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Indikatoren einer nachhaltigen Entwicklung

Diplomarbeit 1996 59 Seiten

BWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung und Aufbau

II. Der Nachhaltigkeitsbegriff
1. Ursprung und Wesen des Nachhaltigkeitsbegriffs
2. Die Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Ökonomie
3. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung (Sustainable Development)

III. Die Indikatorendiskussion
1. Die Kritik am Bruttosozialprodukt als Wohlfahrtsindikator für eine nachhaltige Entwicklung
2. Der jüngste Korrekturversuch: Der "Index of Sustainable Economic Welfare"
3. Das Ökosozialprodukt-Konzept
4. Umwelt-Satellitensysteme zu den Volkswirt- schaftlichen Gesamtrechnungen: Das Konzept der Vereinten Nationen
5. Die Umweltökonomische Gesamtrechnung in Deutschland
6. Das niederländische System von Indikatoren

IV. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung und Aufbau

"Nachhaltige Entwicklung" oder "Nachhaltigkeit", die wohl treffendste Übersetzung des Begriffs "Sustainable Development", ist in den letzten Jahren zunehmend zum Schlagwort, wenn nicht Leitbild der umweltpolitischen Diskussion geworden. Politische Entscheidungsträger, Institutionen und Interessenverbände integrieren die Forderung nach Nachhaltigkeit in ihre Programme und betonen die zunehmende Relevanz dieser Forderung für ihre Willensbildung und Entscheidungsfindung, wie etwa die Kommission der Europäischen Gemeinschaften (1992).

Problematisch erscheint hierbei, daß es (noch) keinen allgemeingültigen Konsens über die Defini- tion von Nachhaltigkeit gibt, so daß letzlich die Gefahr besteht, daß die Grundidee der Nachhal- tigkeit zur bloßen Worthülse verkommt, die nach eigener Willkür zur Legitimation und Durchsetzung eigener Interessen verwendet wird. Die oft verwen- dete Nachhaltigkeitsdefinition des sogenannten Brundtland-Berichtes ist ebenso unbestritten wie unpräzise. Sie lautet:

"Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu ris- kieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Be- dürfnisse nicht befriedigen können." (Hauff, 1987, S. 46)

Zentral ist hierbei das Ausmaß der gegenwärtigen Eingriffe in die natürliche Umwelt, bei denen es zumindest wahrscheinlich erscheint, daß sie den weltweiten Zustand der Umwelt langfristig erheblich zum Schlechten verändern. Daß die gegenwärtige Politik langfristige und sehr langfristige Perspek- tiven praktisch nicht berücksichtigt, gibt Anlaß zu der Vermutung, daß der aktuelle Pfad der ökono- mischen Entwicklung womöglich nicht als nachhaltig einzustufen ist. Sowohl langfristige Verantwortung für die heute lebenden Menschen wie auch Aspekte intergenerationeller Gerechtigkeit stehen daher im Mittelpunkt des Nachhaltigkeitsansatzes. Nachhal- tigkeit muß also als zusätzliches wirtschaftspoli- tisches Ziel anerkannt werden, an dem sich die (Wirtschafts-) Politik zu orientieren hat.

Dies erfordert eine Neuorientierung, um das gesamt- gesellschaftliche System auf einen neuen Entwick- lungspfad zu bringen. Zu Beginn der Ausführungen wird zunächst einmal kurz Ursprung und Wesen des Nachhaltigkeitsbegriffs, dann seine Bedeutung in der Ökonomie und anschließend das Konzept der Nach- haltigkeit, wie es mehrheitlich unter dem Begriff des "Sustainable Development" definiert wird, er- läutert.

Soll nun die oben angesprochene Neuorientierung der Politik rational sein, so braucht sie eine konkrete Zieldefinition, und Indikatoren bilden Sachverhalte mit zumindest potentiellem Zielcharakter ab und beinhalten deshalb eine Konkretisierung und Opera- tionalisierung von Zielen. Die vorliegende Arbeit befaßt sich im Hauptteil damit, einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung auf dem Gebiet der Indikatoren einer nachhaltigen Entwick- lung und der Umsetzung in die praktische Politik zu geben. Um dies zu verdeutlichen, wird vorher kurz die hauptsächliche Kritik am Bruttosozialprodukt- konzept zusammengefaßt.

