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Von der Monopolisierung der Gewalt zum Arbeitsprozess und der rationalisierten Sexualität bei Marquis de Sade

Arbeiter und Arbeitsprozess in Analogie zu den Libertins und der de Sadeschen Orgie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 29 Seiten

Medien / Kommunikation - Medienethik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Zum Thema und Inhalt der Arbeit

2. Zivilisationsprozess und Naturbeherrschung
2.1 Zivilisationsprozess, Monopolisierung der Gewalt und Kapital
2.2 Unterdrückung der Natur, Aufbäumung und Beherrschung
2.3 Adel, Bürgertum und Aufklärung
2.4 Verbot und Transgression

3. Aufklärung (Funktionalisierung) und Arbeitsprozess
3.1 Aufklärung, Rationalität und Herrschaft
3.2 Rationalisierung und Entfremdung durch Arbeit
3.3 (Re-)Produktion, Selbsterhaltung und Arbeitsprozess

4. Die Rationalisierung der Sexualität bei De Sade
4.1 Die Libertins, Normbruch und Überbieten der Natur
4.2 Rationalisierung der Sexualität am Beispiel der Orgie
4.3 Kritik, Negierung und Vollendung der Aufklärung

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung: Zum Thema und Inhalt der Arbeit

Sexualität und Arbeit bilden die Grundlagen des menschlichen Lebens. Durch Sexualität pflanzen wir uns fort, durch Arbeit ernähren wir uns. Arbeit aber unterdrückt Sexualität und diese wiederum hält den Menschen von der Arbeit ab. Über die Jahrhunderte hat sich der Mensch mehr und mehr seiner natürlichen Triebe entledigt und sie durch gesellschaftliche Veränderungsprozesse zunehmend unterdrückt und zivilisiert. Der Marquis de Sade hat ihn, mit seinen menschenverachtenden Pornographie- und Gewaltgeschichten wieder mit seiner ur-sprünglichen Natur konfrontiert und wurde dafür bestraft. In der vorliegenden Arbeit wird, nach einer grundlegenden Darstellung des Zivilisations- und Arbeitsprozesses, die Analogie der rationalisierten Arbeit zur sexuellen Programmatik in der Sadeschen Orgie aufgezeigt. Neben der Berücksichtigung geschichtlicher Aspekte, werden Theorien des Arbeitsprozesses, der Aufklärung und der Verbindung von Sexualität, Gewalt und Rationalität untersucht. Aufgrund des Themenumfangs wird in dieser Arbeit auf ausführliche Textbeispiele aus der Literatur de Sades größtenteils verzichtet und diesbezüglich auf die verwendete Fachliteratur zu seinem Werk verwiesen.

2. Zivilisationsprozess und Naturbeherrschung

Die Bildung von Gewalt- und Steuermonopolen ging von den großen Höfen aus, an denen sich, durch den Verflechtungszwang der höfischen Gesellschaft untereinander, die Entwicklung der „Zivilisation des Verhaltens“ skizzieren lässt.[1]

In diesem Kapitel wird der Zivilisationsprozess, vor allem unter den Aspekten der Monopolisierung der Gewalt und der Naturbeherrschung im Sinne der Aufklärung betrachtet. Die betroffenen Schichten, allen voran der Adel und das Bürgertum, sowie die soziokulturellen und ökonomischen Umbrüche sind hierbei ebenso von Interesse wie die Thematisierung von Verboten, neuen gesellschaftlichen Leitmotiven und der Transgression im Hinblick auf die spätere Betrachtung des Arbeitsprozesses und der Rationalität im Allgemeinen und im Speziellen bei de Sade.

2.1 Zivilisationsprozess, Monopolisierung der Gewalt und Kapital

Der Beginn des Zivilisationsprozesses im Abendland, der heutigen westlichen Welt, kann ab dem 11. bzw. 12. Jahrhundert skizziert werden.[2] Die Entstehung und Herausbildung eines gedämpften Adels, heraus aus dem Kriegsadel, endet im 17. bzw. 18. Jahrhundert. Die Entwicklung der militärischen und vor allem wirtschaftlichen Autarkie, der „Verhöflichung der Krieger“ ist ein langer, und durch die Komplexität der tangierten Stände problematischer, Prozess.[3] Die großen sozialen Unterschiede, beispielsweise zwischen Bauern und Kriegern bleiben, aufgrund der immer stärkeren physischen und Macht -legitimierten Bedrohung, lange Zeit bestehen. Der insgesamt schwerfällige Prozess erfährt erst im 15. bzw. 16. Jahrhundert eine Beschleunigung, vor allem durch Folge der immer stärkeren und vor allem schnelleren Kapitalisierung und Geldentwertung.[4]

