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Die Engel der Bahnhofsmission München - noch im Zug der Zeit oder schon auf dem Abstellgleis?

Seminararbeit 2004 26 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen

3. Geschichte und Entstehung der Bahnhofsmission München
3.1 Ausgangssituation und sozialpolitischer Hintergrund
3.2 Initiatoren
Verein der Freundinnen junger Mädchen
Marianischer Mädchenschutzverein
Identische Ziele und interkonfessionelle Zusammenarbeit
3.3 Im Wandel der Zeit: Von den Anfängen bis ins Jahr

4. Die Bahnhofsmission München heute
4.1 Akteure und Ziele
4.2 Frauenarbeit im Hinblick auf den geschichtlichen Ursprung
4.3 Auf der Abschussliste der Bundesbahn und neue Konzepte

5. Stellungnahme – Schlussgedanken

Literaturverzeichnis

DER GROßE BAHNHOF

Nirgendwo sind mir so viele fremd,

Nirgendwo bin ich so überschwemmt,

Nirgendwo so viel Gelärm, Gewühle

Nirgendwo so wirrverquerte Ziele.

Nirgendwo mehr Fluten, Drängen, Treiben,

Nirgendwo so wenig Rast und Bleiben.

Nirgendwo verliert sich so die Spur,

Nirgendwo mehr Blicke auf die Uhr.

Nirgendwo mehr abgerissne Sätze,

Nirgendwo mehr Sorge um die Plätze.

Nirgendwo mehr Kommen und Verreisen.

Nirgendwo mehr Träume auf Geleisen –

wie im Blick der Gastarbeiterin,

die im Eck auf alten Koffern kauert

und vor so viel fremder Welt erschauert,

mit dem Kind in ihren festen Armen…

Nirgendwo – ,

Nirgendwo mehr heimliches Erbarmen,

unbeachtet, schweigsam, aber wach –

wie das große, weitgespannte Dach…

Bischof Reinhold Stecher in „Geleise ins Morgen“,

zitiert aus dem Jahresbericht 2002 der Bahnhofsmission München

1. Einleitung

Bahnhöfe, insbesondere der Münchener Hauptbahnhof, haben mich schon als kleines Kind in ihren Bann gezogen. Stundenlang habe ich mich dann als Teenager dort herumgetrieben um die Menschen zu beobachten. Es gab nichts Spannenderes, als sich vorzustellen, woher die vielen verschiedenen Reisenden wohl kamen oder wohin sie fahren würden. Selbst die offensichtlich Obdachlosen und die Gruppen von Jugendlichen, von denen manche ziemlich verwahrlost daherkamen konnten mich nicht davon abhalten, auch später, als ich schon älter war, bei Gelegenheit immer mal wieder an diesem faszinierenden Ort vorbeizuschauen. Gerade diese Personen, die sich scheinbar nicht am Bahnhof aufhielten weil sie vorhatten eine Reise zu machen, interessierten mich besonders. Warum verbrachten sie ihre Zeit dort und nicht bei ihrer Familie? Was suchten sie hier? Solche und ähnliche Fragen gingen mir damals durch den Kopf und sie haben mich bis ins Erwachsenenalter nicht losgelassen.

Als mich dann vor ein paar Monaten eine Bekannte fragte, ob ich nicht Lust hätte, ehrenamtlich in der Münchener Bahnhofsmission mitzuarbeiten, überlegte ich nicht lange und stürzte mich erneut in das Abenteuer Hauptbahnhof.

