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Metaphorisches Verstehen bei Kindern

Hausarbeit 2005 20 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung: Die Metapher

3. Gleichnisse – eine Sprache für Kinder?
3.1 Die Stadien des Gleichnisverständnisses nach Anton A. Bucher
3.1.1 Stadium
3.1.2 Stadium
3.1.3 Stadium
3.1.4 Empirische Befunde zu Mt 20,1ff

4. Anton A. Buchers Plädoyer für die „Erste Naivität“
4.1 Die Weltbildvorstellungen und der Realismus des Kindes
4.2 Anthropomorphisierung und Artifizialismus
4.3 Animismus und Magie
4.4 Religionspädagogische Forderungen Buchers

5. Die Kontroverse um die „Erste Naivität“
5.1 Bernhard Grom – Anton A. Bucher
5.2 Hubertus Halbfas – Anton A. Bucher
5.3 Die Sichtweise Rainer Oberthürs

6. Wundergeschichten in der Grundschule?

7. Schlusswort

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit möchte ich mich mit dem metaphorischen Verstehen von Kindern beschäftigen. Hierzu werde ich zunächst den Begriff „Metapher“ erläutern. Daraufhin möchte ich die Position Baldermanns zum Gleichnisverständnis von Grundschülern darstellen, um im Anschluss auf die drei Entwicklungsstadien des Gleichnisverständnisses nach Anton A. Bucher und die dazu gewonnenen empirischen Befunde einzugehen. Buchers Plädoyer für die „Erste Naivität“, das für viele Diskussionen in der Religionspädagogik gesorgt hat, werde ich danach umreißen. Im Anschluss folgt eine Skizzierung der wichtigsten religionspädagogischen Forderungen Buchers. Anschließend an das Plädoyer Buchers möchte ich die daraus entstandene Kontroverse beleuchten. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Frage, in welchem Alter Kinder Metaphern, speziell die metaphorischen Gleichnisse, verstehen können. Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich noch einen Diskurs zu den Wundergeschichten unternehmen, deren Einsatz als metaphorische Erzählungen in der Grundschule ebenso umstritten ist wie der der Gleichnisse.

2. Begriffsklärung: Die Metapher

Das Wort „Metapher“ kommt vom griechischen „meta pherein“(=anderswo hintragen)[1] bzw. vom lateinischen „metaferre“ (=übertragen). Gemeint ist mit dem Begriff eine „bildhafte Übertragung, die zur Veranschaulichung geistiger Inhalte dient“[2]. In der Metapher ist „ein bestimmter Begriff in einen ursprünglich fremden Bedeutungsbereich übertragen“[3] worden. Nach einer Definition Chris Hermanns‘ ist eine Metapher „eine Aussage, in der ein Subjekt mit einem zweiten Subjekt identifiziert wird, in dem es gewöhnlich nicht identifiziert wird“[4]. Außerdem sei eine Metapher das, was beim Hörer eine Spannung wecke und ihn aufrufe, eine Bedeutung zu konstruieren. Es sei letztendlich „das Resultat einer Analyse der Ähnlichkeit zwischen dem Prädikat des zweiten Subjektes und des ersten Subjektes“[5]. Thomas von Aquin hat gezeigt, dass „die Bibel nicht nur ständig Metaphern gebraucht, sondern auch diesen Gebrauch reflektiert“[6]. Metaphorische Gattungen sind z.B. Gleichnisse, Parabeln, Allegorien sowie Wundergeschichten. Da ich mich in meiner Arbeit vorwiegend auf das Gleichnis als metaphorische Erzählung konzentriere, möchte ich mit diesem beginnen und anmerken, dass in den empirischen Befunden, auf die ich später eingehe, eine Parabel als Basis diente. Die Parabel unterscheidet sich aber nur geringfügig von einem Gleichnis im engeren Sinne: Während im Gleichnis alltägliche Erfahrungen aufgegriffen werden, so handelt die Parabel von einem ungewöhnlichen Einzelfall.[7]

