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Die Internationale Schuldenkrise. Ursachen und Lösungsansätze

Diplomarbeit 2002 97 Seiten

VWL - Internationale Wirtschaftsbeziehungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Einleitung

1 Verschuldung und Entwicklung
1.1 Auslandsverschuldung und Wirtschaftswachstum
1.2 Schuldenzyklus Modell
1.3 Motive fur Kreditaufnahme im Ausland
1.4 Probleme in der Rucktransferphase
1.4.1 Das Transferproblem
1.4.2 Das Aufbringungsproblem
1.4.3 Das Akzeptanzproblem
1.5 Liquiditats-vs. Solvenzproblem

2 Ausmaft und Struktur der Verschuldung
2.1 Indikatoren der Gesamtverschuldung
2.1.1 BestandsgroBen
2.1.2 StromgroBen
2.1.3 Nettotransfer und Devisenreserven
2.2 Schuldnerstruktur
2.2.1 Klassifizierung nach Einkommen
2.2.2 Klassifizierung nach Region
2.3 Glaubigerstruktur

3 Ursachen der Schuldenkrise
3.1 Exogene Faktoren
3.1.1 Olpreiskrisen
3.1.2 Weltweite Rezession
3.1.3 Protektionismus in der Weltwirtschaft
3.1.4 Entwicklung des internationalen Zinsniveaus
3.2 Endogene Faktoren
3.2.1 Verwendung von Auslandskrediten
3.2.2 Importsubstitution
3.2.3 Preisverzerrungen
3.2.4 Schlechtes Schuldenmanagement
3.3 Die Rolle der Banken
3.3.1 Hohes Kapitalangebot
3.3.2 Gewinne mit dem Auslandsgeschaft
3.3.3 Landerrisikoanalysen
3.3.4 Gruppenrisiken
3.3.5 Kreditsyndizierung
3.3.6 Moral Hazard Problem

4 Losungsansatze
4.1 Unmittelbare Reaktion nach 1982
4.1.1 Vermeidung einer Wirtschaftskrise
4.1.2 Umschuldungen
4.1.2.1 Umschuldungen offentlicher Kredite
4.1.2.2 Umschuldungen privater Kredite
4.1.2.3 Langerfristige Umschuldungen
4.1.3 Die Rolle des IWF und eine kritische Betrachtung der Sta- bilitatsprogramme
4.1.4 Kritik
4.2 Der Baker Plan
4.2.1 Notwendigkeit eines neuen Weges
4.2.2 Rahmenbedingungen des Bakerplans
4.2.3 Das Scheitern des Bakerplans
4.2.4 Konsequenzen
4.2.5 Alternative Vorschlage
4.3 Marktorientierte Losungen
4.3.1 Sekundarmarktinstrumente
4.3.1.1 Debt for Equity Swaps
4.3.1.2 Debt for Bond Swaps
4.3.1.3 Weiterer Schuldentausch
4.3.1.4 Schuldenruckkauf
4.3.2 Grunde fur die geringe Schuldenreduktion
4.3.2.1 Steuer-und bankenrechtliche Gesetzgebung
4.3.2.2 Vertragsklauseln in den Kreditvertragen
4.4 Der Brady Plan
4.4.1 Inhalt
4.4.2 Kritik
4.4.2.1 Zahlungsmoral der Schuldner
4.4.2.2 Volumen und Umfang des Brady Plans
4.4.2.3 Risikotransfer der Geschaftsbanken
4.4.2.4 Risikotransfer der USA
4.4.3 Praktische Umsetzung
4.4.3.1 Das Mexiko Paket
4.4.3.2 Weitere Brady Pakete
4.4.4 Die Situation nach Brady
4.4.4.1 Ruckkehr an den Kapitalmarkt
4.4.4.2 Wirtschaftspolitische Veranderungen in den Schuld- nerlandern
4.4.4.3 Fazit
4.5 HIPC Schuldeninitiative

5 Neue Krisen in Lateinamerika
5.1 Mexiko 1994
5.2 Brasilien 1998
5.3 Argentinien 2001

Zusammenfassung und Ausblick

A Anhang
A.1 Weltbankklassifikation der Entwicklungslander nach Einkommen 72 A.2 Struktur und Umfang der Gesamtverschuldung aller Entwicklungs­lander
A.3 Struktur und Umfang der Gesamtverschuldung der Entwicklungs­lander niedrigen Einkommens
A.4 Struktur und Umfang der Gesamtverschuldung der Olimporteure
mittleren Einkommens
A.5 Struktur und Umfang der Gesamtverschuldung der Olexporteure .
A.6 Umschuldungsvereinbarungen bis zum Baker Plan 1985
A.7 Wirtschaftentwicklung ausgewahlter Lander nach Brady

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Ausgewahlte Schuldenindikatoren fur alle Entwicklungslander von 1970 bis 2000

2 Einlagen und Verbindlichkeiten bei den BIZ Banken (in Mrd. US- Dollar)

3 Wachstumsraten des realen BSP in den Industrielandern zwischen 1978 und 1982 (in %)

4 Durchschnittliche Zolle auf Halb- und Fertigerzeugnisse (vor) und nach der Tokio Runde (in %)

5 Die Entwicklung des 6-Monats-Dollar-LIBOR von 1975-1982 (in %)

6 Preisverzerrungen in einzelnen Entwicklungslandern

7 Aufteilung der anlagefahigen Uberschusse der OPEC Lander nach der ersten Olpreiserhohung (in Mrd. US-Dollar)

8 Die Entwicklung der Zinsaufschlage* von 1976 bis 1982

9 Anderungen der Kriterien fur die Aufnahme in die HIPC Initiative (1996 zu 1999)

10 Schuldenindikatoren vor und nach HIPC II fur die teilnehmenden Entwicklungslander

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Die Internationale Schuldenkrise hat Nationalokonomen auf der ganzen Welt beschaftigt und zu Publikationen angeregt. In der Literatur finden sich eine Vielzahl theoretischer und empirischer Arbeiten, die das Thema in mehr oder weniger komplexen Darstellungen beleuchten. Dabei erregt die politische Bri- sanz des Themas viele Gemuter und fuhrt zu nicht immer objektiven, teilweise sogar zu ideologischen oder verklarenden Auseinandersetzungen mit dem The- ma.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen chronologischen Uberblick der in- ternationalen Schuldenkrise seit Beginn der siebziger Jahre zu geben. Diese ex-post Analyse bietet die Moglichkeit, aufgestellte Theorien mit den realen Entwicklungen zu vergleichen. Dabei werden die jeweils vorherrschenden Auf- fassungen sowie die Handlungsweisen der Beteiligten in den entsprechenden Situationen erortert und die im Laufe der Zeit schrittweise gewonnenen Er- kenntnisse dargestellt. Ihren Schwerpunkt findet die Arbeit in der kritischen Auseinandersetzung mit den Losungsansatzen seit dem Ausbruch der Schul- denkrise im Jahr 1982.

