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Kindgerechtes Krafttraining. Förderung der Kraftausdauer und koordinativer Fähigkeiten in einer 2. Klasse

Examensarbeit 2007 58 Seiten

Gesundheit - Sport - Bewegungs- und Trainingslehre

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Theorieteil
1. Konditionelle Fähigkeiten
1.1 Kraft und Kraftausdauer
1.2 Ausdauer
1.3 Biologische Grundlagen
2. Koordinative Fähigkeiten
2.1 Bedeutung koordinativer Fähigkeiten
2.2 Wesentliche Formen koordinativer Fähigkeiten
2.1 Entwicklung und Schulung im mittleren Kindesalter
3. Kraftausdauertraining im Kindesalter
3.1 Warum Krafttraining mit Kindern?
3.2. Entwicklung und Leistungsfähigkeit
3.3 Das kindgerechte Training

Praxisteil
4. Darstellung der Unterrichtseinheit
4.1 Ziel der Unterrichtseinheit
4.2 Aufbau der Unterrichtseinheit
4.3 Sachanalyse zur Unterrichtseinheit
4.4 Didaktische Überlegungen zur Unterrichtseinheit
4.5 Zur Situation der Klasse und den Lernvoraussetzungen
4.6 Methodische Überlegungen zur Unterrichtseinheit
5. Darstellung der 4./5. Unterrichtsstunde
5.1 Ziele
5.2 Sachanalyse
5.3 Überlegungen zur Didaktik
5.4 Begründung der methodischen Entscheidungen
5.5 Geplanter Unterrichtsverlauf
5.6 Reflexion
6. Darstellung der 6. Unterrichtsstunde
6.1 Ziele
6.2 Sachanalyse
6.3 Überlegungen zur Didaktik
6.4 Begründung der methodischen Entscheidungen
6.5 Geplanter Unterrichtsverlauf
6.6 Reflexion
7. Darstellung der 8. Unterrichtsstunde
7.1 Stundenziel
7.2 Sachanalyse
7.3 Überlegungen zur Didaktik
7.4 Begründung der methodischen Entscheidungen
7.5 Geplanter Unterrichtsverlauf
7.6 Reflexion
8. Reflexion der Unterrichtseinheit
9. Literatur

Einleitung

Die Bewegung hat für den ganzheitlichen Entwicklungsprozess der Kinder, für ihre individuelle und harmonische Persönlichkeitsentwicklung eine ganz wesentliche Bedeutung. Grundlage einer jeden Bewegung sind die motorischen Fähigkeiten, die sich in konditionelle und koordinative Fähigkeiten gliedern. Eine angemessene Förderung dieser Fähigkeiten ist die Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung.

Die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen wird als alarmierend dargestellt. Die heutigen Lebensbedingungen führen nicht selten zu einer Unterdrückung der kindlichen Bedürfnisse mit einhergehenden motorischen Defiziten. Übergewicht, Kreislaufschwächen und Koordinationsschwächen liegen bei etwa 30 % der Kinder und Jugendlichen vor. Bei den 8 bis 18 jährigen werden bei bis zu 65 % Haltungsschwächen und sogar Haltungsschäden diagnostiziert (vgl. MEDLER/MIELKE, 1999, 10).

Die konditionellen Fähigkeiten, insbesondere die Kraftausdauerfähigkeit, werden ab dem späten Kindesalter[1] von MEINEL als unbefriedigend und weniger gut ausgeprägt bezeichnet, während Kinder im mittleren Kindesalter[2] noch über eine gute Entwicklung der Kraftausdauerfähigkeit verfügen. Die Fähigkeit, eine beträchtliche Kraft- und Temposteigerung in der gesamten Bewegungsführung zu entwickeln, liegt herausragend im mittleren Kindesalter.

So ist es mir ein persönliches Anliegen, in dieser Altersstufe ein gezieltes Kraftausdauertraining durchzuführen, um Defizite im Hinblick auf die weitere körperliche Entwicklung zu verhindern und mit den wenigen Sportstunden, die in der Schule zur Verfügung stehen, das Niveau der motorischen Grundfähigkeiten zu erhalten und zu steigern.

Vielfältige motorische Fertigkeiten, wie sie im Sportunterricht gefordert und gefördert werden, setzen neben den konditionellen Grundfähigkeiten gleichermaßen koordinative Grundfähigkeiten voraus. Ein gezieltes Training der koordinativen Fähigkeiten im mittleren Kindesalter ergibt im Vergleich zu Nichttrainierenden herausragende Verbesserungen mit einhergehendem höher ausgeprägtem Fähigkeitsniveau. „Ihre möglichst umfassende Ausprägung sollte deshalb ein fester Bestandteil in allen Etappen des Kindesalters sein“ (MEINEL/SCHNABEL, 1998, 283).

Schülerinnen und Schüler einer zweiten Klasse werden mit ihren sieben, acht oder neun Lebensjahren dem mittleren Kindesalter zugeordnet. Ein gezieltes Kraftausdauertraining ist für diese Klassenstufe prädestiniert. Den Kindern muss ausreichend und vielfältig die Möglichkeit geboten werden, sich kräftemäßig intensiv und regelmäßig anzustrengen, damit sie zumindest ihr eigenes Körpergewicht durch Bewegung bewältigen können.

