Lade Inhalt...

Ludwig Wittgenstein und Peter Janich über den Gebrauch des Zeitbegriffs

Seminararbeit 2002 22 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Der Mythos lebt!
2.1 Bilder von der Zeit
2.2 Im Blauen Buch
2.3 Mit der Sprache spielen
2.4 Anmerkungen

3.0 Warum es Zeit eigentlich nicht geben dürfte
3.1 Anmerkung
3.2 Die ‚pragmatische’ Wende

4.0 Janichs Ansatz

5.0 Eine kleine Zusammenstellung und ein kleiner Test

6.0 Anhang

7.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Zeit, ein ewiges Thema. Doch was ist Zeit eigentlich? Mit dieser Frage haben sich viele kluge Köpfe beschäftigt.

In der vorliegenden Arbeit soll es auch um das Thema Zeit gehen, allerdings wird hier keine vollkommen neue Theorie zu diesem Thema aufgestellt, sondern die Aussagen Wittgensteins bilden den Mittelpunkt.

Im ersten Hauptteil wird die These zu Grunde gelegt, es gibt keinen Bruch zwischen dem frühen und dem späten Wittgenstein in Bezug auf die Frage, ob und wie man die Strukturen der Welt erkennen kann. Dafür werden die Werke Wittgensteins in chronologischer Reihenfolge auf die in ihnen enthaltenen entsprechenden Passagen analysiert. Die jeweiligen Ergebnisse sollen am Beispiel der Zeit verdeutlicht werden.

Der zweite Hauptteil befasst sich mit der Frage, ob man bei Wittgenstein Ansätze pragmatischer Theorien finden kann. Um das zu tun, muss davon ausgegangen werden, dass die in den frühen Werken aufgestellten Thesen aufgegeben werden. Hier werden ausschließlich die Schriften der mittleren und späten Schaffensperiode herangezogen, um daran zu zeigen, dass es keine Mysterien gibt, über die man nicht reden kann. Als Weiterführung der wittgenstein’schen Spätphilosophie wird die Theorie Janichs angeführt, der die Zeit als menschliche Erfindung zur gegenseitigen Handlungskoordination betrachtet und damit eindeutig zur Schule des Pragmatismus gehört.

Im Anschluss an jeden Hauptteil werden die gängigen Kritiken erwähnt. Außerdem kommen die jeweiligen Vertreter der Sekundärliteratur zu Wort.

Den Abschluss bildet ein Fazit, in dem noch einmal ganz kurz die verschiedenen Positionen gegenüber gestellt werden.

2.0 Der Mythos lebt!

Dieser Ansatz geht davon aus, dass Wittgenstein seine grundlegenden Vorstellungen über die Verbindung von Welt und Sprache im Laufe seines Lebens nicht ändert, sondern nur in modifizierter Form weiterentwickelt. Die Aussagen aus dem Tractatus logico-philosophicus (im Folgenden durch Tractatus abgekürzt) und den Philosophischen Untersuchungen widersprechen sich demnach nicht, sie gehen dasselbe Phänomen nur von verschiedenen Seiten an. Bei diesem Phänomen handelt es sich um das Problem, ob oder besser gesagt wie der Mensch das Mystische, bzw. die Strukturen der Welt, erkennen kann. Zu diesen Strukturen der Welt gehört auch die Zeit, an deren Beispiel Wittgensteins verschiedene Interpretationen verdeutlicht werden sollen.

2.1 Bilder von der Zeit

Der junge oder auch frühe Wittgenstein geht davon aus, dass die Welt in einer gewissen Weise strukturiert ist. Der Mensch hat durch seinen begrenzten Verstand aber keinen Zugang zu diesen Strukturen, weshalb er sich gewisser Hilfsmittel bedienen muss, um zu einer Erkenntnis zu gelangen. In seinem ersten Hauptwerk Tractatus betrachtet Wittgenstein die Sprache, um daraus Rückschlüsse auf die Struktur der Welt ziehen zu können. Er stellt fest, dass die Welt und die Sprache eine gemeinsame logische Form besitzen müssen, damit es überhaupt möglich ist, dass durch Sprache etwas darüber ausgesagt werden kann. In Bezug auf die Sprache ist es die Grammatik, die im Besonderen nicht erläutert werden soll. Wohl aber wird die Funktion der Sprache noch eine wichtige Rolle spielen. Die Struktur der Welt wird im Folgenden erläutert:

