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Wie wirken sich Arbeitslosigkeit und Demographie auf den Wohlfahrtsstaat aus?

Ein Vergleich zwischen Deutschland und Schweden

Bachelorarbeit 2007 37 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was sind Wohlfahrtsstaaten?

3. Historische Grundlagen
3.1. Deutschland – der konservative Wohlfahrtsstaat
3.2. Schweden – der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat

4. Arbeitslosigkeit
4.1. Deutschland
4.1.1. Verfestigte Arbeitslosigkeit
4.1.2. Auswirkungen der Arbeitslosigkeit
4.1.3. Konzepte und Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit
4.2. Schweden
4.2.1. Aktive Arbeitsmarktpolitik
4.2.2. Der Abschied vom Ziel Vollbeschäftigung
4.2.3. Der Umbau des Arbeitsmarktes

5. Demographie
5.1. Deutschland
5.1.1. Strukturveränderung der Bevölkerung
5.1.2. Folgen und Maßnahmen des demographischen Wandels
5.2. Schweden
5.2.1. Strukturveränderung der Bevölkerung
5.2.2. Vom Zwei- zum Drei-Säulen-Modell

6. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Demographie?

7. Ist das schwedische Modell ein Vorbild für Deutschland?

Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Der Wohlfahrtsstaat hatte sich in den letzten Jahren zu einem regelrechten „Renner“ in den Medien gemausert. Auch wenn diese „Euphorie“ von Zeit zu Zeit etwas abebbt, bringen große Wirtschaftsblätter bei aktuellen Anlässen wie der EU-Ratspräsidentschaft in Deutschland noch immer lange Reportagen über EU-Mitglieder wie Dänemark, Schweden, Finnland oder den Niederlanden und überregionale Zeitungen platzieren ganze Serien über Umbauten oder geplante Renovierungen im Gebäudes des Sozialstaats. Denn im Zeichen des Wandels von Wirtschaft und Gesellschaft sind Zukunftsfragen aus guten Gründen zur Diskussion geworden, da Prozesse wirtschaftlichen Wandels selten alle gleich treffen. Mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates wurden soziale Probleme verringert, der Problemdruck sank. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass der Wohlfahrtsstaat neue Ungleichheiten und Schieflagen hervorruft, wenn er seine sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ziele verfolgt. Zweifelsohne steht auch der Wohlfahrtsstaat in Deutschland vor gravierenden Herausforderungen, ebenso wie der Wohlfahrtsstaat in Schweden. Schweden war lange Zeit der „Promi“ unter den Wohlfahrtsstaaten, wurde dann jedoch auf Grund von explodierenden Staatsschulden und einer steigenden Inflation als „kranker Mann Europas“ (Schmid 1989) tituliert und sein Ende als Wohlfahrtsstaat prognostiziert. Doch ob Sozial- oder Christdemokraten – in Deutschland wird Schweden mittlerweile immer wieder als Reformbild gepriesen. Ein Modelland zum Erhalt des Sozialstaats sei es; und zum Beleg wird gern die Arbeitslosenquote von vergleichsweise geringen 4,9% angeführt. Aber ist Schweden auch wirklich ein Vorbild für Deutschland?

In meiner Bachelor’s Thesis wird dieser Frage nachgegangen. Vordergründig möchte ich jedoch untersuchen, welche Auswirkungen Arbeitslosigkeit und die Demographie auf die beiden Wohlfahrtsstaaten Deutschland und Schweden haben, welche Maßnahmen sich daraus wieder ergeben und untersuchen, ob sich Gemeinsamkeiten respektive Unterschiede zwischen einem konservativ (Deutschland) und sozialdemokratisch (Schweden) geführten Staat heraus kristallisieren lassen. Nichtsdestotrotz werde ich zur besseren Einordnung zu Beginn kurz auf die Definition respektive die verschiedenen Typen des Wohlfahrtsstaats eingehen und einen historischen Überblick über die Wohlfahrtsgeschichte der beiden untersuchten Länder geben. Danach werde ich mich im Hauptteil auf die bereits erwähnten Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und Demographie in den untersuchten Ländern widmen und prüfen, ob es wohlmöglich auch einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Demographie gibt. Am Ende soll dann die bereits angekündigte Frage beantwortet werden, ob der Wohlfahrtsstaat Schweden auch ein Vorbild für Deutschland sein könnte.

