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Die Rolle des Journalisten am Beispiel von Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Seminararbeit 2005 28 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. Der Rollenbegriff
1.1 Definition
1.2 Die Rolle der Journalisten

2. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“
2.1 Heinrich Böll
2.1.1 Kurzbiographie von Heinrich Böll
2.1.2 Heinrich Bölls Bezug zur Presse
2.2 Journalismus in Deutschland
2.3 Geschichtliche Einordnung
2.4 Kurze Zusammenfassung des Buches
2.5 Das Rollenbild im Buch
2.5.1 Die Sprache der Zeitung
2.5.2 Die Rolle der ZEITUNG
2.5.3 Die Rolle des Journalisten Tötges

SCHLUSSWORT

LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

Die Vorlesung „Journalist - Eine Rolle“ war für mich von grossem Interesse, da sie mein Hauptfach Soziologie mit meinem Nebenfach Medienwissenschaft verknüpft. Diese Verbindung zu suchen, zu finden und mich damit zu beschäftigen ist ein wichtiges Ziel meines Studiums.

Heinrich Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann" entstand im Jahre 1974. Das Buch ist ein sehr gutes Beispiel für eine Auseinandersetzung mit dem Rollenbild des Journalisten.

Die Figur des Journalisten hat in seinem Werk eine zentrale Funktion.

In dieser Seminararbeit soll die Rolle und Funktion der Journalisten allgemein und im Besonderen anhand des Werkes von Heinrich Böll untersucht werden. Darüber hinaus wird genauer auf folgende Fragestellungen eingegangen: Mit welchen Rollenerwartungen werden die Journalisten konfrontiert? Mit welchem Hintergrund verfasste Heinrich Böll "Die verlorene Ehre der Katharina Blum“? Wie werden die Presse und der Journalist in dieser Erzählung dargestellt? Welche Rolle nimmt der Journalist innerhalb der Handlung ein?

Im ersten Teil der Arbeit gehe ich auf den Rollenbegriff im Allgemeinen und im Bezug zum Journalismus ein.

Im zweiten Teil steht die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ im Vordergrund. Dabei gehe ich kurz auf Heinrich Böll sowie auf die Situation und den Journalismus in Deutschland um die Entstehungszeit des Werkes ein. Dann folgt eine kurze Buchzusammenfassung zum Verständnis und zur Einbettung des darauf folgenden Abschnittes, in welchem ich schliesslich auf die Sprache und Rolle der Presse und des Journalisten in der Erzählung eingehe.

Ich hoffe, dass ich mit der vorliegenden Arbeit einen kleinen Einblick in die schwierige Situation der Journalisten mit den vielen verschiedenen Rollenerwartungen, welche sich an sie richten, geben kann und wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre.

1. Der Rollenbegriff

Zu Beginn möchte ich auf den Rollenbegriff im Allgemeinen eingehen.

Das Wort „Rolle“ kommt ursprünglich vom mittelhochdeutschen Wort „Rulle“, was so viel wie „kleines Rad“ bedeutet.[1] Im Lateinischen heisst Rolle „Persona“.

Oft ist mit „Rolle“ die von einem Schauspieler zu verkörpernde Figur gemeint.

1.1 Definition

Hauptsächlich wird der Rollenbegriff jedoch in der Soziologie gebraucht. Mit der Entstehung der wissenschaftlichen Fächer Psychologie und Soziologie im 19. und 20. Jahrhundert wandelt sich der Rollenbegriff und es setzt sich in der Soziologie die Ansicht durch, dass jeder Mensch mehrere Rollen einnimmt.

Eine soziale Rolle ist „die Summe der Erwartungen und Ansprüche von Handlungspartnern, einer Gruppe, umfassender sozialer Beziehungsbereiche oder der gesamten Gesellschaft an das Verhalten und das äussere Erscheinungsbild des Inhabers einer sozialen Position (…).“[2]

Ralf Dahrendorf hat das sehr ähnlich definiert.[3]

Man unterscheidet zwischen Muss-, Soll- und Kann-Erwartungen, je nach Sanktionsstärke.

