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Das Konzept der Politischen Kultur am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland

Hausarbeit 2007 27 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

A. Das Konzept Politische Kultur
1. Entstehungsgeschichte
2. Begriff der Politischen Kultur
3. Konzeptualisierung
4. Verschiedene Theorieansätze der Politischen Kultur
4.1 Behavioralistischer Ansatz
4.2 Rational Choice Ansatz
4.3 Framing Konzept
4.4 Bilanz der Ansätze
5. Die Objekte Politischer Kultur
6. Die politische Sozialisation
7. Die politische Kulturforschung
8. Kritikpunkte am Konzept der politischen Kultur

B. Die politische Kultur in Deutschland
1. Phase 1945-1966: Nachwirkungen früherer Verhältnisse
2. 1967- 1982: Partizipatorische Tendenzen und Verunsicherung
3. 1983 1989: Politische Kultur der kritischen Distanziertheit
4. Eine Nation- zwei Politische Kulturen?

C. Fazit

D. Literaturverzeichnis

Einleitung

„Mein Vorsatz ist, ich sage es offen heraus, Euch sofern das nötig ist, für die Republik zu gewinnen und für das, was Demokratie genannt wird und ich Humanität nenne.“ (Thomas Mann im Herbst 1922)

Dieser Ausspruch Thomas Manns in einer politisch schwierigen Zeit macht deutlich, dass wir heute in der zweiten deutschen Demokratie in völlig anderen Umständen leben (vgl. Sontheimer 1999: 248). Wenn Sontheimer konstatiert „so war Deutschland nie“, so würdigt er die „nahezu unglaubliche Erfolgsgeschichte“ der deutschen Demokratie seit Gründung der Bundesrepublik am 23. Mai 1949 (Sontheimer 1999: 248, 249). Welche Rolle spielten und spielen hierbei die individuellen Einstellungen, Werte und Orientierungen der Bürger im politischen System? In den 1960er Jahren setzte sich in der Politikwissenschaft der Begriff der Civic Culture nach der bahnbrechenden Studie von Almond und Verba durch (vgl. von Beyme 2004: 61). In dieser Studie wurde der erste Versuch unternommen den wagen Begriff der Politischen Kultur empirisch zu unterfüttern. Die Grundannahme der Civic Culture Forschung ist, dass die Stabilität eines politischen Systems von der Übereinstimmung zwischen politischer Kultur und Struktur abhängt. Folglich ist die Politische Kultur eine der tragenden Säulen des politischen Systems.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es das Konzept Politische Kultur darzustellen und einen geschichtlichen Abriss der Politischen Kultur in Deutschland zu präsentieren. Zunächst wird das Konzept der Politischen Kultur dargelegt und ausgehend von der Begriffsbestimmung Dirk Berg- Schlossers, werden verschiedene Theorieansätze angerissen. Im weiteren Schritt wird eine Differenzierung der Analyseebenen vorgenommen, um abschließend die gängige Kritik an der politischen Kulturforschung darzulegen. Im zweiten Teil dieser Arbeit werden die einzelnen Phasen der Politischen Kultur in Westdeutschland dargestellt, um schließlich ein kurzes Resümee zu ziehen.

A. Das Konzept Politische Kultur

1. Entstehungsgeschichte

Das Konzept der Politischen Kultur entstand vor dem Hintergrund der Frage welche Faktoren dazu beitragen, dass Demokratien entstehen und in Krisensituationen stabil und leistungsfähig sind. Diese Frage beschäftigt die politische Philosophie seit der Antike und erhielt seit dem 19./20 Jahrhundert eine besondere Bedeutung (vgl. Gabriel 2004: 462). Im Besonderen im Hinblick auf Deutschland. So gab es in Deutschland in weniger als 100 Jahren fünf sehr unterschiedliche Typen politischer Systeme: das Kaiserreich, die zerbrechliche Weimarer Republik, das NS- Regime, die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik (vgl. Berg- Schlosser 2004: 176). So ergründete die die Politikwissenschaft die Ursache für die verspätete Demokratie Deutschland: weshalb festigte sich die Demokratie in einem sozioökonomisch hoch entwickelten, in Wissenschaft und Kultur weltweit führenden Land erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dies zunächst auch nur im westlichen Teil? (vgl. Gabriel 2004: 462) Die sozioökonomische Rückständigkeit schied als Erklärung für die Sonderentwicklung Deutschlands unter den mittel- und westeuropäischen Ländern aus. Also mussten andere Ursachen für die verspätete Demokratie verantwortlich sein. „Auf der Suche nach einer Erklärung stieß man auf einen Faktor, der in Aristoteles politischen Philosophie eine wichtige Rolle für eine gute Herrschaftsordnung spielte: die so genannten staatsbürgerlichen Tugenden.“ (Gabriel 2004: 462). In der modernen Politikwissenschaft wird diese Überlegung von dem Konzept der Politischen Kultur aufgegriffen.

