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Naturräumliche Gliederung und vielfältige Lebensräume mit spezifischen Umweltproblemen Boliviens

Seminararbeit 2007 29 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Naturräumliche Gliederung Boliviens
1.1 Strukturdaten zu Bolivien
1.2 Klima
1.3 Naturräumliche Gliederung Boliviens
1.3.1 Tierra Caliente
1.3.2 Tierra Templada
1.3.3 Tierra Fria
1.3.4 Tierra Helada
1.3.5 Tierra Nevada
1.3.6 Zusammenfassung
1.4 Geologische Faktoren zur Entstehung der Anden

2. Höhenmessdaten entlang der Fahrtrouten
2.1 Strecken ab Santa Cruz
2.2 Strecken ab Cochabamba
2.3 Strecken ab Independencia
2.4 Messdaten im Sajama-Nationalpark

3. Umweltprobleme Boliviens
3.1 Tiefland (v.a. Mennoniten-Kolonien)
3.2 Yungas und Tierra Templada (Region Independencia)
3.3 Hochland und Altiplano

Fazit

Quellenverzeichnis

1. Naturräumliche Gliederung Boliviens

Im ersten Teil dieser Arbeit soll eine Gliederung Boliviens nach Naturräumen vorgenommen werden. Dabei orientiert sich die Gliederung an den Höhenstufen der Anden, die bei den meisten Autoren[1] genannt werden. Im Anschluss an die naturräumliche Gliederung wird auf die Entstehung der Anden selbst eingegangen (Kap. 1.4), was ein Verständnis der vorhandenen Oberflächenformen erleichtert und bei einem so stark von Gebirgen geprägten Land wie Bolivien nicht fehlen sollte.

1.1 Strukturdaten zu Bolivien

Bolivien ist eins der beiden Binnenländer des südamerikanischen Kontinents. Es liegt zwischen neun und 23 Grad südlicher Breite und damit vollständig im Bereich der Tropen. Da es keinen Küstenzugang hat, befindet sich der am niedrigsten gelegene Punkt des Landes 90 m über dem Meer, der höchste 6542 m. Bolivien ist fast 1,1 Mio. km² groß; auf der riesigen Fläche leben rund 8,9 Mio. Menschen, woraus sich eine durchschnittliche Einwohnerdichte von 8,1 Ew./km² ergibt. Bolivien ist nach dem Human Development Index (HDI), den die UNO regelmäßig erstellt, das am wenigsten entwickelte Land Südamerikas mit einem HDI von 0,681[3]. Zum Vergleich: Argentinien als höchstentwickeltes Land des Subkontinents erreicht einen HDI von 0,863.[2]

1.2 Klima

Da die Landfläche Boliviens eine kompakte Form besitzt und sich vollständig im Bereich der inneren bis Randtropen befindet, wäre im Falle einer absolut flachen Oberfläche des Landes ein relativ homogenes Klima in allen Landesteilen zu erwarten. Tatsächlich ist die Jahresdurchschnittstemperatur jeden Ortes in Bolivien hauptsächlich von der Höhe über Normalnull abhängig, jahreszeitliche Temperaturschwankungen fallen relativ gering aus. Da sich das Land aber über alle Höhenstufen zwischen 90 und 6500 m erstreckt und immerhin 28% der Gesamtfläche, also über 300000 km², über 3000 m liegen, treten alle Klimazonen auf[4]. Diese werden in der naturräumlichen Gliederung (Kap. 1.3) nacheinander behandelt.

Eine Besonderheit des bolivianischen Klimas ist die ausgeprägte Sommerregenzeit, der im Winter eine in den meisten Regionen aride Zeit gegenüber steht. Die klimatische Sommer- und Wintersituation sollen im Folgenden dargestellt und begründet werden.