Durch die unterschiedlichen Erwartungen an die Träger von Rollen entstehen meist Rollenkonflikte.

Dabei unterscheidet man zwischen Intra - Rollenkonflikten, wenn eine Rolle widersprüchliche Erwartungen von Rollenpartnern beinhaltet, sowie Inter - Rollenkonflikten, was sich auf die Unvereinbarkeit verschiedener Rollen, welche man gleichzeitig einnimmt, bezieht. Letzteres kann zu einer Rollenüberlastung führen, wenn zum Beispiel eine Mutter und Hausfrau auch noch Karriere machen will.

1.2 Die Rolle der Journalisten

Der Journalist kann seine Rolle nicht selber definieren. Andere Kommunikationsberufe, der Verlag, die Redaktion, die Verwaltung und auch die Behörden definieren seine Rolle mit. Und natürlich haben auch die Leser einen Einfluss, welcher sich durch ihr Nutzungsverhalten ausdrückt. H. Oswald spricht von einer „Abstimmung am Kiosk“.[4]

Wir sind auf eine zuverlässige und an den Tatsachen orientierte Informationsvermittlung der Medien angewiesen, da es uns heutzutage nicht möglich ist, den Wahrheitsgehalt der Berichte zu überprüfen. Da stellt sich die Frage, inwiefern wir diesem medial vermittelten Wissen vertrauen können. Laut einer Studie[5] glauben nur noch 18 Prozent der Konsumenten an eine wahrheitsgetreue und objektive Berichterstattung der Tageszeitungen, das Vertrauen in das Fernsehen und das Radio ist nur wenig höher.[6]

Da der Journalismus in der Öffentlichkeit wirkt und jeder in irgendeiner Weise mit den Medien konfrontiert ist, gibt es unzählige verschiedene Erwartungen an die Journalisten. Dies wird dadurch verstärkt, dass Massenangebote unwichtiger werden und die Nachfrage nach individuell auf die eigenen Präferenzen zugeschnittenen Angeboten steigt. Ausserdem verändern sich die Erwartungen an Journalisten laufend und hängen von der Position denjenigen ab, welche mit den Medien in Kontakt sind. Da versteht es sich von selbst, dass dies zu Rollenkonflikten führt.

„Wenn es auf der einen Seite heisst: „Zuallererst denkt der Journalist an seinen Partner, den Leser“ (P. Studer) und auf der anderen: „Insgeheim schreiben sie aber für ihre Kollegen…“ (W. Höfer), dann ist offenbar diese Rolle durch ein elementares Bezugsproblem gekennzeichnet. Man kann es, abstrakt, als dasjenige des prekären Verhältnisses von Binnen- und Aussenorientierung bezeichnen (…)“[7]

Dieses Problem bezieht sich auf die schwierige Mittlerposition, welche die Rolle des Journalisten beinhaltet. Dabei können die Medienschaffenden nie alle politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen befriedigen.

Die Journalisten sind mit den Erwartungen von unterschiedlichen Seiten konfrontiert, denn sie befinden sich immer zwischen Informanten und zu Informierenden und zwischen den Ereignissen und dem Interesse dafür.

Diese Interessenkonflikte und der Rückgang der ehemaligen journalistischen Objektivitäts- und Neutralitätspostulate problematisieren seine Rolle noch zusätzlich. „Der Journalist dient immer jemandem…“[8] Menschen wollen mit Effekten berührt werden, damit sie die Informationen auch konsumieren. Auch die Experten erwarten von den Journalisten ein gewisses Sachwissen, welches die Journalisten aufgrund ihres Ausbildungsstandes meist nicht aufweisen können. Oft scheitert eine befriedigende Informationsvermittlung an der mangelnden Infrastruktur vieler journalistischer Arbeitsplätze. Dies beeinträchtigt die Qualität ihrer Arbeit, zusätzlich zum hohen Zeitdruck, unter welchem die Journalisten stehen. Und wenn Behörden selber Informationen unterschlagen oder beschönigen, kann es sein, dass die Journalisten den Sinn der ethischen Grundsätze vergessen und auch dazu neigen, Mitteilungen zu verändern.