Da in der Bahnhofsmission jede ehrenamtlich helfende Hand dringend gebraucht wird, wird man dort zwar ausführlich und sehr gewissenhaft in die praktische Arbeit mit den hilfebedürftigen Menschen, die ganz klar im Vordergrund steht, eingewiesen, aber selbstverständlich hat man während des Betriebes nur sehr wenig Zeit, neue Mitarbeiter mit Hintergrundinformationen über die Bahnhofsmission zu versorgen. Deshalb ist diese Studienarbeit eine willkommene Gelegenheit, mich mit Fragen zu beschäftigen wie: „Warum wurde die Bahnhofsmission München ins Leben gerufen? War sie damals eine wirklich notwendige Einrichtung oder diente sie vielleicht nur dem Zeitvertreib gelangweilter, aus abgesicherten finanziellen Verhältnissen stammenden Ehefrauen?“ und „Wie sieht es heute aus?

Wird die Arbeit, die ich dort alle zwei Wochen ehrenamtlich verrichte, überhaupt gebraucht und haben die Ziele und Aufgaben der heutigen Bahnhofsmission noch irgendetwas mit ihrem Ursprung gemein? Wie klappt es mit der ökumenischen Zusammenarbeit?“

Um diese Fragen zu beantworten, werde ich zunächst den historischen Hintergrund der Entstehung der Bahnhofsmission München mit den politischen Ereignissen betrachten, um dann unter Einbeziehung einer kurzen Schilderung über ihre Entwicklung bis ins Jahr 2004, daraus Schlussfolgerungen zur aktuellen Situation der „Sozialen Hilfe am Bahnhof“[1] zu ziehen.

Bei der Bearbeitung des Themas werde ich mich hauptsächlich auf die Werke „Soziale Hilfe am Bahnhof“ von Bruno W. Nikles und „Bahnhofsmission in Deutschland 1897 – 1987“ von Wolfgang Reusch, auf Schriften aus dem Archiv der Münchener Bahnhofsmission und aus der privaten Sammlung einer Mitarbeiterin sowie auf ein Interview, geführt am 29.12.2003 mit Sr. Monika Plank CS, Sozialarbeiterin, Leitung KBM stützen.

Aufgrund meiner Tätigkeit in der Bahnhofsmission lässt es sich nicht vermeiden, dass in die nachfolgende Arbeit persönliche praktische Erfahrungen und Erkenntnisse aus Gesprächen, die ich während meines Dienstes mit Kollegen führte, mit einfließen.

2. Begriffsdefinitionen

Da der Begriff „Mission“ im öffentlichen Bewusstsein oft nur mit einer Art zwanghaften Bekehrung zum christlichen Glauben in Verbindung gebracht wird und folglich manche Menschen die Einrichtung „Bahnhofs mission“ mit etwas Negativem assoziieren, erscheint es mir, besonders um im Vorfeld eventuell bestehende Vorurteile abzubauen angebracht, kurz zu erläutern, in welchem Sinne die Mitarbeiter der Bahnhofsmission München das Wort „Mission“ für ihre Arbeit begreifen (Interview mit Sr. Monika Plank CS, Sozialarbeiterin, Leitung KBM) und im Anschluss daran eine kurze Übersicht der Institution Bahnhofsmission, wie sie in einem Fachlexikon beschrieben ist, wiederzugeben. Inwieweit diese allgemeine Definition auf die Münchener Bahnhofsmission zutrifft, entwickelt sich aus der Bearbeitung des Themas heraus.

2.1 Mission

Für die Mitarbeiter der heutigen Bahnhofsmission München ist ihre Mission ein „ernster, feierlicher Auftrag .. ( und eine ) Vollmacht“, sie „kommen in einer bestimmten Mission[2], nämlich der, Menschen zu helfen und eben nicht „zur Verbreitung des christlichen Glaubens[3] wie häufig angenommen wird.

2.2 Bahnhofsmission

„Die B.arbeit ist ein Teil der Seelsorge- und Sozialarbeit..., die von Caritas (von katholischer Seite) .. und Diakonie (von evangelischer Seite) im Auftrag ihrer Kirchen geleistet wird. …. Beide Trägerverbände bilden seit 1910 eine Arbeitsgemeinschaft, die Konferenz für Kirchliche B. ….

