretens, erscheint Mignon zunächst als eine unnütze und ‚talentfreie’ Kreatur, bis sie von Wilhelm ins Geheimnisvolle und Wunderbare erhoben wird.

2.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre

Anders als in der Theatralischen Sendung wird Mignon nicht indirekt über einen Dritten in die Handlung eingeführt, sondern über den Protagonisten selbst. Auch hier wird, wie in der Urfassung, die Uneindeutigkeit des Geschlechts von Mignon angesprochen und es fallen neutrale Bezeichnungen wie ein junges Geschöpf (LJ[2], 97) oder die Gestalt (LJ, 97). Die Szene ihrer ersten Begegnung mit Wilhelm wurde von Goethe aus der Theatralischen Sendung übernommen, mit den nachfolgenden Szenen und der Entwicklung der Beziehung zwischen Wilhelm und Mignon verhält es sich jedoch ganz anders: Da die Berichterstattung Madame Melinas fehlt, weiß Wilhelm absolut nichts über das Kind, vielmehr versucht er sich selbst ein Bild von ihm zu machen. Durch die Tatsache, dass Mignon von ihm, und nicht von der Theaterdirektrice, sowie in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit gekauft wird, wird die Verbindung zwischen Wilhelm und Mignon direkt anders definiert: Wilhelm macht sie sich durch den Kauf regelrecht zu Eigen und bindet sie mit Hilfe einer Ablösesumme an sich. Mignon ist bereit, Wilhelm bedingungslos zu dienen. Durch die nicht stattfindende Berichterstattung durch Madame Melina fehlen die Aspekte der Brauchbarkeit und des Geldes, wie sie stark in der Urfassung zu finden waren; Mignon bleibt frei von der Behaftung mit materialistischen Gesinnungen, was sie umso reiner und natürlicher wirken lässt. Durch diese fehlende Akzentuierung bleibt ein größerer Raum für die Sonderbarkeit und das Wunderbare, was die Rätselhaftigkeit Mignons unterstreicht: Wilhelm konnte sie nicht genug ansehen. Seine Augen und sein Herz wurden unwiderstehlich von dem geheimnisvollen Zustande dieses Wesens angezogen (LJ, 105). Wilhelms Interesse an dem Kind ist geweckt, und durch den Kauf kann er es auf längere Zeit an sich binden.

3. Mignons erster Anfall und sein Kontext

3.1. Wilhelm Meisters theatralische Sendung

Mignons Anfall, der stark an epileptische Zuckungen erinnert, findet sich im 4. Buch, 16. Kapitel. Mignon hat belauscht, dass Wilhelm die Gesellschaft und auch sie verlassen will und fühlt sich von ihm stark vernachlässigt, worauf sie mit diesen tiefen Empfindungen reagiert. Die Szene wirkt sehr bedrückend. Mignon kniet vor Wilhelm, und Weinen und krampfartige Zuckungen lösen sich ab. Wilhelm ist total verwirrt über diesen Ausbruch Mignons, und er überschüttet sie mit vielen Zärtlichkeiten und Küssen. Die letzte Distanz zwischen den beiden bröckelt und beide sind bereit für das, was noch kommen wird: Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich im stillen genährt, eine Treue, die sich im verborgenen befestigt hat, endlich dem, der ihrer bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahe kömmt und offenbar wird. Die lang und streng verschlossene Knospe war reif, und Wilhelms Herz konnte nicht empfänglicher sein (TS, 230). Während des Anfalls wird die Verbindung zwischen Wilhelm und Mignon intensiviert und definiert[3], ein ‚Vater-Kind-Verhältnis’ wird angelegt. Auffallend ist, dass in der Szene vor und nach dem Anfall Mignon mit männlichen Pronomen belegt wird, während des Anfalls jedoch mit weiblichen[4]. Durch dieses Oszillieren der Geschlechterzuweisung wird die Uneindeutigkeit und Sonderbarkeit der Figur Mignon stark hervorgehoben. Nach dieser sehr intensiven Szene zwischen Wilhelm und seinem Kind wird nicht weiter darauf eingegangen, Mignon wird eher in den Hintergrund gedrängt und die mutmaßliche Bedeutung der Szene wird geschwächt. Wilhelm hat sich lediglich dazu entschieden, doch bei der Theatergesellschaft zu bleiben und mit ihnen auf das gräfliche Schloss zu ziehen, jedoch wird nirgends erwähnt, dass Mignon und ihr Anfall maßgeblich daran beteiligt waren.