Jedoch nützt der stärkste Muskel nichts, wenn er nicht zielgerichtet vom Zentralnervensystem (ZNS) angesteuert werden kann. An dieser Stelle muss neben einer Kräftigung der Muskulatur gleichermaßen ein gezieltes Verbessern der propriozeptiven Informationsverarbeitung erfolgen. Dies wird über eine fundierte Schulung der koordinativen Fähigkeiten insbesondere der Gleichgewichtsfähigkeit erreicht. Die Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeit führt zu einer Verbesserung des Haltevermögens und reduziert Defizite in der Muskelansteuerung durch das ZNS (vgl. LUDWIG/SCHMITT, 2006, 11).

Im theoretischen Teil dieser Examensarbeit gestattet die Darstellung der Kraft und Ausdauer einen Einblick in die konditionellen Fähigkeiten. Die biologischen Vorgänge geben des Weiteren eine wissenschaftliche Basis für das Verständnis zur Funktion der muskulären Tätigkeiten.

Zur Vervollständigung der motorischen Fähigkeiten wird die Komplexität der koordinativen Fähigkeiten eingehend behandelt. Die Zielgruppe der Jungen und Mädchen von 7 bis 9 Jahren wird bei der Frage nach dem Sinn von Kraftausdauertraining in den Focus gestellt. Auf die Darstellung der ´Methodik des Krafttrainings´ im Leistungssport und bei Erwachsenen wird in dieser Arbeit verzichtet, da diese Methoden im Schulsport keinen oder nur bedingten Einsatz finden.

Ziel dieser Arbeit ist mit dem praktischen Teil die vielfältigen Möglichkeiten des kindgerechten Krafttrainings herauszustellen und die Wirksamkeit hinsichtlich der intra- und intermuskulären Koordination hervorzuheben. Bereits mit ein bis drei Trainingsreizen pro Woche lässt sich nachweislich eine signifikante Verbesserung der Kraftfähigkeit erzielen (vgl. GIEßLING, 2005, 49f). Ein wissenschaftlicher Beweis, dass sich die motorischen Fähigkeiten auf Grund des durchgeführten Trainings verbessern, ist mir wegen der Kürze der Zeit nicht möglich. So müsste ein regelmäßiges Training über einen längeren Zeitraum erfolgen, das eine Ausgangs- sowie Abschlusstestung beinhaltet. Erst eine solche Testung wäre in der Lage entsprechende Beweise zu liefern. Eine entsprechend zeitlich umfangreiche Durchführung war mir im Rahmen dieser Examensarbeit nicht möglich.

Theorieteil

1. Konditionelle Fähigkeiten

Konditionelle Fähigkeiten bilden mit den koordinativen Fähigkeiten (Kap.3) die sportmotorischen Fähigkeiten. Wegen des überwiegend allgemeinen Voraussetzungscharakters für sportliche Bewegungen werden sie als Fähigkeiten und nicht als Fertigkeiten bezeichnet. Diese Fähigkeiten sind nicht grundsätzlich angeboren, sondern sie entwickeln sich mittels sportlicher Tätigkeiten (vgl. GROSSER, 1998, 7 f). Für ein Training der Kraftausdauer mit Kindern müssen die Grundlagen der konditionellen Fähigkeiten, insbesondere die Kraft- und Ausdauerfähigkeit, in der angesprochenen Altersstufe bekannt sein (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 77). Auf die Darstellung der Schnelligkeit und Flexibilität, die neben Kraft und Ausdauer weitere Elemente der konditionellen Fähigkeiten repräsentieren, wird an dieser Stelle verzichtet, da sie für den Bereich der Kraftausdauer eine untergeordnete Rolle spielen.

Die biologischen Grundlagen geben einen Einblick in die wichtigsten physiologischen Voraussetzungen und energetischen Abläufe. Die altersspezifischen Fähigkeiten verdeutlichen die wahrscheinliche Lernausgangslage von Zweitklässlern im Hinblick auf die konditionellen Fähigkeiten.

1.1 Kraft und Kraftausdauer

Jede sportliche Betätigung setzt Muskelkraft voraus. Da die physikalische Definition eher für biomechanische Untersuchungen bedeutsam ist, interessiert beim sportlichen Training vor allem die biologische Definition von Kraft:

„Kraft im Sport ist die Fähigkeit des Nerv-Muskelsystems, durch Innervations- und Stoffwechselprozesse mit Muskelkontraktion Widerstände zu überwinden (konzentrische Arbeit), ihnen entgegenzuwirken (exzentrische Arbeit) bzw. sie zu halten (statische Arbeit)“ (GROSSER, 1998, 40).

Aus trainingsmethodischer Sicht gibt es unterschiedliche Formen von Kraftarten. Die Maximalkraft wird als Basisfähigkeit bezeichnet. Die Schnellkraft, Reaktivkraft und Kraftausdauer bilden dazu Subkategorien und sind in ihrer Ausprägung von der Maximalkraft abhängig.

Maximalkraf t: Bei maximaler willkürlicher Kontraktion ist sie die größtmögliche Kraft, die das Nerv-Muskel-System ausüben kann (vgl. GROSSER, 1998, 40ff).

Schnellkraft

Widerstände werden mit einer hohen Kontraktionsgeschwindigkeit überwunden (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 66 ff).

Reaktivkraft

Bei Reaktivbewegungen (z. B. Absprünge mit Anlauf) werden exzentrische und konzentrische Schnellkraft gekoppelt, und es tritt ein Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus auf, der mit Hilfe der Reaktivkraft möglichst kurz gehalten werden soll (vgl. GROSSER, 1998, 44).

