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In Vielfalt geeint? Der Multikulturalismus und seine Zukunftsfähigkeit auf dem Prüfstand

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Vorstellung, der Rezeption und den Problemen des Multikulturalismus im Rahmen von Anerkennung, Integration und Emanzipation

Hausarbeit 2005 30 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Utopie und Wirklichkeit

3. Der Multikulturalismus und seine Rezeption
3.1. Multikulturalismus als Chance
3.2. Multikulturalismus als Bedrohung
3.3. Multikulturalismus als Ideologie

4. Vom multikulturellen Selbstverständnis

5. Die Sache mit dem Einwanderungsland
5.1. Ausländergesetzgebung und doppelte Staatsbürgerschaft
5.2. Integration, Isolation und Nichtwissen
5.3. Türken als Partner?

6. Anerkennung, Integration und Emanzipation
6.1. Anforderungen an eine pluralistische Gesellschaft
6.2. Leitkultur?

7. Schluss

8. Bibliographie

1. Einleitung

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die breite Zuwander- ung in die Bundesrepublik Deutschland, ähnlich wie in anderen europäischen Ländern, zu Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur geführt.

In einer Verlautbarung eines Kirchensymposiums im Herbst 1980 in dem die Bundesrepublik als eine multikulturelle Gesellschaft bezeichnet wurde, ist schließlich der Begriff des Multikulturalismus bis heute Gegenstand gesellschafts- politischer mehr oder weniger produktiver Debatten geworden. Jedoch vermochte es das Symposium über die allgemeine Feststellung hinaus nicht, den Begriff selbst näher zu bestimmen, sowie seine Grenzen und Konturen aufzuzeigen.

Dieser Aufgabe haben sich im Laufe der Zeit wissenschaft- liche Vordenker, wie unter anderem Axel Schulte, Jürgen Miksch oder Claus Leggewie gewidmet.

Die Grundlage, der hier angestrebten kritische Auseinander- setzung mit dem Multikulturalismus, seiner Deutungen und Probleme im Rahmen von Anerkennung, Integration und Emanzipation bilden vor allem die Gedanken Axel Schultes, aber auch die Ideen Bassam Tibis sowie die Ergebnisse zweier Untersuchungen zur Situation der Gastarbeiter in den Jahren 1970 und 2004. Die Frage nach dem Verständnis des Multikulturalismus und seiner Zukunftsfähigkeit soll im Vordergrund der Betrachtung stehen.

In diesem Sinne soll anfänglich von einem utopischen zu einem wirklichkeitsnäheren Verständnis des Multikulturalismus hingearbeitet werden, wobei dieser – in Anlehnung an Schultes Abgrenzung des Multikulturalismus zu einer sozialwissenschaftlichen Theorie – als Vorstellung verstanden werden soll.

Daraufhin wird seine gesellschaftliche Rezeptionen als Chance, Bedrohung und Ideologie näher erläutert und das multikulturelle Selbstverständnis in der Theorie dargestellt.

Des weiteren soll dann ein Blick auf die gesellschaftspolitische Wirklichkeit der Einwanderer, speziell der türkischen Minder- heit, die „ideologischen“ Defizite aufzeigen, um am Ende schließlich im Geiste von Anerkennung, Integration und Emanzipation sowohl die wesentliche Anforderungen an eine sich entwickelnde multikulturelle Gesellschaft zu formulieren, als auch den von Bassam Tibi geprägten Begriff der „Leitkultur“ in seinen Konturen aufzuführen und seinen Sinn für ein multikulturelles Zusammenleben zu verdeutlichen.

2. Utopie und Wirklichkeit

Vom deutschen Dichter Heinrich Heine als „Goldenes Zeitalter“ besungen und vom Philosophen Herder als „erste Aufklärung Europas“ empfunden, galt die „Convivencia“, das über Jahrhunderte währende Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen im mittelalterlichen Spanien, schon früh als Vorbild einer multikulturellen Gesellschaft.