Die Aktualitat des Themas hat, auch nach zwanzig Jahren und trotz der haufig geau:6erten Auffassung die Krise sei mit dem Beginn der neunziger Jahre gelost worden, nichts eingebu:6t. Die erneute Zahlungsunfahigkeit Mexi- kos 1994 mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Region Lateinamerika zeigt, dass noch nicht alle Gefahren gebannt werden konnten. Des Gleichen musste Argentinien, ein Land das wahrend der letzten zwanzig Jahre an allen durchge- fuhrten MajBnahmen zur Losung der Schuldenkrise teilnahm und dessen Fort- schritte oft als herausragendes Beispiel anfuhrt wurden, im letzten Jahr ein Zahlungsmoratorium ankundigen.

Zu Beginn der Arbeit wird anhand des Schuldenzyklusmodells die Notwen- digkeit von Kreditaufnahmen im Ausland fur die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungslander geschildert und die Motive fur eine Auslandsverschul- dung dargestellt. Im Anschluss daran wird aufgezeigt, warum diese okono- misch sinnvolle Verschuldung in der Praxis fur viele dieser Lander Schwierig- keiten mit sich brachte und in einer problematischen Verschuldung mundete. Die Unterscheidung zwischen einem vorubergehenden Liquiditatsproblem und einer langfristigen Zahlungsunfahigkeit schlie:6t das erste Kapitel ab. Die Ent- scheidung uber diese Frage hat die Losungsansatze nachhaltig beeinflusst.

Um das Ausma_8 des Problems darzustellen, wird der Umfang der Auslands- verschuldung anhand verschiedener Indikatoren wiedergegeben. In Verbindung mit einer Strukturierung der Schuldner wird aufgezeigt, dass hauptsachlich Staaten aus Lateinamerika von der Schuldenkrise betroffen waren. Folglich wird sich die vorliegende Arbeit auf diese Staaten konzentrieren.

Gegenstand des vierten Kapitels ist die Ursachenanalyse. Untergliedert nach verschiedenen Einflussfaktoren und Akteuren wird zugleich der Grundstein fur die sich im Rahmen der Losungsansatze in Kapitel 4 anschlieBende Betrach- tung gelegt, wer sich in welcher Art, mit welchem Umfang und mit welchem Interesse fur MaBnahmen zur Uberwindung der Schuldenkrise engagiert hat. Die Strategien werden systematisch dargestellt und jeweils kritisch kommen- tiert. Im abschlieBenden Kapitel 5 werden neue Krisen in Lateinamerika kurz dargestellt und die Hintergrunde beleuchtet, um damit die Frage nach der Wir- kung der bisher untersuchten Losungsansatze zu beantworten.

Nach einer kurzen Zusammenfassung erfolgt ein Ausblick, der gleicherma- Ben als Pladoyer fur die Einfuhrung einer Staateninsolvenz als mogliches Ver- fahren im Umgang mit der Verschuldung der Entwicklungslander verstanden werden kann.

1 Verschuldung und Entwicklung

Zur wirtschaftlichen Entwicklung[1] benotigen Entwicklungslander in der Regel Zufluss von auslandischem Kapital, da die nationale Ersparnis nicht ausreicht, um die gewunschten Investitionen zu finanzieren.[2] Grenzuberschreitende Ka- pitalflusse sowie hohe Auslandsverschuldung sind schon lange bekannt. So hat auslandisches Kapital bereits im 19. Jh. die wirtschaftliche Entwicklung in Kanada, Australien und Neuseeland gefordert.[3] Unter Entwicklungstheore- tikern besteht allerdings wenig Konsens uber die genaue Beziehung und die Auswirkungen von Auslandskapital und Entwicklung. Der Beitrag den auslan- dische Kredite leisten, wird wesentlich von der Art des Kapitals und dessen Ver- wendung, von der verfolgten Politik, von internen wirtschaftlichen, politisch- institutionellen und sozialen Faktoren sowie von den externen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen bestimmt.[4]

Eine Volkswirtschaft erweitert durch die Aufnahme von Kapital im Aus- land seine gegenwartig verfugbaren Ressourcen und erhoht somit seinen wirt- schaftspolitischen Handlungsspielraum. Damit ist die Verschuldung im Aus- land ein Instrument, das im Rahmen der Wirtschafts- und Entwicklungspolitik unter Abwagung von Grenznutzen und Grenzkosten, eingesetzt werden kann.[5] In Kapitel 2.4 werden die Probleme in der Rucktransferphase aufgezeigt, denn erst durch sie kann aus einer okonomisch sinnvollen eine problematische Ver­schuldung werden.

1.1 Auslandsverschuldung und Wirtschaftswachstum

Das wachstumsorientierte Entwicklungsmodell geht davon aus, dass eine we- sentliche Ursache von Unterentwicklung in dem Mangel an Kapital besteht,[6] welches notwendig ist, um Investitionen in dem Umfang zu tatigen, dass ein hohes und sich selbst tragendes Wachstum gewahrleistet wird.[7] Mangel an Kapital kann in den so genannten »Teufelskreis der Armut« fuhren, der sagt, dass ein niedriges Realeinkommen zu einer niedrigen Sparquote und infolge zu einer geringen Investitionsquote fuhrt, woraus sich eine geringe Produkti- vitat ableitet, die wiederum zu niedrigem Realeinkommen fuhrt.[8] Die Knapp- heit an heimischen Ersparnissen und das niedrige Investitionsniveau werden als wichtigste Hemmnisse fur den Wachstumsprozess der Entwicklungslander angesehen.[9] Die Diskrepanz zwischen einer gewunschten Wachstumsrate und der zu geringen heimischen Kapitalbildung kann durch Kredite aus dem Aus- land beseitigt werden.[10] Folglich geben Nettokapitalimporte aus dem Ausland die Moglichkeit zur Durchbrechung des Teufelskreises.[11] Die Hohe des zur Fi- nanzierung des Wachstums erforderlichen Kapitalbedarfs richtet sich nach der angestrebten Wachstumsrate des BSP bzw. des pro Kopf Einkommens[12]. Fur eine Volkswirtschaft lohnt sich die internationale Verschuldung solange die Ka- pitalproduktivitat im Land hoher ist als das entsprechende Zinsniveau fur Aus- landskredite.[13]

1.2 Schuldenzyklus Modell

Das Modell des Schuldenzyklus’[14] geht davon aus, dass die Entwicklung eines Landes durch Aufnahme von auslandischem Kapital solange gestutzt werden kann, bis die heimische Kapitalbildung ein sich selbst tragendes dynamisches Wirtschaftswachstum induziert und die in der Zwischenzeit angehauften Aus- landsschulden aus den Produktionserlosen zuruckgezahlt werden konnen.[15] Der Zyklus lasst sich in drei Phasen unterteilen:[16]

In der ersten Phase wird Kapital im Ausland aufgenommen, um die beste- hende Lucke zwischen nationaler Ersparnis und dem zur Realisierung des ge- wunschten Wirtschaftswachstums erforderlichen Investitionsbedarf zu decken. Diese Phase ist charakterisiert durch Leistungsbilanzdefizite, die zu einer stei- genden Auslandsverschuldung fuhren.