Kraftausdauer

Dynamische oder statische Kraftleistungen - mit mehr als 30 % der Maximalkraft - werden über einen längeren Zeitraum gegen auftretende Ermüdung absolviert. GROSSER vollzieht eine Abgrenzung der

- dynamischen Kraftausdauer - die Verringerung der Intensität von Kraftstößen innerhalb eines bestimmten Zeitraums soll möglichst gering gehalten werden,
- zur statischen Kraftausdauer - der Spannungsverlust innerhalb der Muskulatur soll bei einer definierten Anspannungszeit möglichst gering gehalten werden (vgl. GROSSER, 1998, 44f).

Die Höhe und Dauer des Krafteinsatzes wird darüber nicht definiert. In Folge unterteilt GROSSER die Kraftausdauer in drei Kategorien, um die Höhe des Krafteinsatzes zu klassifizieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. GROSSER, 1998, 44)

Bei der Kraftausdauerleistung ist die Bewältigung einer Last von zwei wesentlichen Merkmalen bestimmt. Einerseits besteht die bereits genannte Abhängigkeit zur Maximalkraft. Andererseits ist die Dauer der Lastbewältigung abhängig von den Stoffwechselleistungen der Muskulatur. „Das zweite Merkmal aber, die Dauer der Lastbewältigung ist abhängig von den Stoffwechselleistungen der Muskulatur. Dieses Merkmal ist das eigentliche Charakteristikum der Kraftausdauer und dasjenige, das sie von den anderen Erscheinungsformen der Kraft unterscheidet“ (vgl. Martin/Carl/Lehnertz - Handbuch Trainingslehre). Es kommt demnach darauf an, einen bestimmten Betrag der Muskelleistung in einer speziellen Bewegungsaufgabe (Ruderschlag, Vertikalsprung zum Block im Volleyball), für möglichst lange Zeiträume ohne Spannungsverlust wiederholbar zu machen, oder eine Last in einer bestimmten Bewegungsaufgabe über längere Zeit zu halten (nach: Martin/Carl/Lehnertz - Handbuch Trainingslehre).

1.2 Ausdauer

Als komplexe motorisch-konditionelle Fähigkeit bezeichnet Ausdauer die physische und psychische Widerstandsfähigkeit und die rasche Erholung nach psychophysischen Belastungen. „Ausdauer = Ermüdungswiderstandsfähigkeit + schnelle Erholungsfähigkeit“ (GROSSER, 1998, 110).

Aus sportwissenschaftlicher Sicht werden vielfältige Klassifizierungen der Erscheinungsformen von Ausdauer vorgenommen (auf deren ausführliche Darstellung an dieser Stelle verzichtet wird).

Aus trainingsmethodischer Sicht wird in „spezielle Ausdauer“ und „Grundlagenausdauer“ (GLA) unterschieden. Die spezielle Ausdauer verweist auf die Anpassungsfähigkeit des Organismus unter wettkampfmäßigem Einsatz und ist im Schulsport weniger bedeutend. Die Grundlagenausdauer bezeichnet den Ermüdungswiderstand bei Langzeitbelastungen unter dem Einsatz großer Muskelgruppen und ist sportarten-unabhängig (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 90 f).

MÜHLFRIEDEL unterscheidet innerhalb der Grundlagenausdauer die allgemeine Ausdauerfähigkeit, die allgemeine Schnelligkeitsausdauer und die allgemeine Kraftausdauer, die von hoher Kraftleistungsfähigkeit bei gleichzeitig guter Ausdauer gekennzeichnet ist (MÜHLFRIEDEL, 1994, 91 f).

Eine Differenzierung der Ausdauer nach der Dauer der Belastung grenzt drei verschiedene Bereiche ab:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die aerobe Kraftausdauer (< 50 % bzw. 30 % der Maximalkraft) wird dem Langzeitausdauerbereich zugeordnet (vgl. GROSSER, 1998, 115ff).

Die Kraftausdauer ist dementsprechend im Kraft- wie auch im Ausdauerbereich zu positionieren.

1.3 Biologische Grundlagen

Hauptsächliche Einflussfaktoren der Kraftausdauer sind der physiologische Querschnitt der Skelettmuskeln sowie der prozentuale Anteil der Fast-Twitch und Slow-Twitch Fasern (vgl. GROSSER, 1998, 50). Kenntnisse über die biologischen Grundlagen des Skelettmuskelsystems mit dem Aufbau der Skelettmuskulatur, den Nerv-Muskel-Prozessen und der energetischen Absicherung der Muskeltätigkeit sind von großer Bedeutung für das Krafttraining (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 55).

Die Kraft und das Nerv-Muskelsystem

Mit 40 - 50 % des Gesamtkörpergewichts bildet die Skelettmuskulatur das am stärksten ausgebildete Organ des erwachsenen Menschen. Bei den 7 bis 10 jährigen Kindern beträgt die Muskelmasse lediglich ca. 23 % des Körpergewichtes (vgl. GROSSER, 1998, 179).

Aufbau des Muskels

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Aufbau eines quergestreiften Muskels

M - M-Linie; Z - Z-Linie; A - anisotope Bande; I - isotrope Bande (vgl. Abb. 15, GROSSER, 1998, 45)

Umgeben wird der Skelettmuskel von einer derben Bindegewebshülle, der Muskelfazie. Diese hält den Muskel zusammen und ermöglicht die Verschiebung gegen seine Umgebung. Einzelne Faserbündel bilden den Muskel. Die Faserbündel sind wiederum aus vielen hundert Muskelfasern aufgebaut. Die einzelne Muskelfaser ist ein langer, von einer Zellmembran (Sarkolemm) begrenzter Zytoplasmaschlauch. Die Muskelfasern durchlaufen fadenförmig meist die Gesamtlänge des Muskels und gehen an beiden Enden in bindegewebige Sehnen über, die am Knochen befestigt sind.