Politisch und kulturell ist es durchaus als ein hervorstechendes geschichtliches Ereignis zu bewerten. Politisch, weil es allen drei Religionen und Kulturen ein einigermaßen friedliches Zusammenleben ermöglichte, während Europa zur selben Zeit von Kreuzzügen und Pogromen heimgesucht wurde. Kulturell, weil in Spanien durch diese plurale Koexistenz ein ungeheurer kultureller Austausch und Aufschwung stattfand[1], der nicht zuletzt die Renaissance in Europa überhaupt erst möglich machte.

Mit der Judenvertreibung resp. ihrer Zwangskonversion 1492 und der Vertreibung der Nachfahren maurischer Spanier 1609 bis 1611, schloss dieses Kapitel spanisch-europäischer Historie.

Aber auch heute noch wird das arabo - islamische Spanien vor allem von dem Multikulturalisten Claus Leggewie als ein lehrhaftes Beispiel multikultureller Gesellschaften angeführt.[2]

Leggewies „Alhambra“-Modell ist, wie die Vorstellungen und Gesellschaftskonzeptionen vieler anderer Vordenker des Multikulturalismus, der Versuch, das Zusammenleben von Einheimischen und Einwanderungsminderheiten unter Ausschluss von Isolation und sozialer Herabwürdigung zu gestalten.3

Im Mittelpunkt des Leggewieschen Modells steht die Frage, ob „eine heterogene Bürgergesellschaft ohne definitive Hegemonie eines einzigen kulturellen Vorbilds auskommt“.[3] Mit Blick auf Spanien bejaht Leggewie diese Frage ausdrück- lich und meint in der „Convivencia“ ein Vorbild auch für moderne Gesellschaften, wie etwa der Bundesrepublik Deutschland zu erkennen.

In diesem Zuge der Idealisierung aber übersieht er die damals ostentative kulturelle Dominanz islamischer Werte. Obwohl der Islam in Spanien kulturelle Vielfalt zuließ, forderte er im gleichen Zuge herrschaftsstabilisierende Verbindlichkeiten ein.[4]

Historisch betrachtet, wurzelt das arabisch-spanische Ge- meinwesen des Mittelalters auf der Grundlage einer islamischen Leitkultur und Werteverbindlichkeit und entspricht als solches, wie der Politologe Bassam Tibi konstatiert, weder einer Gesellschaft ohne Hegemonie eines kulturellen Vorbilds noch einem idealtypischen Zusammenleben ohne Bevor- zugung oder Benachteiligung.[5]

Aber was lehrt dieses Beispiel nun? In einer Hinsicht dokumentiert das „Alhambra“-Modell als Interpretation eines historischen Vorbilds offensichtlich Leggewies fehlende Kenntnis der arabisch-spanischen Geschichte und sein damit zusammenhängendes, utopisches, weil weltfremdes Gesellschaftsbild.[6]

Andererseits regt es über die historische Tatsache der Werteverbindlichkeit auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Sinngehalt des Multikulturalismusbegriffes jenseits von „Kulturrelativismus“ und „Ideologisierung“ erneut an.

Dabei sind zunächst die begrifflichen Tiefen wie auch die dazugehörenden Rezeptionen sine ira et studio auszuloten, wobei sich allerdings der Plessnersche „Hang zur Weltfrömmigkeit“[7] im Hinblick auf die wissenschaftliche Betätigung und erst recht angesichts der dem Multikulturalismus innewohnenden Problematik, Emotionalität und Aktualität freilich von selbst verbietet.

3. Der Multikulturalismus und seine Rezeption

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Multikulturalismus verschiedene Deutungen zuläßt, denn die Frage nach der Regelung des gesellschaftlichen Zusammenlebens findet naturgemäß unterschiedliche Antworten. Aber trotz dieser vielen Ideen scheint es ein wirkliches Konzept, oder anders formuliert, eine systematisch entwickelte Theorie des Multikulturalismus, bisher nicht zu geben.[8]

Dieser Umstand ist wohl nicht zuletzt dem begrifflichen Instrumentarium geschuldet, denn es ermangelt an klaren Definitionen von Begriffen wie „Kultur“, „Zivilisation“, „multikulturelle Gesellschaft“ usw. So wird „Kultur“ zuweilen als „alltägliche Lebenswelt“, „lokale Sinnstiftung“ oder als schlechthin „homogenes Gebilde“ bestimmt.[9]

Angefangen vom „pädagogischen Wert“ bis zum „unvermeidbaren Übel“ eröffnet sich dem Betrachter ein breites Spektrum divergierender Ansichten und Erklärungen, wodurch der Multikulturalismusbegriff mit zum Teil widersprüchlichen Kontexten aufgeladen wird.