In der zweiten Phase nimmt das heimische Kapitalaufkommen so zu, dass die Lucke zwischen Ersparnis und Investition geschlossen wird. Die Leistungs- bilanz ist ausgeglichen und die Zuwachsrate der Auslandsverschuldung be- ginnt abzunehmen.

In der dritten Phase steigt die inlandische Ersparnis schneller als die Inves- titionen. Die Volkswirtschaft weist Leistungsbilanzuberschusse auf, aus denen die wahrend der ersten beiden Phasen entstandene Auslandsverschuldung zu­ruckgezahlt wird.

Voraussetzung fur das Modell ist, dass genugend Devisen erwirtschaftet werden, um den Schuldendienst leisten zu konnen.[17] Der Vergleich dieses Mo- dells mit der Realitat lasst den Schluss zu, dass es den Entwicklungslandern bisher meist nicht gelungen ist von der ersten zur zweiten Phase uberzuge- hen.[18]

1.3 Motive fur Kreditaufnahme im Ausland

Wie oben gezeigt, kann Kreditaufnahme im Ausland die Entwicklung einer Volkswirtschaft fordern. Ein Schuldnerland kann uberdies mehrere Motive ha- ben, auslandisches Kapital in das eigene Land zu holen. Im Folgenden werden einige relevante Motive geschildert.[19]

Produktions- und Investitionsmotiv: Mit auslandischem Kapital werden In- vestitionen finanziert und auf diese Weise wird Sachkapital im eigenen Land aufgebaut. In diesem Fall wlrd ein Land solange Kredite aufnehmen, wie die Grenzkosten der Auslandsverschuldung die Grenzproduktivitat der inlandi- schen Kapitalausstattung nicht ubersteigen.

Konsummotiv: Hierbei werden Kredite im Ausland aufgenommen, um ein ho- heres Konsumniveau zu finanzieren. Dies ist denkbar, wenn das gegenwartige Einkommensniveau sehr niedrig ist und man erwartet, dass es in der Zukunft steigen wird. Das Land verbraucht also Teile des zukunftigen zugunsten des gegenwartigen Konsums und wird sich solange verschulden, bis sich die Grenz- kosten des Kredits der (subjektiven) marginalen Zeitpraferenzrate der Ausgaben des Schuldners angleichen.

Anpassungsmotiv: Im Ausland aufgenommene Kredite konnen wirtschaftli- che oder soziale Anpassungskosten, als Folge von unerwarteten Schocks, in der Ubergangsphase reduzieren.

Transaktionsmotiv: Hier handelt es sich um kurzfristige Kreditaufnahme im Ausland, die zur Finanzierung und Abwicklung von internationalen Guter- und Finanztransaktionen dient, wie beispielsweise Lieferantenkredite. Die Verschul- dung erfolgt, um Aujbenhandel zu erleichtern oder sogar uberhaupt erst zu er- moglichen.

Reservemotiv: Die Kreditaufnahme erfolgt zum Aufbau von Wahrungsreser- ven. Dies kann einmal geschehen, wenn in der Zukunft schlechtere Kondi- tionen fur Auslandskredite erwartet werden, zum anderen konnen sich wirt- schaftspolitische Parameter andern, in dessen Folge das Land sein Reserve- portfolio anpassen will.

Demgegenuber stehen fixe gewinnunabhangige jahrliche Schuldendienst- zahlungen. Diese verursachen ein um den Schuldendienst reduziertes Inland- seinkommen. Daher ist die Kreditaufnahme nicht isoliert, sondern nur im Zu- sammenhang mit der Fahigkeit, Devisen fur die spateren Schuldendienstzah- lungen zu erwirtschaften, zu betrachten. Den Vorteilen der Kapitalaufnahme stehen auch Nachteile gegenuber. So wird nur Kapital, nicht jedoch Wissen im- portiert, was zu einer ineffizienten Nutzung fuhren kann. Zum anderen konnen Politiker Strukturanpassungen aufschieben oder Zugestandnisse an politische Interessensgruppen machen. Zuletzt steigt mit einer hohen Auslandsschuld auch die Anfalligkeit gegenuber unerwarteten Schocks.

1.4 Probleme in der Rucktransferphase

1.4.1 Das Transferproblem

International wird sich ein Land selten in eigener Wahrung verschulden. Jede Auslandsverschuldung in fremder Wahrung macht langfristig einen Nettotrans- fer des Schuldnerlandes ins Ausland notwendig.[20] Die Mittel fur die Ruckzah- lung der Schulden mussen dabei nicht nur im Inland aufgebracht werden, son­dern in Form von Devisen an das Ausland transferiert werden konnen.[21] Daher sind handelbare Guter Voraussetzung fur die Erfullung des Schuldendiens- tes.[22] Die finanziellen Ressourcen aus dem Ausland in der Hintransferphase mussen so eingesetzt werden, dass international wettbewerbsfahige Produkte entstehen oder gefordert werden und damit entsprechend die Exporte steigen.[23] Daher wird die Schuldendienstfahigkeit auch gemessen an der Schuldendienst- quote, die das Verhaltnis von Zins- und Tilgungszahlungen zu Exporten be- schreibt.[24] Die Frage nach dem Transferproblem wurde bereits 1929 in der historischen Debatte zwischen Keynes und Ohlin diskutiert.[25] Im Mittelpunkt stand die Frage, ob das deutsche Reich in der Lage ware den zur Bedienung der Reparationszahlungen[26] erforderlichen realen Transfer zu erbringen.[27] Da­bei stellte sich insbesondere die Frage, ob der reale Transfer dem monetaren mit gleichem Wert folgt, oder ob Sickerverluste dazu fuhren, dass der reale Transfer geringer ist und sich somit der monetare Transfer real erhoht. Key­nes vertrat damals die klassische Argumentation. Er sah fur den zweiten Fall aufgrund des zu geringen Exportpotentials des Schuldners keine Losung. Im ersten Fall hatte er drei Alternativen: Die erste besagt, dass die Effizienz der In­dustrie des Schuldnerlandes schneller wachsen muss, als die seiner Glaubiger. Dabei sah er allerdings aufgrund damalig starrer Exportstrukturen nur wenig Moglichkeit, das Exportniveau zu steigern. Die zweite Losung bestand in einer Senkung der realen Effektivlohne, was zu dieser Zeit faktisch nicht durchsetz- bar war. Die einfachste Losung war seiner Ansicht nach eine Abwertung der heimischen Wahrung, wobei man damals annehmen musste, dass dies nicht zulassig sei. Daher kam Keynes zu dem Ergebnis, dass nur eine Schulden- streichung helfen kann. Trotz wesentlicher Unterschiede zur Ausgangslage der Entwicklungslander[28], finden sich hier Analogien zu dem spater entwickelten Brady Plan und der HIPC Initiative, die beide eine Reduzierung der Schulden als Mittelpunkt ihres Losungsansatzes sehen.[29]