Besonders spezialisierte Muskel-fasern sind die Muskelspindeln, die spezifische Dehnungsrezeptoren enthalten und somit Längen-änderungen des Muskels über bestimmte Nervenfasern zum Rückenmark senden.

In den Muskelfasern liegen die Myofibrillen. Diese Eiweißstrukturen sind in der Lage sich zusammenzuziehen, wenn die Muskelfaser erregt wird. Die Unterteilung der Myofibrillen erfolgt durch so genannte Z-Scheiben. Zwischen den Z-Scheiben befinden sich die dünnen Aktin- und die dicken Myosinfilamente. Durch die Unterteilung gliedert sich die Myofibrille in zahlreiche Einheiten, wobei eine Einheit (von Z-Scheibe zu Z-Scheibe mit Aktin und Myosin) das Sarkomer bildet (vgl. FALLER, 1999, 90f).

Muskelstoffwechsel und elektromagnetische Kopplung

Während die Aktinfilamente an den Z-Scheiben verankert sind, ragen die Myosinfilamente - in der Mitte des Sarkomers - an beiden Seiten in die Aktinfilamente hinein (vgl. FALLER, 1999, 90f). „Bei der Verkürzung eines Muskels (Kontraktion) gleiten dünne und dicke Filamente aneinander vorbei. Dabei verkürzt sich jedes einzelne Sarkomer, die einzelnen Filamente behalten jedoch ihre ursprüngliche Länge“ (Faller, 1999, 92). Dieser Vorgang kehrt sich bei Dehnung oder Erschlaffung des Muskels um. Die Verkürzung des Sarkomers wird möglich, indem sich die Myosinköpfchen (jeweils ein Schwanz- und ein Kopfteil bilden das Myosinfilament) durch „Kipp- und Ruderbewegung“ in die Mitte des Sarkomers ziehen.

Dass Bindungen zwischen den Myosinköpfchen und den Aktinfilamten bestehen, setzt die Anwesenheit von Calciumionen voraus, die freigesetzt werden, wenn die Muskelfaser durch einen Nervenimpuls erregt wird. Damit die Myosinköpfchen sich jedoch von dem Aktin lösen können, um sich erneut zu spannen (ähnlich einer Feder) und eine weitere Kippbewegung (die eine weitere Verkürzung zur Folge hat) durchzuführen, ist das ATP (Adenosintriphosphat) nötig. „Ohne ATP bleiben Aktin und Myosin miteinander verbunden und der Muskel wird starr …“ (FALLER, 1999, 94). ATP ist die alleinige Energiequelle für die Muskelkontraktion und wird in den zahlreichen Mitochondrien gebildet.

Mitochondrien sind die „Kraftwerke“ der Zellen, sie liefern die für alle Stoffwechselvorgänge unabdingbare Energie in Form des universellen biologischen Brennstoffs, dem ATP. Voraussetzung dafür ist die Verbrennung von Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten mit Hilfe von Sauerstoff innerhalb der Mitochondrien. Die frei werdende Energie wird als energiereiche Verbindung (ATP) gespeichert (vgl. FALLER, 1999, 8 f).

ATP selbst besteht erstens aus stickstoffhaltigem Adenin, zweitens dem Zucker Ribose und drittens drei Molekülen Phosphat. Durch die Abspaltung eines Phosphatmoleküls wird Energie freigesetzt und Muskelverkürzung ermöglicht. Bei geringen Belastungen wird das ATP innerhalb des aeroben Stoffwechsels mit Hilfe von Sauerstoff vollständig zu Kohlendioxid (CO2) und Wasser (H2O) abgebaut. Ist eine hohe Arbeitsleistung nötig, kann der ATP-Verbrauch kurzfristig ohne die Zufuhr von Sauerstoff (anaerober Stoffwechsel) gewährleistet werden. Hierbei entsteht jedoch das „Abfallprodukt“ Milchsäure (Laktat), welches sich im Muskelgewebe ansammelt und zu einer schnellen Ermüdung der betroffenen Muskulatur führt. Milchsäure kann nur langsam über den Blutweg in der Leber abgebaut werden (vgl. GROSSER u. a., 1998, 122).

Der ATP-Gehalt im Muskel ist grundsätzlich sehr niedrig, so dass eine schnellst mögliche Nachbildung gewährleistet werden muss. Die wichtigsten Energiereserven für diese Nachbildung stellen das Glykogen (eine Speicherform der Glucose) und das Creatinphosphat dar. Creatinphosphat kann in Creatin und Phosphat gespalten werden, dabei entstehen große Energiemengen, die zum Aufbau von ATP eingesetzt werden (vgl. FALLER, 1999, 92).

Laktatschwellen

Die Grenze der rein aeroben Energiebereitstellung bezeichnet die Aerobe Schwelle (AS). Entsteht Laktat und die Laktatanreicherung hält sich mit der Laktatelimination die Waage, befindet sich die Muskulatur im aerob-anaeroben Übergang (AANÜ), der als Laktat-steady-state bezeichnet wird. Kommt es zu einer Erhöhung der Belastung und einer weiteren Erhöhung des Blutlaktatspiegels, kann das Laktatgleichgewicht nicht gehalten werden und die anaerobe Schwelle (ANS) ist erreicht (vgl. GROSSER u. a., 1998, 123). Je nach Trainingszustand unterscheiden sich die Laktatwerte innerhalb der einzelnen Phasen individuell. Daher wurde die „individuelle anaerobe Schwelle“ (IANS) eingeführt. „Der entsprechende - individuell unterschiedliche - Laktatwert ist identisch mit dem maximalen Laktat-steady-state“ (GROSSER, 1998, 124).