2. Was sind Wohlfahrtsstaaten?

Unter einem Wohlfahrtsstaat versteht man im weitesten Sinne eine Staatsform, bei der die soziale Sicherung der Bürger durch die Gesetzgebung gewährleistet ist. Der Wohlfahrtsstaat ergreift weit reichende Maßnahmen, mit dem Ziel, das Wohlergeben seiner Bürger durch die Sicherung und Verteilung von Ressourcen respektive Gütern zu steigern und die Chancengleichheit zu fördern. Im Mittelpunkt der wohlfahrtsstaatlichen Gesetzgebung steht die Absicherung gegen zentrale Standardrisiken wie Alter, Individualität, Krankheit oder Arbeitslosigkeit, weshalb der Begriff Wohlfahrtsstaat in Deutschland auch eng mit dem des Sozialstaats verknüpft ist. Neben den Standardrisiken fallen seit einiger Zeit auch Maßnahmen wie die Pflege, das Bildungs-, Wohn- und Verkehrswesen sowie die (aktive) Arbeitsmarktpolitik unter den Deckel des modernen Wohlfahrtsstaats. Im weitesten Sinne werden demnach alle Staatsaktivitäten ohne militärischen Charakter erfasst (vgl. Schmid/Niketta 1998: 14-17; Heinze/Schmid/Strünck 1999: 15; Nohlen 1996: 705).

Wohlfahrtsstaaten unterscheiden sich in großem Maße hinsichtlich ihrer Entwicklung, die von bestimmten Ereignissen (Kriege, Krisen, Regierungswechsel etc.) abhängt und ihrer Prinzipien der Berechtigung und Stratifizierung[1]. Hieraus resultieren verschiedene Anordnungen zwischen Staat, Markt und Familie. In der vergleichenden Wohlfahrtsanalyse herrschen deshalb zwangsläufig unterschiedliche nationale Typologisierungen. Die bekannteste Klassifizierung vollzog der Däne Gösta Esping-Andersen. Nach Esping-Andersen (1998) existieren „drei Welten des Wohlfahrtstaates“: der liberale, der konservative und der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat. Seine Kategorisierung orientiert sich dabei an dem Maß an Dekommodifizierung. Das heißt, am Verhältnis zwischen Staat und Markt in der Bereitstellung sozialer Leistungen, an Modus und Qualität der Leistungen und an der Wirkung von Sozialpolitik auf soziale Sicherung und gesellschaftliche Machtverteilung.

Im konservativen Wohlfahrtsstaat (Länderbeispiele: Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich) sind die Umverteilungseffekte aufgrund der starken Stratifizierung gering. Die Sozialversicherung ist an die Erwerbsarbeit gekoppelt und wird durch Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert. Daher sind die Arbeitnehmer sozial besser abgefedert als im liberalen Modell. Durch den starken Einfluss der Kirche ergibt sich eine Verpflichtung gegenüber der Aufrechterhaltung der traditionellen Familienformen, in denen dem männlichen Ernährer die Schlüsselrolle zukommt. Konsequenz ist, dass die Frauen in der passiven Familien- und Arbeitsmarktpolitik nur unzureichend unterstützt werden.

Der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat (Länderbeispiele: Schweden, Dänemark, Norwegen) besitzt eine hohe Dekommodifizierung und hat sich die Gleichheit aller Bürger auf höchstem Niveau als Ziel gesetzt, was gleichzeitig aber auch mit hohen Sozialausgaben verbunden ist. Alle Klassen und Schichten sind in ein einziges, universelles Versicherungssystem, in dem sich die Leistungen am vorherigen Einkommen orientieren, einbezogen. Charakteristisch für diesen Typus ist die aktive Familien- und Arbeitsmarktpolitik, die die Frauenerwerbsarbeit nachhaltig fördert. Das bezeichnendste Merkmal ist indes die Verknüpfung von Wohlfahrt und Arbeit. Denn der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat verpflichtet sich der Vollbeschäftigung, ist von der Realisierung gleichzeitig aber auch vollkommen abhängig. Die sozialdemokratischen Parteien waren in diesem Typus, wie es der Name schon vermuten lässt, maßgeblich am Auf- und Ausbau des Wohlfahrtsstaats beteiligt.