1.4.2 Das Aufbringungsproblem

Die Aufbringung der Schuldendienstzahlungen ist ein Budgetproblem. Es geht darum, genugend inlandische Ressourcen fur die Bedienung der Auslands- schulden zu mobilisieren.[30] Daher muss die Regierung eines Schuldnerlandes bereit und fahig sein, funktionierende Steuersysteme im Land zu schaffen. Ein wichtiger Punkt bei der Errichtung solcher Systeme ist, dass sie auf eine ergie- bige Steuerbasis zugreifen und, wenn notwendig, auch fiskalische Uberschus- se erwirtschaften konnen.[31] Die Regierung unterliegt der Beschrankung, einen Mindestlebensstandard fur die Bevolkerung zu sichern.[32] Versucht ein Land Devisen zu sparen, indem es die Importe senkt, sollte dies moglichst nicht auf Kosten von Investitionsgutern gehen.

1.4.3 Das Akzeptanzproblem

Unter dem Akzeptanzproblem versteht man die Importbereitschaft der Kredit- geberlander. Werden in den Industriestaaten protektionistische Majbnahmen durchgefuhrt, wird es fur die Schuldnerlander schwer, genugend zu exportie- ren und die Aufbringung von Devisen aus einem Ressourcentransfer bleibt zu gering.[33]

Argumente in der Transferdebatte die den Protektionismus der zwanziger Jahre fur die schwere Aufbringung des externen Transfers verantwortlich ma- chen, sind auch heute noch aktuell. Wettbewerbs- und Beschaftigungsgrunde bringen viele westliche Industrielander dazu, sich zu verschliejben und den Ent- wicklungslandern damit einen wichtigen Absatzmarkt zu versperren.[34]

1.5 Liquiditats- vs. Solvenzproblem

Die Zahlungsunfahigkeit eines Landes kann zwei Grunde haben, die es zu un- terscheiden gilt. Handelt es sich nur um ein vorubergehendes oft auch nur technisches Problem, so geht man von einer Liquiditatskrise aus. Diese kann durch Liquiditatshilfen uberbruckt werden.[35] Anders bei einer Solvenzkrise: Hier handelt es sich um langfristige strukturelle Probleme in der Volkswirt- schaft, bei denen absehbar ist, dass das Land auch in Zukunft seine Schulden nicht in vollem Umfang begleichen kann. Die Unterscheidung der beiden Falle bereitet gro£e Schwierigkeiten. In der Literatur gibt es nun mehr oder minder komplexe Ansatze,[36] um diese beiden Falle unterscheiden zu konnen.

Danach gilt ein Land als solvent, solange die Summe aller zukunftig erwarte- ten abdiskontierten AujBenhandelssalden den gegenwartigen Schuldenbestand uberschreitet[37], oder wenn der Kapitalwert der zukunftigen Konsumausgaben dem, um die Anfangsschuld verminderten, Kapitalwert des Produktionsvermo- gens entspricht[38], oder wenn der Gegenwartswert aller zukunftigen gesamtwirt- schaftlichen Ausgaben den Gegenwartswert aller zukunftigen, um die anfang- liche Auslandsschuld reduzierten, Volkseinkommen nicht ubersteigt[39]. Ebenso versucht man Kriterien zu finden, mit denen man Liquiditatsprobleme aus- machen kann. Diese treten ein, wenn die Schuldendienstzahlungen eines Lan­des in einer Periode die Ruckzahlungsmoglichkeiten aus eigenen Ressourcen in dieser Periode ubersteigen und das Land keine neuen Kredite zur Begleichung erhalt.[40]

Die 1982 ausgebrochene internationale Schuldenkrise[41] zeigt jedoch, dass eine eindeutige Klarung in der Praxis nicht so einfach ist[42], ging man doch noch bis Anfang der 90er Jahre davon aus, dass es sich lediglich um ein vor­ubergehendes Liquiditatsproblem handelt. In der Folge wurden MajBnahmen ergriffen, die den Landern zusatzliche Liquiditat brachten. Erst mit der Ein- fuhrung des Brady Plans musste man zugeben, dass man nicht mehr von einer vollen Begleichung der Schulden ausgehen kann und dass es sich eher um eine Insolvenz der hochverschuldeten Lander handelt.

2 Ausmaß und Struktur der Verschuldung

2.1 Indikatoren der Gesamtverschuldung

Die Verschuldung der Entwicklungslander nahm in der Zeit von der ersten Olpreiskrise 1973/74 bis zum Ausbruch der Schuldenkrise 1982 stetig zu. Verschiedene Indikatoren zeigen, wie sich die Auslandsverschuldung wahrend dieser Zeit entwickelt hat. Dabei unterscheidet man zwischen BestandsgroBen, die den kumulierten Bestand an Auslandsschulden betreffen und Stromgro- 3en, die die aus der Gesamtverschuldung erwachsenden Schuldendienststro- me wiedergeben. Explizit wird auf die Entwicklung der Devisenreserven und des Nettotransfers eingegangen. Die Entwicklung der wichtigsten Indikatoren findet sich in Tabelle 1.

2.1.1 Bestandsgroßen

Der erste Indikator ist die Hohe der Auslandsverschuldung an sich, wobei diese in langfristige und kurzfristige Verschuldung unterteilt wird.[43] Steigt die kurz- fristige Komponente, kann dies beispielsweise ein Anzeichen dafur sein, dass auslandische Kreditgeber langerfristige Kreditbeziehungen mit dem entspre- chenden Land als risikoreich ansehen und von einer entsprechend geringen Kreditwurdigkeit ausgehen.[44] Da die kurzfristigen Kreditmittel in der Regel zu harteren Konditionen (keine tilgungsfreien Perioden, keine Umschuldungsmog- lichkeiten) vergeben werden, andern sich die an die Mittelvergabe gebundenen Ruckzahlungsverpflichtungen.[45]

Die absolute Hohe extern aufgenommener Finanzmittel und ihre zeitliche Entwicklung allein lasst keine Ruckschlusse zu, ob und in welchem AusmajB ein Land in Zahlungsschwierigkeiten kommen kann.[46] Uber die Anstrengun- gen, die ein Land tatsachlich unternehmen muss, um seinen Ruckzahlungs- verpflichtungen nachzukommen, gibt erst die Relation zur realen Wirtschafts- leistung, ausgedruckt in der Hohe der Exporterlose[47] oder des BSP,[48] Auskunft.