Isotonische und isometrische Kontraktion

Kommt es innerhalb einer sehr schnellen Bewegung zu einer entsprechend schnellen Verkürzung des Muskels, gleiten die Myofilamente sehr schnell aneinander vorbei. So kann nur eine relativ geringe Kraft entwickelt werden. Der Grund liegt in der Arbeitsweise der einzelnen Sarkomere. Durch das schnelle aneinander Vorbeigleiten muss ein Teil der Myosin-Aktin-Bindungen immer wieder gelöst werden, damit ein dauerndes Nachgreifen der Myosinköpfchen gewährleistet ist. Der Muskel verkürzt sich bei dieser isotonischen Kontraktion, ohne seine Spannung zu verändern.

Im Gegensatz dazu spannt der Muskel bei der isometrischen Spannung an, ohne seine Länge zu verändern. So ist ein Nachgreifen der Myosinköpfchen nicht erforderlich, und es können nahezu alle Bindungen zwischen den Myosinköpfchen und den Aktinfilamenten gleichzeitig eingegangen werden. Nur bei dieser Art der Muskelkontraktion kann maximale Kraft entwickelt werden. Damit ist die Kraftentwicklung bei der isometrischen Kontraktion wesentlich größer als die der isotonischen Kontraktion (vgl. FALLER, 1999, 94 f).

Muskelfasertypen

Das Abkippen der Myosinköpfchen ist der Auslöser einer Muskelzuckung (vgl. FALLER, 1999, 94). Wie und mit welcher Dauer ein Muskel zuckt, ist von der Zusammensetzung seiner Muskelfasern abhängig. Unterschieden werden zwei Fasertypen: Die phasischen, schnell zuckenden Muskelfasern, genannt Fast-twitch Fasern (FT), sowie die tonischen, langsam zuckenden Fasern, die als Slow-twitch Fasern (ST) bezeichnet werden. Da die Fast-twitch Fasern über wenig Myoglobin verfügen, werden sie auch als „weiße Muskulatur“ bezeichnet. Myoglobin ist ein Protein, das dem Hämoglobin verwandt ist und als Sauerstoffspeicher dient. Die Zuckungsdauer beträgt 30-40 ms und unterscheidet sich beträchtlich von der Zuckungsdauer der ST Fasern über etwa 100 ms. Die ST Fasern verfügen über viel Myoglobin und werden als „rote Muskulatur“ bezeichnet (vgl. FALLER, 1999, 86 ff).

FT-Fasern verfügen über weniger Mitochondrien als ST-Fasern. Da die Anzahl der Mitochondrien verantwortlich ist für die aerobe Energiegewinnung zur Bildung von ATP, ermüden die FT-Fasern mit ihrer hohen anaeroben Kapazität schneller als die ST-Fasern mit ihrer hohen aeroben Kapazität. Somit sind die FT-Fasern eher für explosive Bewegungen und kurzfristige Höchstleistungen geeignet. Die ST-Fasern werden bei Dauerleistungen, wie beim Kraftausdauertraining, stärker belastet, da sie mit einem zusätzlichen hohen Gehalt an Enzymen für den aeroben Stoffwechsel widerstandsfähiger gegen Ermüdung sind (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 56 f).

Mit ca. 65 bis 75 % überwiegen bei Kindern bis 12 Jahren die ST-Fasern, was eine relativ gute Ausdauerfähigkeit im aeroben Bereich unterstützt (vgl. GROSSER, 1998, 179).

2. Koordinative Fähigkeiten

Eine einheitliche Definition koordinativer Fähigkeiten liegt von Seiten der Sportwissenschaft nicht vor. Verschiedene Strukturierungs- und Differenzierungsansätze lassen derzeit keine einheitlichen und allgemeingültigen, wissenschaftlich abgesicherten Strukturkonzepte zu.

Allgemein werden koordinative Fähigkeiten als zweckmäßige Verhaltensmechanismen des Nerv-Muskel-Zusammenspiels bezeichnet, die bestimmte Formen der Bewegungsfähigkeit steuern und regeln. Sie sind auf den Bewegungsvollzug als Ganzes gerichtet und treten somit zu keiner Zeit isoliert auf. Konditionelle und koordinative Fähigkeiten korrelieren miteinander, wobei die konditionellen Fähigkeiten verstärkt auf energetischen Prozessen beruhen und die koordinativen Fähigkeiten vom zentralen Nervensystem mit seinen Analysatoren (optische, akustische, kinästhetische, taktile und statiko-dynamische) bestimmt werden (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 156ff).

Erst durch die koordinativen Fähigkeiten werden Impulse innerhalb eines Bewegungsablaufes zeitlich, stärke- und umfangmäßig aufeinander abgestimmt und zur angesprochenen Muskulatur geleitet.

2.1 Bedeutung koordinativer Fähigkeiten

Basierend auf der anlagebedingten Qualität der sensomotorischen Funktionen beeinflussen die koordinativen Fähigkeiten die Qualität, die Konstanz sowie das Tempo der Lernprozesse von Bewegungsfertigkeiten und sportlichen Techniken. Durch sie wird die Höhe des Ausnutzungsgrades der konditionellen Fähigkeiten (Kap.1) festgesetzt. „Aus sportmedizinischer Sicht haben ökonomische und geschmeidige Bewegungsabläufe, die ein hohes Maß an koordinativen Fähigkeiten beinhalten, den Vorteil, dass sie weniger Muskelkraft bzw. Energie benötigen“ (MÜHLFRIEDEL, 1994, 155). Ihre Ausprägung ist für die Entwicklung der konditionellen Fähigkeiten unbedingt notwendig.