3.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre

In Bezug auf den Text ist Mignons erster Anfall in den Lehrjahren identisch mit dem in der Theatralischen Sendung[5], findet sich jedoch in einem völlig anderen Rahmen und erfolgt an einer anderen Stelle: Vorverlegt in das 2. Buch, 14. Kapitel, findet sich Mignons Anfall im Kontext der Geschichte zwischen Philine und Friedrich und Wilhelms daraus resultierenden Drang, den Ort zu verlassen, an dem er sich schon zulange aufgehalten hat. Mignon scheint dies zu fühlen und im Zuge dieser tiefen Gemütsbewegung nähert sie sich ihrem Herrn. Nach dem Anfall, der sich genau wie in der Theatralischen Sendung abspielt, folgt im nächsten Kapitel direkt Mignons berühmtes Lied Kennst du das Land[6]. Die Mignon-Thematik wird also unmittelbar fortgesetzt und man erkennt, dass sie sich nur verschlüsselt erklären kann - sei es nun in Liedern, Gedichten oder eben körperlichen Gebärden -, sie spricht die universelle Sprache des Ausdrucks und der Poesie.

In der Sekundärliteratur wurde in Bezug auf Mignon gerade dieser erste Anfall Mignons oft und differenziert behandelt:

Monika Fick[7]: erkennt im ersten Anfall Mignons eine reine Verbindung von Wilhelm und Mignon:

„Der (weltausschließenden) Reinheit der geistigen Kommunikation entspricht der

Intensität der körperlichen Umklammerung. Wie Mignons Seele sich in den Freund ergießt,

verleibt sich der „Vater“ sein Herzenskind ein: (…).“(Fick, 94)

Neben dem „poetischen Konzept“ erkennt Franziska Schößler[8] auch eine zusätzliche Deutung, die auf Religion basiert:

„Mignon steht jedoch nicht nur für ein poetisches Konzept, sondern auch für eine

bestimmte Form zwischenmenschlichen Bezugs, genauer: für eine emphatische Liebes- konzeption, die durch zahlreiche Anleihen an ein religiös-pietistisches Vokabular

aufgewertet, ja zur Liebesreligion gesteigert wird und auf Dienst und Hingabe beruht;

(…). Vor allem die Szene im zweiten Buch, die in Mignons Ausbruch, ihrem „Herzinfarkt“ gipfelt, ist religiös konnotiert; (…).“(Schößler, 70f)

Eine ganz andere Deutung derselben Szene findet sich bei Sabine Groß[9]. Sie interpretiert in Mignons Anfall eine versteckte sexuelle Auslebung und sieht ihn als „Entjungferungsmetaphorik“ (Groß, 92): In einem Höhepunkt löse sich „die Starre des im Sexualitätsverbot gefangenen Körpers“ (Groß, 92). Mignons unbewusste sexuelle Wünsche hätten sich in ihr aufgestaut und erlangten durch Zuckungen, Krämpfe wie auch durch Schreib- und Sprechstörungen ihren Ausdruck. Als Ersatz für die fehlende sexuelle Bestätigung in ihrem Leben, erlebe sie einen Höhepunkt in Wilhelms Armen, einen ‚Symptom-Orgasmus’. Die in der Szene auffallende Häufung der Bezeichnungen Vater und Kind seien notwendig, um das Szenario zu verharmlosen und die ‚Orgasmus-Szene’ zu neutralisieren, damit das Verhältnis zwischen Wilhelm und Mignon keine Änderung erfahren muss.

[...]


[1] TS = Wilhelm Meisters Theatralische Sendung

[2] LJ = Wilhelm Meisters Lehrjahre

[3] Wilhelm erkennt Mignon als sein Eigen an und Mignon geht bereitwillig darauf ein: (…) » mein Kind! du bist ja mein! « (…) . (…) » Mein Vater! « rief sie, » du willst mich nicht verlassen! Willst mein Vater sein! Ich bin dein Kind! « (TS, 231)

[4] (…), daß es Mignon hören konnte, der ohnweit davon stand (…). (TS, 227) und: Nur Mignon, dem man (…). (TS, 234)

[5] Der Wortlaut ist in beiden Texten identisch, nur die Zeichensetzung in den Lehrjahren weicht von der in der Theatralischen Sendung ab, zum Beispiel durch zusätzlich eingefügte Gedankenstriche.

[6] Auf dessen Inhalt und Bedeutung werde ich an dieser Stelle nicht genauer eingehen, da ich die Geschlechtlichkeit und nicht die Poesie Mignons betrachte.

[7] Fick: Das Scheitern des Genius.

[8] Schößler: Goethes Lehr- und Wanderjahre.

[9] Groß: Diskursregelung und Weiblichkeit.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638857703
ISBN (Buch)
9783638854269
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80727
Institution / Hochschule
Universität Trier – Fachbereich II, Germanistik - NDL
Note
1,7
Schlagworte
Knabe Mädchen Vergleich Geschlechtlichkeit Mignons Goethes Wilhelm Meisters Sendung Lehrjahre Geschlechterphantasien Mittelalter Gegenwart

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Titel: "Ich bin ein Knabe: ich will kein Mädchen sein!" Ein Vergleich der Geschlechtlichkeit Mignons in Goethes "Wilhelm Meisters theatralische Sendung" und "Wilhelm Meisters Lehrjahre"