Nur auf BestandsgroBen ausgerichtete Indikatoren haben den Nachteil, kei- ne unmlttelbaren Informationen uber die zu- und abflieBenden Kapitalstrome zu enthalten. Werden beispielsweise im Rahmen von Umschuldungsvereinba- rungen Teile bereits falliger Zinsruckzahlungen kapitalisiert, erhoht sich folg- lich das AusmaB der Gesamtverschuldung. Dabei ist es tatsachlich zu keinem Zufluss auslandischer Mittel gekommen.[49]

2.1.2 Stromgroften

Der Schuldendienst beinhaltet alle jahrlichen Ruckzahlungsverpflichtungen, die aus den eingegangenen Verbindlichkeiten erwachsen sind und spiegelt da- mit die kurzfristige finanzielle Belastung infolge der Mittelaufnahme wider.[50]

Besondere Relevanz hat die Schuldendienstquote erlangt, die das Verhalt- nis der Tilgungen und Zinszahlungen aus mittel- und langfristiger Auslands- schuld in einer Periode zu den Exporterlosen aus Gutern und Dienstleistungen oder zum BIP dieser Periode angibt.[51] Die Schuddendienst-Exportquote ist dabei der meistverwandte aber auch der am haufigsten kritisierte Verschuldungsin- dikator.[52] Er gibt an, welcher Anteil der jahrlichen Exporteinnahmen fur den Schuldendienst aufgebracht werden muss und damit nicht mehr zur Finanzie- rung von Importen, also fur die inlandische Absorption zur Verfugung steht.[53] Ein steigender Indikator bedeutet, dass die Fahigkeit des Schuldners sinkt, seinen Verpflichtungen aus eigener Kraft, d.h. dem Verkauf seiner Waren und Dienstleistungen nachzukommen.[54] Folglich stellt der Indikator ein MaB fur die mogliche finanzielle Anspannung eines Schuldnerlandes dar, denn er spiegelt auch die Verwundbarkeit einer Volkswirtschaft und ihre Fahigkeit auf exogene Schocks reagieren zu konnen wider. So steigt bei preis- oder nachfragebeding- ten Ruckgangen der Exporteinnahmen oder bei steigenden Kosten der Impor- te tendenziell die Gefahr der Uberschuldung. Die Schuldendienstquote kann folglich als Fruhwarnindikator fur potentielle Verschuldungskrisen aufgefasst werden.[55] Nach in der Praxis verwandten »Daumenregeln« wird eine Schulden­dienstquote bis 10% als unbedenklich erachtet und potentielle Schwierigkeiten werden ab 20% erwartet, da man mit Schwierigkeiten der Refinanzierung und allmahlich abnehmender Kreditwurdigkeit rechnet.[56]

Die bisher dargestellte Schuldendienstquote vereint sowohl Tilgungen (Kapi- talexporte) als auch Zinszahlungen (Leistungsbilanztransaktionen) in sich. Will man nun die Belastung der Leistungsbilanz isolieren, setzt man nur noch die Zinszahlungen ins Verhaltnis zu den Exporten bzw. dem BSP.[57] Die Zinsdienst- quote ist insbesondere dann sinnvoll, wenn man davon ausgeht, dass meist nicht die absolute Schuld abgebaut wird, sondern fallige Tilgungen durch die Aufnahme von neuen Krediten weiter finanziert werden konnen, solange das entsprechende Land die Zinsen zahlt.[58] Damit besteht die Belastung durch Auslandsverschuldung nur noch in der Zinszahlung.

Dies gilt auch noch nach der lateinamerikanischen Schuldenkrise, obwohl man keine unbegrenzte Refinanzierung mehr annehmen kann. Die Umschul- dungsaktivitaten seit den achtziger Jahren habenjedoch gezeigt, dass ein Land bei Zahlungsschwierigkeiten meist ohne Probleme einen Tilgungsaufschub von seinen Glaubigern bekommen kann, weil diese eine formelle Zahlungsunfa- higkeitserklarung und damit eine Abschreibung ihrer Forderungen vermeiden wollen.[59]

2.1.3 Nettotransfer und Devisenreserven

Der Nettotransfer ist definiert als Differenz zwischen dem Betrag an erhaltenen Krediten und den Schuldendienstleistungen.[60] Ist der Transfer negativ, so ist dies gleichbedeutend mit einem Nettokapitalexport und damit sinkenden inlan- disch verfugbaren Finanzmitteln. Infolgedessen kann es zu einer Verringerung des Bestandes an Devisen kommen, insbesondere wenn ein Land einen anhal- tend negativen Nettotransfer aufweist.[61] Dauert dieser Prozess langer, nimmt die Gefahr der Zahlungsunfahigkeit zu. Zum anderen sinkt die Schuldendienst- fahigkeit, wenn durch das aufgenommene Kapital Exportkapazitaten geschaf- fen werden sollten, und dies nun nicht mehr moglich ist, da die Kreditaufnahme nur noch zur Refinanzierung der ausstehenden Schuld dient.[62]

Dabei ist ein negativer Nettotransfer nicht unbedingt auch negativ zu beur- teilen. Hat ein Land beispielsweise durch einen aufgenommenen Kredit einen positiven Nettotransfer, tatigt es damit Investitionen und zahlt aus den Ertra- gen den Kredit zuruck, kann es in der Ruckzahlungsphase zu einem negativen Nettotransfer kommen, ohne dass es dem Land schlechter gehen muss als vor- her.[63] Diese Situation tritt beispielsweise ein, wenn ein Land seine Schulden zuruckzahlt, ohne dass es neue Kredite benotigt, da inlandische Ersparnis- se zunehmend die Finanzierung ubernehmen.[64] In Bezug auf das BIP zeigt

Tabelle 1: Ausgewahlte Schuldenindikatoren fur alle Entwicklungslander von 1970 bis 2000

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: World Bank, World Debt Tables/Global Development Finance, Country Tables (1982 - 2001)

der Nettotransfer den Beitrag der auslandischen Ersparnis zum inlandischen Wachstum.[65]

Die oben angesprochenen Devisenreserven sind die sicherste Quelle auf die ein Land zuruckgreifen kann.[66] Die Reserven werden zu den Exporten, die in der Regel die wichtigste Einnahmequelle fur Devisen sind, ins Verhaltnis ge- setzt, da Exporteinbruche die gehaltenen Reserven belasten, wahrend zusatzli- che Einnahmen sie vergroBern konnen. Ferner ist das Verhaltnis zu den Impor- ten von Bedeutung, da steigende Importe bei gleichbleibenden Exporten eben- falls zu einer Belastung der Devisenreserven fuhren, wahrend komprimierbare Importe potentiell Deviseneinsparungen bringen konnen, die dann zur freien Verfugung stehen.

2.2 Schuldnerstruktur

In den folgenden Betrachtungen soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass die Verschuldungssituation nicht fur alle Entwicklungslander gleich ist, sondern sich unterschiedlich entwickelt hat. An dieser Stelle soll nur Umfang und Struktur der Verschuldung dargestellt werden.[67] Ausfuhrliche Erklarun- gen zum Verhalten der Schuldner und Glaubiger finden sich in Kapitel 3.