Der liberale Wohlfahrtsstaat (Länderbeispiele: USA, Großbritannien, Kanada, Australien) bildet den Gegenpol des sozialdemokratischen Typus. Er ist ein steuerfinanzierter Sozialstaat, der die freien Marktprinzipien fördert, gleichzeitig der aktiven Arbeitsmarktpolitik aber nur eine geringe Bedeutung zumisst. Die staatlichen Leistungen sind eher gering. Diese Entwicklung kann deshalb leicht in eine Armutsfalle führen, aus der die Betroffenen nur schwer einen Ausweg finden. Die Ungleichheit in der Einkommensverteilung ist dementsprechend groß. Die dekommodifzierenden Effekte sind in eher gering.

Mittlerweile haben sich die Rahmenbedingungen aber geändert, so dass die von Esping-Andersen skizzierten Typen nicht mehr überall die Regel ist. In einigen Ländern (wie den Niederlanden) gibt es Mischformen, in Südeuropa ist mit dem postautoritären Wohlfahrtsstaat (Griechenland, Spanien) noch ein vierter Typus dazu gekommen (vgl. Schmid/Niketta 1998: 14-17; Esping-Andersen 1998, Jochem 1998).

3. Historische Grundlagen

3.1. Deutschland – der konservative Wohlfahrtsstaat

Deutschland ist das wohl einwohnermäßig größte Land mit einer ausgeprägten Wohlfahrtsstaatlichkeit (vgl. Kaufmann 1997: 31) und zählt zu den Pionierländern sozialstaatlicher Sicherung. Charakteristisch für die spezifische Gestaltung der Sozialen Sicherungssysteme sind drei Kenprinzipien: Versicherung, Fürsorge, Vorsorgung. Diese regeln den Schutz der Bevölkerung vor den sozialen Notfällen wie Alter, Invalidität, Krankheit oder Arbeitslosigkeit respektive die Art und Weise der Finanzierung. Das Sicherungssystem ist umfassend angelegt und zielt weniger auf Gleichheit oder Umverteilung als vielmehr auf Statuserhalt mit überwiegender Beitragsfinanzierung aus Erwerbseinkommen durch Arbeit in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis. Da die Leistungen der Renten- und Arbeitslosenversicherung sich nach den eingezahlten Beiträgen und den Versicherungszeiten bemessen, wird der im Laufe der Berufskarriere erworbene Status auf den Status als Bezieher von Sozialleistungen übertragen (vgl. Jochem 2004: 231-265; Koch 2003: 78-79).