Situation im Juli (Südwinter)

Wenn im Juli die Sonne über dem nördlichen Wendekreis im Zenit steht, steht Bolivien unter keinem besonderen Druckeinfluss. Aus dem Hochdruckgebiet des Südatlantiks weht ein Passatwind in nordwestlicher Richtung über den südamerikanischen Kontinent zur innertropischen Konvergenzzone, die sich zu dieser Zeit nördlich des Äquators in Venezuela und Panama befindet. Die wenige Flüssigkeit, die sich im Südwinter aus dem kühleren Südatlantik in Wolken kondensiert und von den Passatwinden transportiert wird, wird bereits im küstennahen Bereich zwischen Buenos Aires und Rio de Janeiro abgeregnet; den inneren Kontinent erreichen nur wenige Wolken. Daraus resultieren, besonders in den Höhenlagen Boliviens, große Tagestemperaturamplituden: warme Tage stehen kalten Nächten gegenüber, eine überdurchschnittliche Anzahl an Frostwechseltagen ist die Folge. Im Monat Juli erreichen den größten Teil des Landes weniger als 25 mm Niederschlag – nur im äußersten Norden reichen die Werte bis auf 50 mm[5].

Situation im Januar (Südsommer)

Im Lauf des Sommers wandert der Zenitstand der Sonne von Nord nach Süd über Bolivien. Da die Ost-West-Ausdehnung der Anden im Bereich Boliviens ihr Maximum erreicht und zudem die Hochfläche des Altiplano das Sonnenlicht auf ebener Fläche absorbieren kann, entsteht ein ähnlicher Effekt wie im Nordsommer im Hochland von Tibet: in der dünnen Luft unter geringer bewölkter Atmosphäre heizt sich die Hochfläche stärker auf, als es das Tiefland tut, es entsteht ein starkes Tiefdruckgebiet mit aufsteigender Luft. Dieses ist in seiner Größe, die bis über das Amazonastiefland reicht, aus dem es durch kondensierende Feuchtigkeit zusätzliche Energie bezieht, so stark, dass es den Südrand der innertropischen Konvergenzzone zu bilden vermag, die auch im Südsommer nur an wenigen Stellen den Äquator nach Süden überschreitet. Somit wird „das Zentrum des Tiefdrucks [...] im Laufe des Südsommers bis in den Chaco ver[schoben], indem es mit dem kontinentalen Hitzetief verschmilzt.“[6]

Die Passatwinde treffen nun aus nordöstlicher Richtung auf Bolivien und bringen feuchte Luft aus Amazonien mit. Beim Aufstieg vor den Anden, besonders vor der Cordillera Real, wird ein Großteil der Flüssigkeit abgeregnet, da sich die Luft stark abkühlen muss, um die Bergkette zu überwinden. So werden an der Nordostflanke der Anden allein im Januar teilweise über 400 mm Niederschlag erreicht. Auch in der Jahresniederschlags-Bilanz drückt sich dies aus: der nördliche Bereich der Cordillera Real erhält über 2000 mm Niederschlag, während im zentralandinen Bereich nie über 1000 mm fallen. Der größte Teil des Altiplano erhält unter 200 mm Niederschlag, nach Südwesten hin nehmen die Niederschläge immer weiter ab[7]. Die Situation im Januar ist in Abb. 1 dargestellt; zu beachten ist die Darstellung der Niederschlagssume; diese bezieht sich auf das gesamte Jahr, das aber im Vergleich zur Regenzeit keine starke Differenzierung herausbildet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Lage der südlichen ITC im Januar (rot) und Jahres-Niederschlagsverteilung.

Quelle: Eigene Darstellung, Daten der Niederschlagsverteilung nach Jordan 1991: 44

1.3 Naturräumliche Gliederung Boliviens

Die Höhenstufen der Anden unterscheiden sich in Klima, Vegetation und geographischen Besonderheiten und damit auch in der Eignung als Siedlungsfläche für den Menschen. Um einen für Mitteleuropäer einfacheren Vergleich zu ermöglichen, wird bei der Nennung jeder Stufe die homogene Höhenstufe der Alpen genannt und der Unterschied in der Höhe aufgezeigt. Durch die Ausrichtung der Alpen von Ost nach West unterscheiden sich die Höhenangaben der Höhenstufen auf der Nord- und der Südseite des Gebirges, deshalb überschneiden sich die Angaben bei den aufeinander folgenden Stufen leicht[8]. Die enorme Ausdehnung der Anden macht eine Einteilung der Höhenstufen nicht leicht, deshalb gelten die genannten Stufen nur für den tropischen Bereich zwischen 9 und 23 Grad südlicher Breite, in dem die wesentlichen Vegetations- und Klimastufen in ihrer Höhe über dem Meer nur wenig variieren bzw. in Richtung Äquator sogar leicht absinken[9]. Auch sie unterscheiden sich an Ost- und Westseite. Da in Bolivien jedoch nur der östliche Andenanstieg auftritt, können diese Abweichungen ignoriert und die Höhenstufen vereinfacht als flach dargestellt werden.