Die durch ihren Stand und somit Macht legitimierten Krieger müssen sich zunehmend dem wachsenden wirtschaftlichen Druck beugen und sind gezwungen ihre gewaltsamen Triebe zu unterdrücken, eine mehr oder weniger pazifistische Haltung ihrem sozialen Umfeld gegenüber zu entwickeln und zu festigen. Hierauf wird in den folgenden Unterkapiteln noch weiter eingegangen. Diese „Selbstzwang-Apparatur“ jedes einzelnen steht im Zusammenhang mit der Monopolisierung und Institutionalisierung der physischen, direkten Gewalttat und der Stabilität der gesellschaftlichen Zentralorgane, die sich teilweise daraus entwickeln.[5] Die Herausbildung des Gewaltmonopols ist ab dem 16. Jahrhundert, indem sich ein umfassender Monopolisierungsprozess von Herrschaft abzeichnete, zu manifestieren. Weitere zunehmend verstaatlicht und monopolisierte Zentralorgane sind „[…]Verwaltung, Rechtssetzung, Rechtssprechung und andere Sektoren der staatlichen Sphäre.“[6]

Die ‚Verhöflichung der Krieger‘ bildet, laut Elias eine der elementarsten Voraussetzung jeder Zivilisationsbewegung.[7] Zunehmend wird jedem einzelnen von klein auf die angesprochene Selbstzwang-Apparatur aufgebunden, jeder muss lernen seine gewaltsamen Triebe zu unterdrücken und sich den verfestigenden, neuen gesellschaftlichen Normen anzupassen um seine soziale Existenz zu sichern. Die neuen Verhaltenscodexe werden überall außerhalb des Hofes verbreitet und z.B. durch Minnelieder weiter getragen.

Trotz dieser Entwicklung und umfassenden Kommunikation der neuen Verhaltensregeln, der „courtoisen Vorschriften“, werden sie aber nur partiell eingehalten.[8] Elias spricht vom „Über-Ich“, das noch nicht besonders stark ausgeprägt ist und gleichmäßig entwickelt und somit noch nicht genügend selbstreflexiven Einfluss auf den Menschen ausübt.[9] Auch das aufkommende Bürgertum kann die neuen Werte noch nicht ausreichen propagieren, da es gegenüber dem Adel noch nicht besonders stark konkurrieren kann, was sich aber bald ändert.

Obwohl die Entwicklung weder sehr schnell noch homogen verläuft, ist der Prozess im 18. Jahrhundert mit der endgültigen Institutionalisierung von Gewalt und Herrschaft nahezu abgeschlossen. Eben diese Herrschaftsverbände haben durch die Errichtung des Gewalt-monopols die „Existenzbedingung des Staates“ geschaffen.[10] Der Zwang der dauernden Kriege und gewaltsamen Aneignung von Besitz wird zunehmend durch die Zwänge des Kapitals, des Geld- und Prestigeerwerbs ersetzt. Trieb- und Affektregung werden „[…]durch die Angst vor der kommenden Unlust [z.B. sozialer Abstieg] überdeckt und bewältigt[…]“, bis diese Angst sich den verbotenen Neigungen und Verhaltensweisen entgegenstemmt, sie unterdrückt, hierdurch kommt es zur Befreiung von Emotionen wodurch das Bild des Menschen psychologisiert wird.[11]

Der „[...]starke und beständige Druck von den verschiedensten Seiten her verlangt und züchtet eine beständige Selbstkorntrolle, ein stabileres Über-Ich und neue Formen des Benehmens im Verkehr von Mensch und Mensch: aus Kriegern werden Höflinge.“[12] Die Bedrohung von Menschen untereinander wird berechenbarer und unterliegt immer geringeren Schwankungen im Verhalten. Die Gesellschaft definiert ihr Handeln zunehmend durch eine zunehmende „[…] ‚Zivilisation‘ der psychischen Selbststeuerung.“[13]