2. Begriff der Politischen Kultur

In der deutschen Tradition wurde der Terminus Politische Kultur in der Humboldt’schen Tradition überwiegend wertbezogen interpretiert und als bestimmte Erscheinungsform von Hochkultur verstanden. So wurde Politische Kultur schnell als erstrebenswertes Ziel deklariert.

Entgegen des deutschen Begriffsverständnisses führten Almond Verba mit ihrer Studie den Begriff der Politischen Kultur (Civic Culture) ein, der ein im empirischen Sinne wertfreies analytisches Konzept beinhaltete. Die Definition und Abgrenzung des Konzepts der Politischen Kultur ist in der wissenschaftlichen Diskussion hoch umstritten. Die vorliegende Arbeit verwendet den Begriff analog zur folgenden Definition: „Politische Kultur ist die Bezeichnung für die subjektive Dimension der gesellschaftlichen Grundlagen Politischer Systeme. Politische Kultur bezieht sich auf unterschiedliche politische Bewusstseinslagen, Mentalitäten, typische bestimmten Gruppen oder ganzen Gesellschaften zugeschriebene Denk- und Verhaltensweisen. Sie umfasst alle politisch relevanten individuellen Persönlichkeitsmerkmale, latente in Einstellungen und Werten verankerte Prädispositionen zu politischem Handeln, auch in ihren symbolhaften Ausprägungen, und konkretes politisches Handeln.“ (Berg- Schlosser 2004a: 713).Prädispositionen zu politischen Handlungen werden differenziert nach Meinungen (Beliefs), Einstellungen (Attitudes) und Werten (Values). Hierbei werden die Meinungen als oberflächlich und die Werte als beständig eingestuft (vgl. Gabriel 2004: 464). Eine weitere Analyseebene führt die Differenzierung der Komponenten von Einstellungen nach affektiven, kognitiven und evaluativen Merkmalen ein (vgl. Gabriel 2004: 465).

3. Konzeptualisierung

Parsons AGIL Schema strukturiert die komplexe Materie des Konzepts und gibt den Rahmen für die nachfolgenden Erörterungen (vgl. im Folgenden: Berg- Schlosser 2004: 177, 178 und Nohlen/Schultze 2004: 714). Die vier gesellschaftlichen Teilsysteme bilden die Politik, die Ökonomie, die Gemeinschaft und das soziokulturelle System. Es wird folglich eine Reduktion des Kernbereiches Politischer Kultur auf die Frage der Legitimität des Politischen Systems vorgenommen. Die folgende Darstellung Parsons’ AGIL Schema füllt die Politische Kultur konkret und macht die verschiedenen Schwerpunktsetzungen der Theorieansätze deutlich.

G Goal Attainment (Spezifikation) A Adaption (Öffnung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I Integration (Schließung) L Lattern Pattern Maintenance

(Generalisierung)

Quelle: (Berg-Schlosser 2004: 178, Nohlen 2004: 714)

(1) Das politische Gemeinschaftssystem setzt den äußeren Rahmen der untersuchten Einheit. In der Regel sind dies die bestehenden nationalstaatlichen Grenzen. Sie spiegeln sich politisch - kulturell in den nationalen Identitäten wider. Auf der Makroebene finden sich die nationalen Identitäten in Ritualen und Symbolen wieder. Dies können politische Gedenktage, Fahnen, Hymnen etc. sein.

Innerhalb einer politisch konstituierten Gemeinschaft kann ein hohes Maß an sub-kultureller Fragmentierung und sozialer und politischer Heterogenität bestehen. Die Ursachen hierfür sind soziale Differenzierung, sozioökonomische Ungleichheiten und daraus resultierende Identitäts- und Verteilungskonflikte, die zu ausgeprägten sozialen und politischer Dynamik führen können, bis hin zur Auflösung des Gemeinschaftssystems.

(2) Das soziokulturelle System umfasst Werthaltungen und politische Orientierungen, auch in ihren symbolischen Ausprägungen. So enthält es die Grundwerte jeder Gesellschaft, die ihren inneren und subjektiv weitgehend internalisierten Sinngehalt und seine Ausdeutungen ausmachen. Diese Sinnegehalte werden geprägt und entwickelt von institutionellen religiösen Trägern, der Philosophie, der Wissenschaft und der Kunst. Hierbei ist zu Differenzieren nach der sozio- Kultur auf der allgemeinen Ebene und der Deutungskultur auf der Meta Ebene, die intellektuelle Codes formulieren. Aus den Grundwerten und ihrer Interpretation erwächst die Legitimation des politischen Systems im engeren Sinne.
(3) Das ökonomische System bezieht sich auf die materiellen Grundlagen und die wirtschaftliche Organisationsformen der jeweiligen Gesellschaft. Auch diese spiegeln sich kulturell in vielfältigen Einstellungen und Verhaltensweisen wieder (Beispielsweise in einem bestimmten Arbeitsethos). Politisch- kulturell ist hierbei in erster Linie die Verknüpfung, von ökonomischen Erwartungshaltungen und materieller Befriedigungen mit konkreten Ansprüchen und Forderungen, gegenüber dem politischen System von Bedeutung.
(4) Das Politisches System ist der Kern- Bezugspunkt der Politischen Kultur. Sie begründet die Legitimität des politischen Systems selbst und die politisch- kulturelle Verankerung parlamentarisch- demokratischen Verfassungsformen in Deutschland. Neben seiner allgemeinen Legitimationsbasis beinhaltet dies generelle Spielregeln des Austragens sozialer und politischer Konflikte. Hierbei bestimmen die jeweiligen Steuerungskapazitäten des politischen Systems für die übrigen Subsysteme das langfristige Überleben oder Scheitern eines Systems.