Neben der Höhenstufe selbst werden die vorkommende natürliche Vegetation, das vorherrschende Klima, die Bevölkerungsdichte, die landwirtschaftlichen Produkte und die geographischen Besonderheiten dargestellt. Eine vollständige Darstellung der Höhenstufen ist Abb. 3, eine Übersicht der wichtigsten Fakten Tab. 1 zu entnehmen. Die geographische Gliederung Boliviens ist in Abb. 2 dargestellt. Kap. 3 stellt die in jeder Höhenstufe auftretenden Umweltprobleme anhand der während des Geländepraktikums erhaltenen Informationen dar.

1.3.1 Tierra Caliente

Diese Stufe reicht von den untersten Lagen des Tieflandes bis in etwa 1000 m Höhe über dem Meer[10]. Stellenweise beginnt die Vegetation schon bei etwa 800 m, in die der nächsten Stufe überzugehen. Das Gegenstück in den Alpen ist die kolline Höhenstufe, die vor allem im Alpenvorland anzutreffen ist und bis 600 m (Nordalpen) bzw. 1000 m (Zentralalpen) reicht.

Das Tiefland nimmt mit 59% der Fläche Boliviens bereits den größten Teil des Landes in der gesamten östlichen Hälfte ein. Aufgrund der klimatischen Gegebenheiten mit Jahresmitteltemperaturen von teils über 25 Grad Celsius ist die Region schwach besiedelt, in keiner Provinz (ausgenommen Santa Cruz) wohnen durchschnittlich mehr als zwei Einwohner auf einem Quadratkilometer[11]. Die Hauptanbauprodukte dieser Stufe sind Kakao, Bananen, Soja und Zuckerrohr. Das Tiefland lässt sich in zwei Großregionen und einen dritten, dazwischen liegenden Bereich einteilen[12].

Die nördliche Hälfte des Tieflands gehört zu den Llanos. Diese sind flach, kaum erschlossen und dicht mit tropischem Regenwald bewachsen. Die Llanos haben ein tropisch-heißes Klima und sind ganzjährig humid, jedoch ebenfalls von einer stärkeren Sommerregenzeit geprägt. Die größten Flüsse Boliviens fließen in die Llanos: Río Grande, Río Mamoré und Río Beni entwässern alle nach Nordosten in den brasilianischen Rio Madeira und von dort in den Amazonas. Ihre Merkmale sind ihre Breite, ihr veränderliches Bett und ihre geringen Fließgeschwindigkeiten.

Der mittlere Teil ist von flachwelligem Terrain geprägt. Hier wechseln sich tropischer Regenwald und durch Rodungen entstandene Savannen ab. Die Niederschläge nehmen nach Süden hin ab; so sind in Santa Cruz die Monate Juli und August bereits aride Monate. Der mittlere Teil ist gleichzeitig der am stärksten besiedelte Bereich des Tieflands; hier entstanden im Regenwald landwirtschaftliche Kolonien, die die großen Städte versorgen. Ferner befinden sich die größten Erdöl- und Erdgasreserven Boliviens in diesem Landesteil, die jedoch großteils noch nicht erschlossen wurden.

Der südliche Teil des Tieflands schließlich wird vom Chaco eingenommen, der der äußerste Norden der südamerikanischen Großregion Gran Chaco ist und sich in Paraguay und Argentinien fortsetzt. Der Chaco ist flachhügelig und aufgrund seines Übergangsklimas in subtropische Bereiche und großflächiger Rodungen in den letzten Jahrzehnten von Dornbuschsavannen und Strauchvegetation geprägt. Mäßigen, trockenen Wintern stehen sehr heiße Sommer mit zahlreichen Starkregenereignissen gegenüber; das Zentrum des Gran Chaco gilt als der sommerliche Hitzepol Südamerikas. Der bolivianische Chaco wird vor allem als Weideland, aber auch für den Anbau großflächiger Monokulturen (z.B. Soja) genutzt.