Der Übersichtlichkeit halber soll deswegen nun versucht werden, die drei, nach Axel Schulte, wesentlichen Auffassungen dieses Phänomens in der deutschen Gesellschaft auszuführen und zu erläutern.

3.1. Multikulturalismus als Chance

Die Befürworter, deren Bandbreite vom „Arbeitnehmer- und ‚Modernisierungsflügel’ der CDU über Liberale und Sozialdemokraten bis hin zu Kirchen, Gewerkschaften und Initiativgruppen sowie grün-alternativen Gruppen“[10] reicht, bezeichnen mit dem Multikulturalismusbegriff zunächst einen sozialen Tatbestand. Ihre Darstellungen haben zumeist deskriptiv-analytischen wie auch normativen Charakter.

Mit dem Rekurs auf historische Vorbilder und der Einsicht, wonach es nie homogenen Staatsvölker gab, also der Multikulturalismus in verschiedenen Graden schon immer existent war, wird von ihnen auf einen dynamischen Prozess mit „Vergangenheits- , Gegenwarts- und Zukunftsdimension“ verwiesen.[11]

Das multikulturelle Zusammenleben wird dabei als Chance und Zielsetzung, der Kulturbegriff als „Orientierungssystem“ und „Lebenshilfe“, verstanden.[12]

Der Begriff des Multikulturalismus selbst bezeichnet hier zunächst eine durch ethnisch-kulturelle Vielfalt gekennzeichnete idealtypische Gesellschaft, in der, wie Jürgen Miksch konstatiert, „Menschen mit verschiedener Abstammung, Sprache, Herkunft und Religionszugehörigkeit so zusammenleben, dass sie deswegen weder benachteiligt noch bevorzugt werden.“[13]

Vor allem der realistische Gesellschaftsbegriff geht davon aus, dass es zwischen diesen verschiedenen kulturellen Traditionen auch Spannungen und Konflikte gibt, weshalb im

Sinne eines friedlichen Zusammenlebens und gegenseitigen Austauschs zwischen den Einheimischen und den Eingewan- derten eine fortwährende Kommunikation angestrebt werden soll. Die Anpassung der jeweiligen Minderheit an die entsprechende Mehrheitskultur spielt dabei gewiss eine wichtige Rolle. Sie wird aber nicht immer als Voraussetzung gesehen.[14]

Als problematisch erweist sich schließlich die Überbetonung der kulturellen Dimension und der politisch-wirtschaftliche „Interessenüberschuss“ an diesem Phänomen. Ersteres birgt die Gefahr der bereits dargestellten Idyllisierung einer multikulturellen Gesellschaft, so dass diverse Zwänge sowie rechtliche, psychologische und wirtschaftliche Probleme der Ausländer wie Einheimischen keine oder zu wenig Beachtung finden. Hinter letzterem können am Ende unterschiedliche Motivationen und Interessenlagen stehen, so etwa politische Wahlen oder arbeitsmarktpolitische Interessen usw.[15]

3.2. Multikulturalismus als Bedrohung

Von unüberbrückbaren Gegensätzen zwischen den Kulturen gehen die Gegner des Multikulturalismus aus, die vorwiegend aus konservativen, nationalen und nationalistisch-rechts- extremen Lagern kommen.