Die Verfügbarkeit entsprechender Informationen zur Operationalisierung von Zielen ist die Vorbedingung dafür, daß die Notwendigkeit bestimmter möglichst zielkonformer Maßnahmen begründet und der Erfolg von durchgeführten Maßnahmen überprüft werden kön- nen.

Definition und Operationalisierung des Ziels "Nach- haltigkeit" mit Hilfe geeigneter Indikatoren sind also unabdingbare Voraussetzungen für eine Neu- orientierung der Politik. Um beurteilen zu können, ob sich eine Volkswirtschaft auf einem nachhaltigen Pfad befindet, sind Indikatoren auf Basis der als geeignet erkannten Definition von Nachhaltigkeit notwendig. Neben der Beurteilung des Status quo soll ein Indikator bzw. eine Zeitreihe von Indikatoren auch Informationen darüber geben, wie sich die Situation im Zeitablauf verändert.

Der gegenwärtige Stand der Forschung deutet darauf hin, daß eine rein ökonomische Definition des Nach- haltigkeitsbegriffs nicht weit genug greift; auch alle häufig vernachlässigten Nutzenwirkungen von Umweltgütern im weitesten Sinne haben in den Nach- haltigkeitsansatz einzugehen (vgl. Immler, 1989, S. 362ff.). Auf der reinen Ressourcenebene kann vermu- tet werden, daß eine mengenbezogene disaggregierte Definition von Nachhaltigkeit eher geeignet ist, das eigentliche Ziel zu beschreiben.

Es erscheint mithin notwendig, Nachhaltigkeit aus mehr ökologischer Sicht zu sehen, ohne ökonomische Begründungsansätze aus dem Blickwinkel zu verlie- ren.

II. Der Nachhaltigkeitsbegriff

1. Ursprung und Wesen des Nachhaltigkeitsbegriffs

Der Begriff "Nachhaltige Entwicklung" bzw. "Sus- tainable Development" ist in letzter Zeit sicher- lich eine der meistgebrauchten Vokabeln, wenn es darum geht, zukunftsbezogene Ziele des wirtschaft- lichen Wachstums- und Entwicklungsprozesses zu for- mulieren.

Betont wird dabei immer wieder der entscheidende Anstoß, den die Diskussion um nachhaltiges Wirt- schaften durch den Bericht "Our Common Future" der World Commission on Environment and Development der Vereinten Nationen (WCED, 1987; dt.: Hauff (Hrsg.), 1987: Unsere gemeinsame Zukunft) erhalten hat.

Dieser Bericht, der nach dem Namen der Vorsitzenden der Kommission allgemein auch als "Brundtland-Bericht" bezeichnet wird, ist allerdings keineswegs als Ursprung des Nachhaltigkeitsgedankens zu ver- stehen, ebensowenig wie der vielzitierte erste Bericht des Club of Rome (Meadows et al., 1972).

Vielmehr gehen die Ursprünge des Nachhaltigkeits- begriffes auf ein betriebswirtschaftliches Konzept der Forstwirtschaft zurück, das letztlich auf eine langfristige Nutzung des Waldes, d.h. dauerhafte, sowohl physische als auch monetäre, Holzerträge, für seinen jeweiligen (meist öffentlichen) Eigen- tümer hinauslief (vgl. Nutzinger, 1993, S. 61). Dieser Begriff ist zum einen mit dem Entstehen einer eigenständigen Forstwissenschaft und zum anderen mit der Durchführung bewußter Wieder- aufforstungsprogramme nach den mittelalterlichen Rodungen und den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges verknüpft.

Der Begriff des Sustainable Development bzw. der nachhaltigen Entwicklung, wie er im Brundtland-Bericht gebraucht wird, weitet nun diesen zunächst für eng umgrenzte Bereiche wie die Forstwirtschaft entwickelten Gedanken auf eine so umfassende Frage- stellung wie den Interessenausgleich zwischen Ent- wicklungs- und Industrieländern einerseits und den gegenwärtigen und zukünftigen Generationen anderer- seits aus.