Die Anfänge deutscher Wohlfahrtspolitik reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Grund hierfür war die Angst des damaligen Reichskanzlers Otto von Bismarck, das durch die Industrialisierung und Verstädterung entstandene Proletariat könnte durch die Zunahme der ökonomischen und sozialen Probleme eine Revolution auslösen. Mit der Einführung eines zunehmenden Sozialversicherungswesens (Krankenversicherung 1883, Unfallversicherung 1884, Alters- und Invalidenversicherung 1889) wirkte Bismarck dieser drohenden Revolution entgegen. Die Sozialversicherungen waren so konzipiert, dass ein enger Bezug zwischen Beitragshöhe und Leistung entstand und größere Umverteilungseffekte respektive eine Mindestsicherung ausschloss. Dieses „bismarcksche Modell“ hat sich bis heute kaum verändert. In der Folgezeit kamen immer mehr Leute in den Genuss der Sozialleistungssysteme, die in der Phase der wirtschaftlichen Prosperität durch die Sozialfürsorge (1924) und Arbeitslosenversicherung (1927) weiter ausgebaut wurden. Damit erklärte sich der Staat zum ersten Mal zuständig für den sozialen Ausgleich.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte sich der Adressatenkreis in Bezug auf die Art und den Umfang von Leistungen durch den wirtschaftlichen Aufschwung beträchtlich. Renten-, Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung wurden zu den vier Stützpfeilern des deutschen Sicherungssystems, die noch heute – ergänzt durch die Pflegeversicherung (1995) – Bestand haben. In starke finanzielle Bedrängnis kam der Wohlfahrtsstaat in der Zeit der Öl- und Wirtschaftskrise ab Mitte der 1970er Jahre, die den Wendepunkt in der deutschen Sozialpolitik darstellt. Die Einnahmen des Staates sanken, gleichzeitig stiegen die Ausgaben durch die Zunahme der Arbeitslosigkeit verbunden mit demographischen Verschiebungen. Der Staat war deshalb gezwungen, schmerzhafte soziale Einschnitte vorzunehmen, um das soziale Netz weiter einigermaßen finanzieren zu können (Schmidt 1998; Koch 2003; Ziegelmayer 2001).

In den 1990er Jahren geriet der Wohlfahrtsstaat erneut in große Schwierigkeiten. Nach einer beachtlichen Konsolidierung der Staatsfinanzen und Sozialausgaben in den 1980er Jahren stellte die Deutsche Einheit 1990 den Staat erneut vor große finanzielle Herausforderungen. Zudem hatte Deutschland zusammen mit Japan, Frankreich und der Schweiz Anfang der 1990er Jahre mit den niedrigsten Wachstumsraten der OECD-Staaten zu kämpfen (Czada 2004b).

3.2. Schweden – der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat

Schweden gehört zu den vorbildlichsten und best ausgebautesten Wohlfahrtsstaaten Europas. Das Sozialsystem gilt aufgrund der langjährigen Hegemonie der sozialdemokratischen Partei in Schweden sogar als Prototyp der sozialdemokratischen Variante, dessen Kerngehalt der Universalismus darstellt. Das Modell zeichnet sich durch eine starke Stellung des Staates und des öffentlichen Sektors aus. Dieser organisiert über das höchste Steueraufkommen (58%) der Welt eine aktive Umverteilungspolitik, in dem die sozialen Rechte und der Anspruch auf Einkommenssicherheit bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter für alle Bürger gewährleistest sind, mit dem Ziel, Gleichheit auf höchstem Niveau zu erreichen (vgl. Hoffmann 2006: 111).

Die Anfänge des Wohlfahrtsstaates reichen bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück, als auch in Deutschland unter Bismarck wichtige Reformen erzielt wurden (siehe 3.1.). Der Hauptgrund lag jedoch in den eigenen sozialen Problemen, mit denen Schweden zu kämpfen hatte. Denn Schweden galt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als „Armenhaus“ in Europa. Die Industrialisierung, mit der die Verstädterung und kapitalistische Lohnarbeit Einzug hielt, brachte große wirtschaftliche Unsicherheit. Dies galt zunächst nur für die städtische Gesellschaft, weshalb es erhebliche Anstrengungen benötigte, ein Sozialsystem überhaupt einzurichten.

Die erste staatliche Unterstützung wurde zusätzlich zu den zahlreichen kleinen Krankenkassen 1891 auf freiwilliger Basis eingeführt, von Zeit zu Zeit ausgebaut und stärker reguliert. Zehn Jahr später wurde eine Versicherung für Arbeitsunfälle ins Leben gerufen, die bald darauf als Einkommensversicherung fungierte. So konnte einem verletzten Industriearbeiter bis zu zwei Drittel seines Einkommens sichergestellt werden. 1913 schaffte auch die gesetzliche Rentenversicherung den Durchbruch im schwedischen Parlament. 1914 wurde ein System von Arbeitslosenunterstützung eingeführt, das aber noch keine Versicherung darstellte, sondern lediglich finanzielle Hilfe für Arbeitslose. Diese Entwicklung setzte sich mit Gesetzen zur Armen- und Kinderfürsorge (1918 beziehungsweise 1924) fort.

