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Die „Ode Prometheus“ im Spannungsfeld von mythologischer Tradition und dem Weltbild des jungen Goethe

Seminararbeit 2003 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Chronologische Einordnung des Werkes

1. Der Stoffkreis
1.1 Die Sage des Prometheus
1.2 Gattungszuordnung und Aufbau des Gedichts

2. Die Interpretation des Stoffes
2.1 Die Strophen und ihr Sinnzusammenhang
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den antiken Vorlagen

3. Die Ode als Protestliteratur
3.1 Urbild des bürgerlichen Emanzipationsanspruchs
3.2 Prometheus als Ketzer?

4. Der Einfluss der Mythologie

Verwendete Literatur:

Chronologische Einordnung des Werkes

Obgleich sich der alte Goethe 1820 ablehnend zu einer erneuten Veröffentlichung seines Gedichts ‘Prometheus’ äußerte, da er fürchtete, sein frühes Werk könnte die revolutionären Tendenzen der damaligen Jugend weiter schüren, haben der hoch tragende Inhalt desselben und der weitreichende Rückgriff auf die mythologische Figur des Prometheus über die Jahre bis hin in die heutige Gesellschaft mit ihren zunehmend individualisierten Mitgliedern eher noch an Bedeutung gewonnen. Die trotzige Absage an den Herrschergott Zeus und die Selbsterkenntnis des schöpferischen Individuums sind darüber hinaus besonders kennzeichnend für das geniehafte Lebensgefühl des jungen Stürmers und Drängers Johann Wolfgang von Goethe.

Wann dieser das Gedicht genau schuf, ist wissenschaftlich nicht exakt ermittelbar, fest steht nur, dass es während seiner Frankfurter Jahre, wohl im Zeitraum zwischen dem Frühjahr 1773 und Herbst 1774 entstanden ist. Anonym publiziert wurde es erst 1785 durch Goethes Jugendfreund Fritz Jacobi (1743-1819), der mit der gleichzeitigen Veröffentlichung eines Gesprächs zwischen ihm und Lessing (1729-81), welcher Sympathie für die religionskritischen Tendenzen des Werkes zeigte, einen heftigen Streit um die Lehren Spinozas auslöste, die sich gerade in jener Zeit dem unpopulären Vorwurf des Atheismus ausgesetzt sahen. Hauptsächlich durch diese Rezeptionsgeschichte verursacht, wird das Gedicht zur „verwegensten Streitrede des selbstherrlichen Sturm und Drang“[1] und Goethe selbst entscheidet schließlich 1789, es neben dem Hymnus „Ganymed“ in der Göschen-Ausgabe seiner Gedichte abdrucken zu lassen.

Im selben antiken Stoffkreis spielt ein dramatisches Fragment ‘Prometheus’ in zwei Akten, das um die gleiche Zeit entstanden sein muss und häufig in Verbindung mit dem Gedicht behandelt wird. Goethe hat in seiner Ausgabe letzter Hand den Monolog sogar als den Anfang eines 3.Aktes in das Drama integriert und dazu notiert, es sei von ihm so angelegt gewesen. Die Forschung ist sich hingegen aufgrund der doch gravierenden inhaltlichen und logischen Differenzen einig, dass er hierbei einen Fehler beging und von einer verfälschten Erinnerung angeleitet wurde.[2]

Das dramatische Fragment selbst beschreibt Prometheus zwar auch in der Situation eines trotzigen Widerparts zu den olympischen Göttern und weist an einigen Stellen auch Textähnlichkeit auf, hebt jedoch neben der Schöpferrolle mehr den Lehrer und Lenker der gerade erwachten Menschheit hervor, der diese auf die Probleme des Lebens, besonders auf Erleben und Akzeptanz von Leid und Tod vorbereitet. Diese Rolle ist in der klassischen mythologischen Überlieferung für Prometheus zwar nicht untypisch, aber ungewöhnlich.

1. Der Stoffkreis

1.1 Die Sage des Prometheus

Im Versuch einer einleuchtenden Synthese der verschiedenen Sagentraditionen ist der Prometheus, ein Titanensprössling und Bildhauer, der kunstfertige Schöpfer einer neuen Gattung. Aus Lehm formt er ihm (und den Göttern) ähnliche Gestalten und vollendet sie mit Hilfe der Göttin Pallas Athene , die ihnen wirkliches Leben schenkt. Darüber zwar ungehalten, doch wenig beeindruckt, akzeptiert der Göttervater Zeus die neuartigen Kreaturen unter der Bedingung, dass sie ihn als obersten Gott anerkennen und ihm huldigen.[3]

Beim ersten großen Opferfest der Menschen überschätzt nun aber der listige Prometheus seine eigene Schlauheit und bietet dem Gott zwei verschiedene Opfergaben zur Auswahl – der kleinere Haufen, bestehend aus dem Muskelfleisch des Opferstiers, ist von den unappetitlichen Innereien bedeckt, während der andere, das abgelöste Geripp des Tiers, durch geschickt drapiertes Fett und glänzende Speckschwarten einen sehr ansehnlichen Eindruck bietet. Zornerfüllt über den versuchten Betrug zerstört Zeus mit einem seiner Blitze das frevlerische Opfer und bestraft die Menschen damit, dass er ihnen die Gabe des Feuers vorenthält.