2.2.1 Klassifizierung nach Einkommen

Die Weltbank unterscheidet die Entwicklungslander hinsichtlich ihres pro Kopf Einkommens, wobei klassifiziert wird in Entwicklungslander mit niedrigem Ein­kommen, olimportierenden Entwicklungslandern mit mittlerem Einkommen und Olexporteuren.[68]

Der Anteil der Verschuldung der Gruppe der Entwicklungslander mit niedri- gem Einkommen an der Gesamtverschuldung ging von 20% in 1972 auf 12,1% in 1982 zuruck. Damit ist die Verschuldung nur unterproportional zur Gesamt­verschuldung aller Entwicklungslander gestiegen. Bei der Gruppe der Olimpor- teure mittleren Einkommens lag der Anteil an der Gesamtverschuldung mit deutlich uber 50% wesentlich hoher. Die dritte Gruppe der Olexporteure hatte in Bezug auf die Gesamtverschuldung ein uberproportionales Wachstum. So stieg der Anteil von 26,1% auf 31,9% im Zeitraum 1972 bis 1982[69].

Aus diesen Zahlen folgt, dass die Lander mittleren Einkommens und die Ol- exporteure den groBten Anteil an der gesamten Auslandsverschuldung hatten.

2.2.2 Klassifizierung nach Region

Neben den Kriterien: Hohe des pro Kopf Einkommens und Olexport/-import, untersucht die Weltbank auch die regionale Verteilung der Verschuldung. Hier- bei werden sechs Regionen unterteilt:

- Afrika, sudlich der Sahara (39 Staaten)
- Ostasien und Pazifik (11 Staaten)
- Lateinamerika und Karibik (24 Staaten)
- Nordafrika und mittlerer Osten (12 Staaten)
- Sudasien (8 Staaten)
- Mittelmeerlander (7 Staaten)

Die regionale Verteilung zeigt, dass die Lander aus Lateinamerika und der Ka­ribik den weitaus groBten Teil der gesamten Auslandsverschuldung auf sich vereinten. Zu Beginn der achtziger Jahre waren es 43% der Gesamtverschul- dung aller Entwicklungslander, hingegen lagen die sudafrikanischen Staaten gerade einmal bei 10%.[70] Verbindet man dies mit der Klassifizierung nach Ein- kommen, zeigt sich, dass die lateinamerikanischen Lander hauptsachlich aus der Gruppe der Entwicklungslander mit mittlerem Einkommen stammen, wo- bei diese Gruppe ebenfalls die hochste Verschuldung ihrer Klassifikation auf- weist. Besonders abgenommen hat der Anteil der sudasiatischen Staaten an der Gesamtverschuldung, wobei alle diese Lander aus der Gruppe mit nied- rigem Einkommen stammen. Der Anstieg der Verschuldung der afrikanischen Staaten sudlich der Sahara wird dagegen mit einem Anstieg der Kredite offent- licher Kreditgeber erklart. Die Landergruppe Nordafrika/Mittlerer Osten mit 6 Landern aus der Gruppe der Olexporteure hat im Vergleich zu allen Entwick- lungslandern das hochste Wachstum der Gesamtverschuldung. Sie stieg von 5,7 Mrd. auf 46 Mrd. US-Dollar an.[71]

2.3 Glaubigerstruktur

In diesem Teil wird die Struktur der Schulden hinsichtlich der Kreditgeber un- tersucht, weil sie die Zinsbelastung im Zeitablauf und die Falligkeitsstruktur bestimmt.[72] Die verwandte Klassifizierung der Glaubiger folgt der Weltbank[73].

Offizielle Kreditgeber:

- Kredite von multilateralen Organisationen; Das sind Kredite von der Welt- bank, regionalen Entwicklungsbanken und anderen bilateralen Vermitt- lungen. Nicht enthalten sind Kredite von Fonds die von internationalen Organisationen im Namen einer einzelnen Regierung gewahrt werden. Die- se sind klassifiziert als bilaterale Kredite.
- Bilaterale Kredite sind Kredite von Regierungen und deren Organisationen (einschliejblich Zentralbanken) sowie offizielle Exportkredite.
Private Kreditgeber:
- Kredite von Herstellern, Exporteuren und anderen Anbietern von Gutern sowie Bankkredite, die durch Garantien von Exportkreditagenturen ge- deckt werden.
- Finanzmarktkredite sind Kredite von privaten Banken, sonstigen private Finanzinstitutionen und platzierte Anleihen.
- Sonstige private Kredite

Tabelle 2: Einlagen und Verbindlichkeiten bei den BIZ Banken (in Mrd. US- Dollar)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Melzer (1985), S. 37.

Der Grund fur den Ruckgang des relativen Anteils der Verschuldung der Lan­der mit niedrigem Einkommen findet sich darin, dass private Kreditgeber nur mit ca. 10-14% an offentlichen und offentlich garantierten Krediten[74] betei- ligt waren. Die privaten nicht garantierten Kredite lagen bis 1981, also kurz vor Ausbruch der Schuldenkrise, bei hochstens 0,5 Mrd. US-Dollar.[75] Bei die- sen Zahlen wird deutlich, dass diese Landergruppe sich kaum uber die Fi- nanzmarkte finanzierte, sondern vorwiegend offentliche Kreditgeber hatte, also Entwicklungshilfe bezog.[76] Der Grund liegt darin, dass diese Lander von den privaten Kreditgebern als kaum kreditwurdig eingestuft wurden.[77]

Im Gegensatz dazu gewannen in der Gruppe der Entwicklungslander mit mittlerem Einkommen private Kreditgeber an der offentlichen und offentlich garantierten Verschuldung kontinuierlich an Bedeutung. So stieg ihr Anteil von 1972-1982 von 44,2% auf uber 60%, wobei sich das Volumen insbesondere der Kredite uber Finanzmarkte in diesem Zeitraum weit mehr als verzehnfachte. Die private nicht garantierte Verschuldung stieg im selben Zeitraum von 15,9 Mrd. US-Dollar auf 76,7 Mrd. US-Dollar an.[78]

In der Gruppe der Olexporteure nahmen die privaten Kredite sogar noch deutlicher zu, als bei den olimportierenden Entwicklungslandern mittleren Ein- kommens und zwar von 7,4 Mrd. US-Dollar auf 101,2 Mrd. US-Dollar. 1982 hatten die Finanzmarktkredite an den offentlichen Krediten einen Anteil von 61,5%.[79]

Auch bei einer regionalen Unterteilung kommt man zu dem Ergebnis, dass auf den Finanzmarkten die Staaten Lateinamerikas am hochsten verschuldet sind. Der Vergleich der Einlagen und der Verbindlichkeiten gegenuber den der Bank fur Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) berichtenden Banken zeigt den hohen Anteil Lateinamerikas an den Verbindlichkeiten aller Entwicklungs- lander. Wie in Tabelle 2 dargestellt betrug er 67,2% in 1974 und 57,6% in 1982.