Der eigentliche Aufbau des Sozialstaates in Schweden ereignete sich nach der großen Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren, als das Sozialleistungssystem aufgrund der Vielzahl an Krisenherden (Firmenpleiten, Arbeitslosigkeit, Hunger) überfordert war. Die Sozialdemokraten (SAP), die von 1932 bis 1991 fast ununterbrochen regierten, machten es sich zur Aufgabe, eine aktive Arbeitsmarktpolitik zu betreiben. Mit dieser sollte die Wiedereingliederung von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt beschleunigt werden. Das sozialpolitische Grundverständnis der Sozialdemokraten zeichnete sich durch die Metapher des „Folkshemmet“ (Volksheim) aus, das auf zentrale Eigenschaften des (zukünftigen) Wohlfahrtsstaates verwies: Gleichheit, Rücksichtnahme, Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft. Eine der wichtigsten Aufgaben der Sozialdemokraten war die Reform der Rentenversicherung 1935, indem die Bürger aus der Abhängigkeit der Kommunen befreit wurden. Es wurde eine allgemeine Rente eingeführt, die über Pauschalbeiträge und den Staat finanziert wurde. Auf diesem Weg konnten Bürger erstmals ohne weitere Unterstützung von ihrer Rente leben. Zusätzlich wurde die frühere Einkommensprüfung abgeschafft, nach der Besserverdienende aus dem System ausgeschlossen waren. Diese neue Methode stellte Arbeiter und Bauern sowie Männer und Frauen gleich. Zudem wurden einschneidende Maßnahmen in der Familienpolitik (Kündigungsschutz für Schwangere, Verbesserung der Mutterschaftsversicherung) getroffen.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich Schweden in einer verhältnismäßig komfortablen Situation. Als Meilenstein in der Geschichte der schwedischen Sozialpolitik gilt die 1959 erfolgte Einführung der Allgemeinen Zusatzrente, die neben der 1946 eingeführten Grundversicherung eine zusätzliche Einnahmequelle für die in der Privatwirtschaft tätigen Arbeitnehmer darstellte. Die Folge dieses universellen Sozialsystems waren hohe Steuern, aber geringe Einkommensunterschiede in der Bevölkerung. Die günstigen Währungsverhältnisse, eine intakte und innovative Wirtschaft ließen das Land zudem schnell prosperieren. Anfang der 1970er Jahre gehörte Schweden zu den reichsten Ländern der Welt.

Zu Beginn der 1980er Jahre verschlechterten sich jedoch die ökonomischen Eckwerte. Das Wirtschaftswachstum war gering, das Haushaltsdefizit hoch und die Staatsverschuldung stieg. Schweden galt daher als „der kranke ‚Mann’ Europas“ (Michelsen), auch wenn die Konjunktur nach einer kurzen Rezession wieder anstieg. In den 1990er Jahren hielt jedoch eine weitere Wirtschaftskrise in Europa Einzug. Schweden musste aufgrund der schwersten Beschäftigungskrise seit den 1930er Jahren erhebliche Einschränkungen der Sozialsysteme in Kauf nehmen. Gleichzeitig machte Schweden in der Rezession aber durch einschneidende Reformen auf sich aufmerksam, wodurch beispielsweise die Arbeitslosigkeit von 12,6% (1994) auf 4,9% (2007) halbiert und die Krise wieder überwunden werden konnte (vgl. Lundberg/Amark 2001: 171-200; Schmid 1996: 120-134; Jochem 2003: 271-305; Gatermann 2005; Michelsen 1997: 185-186).

4. Arbeitslosigkeit

Deutschland galt in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg als das Musterland Europas. Das „Wirtschaftswunder“ sorgte für wirtschaftliche Prosperität und niedrige Arbeitslosenzahlen, die man als Vollbeschäftigung bezeichnete. Ab den 1970er Jahren erhöhte sich die Arbeitslosigkeit in Deutschland jedoch nach jeder Wirtschaftskrise schubweise und verfestigte sich schließlich auf einem Niveau, das spätestens ab Mitte der 1990er Jahre als Massenarbeitslosigkeit tituliert wurde.