3. Gleichnisse – eine Sprache für Kinder?

Die Gleichnisse Jesu, insgesamt 41 an der Zahl, finden wir bei den drei Synoptikern Markus, Matthäus und Lukas. Sie sind Träger der Botschaft Jesu und beanspruchen als „Originale“ Jesu unser besonderes Interesse. Um die Hörer auf seine Botschaft aufmerksam zu machen, benutzt Jesus Elemente ihrer Erfahrungs- und Alltagswelt und lädt sie ein, in ihrem Leben die Nähe Gottes und sein Reich zu entdecken.[8] Die Gleichnisse aber, und das macht sie erst als solche aus, sind Beispielerzählungen. Nach Frankemölle liegt das größte Problem im Versuch, die Botschaft der Gleichnisse zu verstehen. Durch den metaphorischen Charakter, den sie besitzen, wird der Hörer herausgefordert, die Gleichnisse in seine Sprache zu übersetzen und auf seine Alltagswirklichkeit zu übertragen, was sich als sehr schwierig erweist.[9]

Wenn schon Erwachsene auf diese Problematik stoßen, wie sieht es dann bei den Kindern aus? Sind die Gleichnisse auch für Kinder geeignet? Nach Baldermann müssen sich die Gleichnisse den Kindern direkt erschließen oder sie tun es gar nicht. Direkt erschlossen werden können die Gleichnisse über die konkrete Erfahrungswelt der Kinder. Selbst wenn die Sachverhalte der Geschichten recht kompliziert sind, so Baldermann, können die Kinder die Gleichnisse unter der Voraussetzung der Resonanz der Erfahrungswelt schon verstehen.[10] Zu berücksichtigen ist nach Wegenast dabei die Rezeptionsästhetik, die davon ausgeht, dass die Bedeutung eines Textes allein vom Leser abhängt, der die Bedeutung des Textes für sich selbst konstituiert. Sie geht im Hinblick auf das kindliche Gleichnisverständnis davon aus, dass die Konfrontation der Kinder mit „richtigen“ Gleichnisauslegungen zu Missverständnissen bei den Kindern führt. Gefordert wird deshalb eine Hermeneutik biblischer Texte von Seiten der Kinder, d.h. sie sollten von sich aus das jeweilige Gleichnis zu verstehen versuchen, neue Erfahrungen sammeln und so zu neuen Antworten finden.[11]

Während die Gleichnisauslegung Adolf Jülichers eher die Veranschaulichung der Gleichnisse hervorhob, indem jedem Gleichnis eine Bild- und eine Sachhälfte zugeordnet wird, die einen gemeinsamen Vergleichspunkt, den tertium comparationis, besitzen[12], so betont die neuere Gleichnisauslegung vielmehr den metaphorischen Charakter der Gleichnisse.[13] Nach Halbfas muss die Didaktik im Primarbereich dafür sorgen, dass die Gleichnisse als Geschichten vermittelt und nicht abstrahiert werden. Bestenfalls sollten die Gleichnisse nicht erklärt, sondern umschrieben werden.

3.1 Die Stadien des Gleichnisverständnisses nach Anton A. Bucher

Der Religionspädagoge Anton A. Bucher hat sich mit dem metaphorischen Verstehen von Kindern beschäftigt. Dabei ließ er sich zum einen von der Rezeptionsästhetik leiten, die, wie bereits erwähnt, davon ausgeht, dass „Texte von Rezipienten auf unterschiedlichen Stufen der Entwicklung jeweils anders gedeutet werden“[14] und dass das Verständnis für die Interpretation eines Textes vom Alter der Person abhängt. Zum andern hat sich Bucher auf die Entwicklungsstufen Piagets sowie die darauf basierenden Stufen der Entwicklung des religiösen Urteils nach Oser und Gmünder gestützt.[15] Infolge seiner Untersuchungen konnte er die Entwicklung des Kindes hinsichtlich seines metaphorischen Verstehens, insbesondere des Gleichnisverständnisses, in drei Stadien unterteilen.

3.1.1 Stadium 1

Im ersten Stadium, im Alter von 7- 9 Jahren, verstehen die Kinder die Gleichnisse als „punktuelle, zeitlich und örtlich fixierte“[16] Geschichten. Sie rezipieren die erzählten Geschichten in diesem Alter nicht als Gleichnisse, sondern verbleiben in ihren Gedanken vollkommen in der Bildhälfte. Charakteristisch für dieses Stadium ist auch ein stark archaisches Weltbild, für welches eine räumliche Oben- Unten- Polarität kennzeichnend ist.[17] Die Charakteristika Anthropomorphisierung, Artifizialismus, Animismus sowie die Magie, die für diese Entwicklungsstufe kennzeichnend sind, werden von Bucher unter dem Begriff der „Ersten Naivität“, auf die ich im vierten Kapitel ausführlich eingehen werde, zusammengefasst.