2. Die Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Ökonomie

Im Gegensatz zum Begriff der Nachhaltigkeit ist die Diskussion um ein Konzept zur nachhaltigen Ent- wicklung jüngeren Datums. Hierbei fällt auf, daß die häufige Verwendung des Begriffes keineswegs impliziert, daß man auch genau weiß, was damit gemeint ist. Es zeigt sich, daß die relative Schwammigkeit des Begriffes es ermöglicht, den Begriff der Nachhaltigkeit "auf alle Entwicklungen anzuwenden, die irgendwie als umweltfreundlich ein- gestuft werden" (Binswanger, 1995, S. 1), seien es rein ethische Forderungen zum Erhalt der gesamten Natur oder ganz konkrete, umweltrelevante Verbes- serungen in einzelnen Betrieben.

Vor allem aber ist die Einheitlichkeit des theo- retischen Vorverständnisses aufgrund der Interdis- ziplinarität des Ansatzes (die Diskussions- teilnehmer stammen etwa aus den Bereichen Ökologie, neoklassische Ökonomik, Entwicklungsökonomik, Poli- tik, Philosophie oder (Umwelt-) Recht) bei weitem nicht so groß wie in der ökonomikinternen Diskus- sion der ökologisch-sozialen Marktwirtschaft.

Aber auch auf letzterer Ebene gibt es keinen durchgehenden Konsens, wie mit der Forderung nach Nachhaltigkeit verfahren werden soll. Zwischen Nachhaltigkeit als eher ökologischer Zielsetzung und der eigentlichen Umweltökonomie oder ökolo- gischen Ökonomie herrscht eine Diskrepanz, die sich bis dato nicht überbrücken ließ. Obwohl ethische und ökologische Ziele auch in der Umweltökonomie ausführlich diskutiert wurden und werden, gelingt es nicht, eine wirkliche Brücke zur Ökonomie zu schlagen, deren Bestreben es letzlich ist, den wirtschaftlichen Wachstums- und Entwicklungsprozeß nachhaltig zu gestalten, d.h. daß vorrangig die langfristige Sicherung des ökonomischen Erfolges einen behutsamen Umgang mit der natürlichen Umwelt nahelegt (vgl. Radke, 1993, S. 3).

Diese Sichtweise zieht sich als Kernaussage wie ein roter Faden durch die neuere Diskussion, versehen mit zwar wechselnder, aber meist doch vorhandener breiterer Zustimmung. Als Kern dieser Position kann man die Arbeiten von David Pearce ansehen, dessen Arbeiten zum Themenbereich Sustainable Development, meist mit anderen Autoren veröffentlicht, sich sowohl durch profunde Sachkenntnis als auch durch den bisher wohl erfolgversprechendsten Versuch aus- zeichnen, eine einheitliche Diskussionslinie inner- halb des Ansatzes der nachhaltigen Entwicklung herzustellen und das Verhältnis zwischen nachhal- tiger Entwicklung und der quasi "traditionellen" Umweltökonomik zu klären, die sich eher mit dem Konzept der ökologisch-sozialen Marktwirtschaft be- faßt, das weitgehend nur von Ökonomen entwickelt wurde und schon länger diskutiert wird.

Vor allem aber formuliert Pearce deutlich die Schwächen, die der Nachhaltigkeitsansatz noch auf- weist: zum einen die noch längst nicht ab- geschlossene Definitionsdiskussion, zum anderen die noch fehlende Operationalität des Ansatztes (vgl. Amelung, 1992, S. 417f.).

3. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung(Sustainable Development)

Zunächst einmal muß festgestellt werden, daß in der relevanten und zumeist englischsprachigen Literatur der Begriff des Sustainable Development zwar einheitlich verwendet, aber nicht einheitlich ver- standen und interpretiert wird (vgl. Endres, 1993, S. 177); eine Sammlung von Definitionen findet sich etwa bei Pearce / Barbier / Markandya (1990, S. 173-185). Bei deutschen Übersetzungen oder auch deutschsprachigen Abhandlungen kommt hinzu, daß es für dieses Schlagwort keine einheitliche Über- setzung bzw. kein Äquivalent gibt; so findet man Beschreibungen wie "dauerhaft", "dauerfähig", "zu- kunftsfähig" oder "langfristig tragfähig" (vgl. Harborth, 1991, S. 7). Im folgenden soll daher die ohnehin bereits oben benutzte Bezeichnung "Nach- haltigkeit" bzw. "Nachhaltige Entwicklung" ver- wendet werden.

Pearce definiert als weitgehend unumstrittene Elemente der Definition von nachhaltiger Ent- wicklung (Pearce und Turner, 1990, S.43ff.) zum einen die Bejahung der Forderung nach Entwicklung, zum anderen die Forderung, daß diese Entwicklung nachhaltig (sustainable) verlaufen soll.