Die zunehmende Verschuldung bei internationalen Geschaftsbanken war besonders bedeutend in Bezug auf die Konditionen der Kreditvergabe, da die Kredite meist zu hoheren Zinssatzen[80] und mit kurzeren Laufzeiten vergeben wurden.[81] So lag der Anteil kurzfristiger Verbindlichkeiten Lateinamerikas An- fang der achtziger Jahre bei 50%.[82] Auch bei mittelfristigen Krediten sanken die Laufzeiten zu Beginn der achtziger Jahre und damit kumulierten sich die Ruckzahlungsverpflichtungen.[83] Ferner wurden die Bankenkredite meist zu variablen Zinssatzen vergeben und als es Anfang der achtziger Jahre zu einem globalen Zinsanstieg[84] kam, traf er besonders die hochverschuldeten Lander Lateinamerikas. Die Aufbringung, der wegen des Zinsanstiegs erhohten Schul- dendienste, wurde durch die starke AufWertung des US-Dollars erschwert,[85] wobei die Domlnanz des Dollars in den Kreditbeziehungen bei den Landern La­teinamerikas am starksten war.[86] Der Anstieg des Dollarkurses bedeutete fur diese Staaten eine entsprechende Verteuerung ihrer, in dieser Wahrung einge- gangenen, Kreditbeziehungen.

Im Gegensatz dazu hatten die kleineren und armeren Entwicklungslander nur geringen oder keinen Zugang zu internationalen Kapitalmarkten und er- hielten ihre Kredite im Rahmen offentlicher Entwicklungshilfe zu Konditionen, die weit unter den Marktkonditionen lagen.[87]

Abschliejbend lasst sich feststellen, dass es die lateinamerikanischen Staa- ten mittleren Einkommens waren, die besonders hoch im Ausland verschuldet waren. Diese Verschuldung erfolgte in starkem Majbe uber private Glaubiger und zu Marktkonditionen. Die hochverschuldeten lateinamerikanischen Staa- ten werden im Rahmen der vorliegenden Arbeit im Mittelpunkt stehen, weil meines Erachtens die internationale Schuldenkrise hauptsachlich eine Krise dieser Lander ist.

3 Ursachen der Schuldenkrise

Die Ursachenanalyse der Schuldenkrise lasst keine monokausale Erklarung zu. Vielmehr sind es drei wesentliche Ursachenkomplexe, die es zu analysieren gilt. Dabei unterscheidet man exogene, also vom jeweiligen Land nicht zu be- einflussende Faktoren,[88] endogene oder auch »hausgemachte« Ursachen und die Rolle der kreditgebenden Banken.

[...]


1 In der Literatur gibt es ein vielfaltiges Verstandnis des Begriffes Entwicklung. Trotz eini- ger Unzulanglichkeiten der Indikatoren: Wachstumsrate des BIP und pro Kopf Einkommen werden sie in dieser Arbeit vorrangig fur die Argumentation im Rahmen von Entwicklung verwendet. Vgl. Nohlen/Nuscheler (1982), S. 48ff., McGranahan et. al. (1979), S. 414ff. sowie Gerster (1982), S. 16.

[2] Vgl. Jagau (1991), S. 70.

[3] Vgl. McMullan (1979), S. 3.

[4] Vgl. Bigler (1987), S. 9.

[5] Vgl. ebenda.

[6] Andere Faktoren sind Mangel an Technologien oder an menschlichem Fahigkeitspotential. Vgl. Bigler (1987), S. 14.

[7] Vgl. Fischer (1982), S. 11.

[8] Somit ist Kapitalknappheit Ursache und Folge der Unterentwicklung. Vgl. Nohen/Nuscheler (1982), S. 35. Grimm halt entgegen, dass das Modell nur auf Tautologien baut, indem jede

Variable durch die andere und umgekehrt beschrieben wird und damit nicht die Ursachen erklart. Vgl. Grimm (1979), S. 43f.

[9] Vgl. Fischer (1982), S. 12.

[10] Vgl. Merker (1968), S. 13.

[11] Vgl. Bigler (1987), S. 14.

[12] Hierfur ist auch die demographische Bevolkerungsentwicklung zu beachten, da das reale Sozialprodukt mindestens soviel zunehmen muss wie die Bevolkerung, um ein gleich hohes reales pro Kopf Einkommen aufrechtzu erhalten. Vgl. Merker (1968), S. 14.

[13] Vgl. Melzer (1985), S. 42.

[14] Die ersten so genannten „growth-cum-debt” Modelle wurden auf Basis von Harrod-Domar Wachstumsmodellen entwickelt. Vgl. Jagau (1991), S.70.

[15] Vgl. Kneitschel/Burdach (1974), S. 4.

[16] Zu den folgenden Ausfuhrungen vgl. ebenda. Dieses Modell geht zuruck auf Rostows Idee der funf Wachstumsstadien. Vgl. Rostow (1976), S. 18ff.

[17] Exportausrichtung, die Stabilitat der Weltmarktpreise, die Handelshemmnisse gegenuber den Entwicklungslandern und die Kreditverwendung sind hierfur wichtige Faktoren. Vgl. hierzu auch Kapitel 3.

[18] Vgl. Melzer (1985), S. 42.

[19] Zu den folgenden Ausfuhrungen vgl. Bigler (1987), S. 10ff.

[20] Vgl. Reinhardt (1987), S. 44.

[21] Vgl. Schlichting (1995), S. 14.

[22] Diese werden an das Ausland verkauft und aus den erhaltenen Mitteln wird der Schulden- dienst geleistet.

[23] Vgl. Schlichting (1995), S. 14.

[24] Genaueres hierzu sh. Kapitel 3.1.2.

[25] Zur Transferdebatte vgl. Ohlin (1929), S. 172ff. sowie Keynes (1929), S. 1ff.

[26] Geregelt wurden die Reparationszahlungen im »Dawes Plan«.

[27] Hierzu und im Folgenden vgl. Jagau (1991), S. 119ff.

[28] Die Entwicklungslander haben vorher einen Transfer aus dem Ausland erhalten, so dass aus der dadurch verbesserten wirtschaftlichen Lage der Schuldendienst erfolgen sollte. Vgl. Jagau (1991), S. 124.

[29] Vgl. hierzu Kapitel 4.4 und 4.5.

[30] Vgl. Nunnenkamp/Junge (1985), S. 132.

[31] Vgl. Reinhardt (1987), S. 45.

[32] Beispielsweise orientiert am pro-Kopf-Einkommen der letzten zehn Jahre. Vgl. ebenda.

[33] Vgl. Reinhardt (1987) S. 46.

[34] »Die heutige Weltwirtschaft ist noch weit entfernt von dem Freihandelsgedanken britischer Couleur des neunzehnten Jahrhunderts.« Jagau (1991), S. 124.