1.3.2 Tierra Templada

Als zweite Höhenstufe folgt die so genannte Tierra Templada. Bereits ihr Name, der „gemäßigtes Land“ bedeutet, lässt den klimatischen Unterschied zum darunter liegenden „heißen Land“ erkennen. Die homologe Stufe zur Tierra Templada in den Alpen heißt montane Stufe und erreicht Höhen von 1100 bis 1500 m über dem Meer. Sie ist wie die Tierra Templada, die bis auf 2000 m reicht, von einer veränderten Vegetation gekennzeichnet. Diese besteht in den Anden aus tropischem Bergwald, oberhalb der Frostgrenze aus Nebelwald mit teilweise endemischer Fauna und, in den innerandinen Trockentälern, Dorn- und Trockenwald[13]. Diese Waldarten sind im Gegensatz zu den Tieflandregenwäldern von relativer Artenarmut gekennzeichnet, da hier niedrigere Temperaturen und schlechtere Lichtverhältnisse durch häufige Kondensationsbewölkung (v.a. im danach benannten Nebelwald) eine artenreichere Entwicklung hemmen.

Das Klima der Tierra Templada ist in den unteren Bereichen warm-gemäßigt mit Jahresdurchschnittstemperaturen von 15 bis 20 Grad Celsius und nicht weniger als 10 Grad im kältesten Monat. Um so weiter man nach oben kommt, desto kühler wird auch das Klima; an den kältesten Orten der Tierra Templada herrschen im Jahresschnitt knappe 12 Grad Celsius. Es existiert eine ausgeprägte Regen-, aber auch eine Trockenzeit; die Niederschlagssumme liegt meist unter der des tropischen Regenwaldes bei 700 bis 1000 mm, stellenweise an den Regenfronten bei 1500 mm, was sich meist auf fünf bis sechs Monate verteilt und somit recht intensiv auftritt. Geographisch nimmt diese Stufe in Bolivien vor allem die gesamte Anden-Ostflanke ein; jedoch ist sie auch in allen tiefer eingeschnittenen Tälern der Kordilleren wiederzufinden, die dann meist als Trockentäler ausgebildet sind. Es werden Mais, Kaffee, Zitrusfrüchte und Tabak angebaut. Die Besiedlungsdichte liegt zwischen 2 und 10 Ew./km², was durch die schwierige Topographie mit den steilen Tälern zu erklären ist. Stellenweise, vor allem in den Yungas vor La Paz, sind auch höhere Einwohnerdichten zu finden. Die Tierra Templada nimmt 13% der Landesfläche Boliviens ein.

Yungas[14]

Als Yungas werden in der Literatur und im Sprachgebrauch verschiedene Landschaften Boliviens bezeichnet. Im weiteren Sinn ist der gesamte Übergangsbereich zwischen Amazonastiefland und Andenhochland gemeint, im engeren Sinn die zwei parallel zur Andenkante verlaufenden Flusstäler vor der Cordillera Real im Nordwesten Boliviens, die steil herauserodiert sind. Diese im engeren Sinn bezeichneten Täler sind im Vergleich zur gesamten Tierra Templada dichter besiedelt (teilweise über 40 Ew./km²) und von landwirtschaftlicher Bedeutung für die Großstädte des Altiplano, weil hier wichtige Konsumgüter produziert werden. Die fruchtbaren Schwemmlandböden und das milde Klima, das dank der aufsteigenden Nordostpassate im Sommer sehr niederschlagsreich ist, ermöglichen den Anbau zahlreicher Obstarten und des Kokastrauches, dessen Produkte für die Bolivianer wichtig sind. Die steilen Wände der Täler machen einen Gütertransport jedoch sehr schwer und verhindern größere Ansiedlungen; so gilt die „Yungas Road“ von La Paz nach Coroico als die gefährlichste Straße der Welt (vgl. „Lonely Planet Bolivia“).