Diese Betonung des Entwicklungs- anstelle des Wachstumsbegriffes ist das erste Charakteristikum des Sustainable-Development-Begriffs, das als Er- gebnis der Wachstumsdebatte Anfang der 70er Jahre, ausgelöst durch den oben erwähnten ersten Bericht des Club of Rome (Meadows et al., 1972), angesehen werden kann (vgl. auch Brenck, 1992). Entwicklung wird hierbei als positiver gesellschaftlicher Wan- del definiert, wobei konkret etwa Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens, Verbesserung des Gesundheits- und Ernährungssektors sowie des Bildungsstandes, faire Ressourcenverteilung etc. angesprochen sind (vgl. Enquête-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" des Deutschen Bundestages, 1993, S. 36).

Die zweite Komponente ist die Nachhaltigkeit oder "sustainability", die rein formal impliziert, daß der Wert des Entwicklungsvektors im Zeitablauf zumindest nicht sinken darf, wobei der Zeithorizont nicht definiert ist; theoretisch wird aber ein unendlicher Horizont unterstellt, da ja nur so die Vorgabe der intergenerationellen Gerechtigkeit nicht von vornherein ausgeschlossen wird. Als Restriktion wird Forderung nach der Konstanz des natürlichen Kapitalstocks eingeführt (vgl. Pearce und Turner, 1990, S. 43f.), worunter man einen konstanten physischen Bestand an Ressourcen sowie eine gleichbleibende Qualität dieser Ressourcen zu verstehen hat.

Kennzeichen des Nachhaltigkeitskonzeptes sind also weiter die Betonung inter- und intragenerationeller und anderer ethischer Prinzipien sowie die stark naturwissenschaftlich geprägte Problembeschreibung, die die Funktionen des ökologischen Systems in den Mittelpunkt stellt (vgl. Ewers, 1992, S. 15).

Pearce und Turner (1990, S. 35-42) identifizieren hierbei die beiden Subsysteme Wirtschaft und Umwelt, wobei ersteres den Produktionssektor für Konsumgüter, den Konsumbereich selbst, den Recyc- lingbereich und als gesellschaftliches Oberziel die Nutzenerzielung umfaßt, während letzteres in Res- sourcen (erneuerbare/nicht erneuerbare) und Rest- stoffaufnahme durch die Umwelt aufgeteilt wird.

Die wichtigsten Funktionen des ökologischen Sub- systems sind dabei die folgenden: Ressourcen gehen unmittelbar in den Produktionsprozeß ein und stif- ten über den Konsum Nutzen. Die so eingesetzten Stoffe und die eingesetzte Energie unterliegen hierbei einer Veränderung; die zugeführte Energie (Luft, Wasser, fossile Brennstoffe) wird zum einen in nutzbare Energie (thermische, elektrische oder kinetische Energie) und zum anderen in Reststoffe (z.B. CO2) und Energie-Abfall (z.B. Abwärme) umge- wandelt, die wiederum an die Umwelt abgegeben werden.

Erstens entstehen bei der Stoff-Verarbeitung eben- falls Abfallstoffe und Energie-Abfall; die natür- lichen Stoffkreisläufe (z.B. der CO2-Kreislauf) werden durch die verstärkte Zufuhr von natürlichen (CO2, NOx) und künstlichen (Pestizide, Dioxin) Stoffen beeinflußt.

Zweitens nimmt die Umwelt diese Reststoffe, die im Produktionsprozeß und/oder beim Konsum entstehen, auf. Bei der Frage, ob die Produktion bzw. der Konsum umweltverträglich sei, müssen folgende As- pekte beachtet werden:

- Umfang und Art der Reststoffe sind eine Folge

der gesellschaftlich festgesetzten und damit

veränderbaren Konsum- und Produktionsmuster

- Der Umfang der Reststoffe kann durch Recyc-

ling verringert werden

- Die Umwelt kann einen Teil der Reststoffe auf-

nehmen und zum Teil auch verarbeiten, ohne

daß das ökologische Gleichgewicht beeinträch-

tigt wird; diese Fähigkeit wird als Assimila-

tionskapazität bezeichnet.

Drittens stiftet die Natur einen direkten Nutzen; die Verringerung des Ressourcenbestandes durch Nut- zung als Vorprodukt oder durch zu starke Belastung mit Reststoffen führt daher zu einem direkten Nut- zenverlust.