Luhmann stellt fest, dass es keinen Staat ohne Gewaltmonopol, welches folglich den Staat bedingt, gibt.[14] Wenn in dieser neuen Form, dem neu organisierten Staat Gewalt ausgeübt wird, dann nur die staatlich legitimierte. Diese Gewalt kann direkt, physisch oder indirekt, strukturell immanent sein. Festzustellen ist außerdem, dass „[…]das Gewaltmonopol an Legitimität gekoppelt[…]“ ist und es folglich auch „ohne Gewalt keinen Staat“ gibt.[15] Das Gewaltmonopol unterliegt der permanenten Erneuerung durch geltendmachung des Anspruchs unter, nach Weber, zwei elementaren Voraussetzungen für seine beständige Existenz, der Institutionalisierung der Gewaltmittel und einer Legitimitätsgrundlage.[16]

Durch die Institutionalisierung von Gewalt entstehen, im Normalfall, gewaltlose, befriedete Räume die durch die latente Staatsgewalt kontrolliert werden. Im Gegensatz zu wirtschaftlichen Monopolen ist das Monopol der Gewaltsamkeit nur schwer kontrollierbar und niemals absolut. Gewalt als Form des menschlichen Handelns ist latent oder manifest immer präsent.[17] Die Aufrechterhaltung des Monopols und Wahrung der Interessen des Staates wird durch indirekte, strukturelle Gewalt erreicht, kann aber ggf. auch durch Ausübung physischer Gewalt manifestiert werden. Somit nutzt die Gemeinschaft physische Gewalt zur Wahrung ihrer Interessen.[18] Damit befindet sich jeder Staat im „[…]Angesicht einer Paradoxie“, da er zur Unterbindung von Gewalt unter seinen Bürgern wiederum Gewalt einsetzen kann und muss.[19] Auf den Bürger selbst wird nur noch strukturelle Gewalt von Seiten des Staates ausgeübt, während aufgrund der sozialen Zwänge untereinander immer höherer Druck durch die Gesellschaft aufgebaut wird.

Die gesellschaftlichen Strukturen werden immer komplexer, die Ausdifferenzierung der Funktionen vielschichtiger. Der neue, bewusste Bürger läuft durch seine soziale Existenz mehr und mehr Gefahr sich durch unkontrollierte Affekte ins gesellschaftliche Abseits zu manövrieren. Je stabiler das Gewaltmonopol wird und den einzelnen in seine ‚Selbstzwang-Apparatur‘ zwingt, „[...]desto mehr ist der Einzelne in seiner sozialen Existenz bedroht, der spontanen Wallungen und Leidenschaften nachgibt; desto mehr ist derjenige gesellschaftlich im Vorteil, der seine Affekte zu dämpfen vermag, und desto stärker wird jeder Einzelne auch von klein auf dazu gedrängt, die Wirkung seiner Handlungen oder die Wirkung der Handlungen von Anderen über eine ganze Reihe von Kettengliedern hinweg zu bedenken."[20] Hier tritt die Logik des Kapitals in Erscheinung, auf die im 3. Kapitel noch weiter eingegangen wird. Durch die Stabilisierung des Gewaltmonopols kommt es zu größerer Funktionsteilung, was wiederum zu längeren Handlungsketten führt die eine Arbeitsteilung ebenso wie eine höhere funktionelle Abhängigkeit bedingen. Voraussetzungen für den rationalisierten Arbeitsprozess werden geschaffen.

[...]


[1] Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation, 1979, 353

[2] Vgl. Elias (Anm.1), 354

[3] Elias (Anm.1), 353

[4] Vgl. Elias (Anm.1), 360f

[5] Elias (Anm.1), 320

[6] Anter, Andreas: Max Webers Theorie des modernen Staates. Herkunft, Struktur und Bedeutung, 1995, 38

[7] Vgl. Elias (Anm.1), 353f

[8] Elias (Anm.1), 356

[9] Ebd., 356

[10] Anter (Anm. 6), 41

[11] Elias (Anm.1), 372

[12] Ebd., 368

[13] Ebd., 357

[14] Vgl. Anter (Anm. 6), 40

[15] Anter (Anm. 6), 36

[16] Vgl. Anter (Anm. 6), 44

[17] Vgl. ebd., 44

[18] Vgl. ebd., 45-47

[19] Anter (Anm. 6), 45

[20] Elias (Anm.1), 322

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