[35] Vgl. Kroll (1991), S. 18.

[36] Zu komplexeren Analysen vgl. Mehltretter (1990), Teil C II und III.

[37] Vgl. Jagau (1991), S. 80.

[38] Vgl. Reinhardt (1987), S. 44.

[39] Vgl. Bigler (1987), S. 170.

[40] Vgl. Jagau (1991), S. 84.

[41] In Anlehnung an Kroll wird die internationale Schuldenkrise (ab 1982) definiert als: akuter Devisenmangel der wichtigsten Schuldnerlander der dritten Welt in den achtziger Jahren, der das Weltfinanz-, und Weltwirtschaftssystem gefahrdete. Vgl. Kroll (1991), S. 30.

[42] Auf die nahezu unuberwindbaren Probleme bei der praktischen Umsetzung dieser Ansatze, insbesondere in Bezug auf die verfugbaren Daten, weisen auch Jagau und Bigler hin. Vgl. Jagau (1991), S. 100 sowie Bigler (1987), S. 89.

[43] Die kurzfristige Verschuldung umfasst alle Kreditvereinbarung mit einer ursprunglichen Laufzeit von max. einem Jahr, sowie alle Zinsruckstande aus langfristigen Kreditvereinba- rungen und die beim IWF aufgenommen finanziellen Mittel. Zu den langfristigen Schul- den werden alle Kreditvereinbarungen mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr sowie Tilgungsruckstande aus lang- und kurzfristigen Verbindlichkeiten gezahlt. Vgl. Weltbank (1999) S. 179.

[44] So kann auch das Anwachsen der kurzfristigen Verschuldung bei Banken bis 1981/82 als erstes Signal fur die beginnende Schuldenkrise gedeutet werden, weil die Kreditgeber aufgrund schlechterer Landerrisiken, kurzfristige Engagements bevorzugten. Vgl. Nodinger (1985), S. 90.

[45] Vgl. Mestel (1998), S. 39.

[46] Vgl. Donges (1981), S. 180.

[47] Das Verhaltnis zu den Exporten kann Aufschluss uber die strukturelle Veranderung einer Volkswirtschaft geben, da mit zunehmender Exportorientierung die Werte des Indikators sinken konnen, ohne dass sich am gesamtwirtschaftlichen Produktionsergebnis etwas an- dert. Vgl. Mestel (1998), S. 48.

[48] Durch das Verhaltnis zum BSP, erhalt man einen Indikator fur die langfristige finanzielle Belastung aus den eingegangenen Kreditbeziehungen. Aus einem hohen Wert dieses Indi- kators folgen in der Zukunft regelmaBig hohe Ruckzahlungsverpflichtungen, die aus dem jeweiligen Produktionsergebnis zu begleichen sind. Vgl. Mestel (1998), S. 48.

[49] Vgl. ebenda, S. 37.

[50] Vgl. Mestel (1998), S. 50.

[51] Vgl. Karsten (1984), S. 68.

[52] Die Schuldendienstrelation als statische Kennziffer einer Periode sagt wenig uber die Fris- tigkeitsstruktur der Schulden und den zukunftigen Schuldendienst aus und ist auch im Landervergleich ohne zusatzliche Informationen aus der Zahlungsbilanz, wie Angaben zu Devisenreserven, kaum geeignet. Vgl. Nodinger (1985), S. 144f. und Jagau (1991), S. 103.

[53] Vgl. Jagau (1991), S. 102.

[54] Vgl. Karsten (1984), S. 68.

[55] Vgl. Mestel (1998), S. 50.

[56] Vgl. Karsten (1984), S. 69 sowie Donges (1981), S. 183. Dagegen sieht Abbott bereits ab 15% eine potentielle Gefahrdung. Vgl. Abbott (1979), S. 121.

[57] Vgl. Nodinger (1985), S. 147.

[58] Vgl. ebenda.

[59] Vgl. Jagau (1991), S. 105 sowie Twele (1994), S. 127.

[60] Vgl. Karsten (1984), S. 76.

[61] Vgl. Mestel (1998), S. 58.

[62] Vgl. Karsten (1984), S. 76.

[63] Vgl. Twele (1994), S. 112f.

[64] Vgl. Bohnet (1990), S. 17.

[65] Vgl. Karsten (1984), S. 76.

[66] Vgl. Mehltretter (1990), S. 85.

[67] Die Einteilung stutzt sich, aufgrund definitorischer Unzulanglichkeiten in der Unterteilung nach Schwellen- und Entwicklungslander, im Folgenden auf die etwas umfassendere Klas- sifikation der Weltbank.

[68] Vgl. zur Landeraufstellung Anhang A1 Zu den Olexporteuren gehoren nicht die so genann- ten Low Absorbers, d.h. Staaten mit Leistungsbilanzuberschussen und hohem pro Kopf Einkommen. Vgl. Melzer (1985), S. 26.

[69] Vgl. zu den Zahlen Anhang A2 bis A5.

[70] Vgl. Nunnenkamp/Junge (1985), S. 7.

[71] Vgl. Melzer (1985), S. 33.

[72] Vgl. Donges (1981), S. 181.

[73] Vgl. World Bank (2001), S. xvii.

[74] Im Folgenden wird, aus sprachokonomischen Grunden, nur noch der Begriff »offentliche Kredite« verwandt, der auch die offentlich garantierten Kredite einschlie_6t.

[75] Vgl. hierzu Anhang A3.

[76] Vgl. Melzer (1985), S. 25f.

[77] Vgl. Twele (1994), S. 119.

[78] Vgl. hierzu Anhang A4.

[79] Vgl. hierzu Anhang A5.

[80] 1981 lagen die durchschnittlichen Zinsen fur Kredite privater Glaubiger bei 13,8%, fur Kre­dite offentlicher Glaubiger bei 6,6%. Vgl. Bohnet (1990), S. 24.

[81] Vgl. Bigler (1987), S. 137.

[82] Vgl. Melzer (1985), S. 41.

[83] Vgl. ebenda, S. 42 sowie Donges (1981), S. 181.

[84] Vgl. Giersberg (1991), S. 119.

[85] Vgl. Nodinger (1987) S. 91.

[86] So lauteten in den drei wichtigsten Schuldnerstaaten dieser Region, Argentinien, Brasili- en und Mexiko, mehr als 70% der Auslandsverbindlichkeiten auf US-Dollar. Vgl. Nunnen- kamp/Junge (1985), S. 9.

[87] Vgl. Nodinger (1987), S. 94.

[88] Daher haufig auch als exogene Schocks bezeichnet. Vgl. Mehltretter (1990), S. 10.

Details

Seiten
97
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638151689
ISBN (Buch)
9783638697415
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8095
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für VWL; Internationale Wirtschaftsbeziehungen
Note
1,0
Schlagworte
Internationale Schuldenkrise Ursachen Lösungsansätze

Autor

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Titel: Die Internationale Schuldenkrise. Ursachen und Lösungsansätze