1.3.3 Tierra Fria

Die dritte Stufe, die als Tierra Fria bezeichnet wird, reicht bis etwa 4000 m Höhe über dem Meer, auf dem Altiplano teilweise bis auf 4500 m. Sie wird nach oben von der klimatischen Waldgrenze begrenzt. Da in den Alpen bereits die montane Stufe durch die Waldgrenze beendet wird, hat die Tierra Fria kein direktes alpines Gegenstück, was sich unter anderem auch an der Besiedlung erkennen lässt, wie später dargestellt werden soll. Zuvor soll kurz auf die Bedeutung der Waldgrenze eingegangen werden[15].

Ab einer bestimmten Höhe reicht die Anzahl der Monate mit einer für Bäume ausreichenden Durchschnittstemperatur (und einem absoluten Minimum, das in dieser Zeit nicht unterschritten werden darf und bei den meisten Bäumen bei rund zehn Grad Celsius liegt) nicht mehr aus. Ab dieser Höhe enden die geschlossenen Waldbestände, und nur einige verkrüppelte Einzelindividuen schaffen es, an begünstigten Standorten höher zu wachsen. Die Höhenlage der Waldgrenze ist primär abhängig vom Breitengrad, also vom Abstand zum Äquator. So reicht sie in den Alpen bis etwa 1600 m über dem Meer, an den Polen liegt sie auf Meereshöhe, was eine Unmöglichkeit von Baumwachstum bedeutet. Ferner beeinflussen die Exposition des Standortes die Waldgrenze und können sie um einige hundert Höhenmeter variieren. Als letzter Faktor ändern Klimaschwankungen sie langfristig. Die Waldgrenze ist meist eine Wärmemangelgrenze wie oben beschrieben, selten auch eine Trockengrenze in kontinentalen Gebieten wie dem Altiplano oder den innerandinen Trockentälern, in denen zu wenig Niederschlag fällt, um ein Baumwachstum zu ermöglichen.

Die Tierra fria ist in Bolivien vor allem im Bereich des Altiplano vertreten, teilweise reicht sie darüber hinaus die Bergflanken hinauf. Generell herrschen in diesem Bereich Höhenwald und Grassteppen vor, die teils bis zu einen Meter Höhe erreichen[16]. Höherer Wald ist, auch aufgrund der geringen Niederschlagsmengen, nur selten anzutreffen. Das Klima der Tierra fria ist kühl-gemäßigt und „ein markanter Wechsel von trockener und feuchter Jahreszeit [...] und ein bereits prägnanter Jahresgang der der Höhenlage entsprechend reduzierten Temperaturen mit häufigen Frostwechseln stellen die wichtigsten makroklimatischen Merkmale“[17] dieser Höhenstufe dar. Die Niederschläge nehmen aufgrund des Nordostpassats von Norden nach Süden ab; so liegt die Niederschlagssumme in La Paz bei 550 mm, während sie im Südwesten Boliviens 100 mm nicht erreicht[18]. Die Hauptanbauprodukte dieser Höhenstufe sind Getreide und Kartoffeln; ferner wird das Land als Weideland für Rinder genutzt.

Der Altiplano

Der Altiplano ist eine 3500 bis 4000 m hoch gelegene Verebnungsfläche im Westen des bolivianischen Hochlandes. Sie wird von den Vulkanen und Gipfeln der West- und Ostkordillere überragt und ist durch Einschnitte in vier verschiedene Becken unterteilt. Ganz im Norden bildet der Titicaca-See den Abschluss des bolivianischen Altiplano. Von dort erstreckt er sich mit einer Breite von 150 bis 200 km etwa 1000 km nach Süden.