Schweden galt lange Zeit als der hoch entwickelte Wohlfahrtsstaat schlechthin, der seinen Bürgern Vollbeschäftigung garantieren konnte. Arbeitslosigkeit als Problem schien beherrschbar und damit lösbar zu sein. Das Bild vom „Modell Schweden“[2] bekam allerdings nachhaltige Risse, als Schweden Anfang der 1990er Jahre in die größte Beschäftigungskrise seit den 1930er Jahren geriet. Doch durch einen umfangreichen Umbau des Wohlfahrtsstaats gelang Schweden wieder die Wende hin zu einem Spitzenplatz in der Arbeitslosenstatistik.

Der Wohlfahrtsstaat kann auf drei Wegen zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit beitragen. Er kann als Arbeitgeber fungieren, durch die aktive Arbeitsmarktpolitik direkt die Höhe der Arbeitslosigkeit beeinflussen sowie durch spezifische Anreize die Entwicklung des Arbeitskräfteangebots prägen (vgl. Jochem 1998). In diesem Kapitel soll nun darauf eingegangen werden, welche Auswirkungen die Arbeitslosigkeit auf die beiden vergleichenden Länder hat respektive hatte und welche Maßnahmen daraufhin ergriffen wurden, die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen.

4.1. Deutschland

4.1.1. Verfestigte Arbeitslosigkeit

Seit der Ölkrise in den 1970er Jahren stellt die Arbeitslosigkeit in Deutschland das wirtschaftlich größte Problem dar. Es ist ein grundlegendes Phänomen, dass sich Arbeitslosigkeit nach einem Anstieg relativ schnell verfestigt. Eng damit verbunden ist das im internationalen Vergleich außergewöhnlich hohe Niveau der Langzeitarbeitslosigkeit; fast jeder zweite Arbeitslose ist mittlerweile bereits über ein Jahr ohne Beschäftigung. Besonders betroffen von Arbeitslosigkeit sind Personen mit geringen Qualifikationen sowie ältere Arbeitnehmer. Bei beiden Personengruppen schneidet Deutschland im internationalen Vergleich besonders schlecht ab. Hinzu kommt, dass Arbeitsangebot- und Nachfrage häufig nicht zusammen gebracht werden können, so dass ein nebeneinander von Arbeit suchenden und offenen Stellen zu verzeichnen ist (Mismatch-Arbeitslosigkeit). Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit hat primär strukturelle, weniger konjunkturelle Ursachen. Dies liegt unter anderem auch an den deutschen Arbeitsmarktinstitutionen, die hinreichend flexible Lohnstrukturen verhindern. Zum anderen sind sie aber auch nicht in der Lage, die räumliche und berufliche Mobilität der Arbeitnehmer ausreichend zu fördern, um von dieser Seite die notwendige Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt sicher zu stellen.

Auf der anderen Seite ist die Tendenz auf dem deutschen Arbeitsmarkt zurzeit positiv. Dank erhöhter Wachstumsraten ist die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen zwei Jahren um knapp 20% gesunken. Dadurch betrug die Arbeitslosenquote im Juli 2007 8,9%, während die Erwerbsbeteiligung bei 72% und damit knapp über dem EU-Durchschnitt lag (Berthold / von Berchem 2005; Heinemann 2007; von Heusinger 2007).

[...]


[1] Stratifizierung bedeutet in diesem Zusammenhang Klassenspaltung beziehungsweise Schichtung der gesellschaftlichen Klassen.

[2] Das Modell Schweden umfasst im weiten Sinn eine Ansammlung von Konzepten und Ideen über das „gute Regieren“ und den Aufbau des öffentlichen Sektors als Bindeglied zwischen der öffentlichen und privaten Sphäre der Bevölkerung (vgl. Michelsen 1997: 187).

Details

Seiten
37
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638858649
ISBN (Buch)
9783638867047
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81654
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Schlagworte
Arbeitslosigkeit Demographie Wohlfahrtsstaat

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