2.2 Wesentliche Formen koordinativer Fähigkeiten

Jede sportliche Tätigkeit wird von mehreren, untereinander in Beziehung stehenden und strukturell miteinander verbundenen Fähigkeiten beeinflusst. MEINEL/SCHNABEL unterscheiden sieben Formen und stellen diese in Bezug zueinander.

Differenzierungsfähigkeit

Einzelne Bewegungsphasen und Teilkörperbewegungen werden durch die Fähigkeit einer hohen Feinabstimmung so ausgeführt, dass eine große Bewegungsgenauigkeit und Bewegungsökonomie erzielt wird. Eine bewusste, präzise Wahrnehmung der Kraft-, Zeit- und Raumparameter des aktuellen Bewegungsvollzuges ermöglicht dieses.

Die Differenzierungsfähigkeit steht in engem Bezug zur Kopplungs- und Orientierungsfähigkeit (vgl. MEINEL/SCHNABEL, 1998, 212f).

Orientierungsfähigkeit

Die Orientierungsfähigkeit steht für die „Fähigkeit zur Bestimmung und zieladäquaten Veränderung der Lage und Bewegung des Körpers in Raum und Zeit bezogen auf ein definiertes Aktionsfeld (z. B. Spielfeld, Boxring, Turngeräte) und/oder ein sich bewegendes Objekt (z. B. Ball, Gegner, Partner)“ (MEINEL/SCHNABEL, 1998, 216).

Gemeinsam mit der Differenzierungsfähigkeit bestimmt die Orientierungsfähigkeit den Grad der Rhythmisierungsfähigkeit und Kopplungsfähigkeit mit (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 156).

Kopplungsfähigkeit

Die Kopplungsfähigkeit ist eine wesentliche Voraussetzung für alle sportlichen Bewegungsabläufe. Teilkörperbewegungen, wie Teilbewegungen der Extremitäten, des Rumpfes und/oder des Kopfes, werden untereinander und in Beziehung zu der auf ein bestimmtes Handlungsziel gerichteten Gesamtkörperbewegung räumlich, zeitlich und dynamisch zweckmäßig aufeinander abgestimmt. Eine Dominanz der Kopplungsfähigkeit liegt vor allem bei schwierigen Koordinationsaufgaben vor (vgl. MEINEL/ SCHNABEL, 1998, 214).

Rhythmisierungsfähigkeit (Rhythmusfähigkeit)

Die Rhythmisierungsfähigkeit thematisiert die Fähigkeit „[…] einen von außen vorgegebenen Rhythmus zu erfassen und motorisch zu reproduzieren, sowie den „verinnerlichten“, in der eigenen Vorstellung existierenden Rhythmus einer Bewegung in der eigenen Bewegungstätigkeit zu realisieren“ (MEINEL/SCHNABEL, 1998, 218f).

Sie bezieht sich überwiegend auf die Wahrnehmung von akustischen (oft musikalischen) sowie visuell (Bewegungsvorbild) vorgegebenen Rhythmen, die in Bewegungshandlungen umgestellt werden und wird von der Differenzierungs- und Orientierungsfähigkeit mitbestimmt (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 156).

Reaktionsfähigkeit

Zweckmäßige motorische Aktionen werden schnell eingeleitet und ausgeführt. „Dabei kommt es darauf an, zum zweckmäßigen Zeitpunkt und mit einer aufgabenadäquaten Geschwindigkeit zu reagieren, wobei meistens das maximal schnelle Reagieren das Optimum ist“ (MEINEL/SCHNABEL, 1998, 214). Sie kann eine Reaktion auf akustische, taktile, optische oder kinästhetische Signale (z. B. Pfiff, Antippen) sein (vgl. MEINEL/SCHNABEL, 1998, 212f). Reaktionsfähigkeit und Kopplungsfähigkeit stehen in enger Beziehung zueinander (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 156).

Umstellungsfähigkeit

Mit der Umstellungsfähigkeit wird die Anpassung einer Bewegung an wahrgenommene oder vorauszusehende Situationsveränderungen bezeichnet. Dabei soll eine motorische Umsetzung erfolgen (vgl. MEINEL/SCHNABEL, 1998, 218).

MÜHLFRIEDEL spricht von einer Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit, die in enger Beziehung mit der Reaktionsfähigkeit und der Orientierungsfähigkeit steht (vgl. MÜHLFRIEDEL, 1994, 156).

Gleichgewichtsfähigkeit

Den menschlichen Körper im Gleichgewicht zu halten erfordert

- einerseits das externe Gleichgewicht in Bezug zur Umwelt (der Körper darf nicht umfallen),
- andererseits das interne Gleichgewicht der Körpersegmente zueinander (die Körpersegmente müssen in ihrer Positionierung eine dauerhafte Überlastung verhindern) (vgl. LUDWIG/SCHMITT, 2006, 6).

Die Gleichgewichtsfähigkeit als koordinative Fähigkeit bezeichnet das Beibehalten des externen Gleichgewichts während bzw. nach umfangreichen Körperverlagerungen. Gleichermaßen bezeichnet es die Wiederherstellung des externen Gleichgewichtes.

Unterschieden werden zwei Arten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. MEINEL/SCHNABEL, 1998, 217).

BALSTER unterscheidet zusätzlich das Objektgleichgewicht, bei dem ein Gegenstand im Gleichgewicht gehalten wird (vgl. BALSTER, 1998, Teil 1, 50).