Die gegenwärtige Nutzung der Umwelt verringert die Funktionsfähigkeit des ökologischen Systems; eine Behauptung, die von den Vertretern des Nachhaltig- keitsansatzes mit Hilfe der Hauptsätze der Thermo- dynamik begründet wird. Nach dem ersten Hauptsatz der Thermodynamik können in einem abgeschlossenen System Energie und Materie weder geschaffen noch zerstört werden. Dies hat zur Folge, daß die eingesetzten Ressourcen lediglich umgewandelt und zerstreut werden können, sie enden in jedem Fall irgendwo im ökologischen System (vgl. Ströbele, 1987, S. 2).

Die Menge der zur Verfügung stehenden Ressourcen bildet daher eine Restriktion für die wirtschaft- liche und gesellschaftliche Entwicklung. Die nach uns kommenden Generationen müssen mit dem aus- kommen, was wir zurücklassen ("Raumschiff Erde"; vgl. Siebert, 1983, S. 38f.). Dieser quantitative Aspekt, d.h. Verringerung der Ressourcen und Ent- stehung von Abfall, kann mit Hilfe von Material- bilanzen und Ressourcenkonten erfaßt werden.

Zu beachten ist hierbei noch, daß diese sog. "Circular Economy" zwar ein geschlossenes, aber kein abgeschlossenes System ist; es existieren Input-Faktoren in Form von Sonneneinstrahlung, pla- netarischen Gravitationseffekten und der Geother- mik. Darüber hinaus erfolgt auch eine Wärmeab- strahlung in den Weltraum. An der grundsätzlichen Aussage des ersten Hauptsatzes der Thermodynamik über die Begrenztheit des nutzbaren Ressourcen- potentials ändert dies allerdings nichts.

Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, das soge- nannte Entropiegesetz, besagt, salopp gesprochen, daß in einem geschlossenen System die Nutzbarkeit von Energie und Stoffen immer abnimmt. Entropie kann als Maß der nichtverfügbaren Energie verstan- den werden, wobei freie Energie einem niedrigen Entropiegrad entspricht. Bei vielen ökonomischen Prozessen werden Ressourcenbestände mit hohem Rein- heitsgrad verbraucht und Schad- und Abfallstoffe mit niedrigerer Konzentration erzeugt. Der ur- sprünglich konzentrierte, also in Form eines nutz- baren Potentials vorhandene Rohstoff wird durch Produktion und Konsum zerstreut, landet in der Un- ordnung zahlloser Mülldeponien und belastet die Umwelt.

Mit Hilfe des Entropiegesetzes kann also der qualitative Effekt der Ressourcennutzung beschrie- ben werden. Die Verringerung des Reinheitsgrades der Stoffe wird die Ressourcennutzung späterer Ge- nerationen erschweren oder sogar unmöglich machen. Folgendes ist hierbei zu beachten:

Erstens gelten diese Aussagen mit Sicherheit für nichterneuerbare Ressourcen wie etwa fossile Brenn-stoffe, da jede Nutzung den Ressourcenbestand unum-kehrbar verringert.

Zweitens regenerieren sich erneuerbare Ressourcen wie z.B. Fischbestände auf natürliche Weise bzw. können künstlich regeneriert werden wie etwa das Wasser. Eine Verringerung zukünftiger Nutzungsmög- lichkeiten tritt nur dann auf, wenn die Nutzungs- rate die Regenerationsrate übersteigt.

Drittens wird die Schadstoffaufnahmekapazität nur dann verringert, wenn die Assimilationskapazität überschritten wird. Solange dies nicht geschieht, besteht im Prinzip keine Gefährdung der Nachhal- tigkeit des Systems. Bei einer Übernutzung kann die Funktion der Umwelt als Aufnahmemedium aber zusam- menbrechen. Umweltschädigungen resultieren dabei häufig erst aus der jahrelangen Anreicherung von Schad- und Abfallstoffen und sind dann irreversibel (Pearce und Turner, 1990, S. 50f.).

[...]

Details

Seiten
59
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638835428
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80964
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insb. Wirtschaftstheorie
Note
2,3
Schlagworte
Indikatoren Entwicklung Nachhaltigkeit

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Titel: Indikatoren einer nachhaltigen Entwicklung