Ausserdem stehen sie unter dem wirtschaftlichen Zwang, ihre Zeitungen auf dem Markt verkaufen zu müssen, um die eigene Reproduktion sicherzustellen.[9]

Diese verschiedenen Erwartungen führen zu einer vermehrten Differenzierung des journalistischen Berufsfeldes.

Der Journalismus produziere in der Gesellschaft „eher Komplexitätssteigerung als Reduktion von Komplexität, eher Ungewissheiten als Gewissheiten, eher Desorientierungen als Orientierungen (…)“.[10] Er stelle zwar keine Konflikte her, aber er thematisiert sie und ist fähig, sie zusätzlich anzuregen und zu verstärken, indem er auf die Widersprüche zwischen den verschiedenen Interessen der Teilsysteme verweist. Die Berichterstattung richtet sich nach den Erwartungen des Publikums, nicht nach den Rationalitätserwartungen dieser beteiligten Teilsysteme.

„In diesen Konflikten zwischen den gesellschaftlichen Teilsystemen übernimmt der Journalismus die Rolle eines autonomen Beobachters von Umweltrelevanz. Er kann daher weder als ’neutraler Vermittler’ noch als ’Konfliktpartei’ oder ’Konfliktakteur’ verstanden werden.“[11]

Wenn der Journalismus an einem Konflikt beteiligt wäre, würde er „seine gesellschaftliche Rolle als autonomer Beobachter von Umweltrelevanz aufgeben (…)“[12]. Das heisst, dass er sich nicht mehr an dem orientieren würde, was eigentlich für die Gesellschaft von Bedeutung wäre.

Auch Tulodziecki[13] befasste sich hauptsächlich mit dem Einfluss der Medien auf das aggressive Handeln vieler Kinder und Jugendlichen. Er geht davon aus, dass Medieneinflüsse indirekt über bestimmte Bedingungen erfolgen. Dabei sei aggressives Verhalten von Jugendlichen ein Mittel zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung.[14]

Das Fremdbild und das Selbstbild der Journalisten unterscheiden sich meist darin, dass der Journalist sich positiver sieht als er von Aussen gesehen wird. Das Selbstbild kann ausserdem auch im Widerspruch mit dem eigenen Verhalten stehen. Der Journalist sieht sich meistens als Analytiker, Kommentator, Unterhalter, Nachrichtenvermittler und kritischer und neutraler Berichterstatter. Meiner Ansicht nach ist es für einen Menschen unmöglich, neutral zu sein, denn man ist immer von der eigenen Meinung beeinflusst oder von der Einstellung der Kollegen oder im Falle der Journalisten von der Redaktion der Zeitung. Davon ist auch Winfried Schulz überzeugt. Eine objektive Wirklichkeit widerzugeben sei „grundsätzlich ungeerechtfertigt und auch unmöglich.“[15]

Im Journalismus gibt es einige Konfliktfelder.[16] Der Journalist wird oft als ein Beobachter der aktuellen Vorgänge gesehen. Dies führt jedoch zu wirtschaftlichen Problemen. Der Medieneigentümer trägt das unternehmerische Risiko. Die redaktionelle Unabhängigkeit, Standards und Normen sollen gesichert werden. Diese Unabhängigkeit gerät jedoch in Konflikt mit der so genannten Trennungsregel, wie zum Beispiel eine Gefälligkeitsberichterstattung für Werbekunden oder ungeprüfte Übernahme von PR-Texten, sowie dem Sponsoring oder Partnerschaften mit verschiedensten Firmen.

Ein zweites Kollisionsfeld bezieht sich auf die Professionalitätsnormen. Dabei steht die Sorgfaltspflicht, also die Wahrhaftigkeit, der Attraktion gegenüber.

Die Aufgabe des Journalismus sei das Übermitteln von sachrichtigen und vollständigen Informationen. Dabei soll aber ein möglichst grosses Publikum angesprochen werden. Somit kollidiert die Relevanz der Nachricht mit der Sorgfaltspflicht. Prominentengeschichten dienen dann als "Emotainment"[17].