2.1 Entwicklung und Schulung im mittleren Kindesalter

Die physische wie psychische Entwicklung der Kinder in der Phase des mittleren Kindesalters bilden günstige Voraussetzungen für das motorische Lernen und der damit einhergehenden Möglichkeit, durch zunehmende Korrekturen der kindlichen Bewegungen, eine effektive koordinativ-sportliche Vervollkommnung zu erreichen. Bei Kindern ohne sportliche Vorerfahrungen sollten die Lernerfolge über Bewegungskorrekturen nicht überschätzt werden.

Die geringe Ausprägung einiger konditioneller Fähigkeiten steht im Gegensatz zur raschen Genese der koordinativen Fähigkeiten, die in dieser Phase ihre höchste Zuwachsrate erreicht. Unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten kommt es in diesem Alter zu keinen Unterschieden. Ein gezieltes Training erhöht - im Vergleich zu Nichttrainierenden - das Fähigkeitsniveau der motorischen Fähigkeiten deutlich (vgl. MEINEL/SCHNABEL, 1998, 280ff).

Die koordinative und konditionelle Entwicklung sind ein Prozeß der Veränderungen, der einer gewissen Systemaik folgt und nicht zufällig abläuft, „…wenngleich sich alle menschen unterschiedlich entwickeln und es auch innerhalb einer Altersgruppe große Unterschiede in der Beweglichkeitsentwicklung geben kann“ (vgl. BALSTER, 1998 Teil 1, 15).

3. Kraftausdauertraining im Kindesalter

Ob und warum ein Kraftausdauertraining bereits im Kindesalter sinnvoll ist, folgt aus der Feststellung: Kinder fallen im späten Schulkindalter (9-12 Jahre) sowie in der puberalen Phase „[…] fast ausnahmslos durch eine Schwäche der Haltemuskulatur, insbesondere des Rumpf-, Hüft- und Schulterbereiches auf […] (GROSSER, 1998, 186). Die Darstellung der BKK-Studie aus dem Jahr 2000 bestätigt diese Aussage. Welche Voraussetzungen Kinder für ein Kraftausdauertraining mitbringen, welche Anpassungserscheinungen zu erwarten sind und welche Trainingsmethoden im Schulsport sinnvoll erscheinen, unterscheiden sich erheblich vom Erwachsenen.

3.1 Warum Krafttraining mit Kindern?

Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK Bundesverband) veröffentlichte am 21. August 2000 in Berlin eine vom Emnid-Institut durchgeführte telefonische Umfrage, die unter 100 repräsentativ ausgewählten Kinderärzten im Juli 2000 durchgeführt wurde.

Die befragten Kinderärzte gaben Auskünfte zu untersuchten Kindern bis zum 14. Lebensjahr und diagnostizierten durchschnittlich bei jedem achten Kind (12 Prozent), das in ihre Sprechstunde kam, einen Haltungsschaden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fast jedes fünfte Kind ist unter 6 Jahre, ungefähr jedes vierte Kind ist zwischen 6 und 9 Jahren (23,2 Prozent) oder zwischen 10 und 11 Jahren (23,6 Prozent). Mit 33,5 Prozent stellen die 12 bis 14 jährigen die stärkste Gruppe.

Die diagnostizierten Haltungsschäden sind nach Auskunft der Ärzte zu 79 Prozent erworben und nicht angeboren (vgl. BKK, 2000, 2ff).

GROSSER hält 65 % aller Kinder von 9 bis 14 Jahren für haltungsschwach! Während die Haltemuskulatur aus unterschiedlichen Gründen abschwächt und bereits im frühen Kindesalter auf muskuläre Dysbalancen[3] hinweist, befindet sich die Funktionsmuskulatur der Extremitäten in einem besseren Trainingszustand. „Die deutliche Diskrepanz bleibt etwas unverständlich, da der durch Krafttraining erreichbare Zustand angeblich in diesem Alter so minimal sein soll“ (GROSSER, 1998, 186).

Neuere Untersuchungen zeigen, dass nicht mehr ´nur´ die abgeschwächte und verkürzte Muskulatur zur Haltungsschwäche führt, sondern Defizite in der Körperwahrnehmung mit verantwortlich sind. Teile der Haltemuskulatur können nicht bewusst angesteuert werden, weil die motorischen Programme mit dem Regelungsvorgang durch das ZNS unzureichend sind (vgl. LUDWIG/SCHMITT, 2006, 13).

In Folge muss neben dem Krafttraining gleichermaßen die Förderung der Gleichgewichtsfähigkeit forciert werden, da eine Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeit einhergeht mit einer Verbesserung tiefensensibler Signale. Diese beeinflussen wiederum die Ansteuerung der Muskulatur.

3.2. Entwicklung und Leistungsfähigkeit

Im Gegensatz zum Erwachsenen ist beim Kind das Längenwachstum noch nicht abgeschlossen. Die Längenanpassung der Skelettmuskelfaser wird durch die Vermehrung der Sarkomere oder durch die Verlängerung der Sehne möglich.

Die Vermehrung der Sarkomere führt zur Erhöhung des Kraftpotentials des Muskels jedoch ohne eine - oder nur einer geringen - Muskelquerschnittsvergrößerung (Hypertrophie). Hier liegt der Unterschied zum Erwachsenen, der mit einem entsprechenden Training mit einer Hypertrophie reagiert. Als weiteren Grund für die fehlende oder nur geringe Hypertrophie wird der noch geringe intrazelluläre Testosteronspiegel angeführt (vgl. GROSSER, 1998, 186ff).