3.1.2 Stadium 2

Das zweite Stadium beginnt nach Bucher im Alter von ca. 10 bis 11 Jahren und „stellt eine Übergangsphase dar“[18]. Nur ansatzweise gelingt dabei die Übertragung der Bild- auf die Sachhälfte. Die Kinder beginnen zwar langsam, die Gleichnisse als Beispielgeschichten zu rezipieren, fassen sie teilweise aber immer noch als konkrete Erzählungen auf.[19] Anders gesagt: Sie verstehen die Gleichnisse nicht mehr nur wörtlich, sondern merken bereits, dass die Bilder auf einen Sachgehalt verweisen – es fehlt jedoch noch das vollständige Verständnis für die Gleichnisse.

3.1.3 Stadium 3

Ungefähr ab dem 12. Lebensjahr herum kann nach Bucher davon ausgegangen werden, dass Gleichnisse ausnahmslos als Gleichnisse verstanden und rezipiert werden. Die Kinder erkennen nun das Bild des Erzählten, die Metapher, und verstehen somit die „Tiefenstruktur“[20] des Gleichnisses. Es wird verstanden, dass die Metaphern der Veranschaulichung dienen und nicht wörtlich zu verstehen sind.[21] Während oder nach dieser Entwicklungsstufe kann die „Zweite Naivität“, auf die ich noch eingehen werde, erreicht werden. Gleichnisse werden dann nicht nur als Gleichnisse verstanden, sondern zudem kritisch befragt.

[...]


[1] Vgl. http://www.netzwelt.de/lexikon/Metapher.html

[2] http://www.gds2.de/projekte/Barock/glossar.htm

[3] http://www.padina.com/theorie/Def_Inhalt.htm

[4] Hermans, Chris: Wie werdet Ihr die Gleichnisse verstehen?,1990, S.31

[5] Hermans, Chris: Wie werdet Ihr die Gleichnisse verstehen?,1990,S.31

[6] Geyer, Carl- Friedrich: Metaphorik, 2001, S.805

[7] Vgl. Frankemölle, Hubert: In Gleichnissen Gott erfahren, 1977, S.32

[8] Vgl. Freudenberg, Hans: Gleichnisse: Den Himmel auf die Erde bringen, 1999, S.23

[9] Vgl. Frankemölle, Hubert: In Gleichnissen Gott erfahren, 1977, S.12

[10] Baldermann, Ingo: Gottes Reich- Hoffnung für Kinder, 1991, S.85

[11] Vgl. Wegenast, Klaus: Wie ernst sollen wir die Naivität von Kindern nehmen?,1990, S.132

[12] Vgl. Weder, Hans: Gleichnisse in Forschung und Unterricht,1989, S.25f.

[13] Vgl. Halbfas, Hubertus: Religionsunterricht in der Grundschule, 1990,S.546

[14] Bucher, Anton/Oser, Fritz: Wenn zwei das gleiche Gleichnis hören…, 1987, S.167

[15] Vgl. ebd.,1987, S.169

[16] Bucher, Anton: Gleichnisse - schon in der Grundschule?, 1987, S.198

[17] Vgl. Mette, Norbert: Nochmals: Gleichnisse - schon in der Grundschule?,1993, S.44

[18] Bucher; Anton: Gleichnisse - schon in der Grundschule?, 1987, S.200

[19] Vgl. Mette, Norbert: Nochmals: Gleichnisse schon in der Grundschule?, 1998, S.44

[20] ebd., S.472

[21] Vgl. Bucher, Anton: Gleichnisse- schon in der Grundschule?, 1987, S.200

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638857888
ISBN (Buch)
9783638854757
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81087
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Katholische Theologie und Religionspädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Metaphorisches Verstehen Kindern Methoden Unterricht Seminar Praktika Primarstufe Sekundarstufe

Autor

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Titel: Metaphorisches Verstehen bei Kindern