Ein weiteres Problem stellt die Erfordernis des Medienmarktes dar, so aktuell wie möglich zu sein. Dabei wird oft die Aufgabe des Informationsjournalismus einer wahrheitsgemässen Berichterstattung vernachlässigt.

Des Weiteren widerspricht die Aufgabe des Journalismus, Öffentlichkeit herzustellen dem Schutz der Persönlichkeit und der Privatsphäre.

So kommt es zum Überbietungsjournalismus, zu Übertreibungen, Entstellungen der Sachverhalte und unbelegten Aussagen.[18]

Hug unterscheidet zwischen einer aktiven Rolle, bei welcher der Journalist als Unterhalter agiert, sowie der passiven Rolle, bei welcher er ein Vermittler, ein Berichterstatter ist. Er nennt die passive Rolle der Medien diejenige, welche der Gesellschaft dient. In diesem Sekundanten-Modell haben die Massenmedien in erster Linie eine Informationsfunktion. Sie sollen die Bürger nämlich „über alle gesellschaftlich relevanten Sachverhalte vollständig, realitätsgetreu, sachlich und verständlich informieren.“[19] So soll sich der mündige Bürger eine eigene Meinung und ein rationales Urteil bilden können.

Die Medien können ihre Aufgaben nur erfüllen, wenn Journalisten der verschiedensten Bereiche ihre Tätigkeit kompetent, ungehindert und verantwortungsbewusst ausüben. Die Freiheit, Informationen zu erhalten, zu überprüfen und zu veröffentlichen, sowie die freie Meinungsäusserung müssen garantiert sein.

„Zu diesem fundamentalen Recht gehört die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, zur Fairness und zum Schutz der Persönlichkeit von dargestellten oder befragten Personen. (…) Befangenheit, Vorurteile oder Bindungen an bestimmte Interessen können zu schwerwiegenden journalistischen Fehlleistungen führen. (…)“[20]

[...]


[1] Die technischen Bedeutungen von Rolle möchte ich hier vernachlässigen.

[2] Hillmann 1994: 742

[3] „Soziale Rollen sind Bündel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfen.“ (Ralf Dahrendorf, Homo Sociologicus: 33)

[4] Saxer, Ulrich im Buch von Widmer, Franz (Hg.): 148

[5] Langzeitstudie „Massenkommunikation“ zur Mediennutzung und Medienbewertung 1964-1985 in Berg und Kiefer (Hg.): Massenkommunikation III. Frankfurt 1987: 146

[6] Schweer (Hg.) 2001: 35 und 55

[7] Saxer, Ulrich im Buch von Widmer, Franz (Hg.): 148

[8] Saxer, Ulrich im Buch von Widmer, Franz (Hg.): 149 und dort als Quelle des Zitates G. Padel

[9] ebenda: 148 bis 160

[10] Hug 1997: 354 und 355

[11] ebenda: 356

[12] Hug 1997: 357

[13] Gerhard Tulodziecki, „Bedeutung des Medieneinflusses für das Handeln in Konfliktfällen“ in Schweer (Hg.) 2001

[14] Schweer (Hg.) 2001: 103-124

[15] Schulz, Winfried 1976:“Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien“ in Baerns 1985: 13

[16] Ich beziehe mich dabei auf die Abbildung 2 im Anhang

[17] Rainer Jogschies Buch „Emotainment, Journalismus am Scheideweg“ ist eine Medienkritik für schlampigen Journalismus und bezieht sich ebenfalls auf die Bild-Zeitung.

[18] www.uni-leipzig.de/~kmw/so/ 3-03/2005/V_Journ_Ethik-05-3-kurz.pdf

[19] Hug 1997: 89

[20] http://www.kath.ch/do_entw_medien.htm#3

Details

Seiten
28
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638851589
ISBN (Buch)
9783638850933
Dateigröße
910 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81337
Institution / Hochschule
Universität Basel – Institut für Medienwissenschaft
Note
5.0 (CH)
Schlagworte
Rolle Journalisten Beispiel Heinrich Bölls Ehre Katharina Blum“ Seminar Journalist Eine Thema Die verlorene Ehre der Katharina Blum

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