Die multikulturelle Gesellschaft wird von ihnen allgemein als Bedrohung und Gefahr empfunden; der Widerstand Ihrer Gegner ist entweder „spontan“ oder „programmatisch“.[16]

„Spontanen“ Formen, wie allgemeine Ablehnung oder aggressive Haltung gegenüber Ausländern, resultieren oftmals aus sozialen Ängsten und einem Erklärungsdefizit für strukturell bedingte gesellschaftliche Probleme, die zur eigenen Entlastung auf einen jeweiligen „Sündenbock“ projiziert werden.[17]

Den eigentlichen Anti-Multikulturalismus jedoch machen die „programmatischen“ Widerstände aus, deren Annahmen grundlegende Begriffe wie Volk, Kultur und Identität zumeist als homogene Gebilde bezeichnen und im ethnischen Kontext verankert sehen, wie die Parteiprogramme der DVU und NPD es oftmals dokumentieren.

Ihre tiefsitzende Angst gilt letztlich der sogenannten „Überfremdung“ und damit einem möglichen Verlust der deutschen resp. christlich-abendländischen Kultur und Identität wie auch einer vermeintlichen sozio-ökonomischen Gefahr durch verstärkte Einwanderung.

[...]


[1] Vor allem die Wissenschaften profitierten davon. Siehe Serauky, E., Geschichte des Islam, Tübingen 2003, S.235, 239.

[2] Tibi, B., Multikultureller Werte – Relativismus und Werte – Verlust, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B52 – 53/96, S.4.

[3] Leggewie, C., Alhambra – Der Islam im Westen, Reinbeck, 1993,S.10.

[4] Tibi, B., Multikultureller Werte – Relativismus und Werte – Verlust, S.29.

[5] Juden und Christen waren zwar durch die islamische Eroberung der Tyrannei der Westgoten entronnen, aber aus gesellschaftlicher Sicht, entsprechend koranischer Vorschriften, keine „Vollbürger“ sondern „Dhimmis“, Schutzbefohlene, die ihrer Religion nachgehen durften, jedoch diversen Einschränkungen unterlagen und entsprechende Abgaben zuleisten hatten. Serauky, E., Geschichte des Islam, S.229, 235.

[6] Tibi, B., Multikultureller Werte – Relativismus und Werte – Verlust, S.27.

[7] Ebd.

[8] Siehe Schulte, A., Multikulturelle Gesellschaft: Chance, Bedrohung, Ideologie?, S.5.

[9] Die Definition der Kultur als „allgemeine Lebenswelt“ geht auf Schulte zurück, die der „lokalen Sinnstiftung“ auf Bassam Tibi.

[10] Schulte, A., Multikulturelle Gesellschaft: Chance, Bedrohung, Ideologie?, S.6.

[11] Dabei werden der Verlauf und die Folgen des europäischen Einigungsvorgangs wie auch der Globalisierung als Beispiele angeführt. Siehe Schulte, A., Multikulturelle Gesellschaft. Zu Inhalt und Funktion eines Vieldeutigen Begriffs, in: Multikulturelle Gesellschaft, Der Weg zwischen Ausgrenzung und Vereinbarung, Bonn 1992, S.12.

[12] Schulte, A., Multikulturelle Gesellschaft: Chance, Bedrohung, Ideologie?, S.6.

[13] Ebd., S.5.

[14] Ebd. Der Vorwurf der Differenzblindheit von Liberalismen ist in manchen Kreisen Grundlage einer Verwerfung der Forderung nach Anpassungsleistung von Einwanderern.

[15] Ebd., S.16.

[16] Ein Beispiel für letzteres ist das Heidelberger Manifest von 1982, in dem die „Integration großer Massen nichtdeutscher Ausländer“ als unvereinbar mit der „Erhaltung des deutschen Volkes und seiner geistigen Identität“ bezeichnet wurde. Siehe Schulte A., Multikulturelle Gesellschaft: Zu Inhalt und Funktion eines Vieldeutigen Begriffs, S.14-16.

[17] Ebd.

Details

Seiten
30
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638858687
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81691
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Politikwissenschaften
Note
2,3
Schlagworte
Vielfalt Multikulturalismus Zukunftsfähigkeit Prüfstand Identität Anerkennung Politik

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