Prometheus aber, voll Aufbegehren und getrieben von seiner Liebe zu den machtlosen Kreaturen, widersetzt sich und stiehlt im trockenen Stängel der Narthexstaude (ferula communis) den göttlichen Funken, um ihn der Menschheit zu bringen.

Dafür wird er nun von Zeus aufs Härteste bestraft: An einen unwirtlichen Felsen festgekettet und ohne Chance zu entrinnen, hat er nur einen Adler zur Gesellschaft, der ihm täglich ein Stück Leber abfrisst, das über Nacht wieder nachwächst. So muss er verharren, bis ihn der Zeussohn Herakles auf seiner Suche nach den Äpfeln der Hesperiden findet und befreit.

1.2 Gattungszuordnung und Aufbau des Gedichts

Das Werk Goethes ist in sieben Strophen angelegt, die zwischen fünf und elf Zeilen enthalten. Darin wird Zeus von Prometheus angeklagt, nichts für seine Gläubigen tun zu können und zu wollen und der willkürlichen Herrschaft beschuldigt. Der hochemotional Agitierende sagt sich von dieser Götterwelt los und entscheidet dann, durch eigene Kraft eine neue Menschheit und damit sein eigenes Lebensumfeld zu erschaffen.

Mit der gewählten unregelmäßigen Strophik wollte sich Goethe wohl an die von ihm sehr geliebten pindarischen Oden anlehnen, deren streng metrisches System Ende des 18. Jahrhunderts aber noch nicht entdeckt worden war. Auch die wegen ihrer Simulation einer wörtlichen Redesituation sehr emotionalisiert wirkenden freien Rhythmen deuten auf ein solches Vorgehen hin.[4]

Die Gattungszuordnung des Gedichts ist zweifelhaft, da es aber Goethe selbst immer als Ode bezeichnete, nutzen die meisten Rezeptionen diesen Begriff. Einige Argumente sprechen tatsächlich dafür, so sind der pathetische Ton und die emotionalen, trotzdem folgerichtigen Gedankengänge typisch für die Ode.[5] In der antiken Odendichtung handelte es sich dabei um eine preisende, ermunternde oder mahnende Anrede, was sich hier jedoch inhaltlich ins Gegenteil verkehrt.

So erkennt Wruck im Rahmen der religionskritischen Perspektive des Werks sogar „die Parodie der Gebetsform vereinigt (...) mit der Travestie auf christliche Glaubensinhalte“[6], also schlussendlich die höhnische Provokation eines glaubensenttäuschten jungen Mannes.

Nun scheint die Bezeichnung als Hymnus möglich, da der Aufbau der Struktur der griechischen Hymnen gleicht: zunächst Anrufung der Gottheit, gefolgt vom epischen Hauptteil, schließlich die angeknüpfte Bitte. Nur spricht dabei, ebenso wie beim Begriff des Dithyrambus, einem Loblied und in der historischen Tradition ein kultisches Weihelied für Dionysos, das oben ausgeführte Argument der konträren Wirkung des Inhalts dagegen.[7]

Eindeutig ist meines Erachtens nur, dass die Sprache keine monologische Struktur aufweist, wie manche behaupten, die eine zu intensive Beziehung zwischen Gedicht und Drama voraussetzen, sondern Prometheus’ Rede den Zeus direkt anspricht und somit die Struktur eines Rollengedichts vorliegt. Dies wird durch die meisten Forscher bejaht.

[...]


[1] Erich Schmidt in: Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft 20 (1899) S.19*

[2] vgl. u.a.: Karl Otto Conrady in: Die deutsche Lyrik, S.217, auch Edith Braemer „Goethes Prometheus und die Grundpositionen des Sturm und Drang“ und Cäsar Cierjacks

[3] nach: Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums, S.9-13

[4] Horst Thomé „Tätigkeit und Reflexion in Goethes ‘Prometheus’“, S.433

[5] Ebenda S.430

[6] Peter Wruck in: ZfG 8, S.521

[7] Ebenda S.522

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638875783
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81568
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Prometheus“ Spannungsfeld Tradition Weltbild Goethe Proseminar Einführung Neuere Deutsche Literaturwissenschaft

Autor

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