Der Altiplano und damit der größte Teil der bolivianischen Tierra Fria ist der Hauptsiedlungsraum des Landes mit durchschnittlich 10 bis 25 Ew./km² je nach Provinz. Heute leben dort 80% aller Bolivianer; der Altiplano ist unter anderem Sitz der Großstädte La Paz, El Alto, Oruro und Potosí. Sein kühles, arides Klima mit großen Tagestemperaturschwankungen macht ihn bereits seit etwa 10000 Jahren zur bevorzugten Siedlungslage gegenüber den heißen, tiefer gelegenen Urwaldregionen oder den unzugänglichen Yungas. So liegt die Jahresdurchschnittstemperatur des im höheren Teil des Altiplanos gelegenen Dorfes Sajama nahe der chilenischen Grenze bei +4,4° C (+8,8° C im wärmsten Monat Dezember, -2,2° C im kältesten Monat September). Die Extremwerte der Temperaturen erreichen zwischen +29,8° und -13,6° C[19].

Geologisch gesehen ist der Altiplano eine Scholle zwischen Ost- und Westkordillere der Anden, die sich seit 65 Mio. Jahren absenkt und mit Molasse, also Erosionsmaterial der umgebenden Berge aufgefüllt wird, was seine relativ ebene Oberfläche erklärt[20]. Sein nach Süden hin zunehmend arides Klima ist auch Ursache für zwei weitere Phänomene: erstens kann das leichte Gefälle von Nord nach Süd so erklärt werden, denn die stärkeren Niederschläge im Norden bewirken auch eine größere Erosion an den umliegenden Bergen, die ihre Molasse auf den Altiplano spülen. Zweitens bedingt das trockene Klima zusammen mit der Abflusslosigkeit des Beckens und der Durchlässigkeit seines Verfüllungsmaterials die Bildung von großen Salaren, also Salzseen, die ganzjährig oder die meiste Zeit des Jahres ausgetrocknet bleiben. Der größte von ihnen ist der Salar de Uyuni mit einer Fläche von rund 12000 km². Da Bolivien keinen eigenen Meereszugang besitzt, werden das Salz der Salare sowie Lithium zu kommerziellen Zwecken abgebaut.

1.3.4 Tierra Helada

Die vierte Höhenstufe reicht bis auf 5500 m über dem Meer, ihr Pendant in den Alpen ist die alpine Stufe, die dort nicht höher als 2800 (Nord-) bis 3000 m (Zentralalpen) reicht. Die Tierra helada bildet den größeren Teil des bolivianischen Westens und umschließt den Altiplano von allen Seiten. Dieser teilt sie auf bolivianischem Territorium in eine West- und eine Ostkordillere, die auf geologisch verschiedene Weisen entstanden sind, die zu erläutern hier jedoch den Rahmen sprengen würde. Die Tierra Helada ist durch ihr kaltes Klima geprägt; die Jahresdurchschnittstemperaturen liegen zumeist zwischen fünf Grad Celsius und dem Gefrierpunkt. Es sind nur niedere Büsche und Gräser vorhanden, die als Weideland für Schafe, Lamas und andere Lasttiere genutzt werden. Hinzu kommen an vielen Standorten Frailejones. Die Tierra Helada ist praktisch unbewohnt, jedoch sollte man bei Betrachtung der schematischen Darstellung ihrer Verbreitung auf der Karte (Abb. 2) beachten, dass sie erst ab etwa 4000 m Höhe auftritt und die darunter liegenden Täler der Anden durchaus besiedelt sind.

1.3.5 Tierra Nevada

Oberhalb der Schneegrenze schließt sich an die Tierra helada die fünfte Höhenstufe mit dem Namen Tierra Nevada an; sie reicht bis zu den Gipfeln der höchsten Berge Boliviens. Die homologe Höhenstufe der Alpen ist die nivale Stufe, die ebenfalls von der Schneegrenze bis zur Spitze des Mont Blanc auf 4800 m reicht.

Die Vegetation der Tierra Nevada beschränkt sich auf Flechten und Moose, die Durchschnittstemperaturen liegen ganzjährig unter dem Gefrierpunkt und die Niederschlagswerte sind im Idealfall hoch. Da es sich zumeist um Gletschergebiete oder zumindest um Felsenregionen handelt, ist eine Besiedlung und Nutzung der Tierra Nevada nicht möglich.