Aufgabe der B. ist die unmittelbare soziale und seelsorgerliche Hilfe für Menschen, die sich im Bahnhofsbereich aufhalten. Dabei erfüllt die B. die Funktion einer >Sozialambulanz<, d.h. einer ersten Anlaufstelle, in der Rat Suchende mit ihren Problemen angenommen und notwendige Hilfen eingeleitet werden. Dazu ist sie einbezogen in das Netz kirchlicher und kommunaler Dienste und erschließt deren Hilfeangebote für die Menschen am Bahnhof…[4]

3. Geschichte und Entstehung der Bahnhofsmission München

3.1 Ausgangssituation und sozialpolitischer Hintergrund

In der Zeit um 1900 entfaltete sich Deutschland zu einer Industrienation. Die Technik entwickelte sich schnell und die Mobilität erhöhte sich. Die Arbeitsplätze, die mit der aufblühenden Industrie neu entstanden, konzentrierten sich auf die Städte und Industriegemeinden. So setzte in den 1850er Jahren eine gewaltige Binnenwanderung in die aufstrebenden Zentren ein. Es wurden deutlich mehr Städte gebaut und Slums entstanden. Mit der Fortentwicklung des Hochkapitalismus und mit dem Beginn der Industrialisierung nahmen – verbunden mit der Landflucht sowie dem rapiden Anwachsen der Bevölkerungszahlen in den Städten – die sozialen Probleme stetig zu. Die gesellschaftlichen Verhältnisse begannen, sich ständig und schnell zu wandeln, was zu Unruhe und Verunsicherung führte. Zwar setzte sich der zu Anfang des 19. Jahrhunderts begonnene Weg zur Verwirklichung von mehr sozialer Freiheit für den einzelnen fort, indem in den städtischen Unterschichten ein eigenständiges Bewusstsein mit dem Willen zur Selbstbestimmung entstand. Wo allerdings einige gesellschaftliche Gruppen neue Ansprüche stellten, die etablierten Schichten aber dazu neigten, ihre Besitzstände hartnäckig zu verteidigen und sich nicht bereit fanden, die Ansprüche der Massen anzuerkennen, steigerten sich die sozialen Spannungen zwangsläufig. In den Städten spaltete sich die Gesellschaft immer stärker in Arm und Reich. Auch waren die frühere gewerbliche Absicherung und die Obhut der Familie besonders für junge Menschen häufig nicht mehr vorhanden. Besonders sie waren es, die sich nun, meist mit der Eisenbahn, in die Städte aufmachten um dort ihr Glück zu suchen.[5]

Vor gut 150 Jahren entstand an der Stelle des heutigen Hauptbahnhofes der "Centralbahnhof München". Zur feierlichen Eröffnung am 1. Oktober 1849 trat ein Dampfzug die Fahrt nach Augsburg an. Fünf Gleise und 1500 Reisende am Tag - das waren die Anfänge einer Verkehrsstation, die heute eine der größten in Deutschland ist.

[...]


[1] NIKLES, Bruno W.: Soziale Hilfe am Bahnhof, Zur Geschichte der Bahnhofsmission in Deutschland (1894 – 1960). Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau, 1994, Titel

[2] Das große Bertelsmann Lexikon 2000, Wörterbuch, im Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh, 1999, Buchstabenverzeichnis M

[3] Ebenda, Buchstabenverzeichnis M

[4] WEBER, Traugott: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge: Fachlexikon der sozialen Arbeit, 5. Auflage, 2002, Eigenverlag, Frankfurt am Main, S. 97

[5] Vgl. MIROW, Jürgen: Geschichte des Deutschen Volkes, Von den Anfängen bis zur Gegenwart Parkland Verlag GmbH, Köln, 1996, S. 605 - 682

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638880688
ISBN (Buch)
9783638880701
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81765
Institution / Hochschule
Hochschule München – Fachbereich Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Engel Bahnhofsmission München Zeit Abstellgleis GTWN

Autor

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