[1.1] Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

[2] Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.[1]

Sachverhalte beschreiben die Beziehung der verschiedenen Gegenstände zueinander. Die Gegenstände sind die Dinge, die in der Welt existieren, sie machen sozusagen „die Substanz der Welt“[2] aus. Die Dinge haben eine von den Tatsachen unabhängige Existenzweise, welche nur durch die Form festgelegt ist. An dieser Stelle bringt Wittgenstein die Zeit ins Spiel, indem er sie als Bedingung ihrer Möglichkeit postuliert.

[2.0251] Raum, Zeit und Farbe (Farblichkeit) sind Formen der Gegenstände.[3]

Die Beziehungen der Gegenstände zueinander sind in gewisser Weise geordnet, d.h. nicht jedes Ding kann in einem beliebigen Verhältnis zu einem anderen Ding stehen. Wittgenstein spezifiziert diese Ordnung nicht näher, sondern beschränkt sich auf folgende Aussage:

[2.032] Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.[4]

Wenn Sachverhalte strukturiert sind, muss es die Welt demnach auch sein, denn wie aus den ersten Zitat zu entnehmen ist, besteht die Welt für Wittgenstein aus Beziehungen der Dinge zueinander.

Der Mensch kann die Tatsachen an sich nicht erkennen, er macht sich Bilder von ihnen. Hierbei ist nicht ganz klar, ob er Metaphern oder Vorstellungen meint. Es soll so interpretiert werden, dass ein Bild ein sprachliches ist, und dass dadurch Analogien hergestellt werden können.

[2.12] Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.[5]

An Hand dieser Modelle scheint es also möglich, Rückschlüsse auf die Wirklichkeit zu ziehen. Sprache ist also ein Weg, die Welt zu beschreiben und so einen Zugang zu ihr zu finden, und zwar durch die wirklichkeitsabbildende Funktionsweise:

[3.22] Der Name vertritt im Satz den Gegenstand.[6]

[3.3] Nur der Satz hat Sinn; nur im Zusammenhang des Satzes hat ein Name Bedeutung.

Bedeutung können also nur Begriffe mit einem realen Bezugspunkt in der Wirklichkeit haben, die mit anderen Dingen in eine Beziehung treten können. Zulässig sind nur solche Sätze, welche die Realität in einer logisch korrekten Weise abbilden, denn sonst sind es sinnlose und damit für Wittgenstein unsinnige Sätze. Trotzdem ist es möglich, sprachlich korrekte Sätze und im Besonderen Fragen zu formulieren, auf die es keine Antwort gibt, was soviel heißt, als dass es keinen Bezugspunkt gibt. An dieser Stelle taucht die Trennung der Welt in „Entitäten des Typs A [... und ...] Entitäten des Typs B“[7] auf. Richard Rorty begreift unter den unter Typ A fallenden Entitäten „Wesenheiten, die der Beziehung bedürfen, ohne ihrerseits Beziehungen herstellen zu können und die der Kontextualisierung bedürfen, während sie selbst außerstande sind, Kontexte oder Erklärungen zu liefern.“[8] Damit sind die Gegenstände in der Welt gemeint, auf die sich Wittgenstein im Tractatus bezieht. Im Gegensatz dazu stehen die letztgenannten. Das sind solche Entitäten, die Platon als Ideen oder Kant als Kategorien bezeichnet. Ihre Besonderheit ist die Tatsache, dass sie selbst nicht in Beziehung gesetzt werden können. Sie bilden sozusagen das unbeschriebene Beschreibende.

Hier befindet sich die Grenze der Sprache und demnach auch die Grenze der sprachlich erfassbaren Welt.