Die Schneegrenze und die bolivianischen Gletscher[21]

Die Schneegrenze, an der Tierra Nevada und nivale Stufe ansetzen, ist die Grenze zu ganzjährig schneebedeckten Gebieten und damit zumeist die Grenze zwischen Nähr- und Zehrgebiet der Gletscher. Ihre Höhenlage ist primär vom Breitengrad abhängig, auf dem sich das Gebirge befindet. So liegt die Schneegrenze am Äquator bei rund 5300 m über dem Meer, in den Polarregionen auf Meereshöhe und in den Westanden, die teilweise wegen ihrer hohen Aridität zusätzlich begünstigt sind, auf bis zu 6000 m Höhe. Neben dem Breitengrad beeinflussen die lokale Exposition und die Niederschlagsmenge die Höhenlage der Schneegrenze. Deshalb treten in Bolivien fast ausschließlich in der von Niederschlag betroffenen Ostkordillere Gebiete oberhalb der Schneegrenze auf.

Die Besonderheit tropischer Gletscher ist, dass sie unter sehr schwierigen Bedingungen entstehen, die ihre Identifikation als Gletscher häufig sehr schwer machen. Gerade in Bolivien, jedoch allgemein in den meisten Tropenregionen fallen die alljährliche Regenzeit und der Höchststand der Sonne zeitlich zusammen, was eine Akkumulation der Niederschläge am Gletscher erschwert. 98% der Gletscher Boliviens, insgesamt über 1800 Individuen mit einer Gesamtfläche von 600 km² (mit der sie die Gesamtfläche der Gletscher Österreichs leicht übertreffen) befinden sich in der Ostkordillere, genauer in der Cordillera Real. Sie erhalten ihre Niederschläge oberhalb der Schneegrenze aus Konvektivniederschlägen aus dem feuchten Amazonastiefland.

Nur 2% der Gletscher mit einer Gesamtfläche von 10 km² befinden sich in der Westkordillere in der Nähe der chilenisch-peruanischen Grenze, wo die Nähe zum Pazifik am größten ist. Es handelt sich um drei Individuen, wovon eins der Nevado Sajama, der höchste Berg Boliviens, ist. Die Westkordillere wird im Gegensatz zu der nur aus Granit und Metamorphiten bestehenden Ostkordillere möglicherweise auch durch ihr vulkanisches Material und mögliche geothermische Vorteile in ihrer Gletscherentwicklung gehemmt, was jedoch nicht bewiesen ist. Zudem sind die Gletscher der Westkordillere aufgrund der extrem variablen Niederschlagsmengen dieses Gebietes, auch im Hinblick auf das El Niño-Phänomen, nur schwer abgrenzbar. „Da die Vulkangletscher nämlich meist haubenartig die Gipfel bekleiden und unter rezenten Klimabedingungen sehr klein bleiben [...], ist Nähr- und Zehrgebiet sowohl morphologisch wie glaziologisch nur schwer voneinander zu trennen.“[22] Gefallener Schnee kann monate- und jahrelang Hauben auf den Vulkanen bilden, dann aber doch völlig abschmelzen. Die sehr steile Topographie an Vulkanen ermöglicht an Südseiten die Entstehung von Schneeakkumulationen viele hundert Meter unterhalb der untersten Schneeakkumulation der der Sonne zugewandten Nordseite der Berge.

1.3.6 Zusammenfassung

Die Lebensbedingungen in den verschiedenen Höhenstufen der bolivianischen Anden ermöglichen die Entwicklung einer hohen Biodiversität, die im lateinamerikanischen Vergleich einen der vordersten Plätze einnimmt.

Abb. 2 stellt die Verteilung der in Kap. 1.3 genannten Höhenstufen Boliviens auf einer schematischen Karte des Landes dar. In Abb. 3 werden die Höhenstufen der Anden mit denen der Alpen verglichen, was aus europäischer Perspektive eine Einschätzung der absoluten Höhe des Andenraums erleichtert.

Tab. 1 fasst die wichtigsten der in Kap. 1.3 genannten Identifizierungsfaktoren aller Höhenstufen der Anden abschließend zusammen. Dabei ist zu beachten, dass Übergangsbereiche bestehen und die Grenzen in der Realität nicht so scharf gezogen können wie in der Theorie. Besonders die Vegetationsverteilung weicht teilweise großflächig von den theoretischen Informationen ab[23].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Schematische naturräumliche Gliederung Boliviens.