4. Verschiedene Theorieansätze der Politischen Kultur

4.1 Behavioralistischer Ansatz

Der behavioralistisch beeinflusste Kulturforschungsansatz (Geht zurück auf die Civic Culture Studie von Almond/Verba) setzt in erster Linie auf der Mikroebene an, so Berg- Schlosser, die sich auf den jeweiligen subjektiven Einstellungen und Werthaltungen bezieht. (vgl. Berg- Schlosser 2004: 180 ff.) Sie werden mittels repräsentativer Umfrageforschung erfasst. Die Kritik an diesem Ansatz ist die Vernachlässigung des Bezugs zur Makroebene. Des Weiteren ist der als einseitig determinierter Wirkungszusammenhang mit „Kultur“ und verhalten als zentrale unabhängige Variablen kritikwürdig. Die Aggregatsprobleme auf der Mesoebene und ihre sozialstrukturellen Zusammenhänge blieben häufig unbeachtet oder wurden mit den jeweiligen Gefügen von Parteien und Interessenverbandstrukturen gleichgesetzt.[1]

4.2 Rational Choice Ansatz

Der rational choice Ansatz ist enger ausgerichtet und stellt auf die individuelle materielle Nutzenmaximierung als zentralen Erklärungsfaktor für politisches Verhalten ab (vgl. Berg- Schlosser 2004: 181 ff.). Hierbei wurden kulturelle Aspekte zunächst völlig ausgeblendet. Das Coleman’sche Modell geht weiterhin von einem methodologischem Individualismus aus, schließt aber eine bounded rationality ein, die sich aus historischen, kulturelle und anderen. Einflüssen speist.[2]

4.3 Framing Konzept

Das Framing Konzept stellt eine Verbindung zwischen der Makro- und Mikro- Ebene her, so Berg Schlosser (vgl. Berg- Schlosser 2004: 181 ff.) Es geht von einer „Werterwartungs- Theorie“ aus, wonach die Logik der Selektion den jeweiligen Bezugsrahmen für individuelles Handeln bestimmt. Die soziale Ausgangsituation auf der Makroebene, einschließlich ihrer historischen und sozialstrukturellen Prägungen, bedingt die soziale Situation auf der Mikroebene. Das Individuum aktiviert so, gemäß seiner sozialen und von ihm und anderen wahrgenommenen Identität das jeweilige Repertoire (subjektive Wahrnehmungen, Erwartungen, Interessen, Präferenzen und Werthaltungen), an zumindest latent vorhandenen „frames“, um sich situationsgerecht zu verhalten. Diese individuellen Handlungen werden auf der Mesoebene aggregiert und gebündelt, um politisch wirksam zu werden. Die verschiedenen Ebenen müssen in den Kontext von dynamischen, im Zeitablauf sich verändernden und systematisch rückkoppelnden und in internationale und globale Bezüge eingebettet werden.[3]

[...]


[1] Vertiefend hierzu: Jürgen W. Falter (1982): Der Positivismusstreit in der amerikanischen Politikwissenschaft. Entstehung, Ablauf, Resultate der so genannten Behavioralismus- Kontroverse in den Vereinigten Staaten 1945- 1975, Opladen,

[2] Vertiefend hierzu: Hartmut Esser (1993): Soziologie. Allgemeine Grundlagen, Frankfurt a. M. und: (2001): Soziologie- Spezielle Grundlagen, Band 6: Sinn und Kultur, Frankfurt a. M.

[3] Vertiefend hierzu: Bradd Shore (1996): Culture in Mind. Cognition, Culture and the Problem of Meaning. New York ; Hartmut Esser (1993): Soziologie. Allgemeine Grundlagen, Frankfurt a. M. und (2001): Soziologie- Spezielle Grundlagen, Band 6: Sinn und Kultur. Frankfurt a. M.

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638880558
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81750
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Staatwissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Konzept Politischen Kultur Beispiel Bundesrepublik Deutschland System

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