Ein gezieltes Muskelaufbautraining mit dem Ziel der Hypertrophie hält GROSSER erst ab der Pubertät für biologisch sinnvoll, da erst zu diesem Zeitpunkt die Muskelmasse im Vergleich zum Körpergewicht ausreichend (mit ca. 30 bis 35 %) entwickelt ist. Im mittleren Kindesalter liegt der Wert bei ca. 25 bis 28 % (vgl. GROSSER, 1998, 179).

Wird die Kraftfähigkeit nicht gefördert, verläuft die Entwicklung der Kraftfähigkeit im mittleren Kindesalter noch relativ langsam. Jungen erweisen sich im Allgemeinen als geringfügig leistungsüberlegen. Wobei MEINEL/SCHNABEL diesen geschlechtsspezifischen Unterschied als noch unwesentlich bewerten. Die Kraftfähigkeit der unteren Extremitäten ist besser entwickelt, als die der oberen Extremitäten. Vorherrschende lokomotorische Bewegungen wie z. B. Laufen, Springen und Hüpfen, mit denen vorrangig die unteren Extremitäten trainiert werden, werden als Begründung angegeben (vgl. MEINEL/SCHNABEL, 1998, 276). Die Haltemuskulatur ist bei den sieben bis zehnjährigen Kindern nur schwach ausgebildet. Bei einer guten Beweglichkeit besteht noch ein biegsames Skelett (vgl. GROSSER, 1998, 188). Der Körper befindet sich im Wachstum und bedarf wegen der noch nicht verknöcherten Epiphysenfugen besonderer Aufmerksamkeit (vgl. MEDLER/MIELKE, 1999, 17).

Die motorische Leistungsfähigkeit der heutigen Kinder nimmt mit zunehmendem Alter ab. „Und das nicht nur nach dem Grundschulalter (vgl. Radzek), sondern auch schon im Vorschulalter (vgl. Gaschler) bzw. im Grundschulalter (vgl. Dordel, Eggert)“ Radzek hat seit 1965 in 10 Jahresabständen Daten zu den motorischen Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen erhoben. Er unterstreicht den deutlichen Rückgang der konditionellen Fähigkeiten im Ausdauer- und Kraftbereich. Bei den koordinativen Fähigkeiten beobachtet er eher eine Leistungsstagnation (vgl. Raczek, 2001, 202 ff inKRETSCHMER, 2003, 67).

3.3 Das kindgerechte Training

Eine Verbesserung des Kraftausdauerniveaus kann einerseits durch eine Verbesserung der Maximalkraft, der Ausdauer oder der Schnellkraft erfolgen. In der Praxis wird jedoch keine isolierte Schulung durch Verbesserung einzelnen Faktoren vorgenommen, sondern komplex durch gezielte Methoden für das Kraftausdauertraining (vgl. LETZELTER, 1989, 137f).

Ziel eines kindgerechten Krafttrainings im Schulsport ist nicht die Vergrößerung des Muskelquerschnitts oder die Förderung der Maximalkraft für spezielle Bewegungstechniken (vgl. NICKEL, 1990, 36), sondern die allgemeine Muskelentwicklung sowie die Verbesserung der inter- und intramuskulären Koordination[4].

Dem spontanen und explosiven Bewegungsdrang der Kinder entsprechend muss der dynamischen Trainingsmethode der Vorzug gegeben werden. Bei entsprechender Motivation kann jedoch auch statischen Kraftleistungen der Vorzug gegeben werden, da bei diesen Beanspruchungen schon etwa 30 % der Maximalkraft ausreichen, um angemessene Kraftgewinne zu erzielen. Bei dynamischer[5] Arbeitsweise muss lange gearbeitet werden, um auf die gleiche Gesamtleistung zu kommen (MEDLER/MIELKE, 1999, 16). Da der kindliche Organismus jedoch nur über eine geringe anaerobe Kapazität verfügt, besitzt er keine günstigen Voraussetzungen für statische[6] Muskelkraft (vgl. WEIMANN, 1995, 146). Unterteilt wird die dynamische Methode in eine dynamisch-positive Arbeit (Verkürzung des Muskels durch Annäherung von Ansatz und Ursprung) und in einer dynamisch-negative Arbeit (wiederholte Streckung eines Beugemuskels gegen einen Widerstand) (vgl. BALSTER, 1998 Teil 1, 65).

[...]


[1] 10./11. bis 11./12. Lebensjahr bei Mädchen, 10./11. bis 12./13. Lebensjahr bei Jungen (vgl. MEINEL, 1998, 288)

[2] 7;1 bis 9/10 Lebensjahre (vgl. MEINEL, 1998, 273)

[3] Bei muskulären Dysbalancen liegt eine Verkürzung der tonischen Muskeln (bei erhaltender Kraft) und eine Abschwächung der ihrer phasischen Syn- und Antagonisten (bei erhaltender Länge) vor (vgl. LANGER, 2001, 179).

[4] Als intermuskuläre Koordination wird die Zusammenarbeit der Synergisten bei wenig bremsender Arbeit der Antagonisten bezeichnet. Das Zuschalten von anderen Muskelfasern bedeutet intramuskuläre Koordnation (vgl. MEDLER/MIELKE, 1999, 16).

[5] Wechsel zwischen Kontraktion und Entspannung (vgl. DE MARÉES, 1991, 166)

[6] Andauernde Kontraktion (vgl. DEMARÉES, 1991, 166)

Details

Seiten
58
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638847438
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81800
Note
1,0
Schlagworte
Sportseminar Koordination Grundschule Krafttraining Kondition Kraftausdauer

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Titel: Kindgerechtes Krafttraining. Förderung der Kraftausdauer und koordinativer Fähigkeiten in einer 2. Klasse