Quelle: Eigene Darstellung, Karteninformationen basierend auf Zahn et al. 1996: 204f.

[...]


[1] Darunter Richter 2001; Schultz 2002; World Book Inc. 1991; INE; Encarta 2005 und die meisten Internet-Quellen sowie – dort meist in Nebensätzen angeführt – fast alle anderen Arbeiten über Bolivien.

[2] Wie alle allgemeinen Informationen, die in dieser Arbeit angegeben sind, stammen diese Informationen aus Encarta 2005 und WFB 2006, teils aus WFI und INE.

[3] Quelle: UN HDI Report 2005, http://www.un.org

[4] Quelle der Prozentanteile der Landesfläche (auch in Kap. 2.1.; 2.2.): INE (Aspectos Geográficos).

[5] Globalwerte aus Zahn et al. 1996: 220.

[6] Jordan 1991: 43.

[7] Quelle der Zahlen: Globalwerte aus Zahn et al. 1996: 221; Jordan 1991: 44.

[8] Grund ist die Breitenlage. Hin zu kommt eine Erhöhung im zentralalpinen Bereich aufgrund der zunehmenden Kontinentalität. Auf diese Faktoren wird hier nicht näher eingegangen.

[9] Vgl. dazu Richter 2001: 300f. und 320.

[10] Die Höhenangaben der fünf Stufen wurden aus den Angaben in den verschiedenen Arbeiten, die im Literaturverzeichnis angegeben sind, zusammengefügt. Dabei ist zu beachten, dass die Autoren in ihren Angaben leicht voneinander abweichen, da sie u.a. verschiedene Teile der Anden beschreiben. Die Höhenstufen in den Alpen werden nach Ellenberg 1996 zitiert, wo sich des Öfteren Vergleiche zu tropischen Höhenstufen finden. Ebenso wurden die Angaben über Hauptanbauprodukte und Klimadaten aus allen Werken und teils aus dem Internet zusammengetragen, Quellen werden nicht separat genannt.

[11] Quelle der Daten zur Bevölkerungsdichte (auch in den übrigen Kapiteln): http://www.lib.utexas.edu/maps/americas/bolivia_pop_1971.jpg

[12] Quelle der Informationen über die drei Großregionen: Instituto Geográfico Militar 1994; Primack/Corlett 2005; Richter 2001; Schultz 2002; World Book Inc. 1991; WFI (Geographie Boliviens; Gran Chaco); INE (Aspectos Geográficos).

[13] Quelle: Callejas 2004: 202ff.

[14] Quelle der Informationen: Richter 2001; World Book Inc. 1991; Encarta 2005.

[15] Quelle der Informationen zur Waldgrenze: Ellenberg 1996; Richter 2001; Schultz 2002.

[16] Quelle: Callejas 2004: 213ff.

[17] Eriksen 1986: 1f.

[18] Quelle: Jordan 1991: 40ff.; siehe auch Eriksen 1986: 10ff.

[19] Quelle: Daten 2004, Aushang im Nationalparkzentrum Sajama, gemessen vom Botanischen Institut der Universität Basel

[20] Quelle der geologischen Informationen: Mattauer 1999: 151; WFI (Physische Geographie Südamerikas; Altiplano)

[21] Quelle der Daten zur Schneegrenze: Ellenberg 1996; Jordan 1991: 230ff.; Richter 2001: 300f.; 323ff. Quelle der Daten zu Gletschern: Jordan 1991: 127; 230ff.

[22] Jordan 1991: 231.

[23] Dies ist auf Vegetationskarten gut zu erkennen, für eine ältere Darstellung siehe http://www.lib.utexas.edu/maps/americas/bolivia_veg_1971.jpg

Details

Seiten
29
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638875622
ISBN (Buch)
9783638877176
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81680
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Geographisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Naturräumliche Gliederung Lebensräume Umweltproblemen Boliviens Regionale Entwicklungsforschung Bolivien

Autor

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