[6.522] Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.[9]

Das Mystische sind all jene Dinge, für die es sehr wohl einen Begriff gibt, die aber keine direkte Beziehung zur Wirklichkeit haben. Bilder, in denen sich Mystisches zeigt, sind demnach Metaphern, die sich auf Dinge beziehen, die außerhalb der Grenzen des Sprachlichen liegen.

So verhält es sich auch mit der Zeit. Die Frage, was Zeit ist, kann Wittgenstein nicht beantworten und versucht es auch gar nicht, denn die Zeit gehört zur logischen Struktur der Sprache bzw. der Welt und lässt sich deshalb nicht mit Sprache beschreiben. In kantischer Tradition geht er, wie anfangs im Zitat gezeigt, davon aus, dass die Zeit sozusagen die Bedingung der Möglichkeit der Existenz von Gegenständen ist. Wittgenstein folgt Kant auch in dem Gedanken, dass die Dinge an sich nicht erkannt werden können, demnach also auch nicht mit Sprache beschrieben. Der Erkenntnisprozess läuft beim frühen Wittgenstein ausschließlich über die Herstellung des Bezugs von Bezeichnung – Gegenstand, was bei der Zeit nicht möglich ist, da sie sich außerhalb der Grenzen der Sprache, kantisch gesprochen außerhalb der Vorstellung, da ihr zu Grunde liegend, befindet. Zusammenfassend kann man sagen, dass er die Zeit im Tractatus nicht gesondert thematisiert, da sie insofern kein Bestandteil des Erkenntnisprozesses ist. Die Zeit ist das cognoscendum, das zu Erkennende, und befindet sich sozusagen eine Ebene tiefer, ist also Voraussetzung für Sprache und Welterkenntnis überhaupt.

2.2 Im Blauen Buch

In Folge dessen versucht der Mensch durch Rückgriff auf Metaphern zu verstehen, was der Mythos ‚Zeit’ sei, denn in den versprachlichten Bildern können sich Analogien zeigen, die anders schwer zu fassen sind. Wittgenstein selber greift in den Philosophischen Betrachtungen auf verschiedene Metaphern zurück, um sich dem Begriff der Zeit zu nähern. Die Philosophischen Betrachtungen sind ein Werk seiner mittleren Schaffensperiode, in der er sich noch nicht ganz vom Konzept des Tractatus gelöst hat, sich aber noch nicht ausschließlich der Alltagssprache wie in den Philosophischen Untersuchungen zuwendet. Deswegen können die hier zitierten Passagen noch als Beispiel für den 'frühen' Wittgenstein dienen. Nun aber zurück zum Beispiel der Zeit:

[...], wenn uns beim Nachdenken über die Zeit das Bild des Kommens und Gehens gefangen hält; [...] Wie etwa, wenn wir an einem Fluss stehen, auf dem Holz geflößt wird: die Stämme ziehen an uns vorüber, die, welche vorüber sind, sind alle rechts von uns, die noch kommen, links. Wir gebrauchen diesen Vorgang nun als Gleichnis für alles Geschehen. [...] Und so kann mit dem Wort >Zeit< das Bild eines ätherischen Flusses untrennbar verbunden sein, mit den Worten >Vergangenheit< und >Zukunft< das Bild von Gebieten, aus deren einem die Ereignisse in das andre ziehen (>das Land< der Zukunft, der Vergangenheit).[10]

[...]


[1] Tractatus, S. 11

[2] ebd., S. 13, [2.021]

[3] ebd., S. 14

[4] ebd., S. 14

[5] ebd., S. 14

[6] ebd., S. 20

[7] Wittgenstein, Heidegger und die Hypostasierung der Sprache, S. 76 (im Folgenden durch ‚Rorty’ abgekürzt)

[8] Ebd., S. 76

[9] Tractatus, S. 82

[10] Philosophische Betrachtungen, S. 156 (im Folgenden durch PB abgekürzt)

Details

Seiten
22
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638892988
ISBN (Buch)
9783638893077
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82096
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Schlagworte
Ludwig Wittgenstein Peter Janich Gebrauch Zeitbegriffs Zeitproblem Philosophie

Autor

Zurück

Titel: Ludwig Wittgenstein und Peter Janich über den Gebrauch des Zeitbegriffs